Acht Töchter hatte er großgezogen, und keinen einzigen Sohn — die Männer im Dorf hatten Jahrzehnte lang darüber ihre Witze gemacht. Als er dann Witwer wurde und die Kräfte ihn verließen, beneideten ihn plötzlich alle.
Ganz sein Leben lang hatte Werner Bachmann auf einen Sohn gewartet. Als seine erste Tochter Ilse zur Welt kam, lächelte er noch. Na gut, ein Mädchen eben. Beim ersten Mal klappt es nicht immer, dachte er, kein Drama. Hauptsache gesund, kräftige Lunge, und die Nase hatte sie eindeutig von ihm. Seine Frau Grete lag erschöpft im Kreißsaal der Klinik in Neubrandenburg und sah ihn schuldbewusst an.
„Ist doch egal", sagte Werner. „Beim nächsten Mal wird's ein Junge."
Zwei Jahre später kam Helga. Dann Rosemarie. Danach gleich zwei auf einmal, Bärbel und Traudel, Zwillinge. Später Christel. Dann Waltraud. Und zum Schluss Sigrid, die Kleinste. Und damit war Schluss. Acht Töchter. Kein einziger Sohn.
In Klein-Fürstenwerder, dem Nest bei Ravensbrück, in dem Werner und Grete lebten, machte man sich über solche Familien gern lustig. Nicht immer böse gemeint, aber weh tat es trotzdem.
„Werner, produzierst du eigentlich nur Ausschuss?", fragte einmal der Nachbar Rudi, während er sich nach dem dritten Klaren über den Schnauzer wischte.
„Herr Bachmann, sollen wir Ihnen mal erklären, wie das funktioniert?", grinste ein anderer beim Skat im Dorfkrug.
In der Sauna der Werkstatt, wenn die Männer nach der Schicht zusammensaßen, zog sich Werner meist in die Ecke zurück und schwieg. Was hätte er auch sagen sollen. Mädchen. Immer nur Mädchen. Er hatte seine Frau nie geschlagen. Kein einziges Mal hatte er ihr laut vorgeworfen, dass sie ihm keinen Sohn geschenkt hatte. Aber Grete sah es ihm an: jedes Mal, wenn wieder eine Tochter kam, ging Werner auf die Veranda, setzte sich auf die Stufe, zündete sich eine Juwel an und starrte lange auf die Felder hinterm Haus. Wortlos. Und dieses Schweigen war schlimmer als jedes Geschrei.
„Werner, verzeih mir", flüsterte Grete einmal.
„Wofür?", zuckte er mit den Schultern. „Die Kinder gehören uns allen. Sie sind, wie sie sind. Da gibt's nichts zu schämen."
Trotzdem wartete er. Bis zum letzten Moment. Bis Grete eines Tages sagte: „Schluss jetzt, Werner. Ich kann nicht mehr. Und ich will auch nicht mehr."
Das war's. In dem Moment begriff er: einen Sohn würde es nie geben. Der Name würde aussterben. Niemand, dem er das Haus vermachen könnte. Niemand, dem er den Hobel seines Großvaters in die Hand drücken könnte, mit dem schon in der Weimarer Zeit gearbeitet worden war. Niemand, dem er zeigen könnte, wie man ein Schloss einlässt, eine Ecke ausmisst, einen Dachstuhl zusammenfügt.
Werner Bachmann war Zimmermann. Der beste Meister weit und breit, von Neustrelitz bis Fürstenberg kannte man ihn. Nicht dass er unbedingt wollte, dass der Sohn auch Zimmermann würde. Er hatte auf Fortsetzung gehofft. Darauf, dass jemand weiterträgt, was er aufgebaut hatte. Stattdessen, so dachte er damals, war er in einer Sackgasse gelandet.
Seine Töchter liebte er. Auf eigenartige Weise, aber wirklich. Trotz allem. Acht Töchter bedeuteten acht Zöpfe, acht Paar Schleifen, acht verschiedene Charaktere und acht eigene Schicksale. Das Haus dröhnte ständig von ihren Stimmen. Immer weinte eine, lachte eine andere, stritt sich eine dritte um eine Puppe, während die vierte heimlich das Haargummi der Schwester klaute. Der Lärm war so groß, dass die Nachbarn sich manchmal die Ohren zuhielten. Werner kam von der Arbeit heim, setzte sich an den Tisch, und die Mädchen stürmten von allen Seiten auf ihn zu.
„Papa, ich auch!"
„Papa, sie hat angefangen!"
„Papa, sag ihr was!"
Werner lachte, trennte sie, schlichtete den Streit und verpasste hin und wieder einen sanften, liebevollen Klaps auf den Hinterkopf. Nicht schmerzhaft, nur so ein väterlicher. Abends, wenn die Mädchen endlich schliefen, ging er in den Hof hinaus. Setzte sich auf die Bank und betrachtete sein Haus. Ein großes Fachwerkhaus aus dicken Balken, mit fünf Fenstern an der Vorderfront. Ein schönes Haus. Ein solides Haus. Als junger Mann hatte er es selbst gebaut. An jeden Balken erinnerte er sich, an jede Verbindung, jedes Tragelement. Das Haus war sein Stolz. Und zugleich sein Schmerz. Denn wem sollte er es hinterlassen?
Grete kam dann meist nach. Setzte sich neben ihn. Lange sagte keiner ein Wort.
„Wenn ich sterbe", sagte Werner leise, „verkaufen sie das Haus. Die Mädchen werden es nicht brauchen. Die ziehen vermutlich alle nach Berlin oder Hamburg."
„Sag so was nicht, Werner."
„Wozu die Wahrheit verstecken."
Die Jahre vergingen. Die Töchter wurden erwachsen. Als erste flog Ilse aus dem Nest. Sie zog nach Neustrelitz und machte eine Ausbildung zur Grundschullehrerin. Dann kam Helga, die eine Krankenpflegeschule besuchte. Rosemarie machte eine Lehre im Einzelhandel. Die Zwillinge, Bärbel und Traudel, gingen beide nach Rostock und studierten Betriebswirtschaft. Christel bildete sich an der Volkshochschule in Richtung Kulturarbeit weiter. Waltraud zog an die Ostsee, nach Zinnowitz, und arbeitete dort in einem Ferienheim. Die Jüngste, Sigrid, lernte Schneiderin in einer Berufsschule.
Das Haus wurde leer. Anfangs war es ungewohnt. Dann schmerzhaft. Später normal. Grete und Werner blieben zu zweit zurück. Fast wie in den ersten Jahren ihrer Ehe, vor den Kindern. Nur dass sie damals jung gewesen waren, und jetzt alt und müde. Die Gespräche wurden kürzer. Die Abende länger. Werner ging weiterhin auf die Veranda hinaus. Setzte sich hin, betrachtete das Haus. Das Gebäude alterte mit ihm. Das Dach in einer Ecke ließ Wasser durch. Die Veranda sackte leicht ab. An den Fensterläden blätterte die Farbe. Werner hätte alles reparieren können. Seine Hände gehorchten noch. Aber wozu? Und für wen?
Grete starb still. Im Schlaf. Nach dem Mittagessen hatte sie sich hingelegt und war nicht mehr aufgewacht. Werner blieb allein. Nach der Beerdigung versammelten sich die Töchter im Elternhaus. Zum ersten Mal seit vielen Jahren alle acht gleichzeitig. Mit Ehemännern, Kindern, Enkeln. Das Haus füllte sich wieder mit Stimmen, nur waren es andere Stimmen. Nicht mehr das helle Mädchengekicher von früher, sondern ernste, erwachsene Stimmen mit großstädtischem Tonfall. Sie saßen am Tisch. Erinnerten sich an Grete. Tranken Kaffee.
„Papa", meldete sich Ilse, die Älteste. „Wie willst du zurechtkommen? Vielleicht solltest du zu uns ziehen. Wir haben ein freies Zimmer."
„Oder zu uns", warf sofort Helga ein. „Bei uns ist auch Platz."
„Man könnte auch abwechseln", schlug Bärbel vor. „Ein halbes Jahr bei mir, ein halbes bei Traudel."
Werner hob die Hand. Alle verstummten.
„Ich gehe hier nirgendwohin", sagte er leise. „Eure Mutter liegt hier, am Ortsrand von Klein-Fürstenwerder begraben. Das ist mein Haus. Ich hab's gebaut. Hier werde ich zu Ende leben, was noch übrig ist."
„Aber wie willst du hier allein klarkommen? Ofen anheizen, Wasser holen…"
„Ich bin noch keine Ruine", schnitt er ihr das Wort ab. „Ich hab zwei Hände. Und der Kopf funktioniert auch noch. Ich komm klar."
Die Töchter sahen sich an. Sagten nichts mehr. Am Ende reisten sie ab. Werner blieb allein zurück.
Er heizte den Ofen. Holte Wasser vom Brunnen. Reparierte den Zaun. Lebte weiter.
Doch die Jahre forderten ihren Tribut. Mit dreiundsiebzig konnte er kein Holz mehr hacken, weil sein Rücken sich kaum noch beugte. Mit vierundsiebzig vergaß er immer öfter, wo er seine Schlüssel hingelegt hatte. Mit fünfundsiebzig stürzte er einmal auf der Veranda und lag fast eine Stunde dort, bis die Nachbarin, Frau Ziegler, ihn bemerkte, weil ihr Dackel nicht aufhörte, in Richtung Zaun zu bellen.
Etwas musste geschehen. Im Herbst desselben Jahres — es war ein regnerischer Oktobertag, der Fernseher im Wohnzimmer lief mit dem Nachmittagsprogramm, das niemand ansah — rollte ein langer Lastwagen mit Anhänger vor Werner Bachmanns Haus vor. Die Ladefläche war voll mit Bauholz. Dem Laster folgten zwei Kombis. Aus den Autos stiegen nacheinander die Töchter aus. Alle acht. Mit ihren Männern. Mit ihren Kindern. Mit Koffern, Taschen und Arbeitskleidung.
Werner trat auf die Veranda und erstarrte.
„Was habt ihr euch denn ausgedacht?"
„Wir bauen ein Haus, Papa", sagte Ilse. „Ein neues."
„Was für ein Haus? Wovon redet ihr überhaupt?"
„So eins, wie es sein muss. Wir haben's besprochen und entschieden. Das alte Haus ist in einem sehr schlechten Zustand. Die Wände faulen unten, die Ecken sind abgesackt. Vielleicht hält's noch ein paar Jahre, aber was dann? Wir wollen, dass du noch lange lebst. Anständig. Sicher."
„Und woher habt ihr das Geld dafür?"
„Zusammengelegt", antwortete Helga. „Jede von uns hatte etwas gespart. Die eine mehr, die andere weniger. Aber für ein Haus reicht's. Und unsere Männer helfen bei der Arbeit."
Werner sah sie nur an. Ilse, mittlerweile fünfzig, ergraut, eine strenge Frau, Schulleiterin einer Grundschule in Neustrelitz. Helga, die Oberschwester einer Station im Klinikum Neubrandenburg geworden war. Rosemarie, die einen eigenen kleinen Blumenladen führte. Bärbel und Traudel, beide bei derselben Sparkasse in Rostock angestellt, mit Brille, seriöse Geschäftsfrauen. Christel, die im Kulturhaus arbeitete und noch genauso leicht lachte wie als Kind. Waltraud, die von der Ostsee kam, braungebrannt, mit einem bunten Kopftuch. Sigrid, die Jüngste, siebenunddreißig, modisch gekleidet, in hochhackigen Schuhen, obwohl sie einst barfuß über genau diesen Hof gerannt war.
Acht Töchter hatte er. Keinen einzigen Sohn.
Am nächsten Morgen begann die Arbeit. Werner dachte, sie würden ein bisschen herumspielen und dann aufgeben. Wer von diesen Frauen verstand schon etwas von Zimmermannsarbeit? Welche seiner Töchter hatte je vernünftig eine Axt in der Hand gehalten?
Aber er irrte sich.
Die Schwiegersöhne, das stellte sich heraus, waren keine Zufallsauswahl. Ilses Mann Dieter war Elektriker beim Stadtwerk, Rosemaries Karl hatte als Dachdecker gearbeitet, bevor er in Rente ging, und Bärbels Mann kannte sich mit Betonarbeiten aus, weil er auf dem Bau in Rostock beschäftigt war. Aber vor allem: die Töchter selbst packten an. Sigrid, die Schneiderin, nähte Zeltplanen gegen den Regen. Christel organisierte das Essen für alle, jeden Tag warmes Mittagessen aus dem eigens aufgestellten Gaskocher. Ilse, die Schulleiterin, führte Buch über jede Mark, jeden Nagel, jedes Brett. Und Waltraud, die man für die Zierlichste von allen gehalten hatte, hievte Balken, dass es den Schwiegersöhnen die Sprache verschlug.
Es dauerte sechs Wochen. Sechs Wochen, in denen Werner jeden Morgen aus dem Fenster sah und dachte, es sei ein Traum. Die alte Scheune neben dem Haus wurde zur Werkstatt umfunktioniert. Dort, in einer Ecke, entdeckte Ilse eines Tages den alten Hobel, den ihr Vater seit dreißig Jahren nicht mehr angerührt hatte. Sie brachte ihn ihm.
„Zeig mir, wie man das macht", sagte sie. „Nicht wegen dem Haus. Ich will's einfach können."
Werner nahm den Hobel in die Hand. Seine Finger erinnerten sich an das Gewicht, bevor sein Kopf es tat. Er zeigte ihr den Griff, den Winkel, den Druck. Ilse, fünfzig Jahre alt, Schulleiterin, kniete im Sägemehl wie ein Lehrling und hobelte eine Kante, bis sie glatt war.
„Nicht schlecht", sagte Werner. Mehr sagte er nicht. Aber er saß den ganzen Nachmittag daneben und sah ihr zu.
Als das neue Haus fertig war — kleiner als das alte, aber warm, trocken, mit einer ebenerdigen Dusche und Fußbodenheizung, die einer der Schwiegersöhne organisiert hatte, weil er bei einer Sanitärfirma in Neubrandenburg arbeitete —, stellte sich heraus, dass sie das alte Fachwerkhaus nicht abgerissen hatten. Es stand noch, mit seinen fünf Fenstern vorne, nur eingerüstet.
„Was soll damit passieren?", fragte Werner am Tag der Übergabe, als alle acht Töchter mit ihren Familien im neuen Wohnzimmer saßen und Sigrid Kaffee einschenkte.
Ilse legte eine Mappe auf den Tisch. Einen Ordner mit einem Vertrag, den ein Notar in Neustrelitz aufgesetzt hatte. „Wir haben das alte Haus zum Museum gemacht, Papa. Zu deinem Museum. Werkstatt für Zimmermannskunst, Bachmann. Die Gemeinde hat schon zugestimmt, mit Fördermitteln aus dem Denkmalschutz. Zweiundvierzigtausend Euro haben wir zusammen investiert — Umbau, Genehmigung, das Neue Haus für dich mit inbegriffen. Du zeigst dort, wie man mit der Hand einen Dachstuhl baut. Wir haben schon Schulklassen angemeldet, die erste kommt im November."
Werner öffnete den Ordner. Blätterte darin. Seine Unterschrift war schon vorgesehen, an der letzten Seite, mit Bleistift markiert, wo er unterschreiben sollte, wenn er einverstanden war.
Draußen bellte der Dackel der Nachbarin wieder, wie jeden Nachmittag um diese Zeit, und irgendwo im neuen Haus lief leise das Radio mit den Nachrichten aus Schwerin. Werner setzte sich an den Tisch, nahm den Stift, den ihm Sigrid hinhielt, und unterschrieb. Nicht weil er musste. Weil zum ersten Mal seit vierzig Jahren jemand da war, der weitertragen wollte, was er gebaut hatte — und es waren acht davon.
