Rosemarie Bäumler stand im Flur ihrer Wohnung in Regensburg und roch den Kaffee, der aus der Küche der Nachbarin durch die Wand zog – die Frau von nebenan kochte immer viel zu stark, jeden Morgen um sieben. Auf dem Küchentisch lag ein brauner Umschlag von der IHK Regensburg, ungeöffnet seit drei Tagen. Sie wusste, was drin war. Sie wollte es nur noch nicht wissen.
Vor elf Jahren hatte sie mit ihrem verstorbenen Mann Gerhard die Autowerkstatt in der Friedenstraße aufgebaut. Zwei Hebebühnen, eine Lackierkabine, ein Stammkundenkreis, der über drei Landkreise reichte. Nach Gerhards Tod hatte Rosemarie die Werkstatt gehalten, hatte Buchhaltung gelernt, hatte mit Mechanikern verhandelt, die doppelt so alt waren wie sie und sie am Anfang nicht ernst nahmen. Und dann war ihr Schwiegersohn Matthias eingestiegen, weil er Kfz-Meister war und ihre Tochter Jasmin schwanger wurde und jemand die Werkstatt am Laufen halten musste, während Rosemarie sich um die Buchhaltung und die Kundenakquise kümmerte.
Sie hatte ihm fünfzig Prozent der Anteile übertragen. Vertrauen, hatte sie gedacht. Familie.
Der Brief war von ihrem Steuerberater. Sie hatte ihn gebeten, die letzte Gesellschafterversammlung zu prüfen, weil Matthias plötzlich Termine verschoben hatte, weil er ihre Anrufe nicht mehr annahm, weil in der Werkstatt neuerdings ein neues Firmenschild hing – nur mit seinem Namen.
Rosemarie riss den Umschlag auf. Drei Seiten, in nüchternem Amtsdeutsch. Matthias hatte vor vier Monaten eine Kapitalerhöhung durchgeführt, bei der ihre Anteile verwässert wurden, weil sie – wie es hieß – bei der außerordentlichen Versammlung im Frühjahr nicht erschienen war. Sie war nicht erschienen, weil niemand ihr die Einladung gezeigt hatte. Am Ende des Briefes stand die Zahl, die ihr den Boden unter den Füßen wegzog: Ihr Anteil an der Firma, die sie mit Gerhard aus dem Nichts aufgebaut hatte, betrug jetzt noch vier Prozent.
Sie setzte sich an den Tisch. Der Hund vom Nachbarn bellte im Hof, wie jeden Morgen, wenn der Postbote kam. Sie hörte es kaum.
Jasmin rief an diesem Abend an. Ihre Stimme klang dünn, als hätte sie lange geübt, wie sie das sagen sollte.
„Mama, Matthias meint, das war rein betriebswirtschaftlich notwendig. Die Bank wollte mehr Eigenkapital sehen, wegen des Kredits für die neue Lackierkabine."
„Und warum wusste ich nichts davon?"
„Er hat gesagt, er hätte dir eine Nachricht geschickt."
„Er hat mir gar nichts geschickt, Jasmin."
Stille am anderen Ende. Dann, leiser: „Ich wollte da nicht zwischen euch stehen."
Rosemarie legte auf, ohne sich zu verabschieden. Sie stand am Fenster, sah auf den Parkplatz hinunter, wo Matthias' silberner Passat sonst immer stand, wenn er sie besuchte, um über die Werkstatt zu reden. Er stand da seit Wochen nicht mehr.
Am nächsten Morgen fuhr sie in die Werkstatt. Der Geruch von Bremsenreiniger und heißem Öl, den sie seit elf Jahren kannte, schlug ihr entgegen, sobald sie die Tür aufzog. Matthias stand am Empfangstresen, in seinem blauen Arbeitsoverall, und als er sie sah, wurde sein Gesicht steif.
„Rosemarie. Ich wollte mit dir reden, aber—"
„Aber du hast mich vier Monate lang nicht angerufen." Sie legte den Brief der IHK auf den Tresen. „Vier Prozent, Matthias. Aus fünfzig sind vier geworden."
„Die Bank hat das verlangt. Ohne die Kapitalerhöhung hätten wir den Kredit nicht bekommen, und ohne den Kredit hätten wir die Lackierkabine nicht ersetzen können, und dann—"
„Dann hättest du mich angerufen. Du hast mich nicht angerufen." Sie sah sich um, sah den Mechaniker Herrn Kowalski, der an der Hebebühne stand und so tat, als würde er einen Bremssattel prüfen, obwohl er jedes Wort hörte. „Du hast gewartet, bis ich zur Versammlung nicht kam, und dann hast du entschieden, dass mein Anteil weg kann."
Matthias' Kiefer arbeitete. „Es ging nicht gegen dich. Es ging um die Firma."
„Die Firma, die ich mit Gerhard aufgebaut habe, als du noch in der Berufsschule warst."
Er sagte nichts mehr. Das war die Antwort, die sie brauchte.
Rosemarie ging nicht sofort zum Anwalt. Sie fuhr zuerst zu ihrer Schwester Brigitte nach Kelheim, saß zwei Stunden in deren Garten unter dem alten Apfelbaum, aß Streuselkuchen, den Brigitte extra für sie gebacken hatte, und sagte fast nichts. Erst als sie aufbrach, sagte sie: „Ich lass mir das nicht gefallen. Nicht wegen dem Geld. Wegen dem, was er sich rausgenommen hat."
Sie beauftragte eine Anwältin für Gesellschaftsrecht in Regensburg, eine Frau namens Carola Ostermeier, die sich den Gesellschaftsvertrag, das Protokoll der Versammlung und die Einladungsunterlagen genau ansah und nach zwei Wochen anrief: Die Einladung zur außerordentlichen Versammlung war nachweislich nicht ordnungsgemäß zugestellt worden – sie war an eine E-Mail-Adresse geschickt worden, die Rosemarie seit drei Jahren nicht mehr nutzte, weil sie auf eine neue umgezogen war, was in den Firmenunterlagen dokumentiert war. Der Beschluss zur Kapitalerhöhung war damit anfechtbar.
Es kam nicht zum Gerichtstermin. Carola Ostermeier lud Matthias und seinen Anwalt zu einem Gespräch in die Kanzlei, an einem Dienstagnachmittag im November, während draußen der erste nasse Schnee auf die Maximilianstraße fiel. Rosemarie saß Matthias am Konferenztisch gegenüber, eine Akte zwischen sich, die Beschlüsse, Einladungsprotokolle, den Handelsregisterauszug. Sie sagte kaum etwas. Sie ließ die Anwältin reden.
Am Ende unterschrieb Matthias eine Vereinbarung: Rückabwicklung der Kapitalerhöhung, Wiederherstellung ihres ursprünglichen Anteils von fünfzig Prozent – und, weil Rosemarie danach nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wollte, ein Abfindungsangebot, das er annahm: Er verkaufte seine Hälfte für hundertzwanzigtausend Euro zurück an die Firma, finanziert über einen neuen Kredit, den Rosemarie allein mit der Hausbank verhandelte. Sein Name kam vom Firmenschild. Ihrer blieb.
Jasmin kam drei Wochen später allein zu Besuch, ohne Matthias, mit dem kleinen Lukas auf dem Arm. Sie setzten sich in Rosemaries Küche, die Heizung tickte, draußen fuhr die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbei. Jasmin sagte nicht viel. Sie sagte nur: „Er wohnt jetzt bei seinem Bruder in Straubing." Rosemarie goss Kaffee nach und fragte nicht weiter.
Im Frühjahr, als Rosemarie die Werkstatt umschrieb und den neuen Gesellschaftsvertrag beim Notar unterzeichnete, hing das alte Schild wieder draußen: Autohaus Bäumler, seit über elf Jahren. Herr Kowalski hatte es selbst wieder angeschraubt, ohne dass sie ihn darum gebeten hatte.
Ein Jahr später erzählte ihr Brigitte beim Kaffee, dass Matthias in Straubing eine eigene kleine Werkstatt versucht hatte zu eröffnen und dafür bei der Bank einen Kredit beantragt hatte – die Bank hatte abgelehnt, wegen seiner Schufa-Auskunft aus der Rückabwicklung. Rosemarie hörte es sich an, rührte ihren Kaffee um und sagte nichts dazu. Jasmin und Lukas kommen inzwischen jeden zweiten Sonntag zum Essen, und der Junge fährt mit seinem Spielzeugauto immer denselben Weg über die Küchenfliesen, vom Kühlschrank bis zur Tür, als würde er selbst schon wissen, wo die Werkstatt beginnt und wo sie endet.
