Ich melde mich als Erste im Notaufnahme-Empfang der Frauenklinik am Rosenkavalierplatz in München – seit einundzwanzig Jahren sitze ich an diesem Tresen, und die Geschichte von Marlene Brandt geht mir bis heute nach.

Kennenlernen

Marlene tauchte im Februar bei uns auf, hochschwanger, mit einer Sporttasche als Kliniktasche – kein Partner, keine Mutter, niemand an ihrer Seite. Ich hatte an dem Abend Spätschicht, die letzte vor meinem freien Wochenende, und wollte ehrlich gesagt nur noch nach Hause zu meinem Kater und einer Tiefkühlpizza. Aber irgendetwas an diesem Mädchen ließ mich innehalten.

Sie war zwanzig, erzählte sie mir später beim Blutdruckmessen, aus Rosenheim, arbeitete als Kassiererin bei Edeka. Der Kindsvater, ein Jurastudent namens Fabian, hatte sich verabschiedet, sobald der Bauch nicht mehr zu übersehen war. Ihr Stiefvater hatte eine neue Familie gegründet – mit der Arzthelferin aus der Praxis nebenan, die schwanger war, Zwillinge. Für ein drittes Baby in der Dreizimmerwohnung in Rosenheim war kein Platz mehr, hatte er gesagt. Sechzehn Jahre lang hatte er Marlene und ihre kleine Schwester Paula durchgefüttert, seit dem Tod der Mutter – das rechnete er ihr jetzt vor wie eine offene Rechnung.

Ich hab in meinem Job schon viel gesehen. Frauen, die allein kommen, ist keine Seltenheit. Aber wie sie sich vor der Geburt schon zurückzog, wie sie mit niemandem über das Kind sprach, sondern nur fragte, welche Familien in der Region Kinder adoptieren wollten – das war ungewöhnlich.

Der Zufall mit dem Engel

Ich wusste von dem Ehepaar Hoffmann, weil meine Schwiegertochter früher in derselben Straße gewohnt hat. Vor neun Jahren war deren Tochter Lotta bei einem Reisebusunglück auf der A8 ums Leben gekommen, auf dem Weg zu einer Klassenfahrt nach Salzburg. Der Fahrer war eingenickt. Herr Hoffmann, Kardiologe am Klinikum rechts der Isar, und seine Frau Sabine, Englischlehrerin am Gymnasium, trugen seitdem beide gedeckte Farben, und wer sie kannte, wusste: man bringt ihnen kleine Porzellanengel vorbei. Lotta hatte auf der letzten Fahrt so eine Figur gekauft und in der Hand gehalten, als man sie fand.

Marlene hatte davon gehört, von einer Kollegin an der Kasse, und irgendwann, im achten Monat, kaufte sie im Ausverkauf bei einem Deko-Laden am Rosenheimer Hauptbahnhof einen dieser Engel für zwei Euro neunzig und brachte ihn persönlich vorbei. Sabine Hoffmann öffnete ihr die Tür, erkannte sofort, was das für eine Geste war, und lud sie zum Kaffee ein. Das erzählte mir Marlene selbst, Wochen später, als sie zur Vorsorgeuntersuchung kam und ich sie schon kannte.

Sie erzählte mir auch von dem Moment, der ihr Leben veränderte: wie in Sabines Wohnzimmer, während sie über die Adoption sprachen, die die Hoffmanns nie zu Ende gebracht hatten, plötzlich Porzellan auf dem Boden zersprang. Eine der Engelsfiguren war einfach umgekippt. Sabine hatte die Scherben aufgehoben und lange betrachtet.

Die Nacht der Übergabe

Ich hatte an dem Abend Dienst, als Marlenes Tochter geboren wurde – zweitausendneunhundertzwanzig Gramm, gesund, mit dunklem Haar wie die Mutter. Marlene nannte sie nicht einmal, wollte sie nicht benennen, sagte sie zur Hebamme, das solle die neue Familie tun. Ich hab das mitgehört, während ich die Infusion wechselte, und dachte mir nichts weiter dabei – viele Frauen in ihrer Situation schützen sich so.

Am Entlassungstag, einem Mittwoch im März, hatte Marlene alles organisiert. Eine Kollegin von der Kasse sollte die Babyschale bringen, weil Marlene selbst kein Geld für so etwas hatte. Ich erfuhr erst später, was in der Nacht geschah – von Marlene selbst, viel später, bei einem zufälligen Wiedersehen.

Sie hatte den ganzen Tag im Riem Arcaden Einkaufszentrum gesessen, mit dem Baby in der Schale, weil sie sich nicht traute, tagsüber zur Wohnung der Hoffmanns zu gehen. Erst als es dunkel wurde, ging sie los, schlüpfte hinter einem Nachbarn mit Hund ins Treppenhaus. Vor der Tür legte sie einen Umschlag unter die Decke des Babys – mit ihrem gesamten Erspartem, knapp achthundert Euro, und einem Brief. Sie wollte klingeln und weglaufen. Doch die Tür ging auf, bevor sie den Finger heben konnte. Herr Hoffmann stand davor.

Was ich später erfuhr

Ich sah Marlene fünf Wochen danach wieder, zur Nachuntersuchung. Sie kam nicht allein – Sabine Hoffmann begleitete sie, trug selbst die Wickeltasche. Marlene sah anders aus als im Kreißsaal: müde, aber nicht mehr allein.

Sie erzählte mir, was in jener Nacht geschah. Herr Hoffmann hatte sie nicht weggeschickt, sondern hereingebeten, ihr im Wohnzimmer ein Bett gerichtet, zwischen all den Porzellanengeln auf dem Sideboard. Am nächsten Morgen war sie aufgewacht, das Kind war weg – Sabine hatte es gestillt, äh, beruhigt und schlafen lassen, um Marlene eine Nacht Ruhe zu gönnen. In dem Moment, sagte Marlene, habe sie gewusst, dass sie das Kind niemals hätte weggeben können.

Sabine kam mit der Tochter im Arm zurück und stellte eine Frage, die Marlene nicht erwartet hatte: ob ihre kleine Schwester Paula, zwölf Jahre alt, mit umziehen wolle. Ihr Mann hatte ihr in der Nacht alles erzählt – von dem Stiefvater, von der neuen Frau mit den Zwillingen, davon, dass für Marlene und Paula in der alten Wohnung kein Platz mehr war. Die Hoffmanns hatten ein Haus mit vier Zimmern in Bogenhausen und niemanden, für den sie da waren.

Ich weiß, was Sabine damals zu Marlene sagte, weil Marlene es mir wörtlich wiederholte: die zerbrochene Engelsfigur sei ein Zeichen gewesen, dass sie helfen sollten – nicht durch Adoption des Kindes, sondern indem sie eine ganze Familie bei sich aufnehmen. Mutter und Tochter gehörten zusammen, das ließe sich nicht reparieren wie eine Fensterscheibe.

Der Papierkram

Ich war nicht dabei, als Marlene beim Jugendamt in Rosenheim ihren Mietvertrag kündigte und die Ummeldung nach München beantragte, aber sie hat es mir am Empfang erzählt, mit dem Ordner unterm Arm, in dem alles lag: die Kündigung, das Sorgerechtsformular, das die Vaterschaft von Fabian offiziell auflistete, ohne dass er je einen Cent Unterhalt zahlte, und ein Kontoauszug – die achthundert Euro, die sie den Hoffmanns damals in den Umschlag gelegt hatte, waren ihr zurücküberwiesen worden, mit dem Vermerk: "Für die Erstausstattung deiner Tochter." Paula zog vier Wochen später mit einem Koffer und ihrem Kuscheltier nach München, meldete sich am Gymnasium in Bogenhausen an.

Was danach kam

Ich hab Marlene seitdem noch zweimal getroffen, einmal zufällig am Viktualienmarkt, mit der Tochter – die sie schließlich Lina nannte, nicht Lotta, das fand ich bezeichnend – an der Hand, und Sabine daneben, die eine Kindergartentasche trug. Zwei Jahre sind mittlerweile vergangen. Was ich erst bei diesem zweiten Treffen erfuhr: Herr Hoffmann hatte den Job in der Klinik reduziert, arbeitet nur noch drei Tage die Woche, um mittags zu Hause zu sein, wenn Paula aus der Schule kommt. Und der Stiefvater aus Rosenheim hat einmal angerufen, kurz nach Linas erstem Geburtstag – er wollte wissen, ob es dem Kind gut gehe. Marlene hat aufgelegt, ohne ein Wort zu sagen. Mehr musste sie dazu nicht sagen, das sah ich ihrem Gesicht am Marktstand an, während sie in aller Ruhe eine Handvoll Kirschen für Lina abwog.

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