Die Schultasche aus Kunstleder

In Rosenheim, oberhalb der Mangfall, gibt es eine Straße, in der die Kastanien im September so früh fallen, dass die Kinder auf dem Schulweg immer nach den ersten braunen Früchten Ausschau halten. Helga Brenner wohnt dort seit einundsiebzig Jahren, in derselben Doppelhaushälfte, in der ihre Mutter ihr 1962 die erste Schultasche nähte – aus zwei Resten Kunstleder, die der Nachbar aus der Gerberei mitgebracht hatte.

Helga sitzt an diesem Nachmittag am Küchentisch ihrer Enkelin Pia, die in München Lehramt studiert und zu Besuch ist. Vor Pia liegt ein Tablet, daneben ein Rucksack mit aufgesticktem Markenlogo, den sie sich vom ersten Gehalt aus dem Nebenjob geleistet hat. Im Radio läuft leise der Wetterbericht, es riecht nach dem Apfelkuchen, den Helga extra für den Besuch gebacken hat, und irgendwo im Treppenhaus bellt der Dackel der Nachbarin, wie er es seit Jahren jeden Nachmittag um vier tut.

„Oma, ehrlich, wie war das bei euch überhaupt ohne Handy?", fragt Pia, halb belustigt, halb echt neugierig, und wischt dabei weiter über das Tablet.

Helga schneidet ein Stück Kuchen ab, legt die Gabel aber wieder hin, ohne zu essen. „Wir hatten diese Tasche", sagt sie und deutet mit dem Kinn auf den alten Fotoschrank im Flur, wo noch heute ein vergilbtes Foto steht: ein Mädchen mit Zöpfen, eine Tasche über der Schulter, die schon an den Ecken abgewetzt ist. „Zwei Hefte drin, ein Rechenbuch, ein Fibel-Buch mit Eselsohren, weil es schon meine Cousine benutzt hatte. Mehr nicht."

Kein Computer, kein eigenes Telefon, keine zehn verschiedenen Ordner in Pastellfarben. Ein einziger Lehrer, Herr Steininger, unterrichtete die ganze Klasse in allem – Rechnen, Lesen, Heimatkunde. Aber, sagt Helga, das Wichtigste, was er lehrte, stand in keinem Buch: dass man aufsteht, wenn ein Erwachsener den Raum betritt; dass man das letzte Stück Brot teilt, auch wenn man selbst noch Hunger hat; dass ein gebrauchtes Buch kein schlechtes Buch ist.

„Und war das nicht schlimm? So arm zu sein?"

„Wir haben es nicht als arm empfunden. Wir hatten, was wir brauchten." Helga erzählt von den Winterabenden, an denen der Vater am Küchentisch die Schulaufgaben mit ihr durchging, bei Kerzenlicht, weil der Strom teuer war; vom Duft nach nasser Wolle, wenn die ganze Klasse durchgefroren aus dem Schnee kam.

„Ja, aber Oma, das ist doch was anderes." Pia klappt das Tablet zu, mit einer Schärfe, die nicht ganz zu ihr passt. „Ihr hattet wenigstens keine Miete von 780 Euro für ein WG-Zimmer mit Schimmel im Bad. Du kennst die Preise in München gar nicht. Ich zahl das mit 11,50 die Stunde im Café, dreimal die Woche nach der Uni, und trotzdem reicht’s hinten und vorne nicht. Und dann noch die Fachdidaktik-Klausur, die ich letzte Woche verhauen hab, zum zweiten Mal. Das ist doch nicht dasselbe wie ein Kaufhaus-Job in den Sechzigern."

Helga sagt eine Weile nichts. Sie streicht mit dem Daumen über den Rand der Kuchenplatte, als würde sie dort etwas wegwischen, das nicht da ist.

„Du hast recht", sagt sie dann. „Ich kenn deine Mieten nicht. Ich kenn deine Klausuren nicht." Sie steht auf, geht zum Fotoschrank, nimmt die alte Kunstledertasche heraus, die dort seit Jahrzehnten aufbewahrt wird – brüchig, mit einem losen Riemen, aber intakt. Sie legt sie auf den Tisch, neben Pias Markenrucksack, setzt sich wieder hin und schweigt einen Moment zu lang.

„Aber ich kenn das Gefühl, dass man aufhören will. Ich hab mit zwanzig meine Ausbildung fast geschmissen. Mitten im zweiten Lehrjahr, bei der Kaufhof-Ausbildung. Ich bin einfach nicht mehr hin. Drei Tage lang. Hab in meinem Zimmer gelegen und die Zeugnisse meiner Cousine angestarrt, die schon fertig war, die schon verdiente. Meine Mutter hat nichts gesagt. Sie hat mir am dritten Tag einfach die Tasche hier vor die Tür gestellt, mit einem Zettel drin: ‚Steh auf, Kaffee ist fertig.‘ Mehr nicht. Kein Vortrag." Helga lacht kurz, unschön. „Ich bin trotzdem fast nicht hingegangen. Ich bin nur hin, weil ich mich vor der Nachbarin geschämt hab, die mich jeden Morgen aus dem Fenster hat rausgehen sehen und dann plötzlich nicht mehr."

„Das hast du mir nie erzählt."

„Weil man das nicht erzählt, wenn man Enkelkindern was vormachen will." Helga schiebt die Tasche ein Stück näher zu Pia. „Deine Mutter hat mir erzählt, dass du überlegst aufzuhören. Wegen dem Job, wegen der Klausur, wegen allem. Ich wollte dir keine Geschichte von früher erzählen, damit du dich schlecht fühlst, weil du's angeblich leichter hast. Ich hab nur gemerkt, dass ich selbst fast dasselbe gemacht hätte. Aus anderen Gründen. Mit anderen Zahlen."

Pia sagt lange nichts. Sie schiebt den Rucksack ein Stück zur Seite, nicht die Tasche.

„Und woher weißt du, dass es sich gelohnt hat? Dass du nicht einfach nur Glück hattest?"

„Weiß ich nicht", sagt Helga. „Kann ich dir auch nicht beweisen. Ich weiß nur, dass ich heute noch hier sitze und nicht dort, wo ich mit zwanzig gedacht hab, ich lande."

Am nächsten Morgen, bevor Pia zurück nach München fährt, drückt Helga ihr einen Umschlag in die Hand – nicht Geld, das hat sie ihrer Enkelin schon oft angeboten und wurde jedes Mal abgewiesen. Im Umschlag liegt das alte Zeugnis von 1968, ohne Zettel, ohne Erklärung. Pia steckt ihn ungeöffnet in die Innentasche ihres Rucksacks, zwischen Ladekabel und Busticket. Im Zug, irgendwo zwischen Rosenheim und München, summt ihr Handy zweimal – eine Nachricht von der WG, wegen der Heizkostenabrechnung. Sie schaut nicht drauf. Sie schaut aus dem Fenster, wo die ersten Kastanien am Bahndamm liegen, und lässt das Handy einfach weiter summen.

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