Werkstatt in der Müllerstraße

Ich arbeite seit neun Jahren in dieser Werkstatt, hauptsächlich am Empfang – ich schreibe Kunden ein, schreibe Rechnungen, koche Kaffee aus dem Automaten, der immer zu süß gerät. An diesem Tag, dem vierzehnten März, kam Frau Halina herein. Ich kannte sie vom Sehen – sie brachte den Subaru ihres Mannes zur Inspektion, immer im selben beigen Mantel, immer mit der Tüte vom Netto, weil sie auf dem Weg noch eingekauft hatte.

Diesmal kam sie nicht wegen einer Inspektion. Sie kam, weil ihr Schwiegersohn, Markus, die ganze Werkstatt auf sich hatte umschreiben lassen – dieselbe Werkstatt, die ihrem Mann gehört hatte, dem seligen Bernd, bevor er vor drei Jahren gestorben war. Halina hielt laut Papieren die Hälfte der Anteile, aber wie sich herausstellte, hatte sie irgendwann eine Vollmacht unterschrieben, "damit es mit den Steuern einfacher ist", und Markus hatte das ausgenutzt. Heimlich, über einen Notar in Spandau, von dem vorher niemand gehört hatte.

Sie saß am Schreibtisch, hielt eine Plastiktüte mit Unterlagen in den Händen – gelb, an den Ecken abgewetzt – und fragte mich, ob ich ihre Tochter Sandra anrufen könnte, weil sie selbst sich nicht traute. Ich sagte, ich könne das machen, fragte aber, ob sie wirklich wolle, dass ihre Tochter auf diesem Weg erfahre, dass ihr Mann die eigene Schwiegermutter bestohlen hatte. Sie zögerte. Draußen fuhr gerade die Tramlinie M13 vorbei, dieselbe, mit der ich zur Arbeit komme, und für einen Moment schaute sie nur ihr hinterher.

Markus kam vielleicht zwanzig Minuten später in die Werkstatt gestürmt, ohne zu wissen, dass seine Schwiegermutter da war. Er trug seinen Blaumann, die Hände schwarz vom Öl, und ging sofort ins Büro, um den Schlüssel für den Schrank mit dem Spezialwerkzeug zu holen – den, der sonst nur von Halina aufgeschlossen wurde, weil sie das Inventar nach dem Tod ihres Mannes verwaltete. Das Schloss war ausgetauscht. Er blieb an der Tür stehen, riss einmal, zweimal an der Klinke, und dann sah er sie auf der anderen Seite des Empfangs sitzen.

„Was machst du hier", sagte er, nicht fragend, eher wie eine Anklage.

Halina zog aus der Tüte eine Mappe – blau, mit Gummiband, so eine, wie man sie im Schreibwarenladen für drei Euro kauft – und legte sie auf die Theke. Darin lag die notarielle Urkunde, dieselbe von vor zwei Wochen, die ihr Anwalt, ein Studienfreund ihres Mannes, wegen eines Mangels in der Vollmacht bereits hatte für nichtig erklären lassen. Daneben lag ein Schreiben vom Amtsgericht und ein Kontoauszug des Geschäftskontos, das sie selbst eine Woche zuvor eröffnet hatte – eines neuen Kontos, auf das sie bereits die Zahlungen von drei festen Flottenkunden umgeleitet hatte, denjenigen, die der Werkstatt die größten Aufträge brachten.

„Der Werkzeugschrank bleibt zu, bis wir bis Monatsende mit der Buchhalterin abgerechnet haben", sagte sie, ohne die Stimme zu heben. „Und die Flottenkunden wissen bereits, wohin sie ihre Aufträge jetzt richten sollen."

Markus antwortete nichts. Er stand in der Tür, die Hände noch immer schwarz vom Öl, und schaute abwechselnd sie und mich an, als rechnete er damit, dass jemand auf seine Seite treten würde. Niemand tat das.

Das Telefon am Empfang klingelte – es war Sandra, endlich hatte jemand sie angerufen, wohl Halina selbst vorher, denn sie bat mich um nichts mehr. Sie sprachen kurz. Ich sah, wie Halina den Kopf senkte und hob, sagte „ja, ich bin in der Werkstatt", „nein, mir geht's gut", „wir reden heute Abend, ja".

Sie legte auf, schob die Mappe zurück in die Tüte und knöpfte ihren Mantel zu. Bevor sie ging, drehte sie sich noch einmal zu Markus um.

„Die Büroschlüssel gibst du der Buchhalterin. Bis Freitag."

Sie ging hinaus zur Haltestelle, derselben, von der aus ich jeden Tag nach Hause fahre. Ich sah nicht, ob sie die M13 noch erwischte, weil gerade ein Kunde hereinkam, um seinen Octavia abzuholen. Aber die Tüte vom Netto hing an ihrem Arm genau wie immer – nur steckte jetzt mehr darin als der Einkauf fürs Abendessen.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: