Der Lieferwagen von der Frankfurter Allee

Ich heiße Petra Krolow, ich bin Rettungssanitäterin, seit einundzwanzig Jahren, Rettungswache Berlin-Friedrichshain. An dem Samstag hatte ich Frühschicht, ich sollte um vierzehn Uhr Feierabend haben. Es kam anders.

Der Christopher Street Day war an diesem Wochenende, die Frankfurter Allee war abgesperrt für den Umzug, überall Musik, Konfetti, Trillerpfeifen, ein Geruch nach Bratwurst vom Stand an der Ecke und nach Sonnencreme, weil es so ein warmer Tag war. Meine Kollegin Yasemin hatte extra eine Regenbogenfahne ans Fahrzeug gebunden, ganz klein, am Seitenspiegel, die Knoten dreifach verstärkt, weil sie sagte, so ein Fähnchen müsse den ganzen Tag halten. Wir standen mit dem Wagen in Bereitschaft, so wie jedes Jahr, falls jemand kollabiert bei der Hitze oder sich den Knöchel verstaucht auf den Kopfsteinpflastersteinen.

Gegen halb zwei hörte ich das Motorengeräusch, bevor ich irgendetwas sah. Es war zu laut, zu schnell, für eine Straße voller Menschen. Dann der Lieferwagen, weiß, mit Werbeaufdruck einer Spedition, der quer über die Fahrbahn schoss, mitten in die Menschentraube am Streckenabschnitt vor dem Ostbahnhof.

Ich habe in meinem Beruf viel gesehen. Aber dieses Geräusch, wenn Blech und Menschen zusammenkommen, das vergisst man nicht. Es ist kein Krachen wie im Film. Es ist dumpf, kurz, und danach ist es für einen Herzschlag lang vollkommen leise, bevor das Schreien einsetzt.

Ich rannte los, meine Tasche schlug gegen die Hüfte, Yasemin neben mir, wir liefen an Luftballons vorbei, die noch am Boden lagen, an einer umgekippten Kühlbox mit Bier. Eine Frau, Anfang vierzig, lag reglos zwischen zwei Absperrgittern, ihr Schuh hatte sich gelöst und lag einen Meter weiter. Ich kniete neben ihr, prüfte Puls, Atmung, begann mit der Herzdruckmassage, zählte, spürte die Rippen unter meinen Händen nachgeben, so wie es eben ist, wenn man richtig drückt. Wir konnten nichts mehr für sie tun. Das stelle ich hier ohne Umschweife fest, weil es die Wahrheit ist und weil ihre Familie ein Recht darauf hat, dass es jemand ausspricht, der dabei war.

Neben mir, keine drei Meter entfernt, lag ein junger Mann, vielleicht zwanzig, sein rechtes Bein in einem Winkel verdreht, der kein natürlicher Winkel ist, der Knochen drückte gegen die Haut, nicht durch, aber nah dran. Er schrie nicht wegen des Beins. Er schrie einen Namen, immer wieder, Daniel, Daniel, kümmert euch um Daniel, der lag drüben, bei der Absperrung, guckt nach ihm, bitte, nicht nach mir.

Ich legte eine Vakuumschiene an, so schnell meine Hände es zuließen, sprach mit ihm, sagte, wie er heiße, er solle mir seinen Namen sagen, damit er nicht wegdriftete. Er hieß Robert. Ich schickte Yasemin los, um nach Daniel zu suchen, sie war schon zwischen den Gittern verschwunden, rief zurück, ich hab ihn, er atmet, Schnittwunde am Arm, ich bring ihn her. Robert hörte das, sein Kopf sackte zur Seite, nicht ohnmächtig, nur erleichtert, und erst da ließ er zu, dass ich den Druckverband an seinem eigenen Bein festzog, ohne mir noch etwas zu sagen. Ich hörte ihn atmen, flach, schnell, und zählte laut mit, damit er sich an meiner Stimme festhalten konnte, bis der Rettungswagen aus der Seitenstraße kam.

Erst da, während ich den Zugang legte, fiel mir auf, dass manche Verletzte weiter von der eigentlichen Anfahrtsspur entfernt lagen, als es bei einem reinen Fahrzeugunfall zu erwarten gewesen wäre, und dass manche Wunden nicht nach Aufprall aussahen, sondern nach einer Klinge. Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich hatte einen Verband anzulegen, jemanden ruhig zu halten, der ins Delirium abrutschte vor Schmerz. Meine Hände wussten, was zu tun war, auch wenn im Kopf nur Lärm war.

Erst am Sonntagabend, zuhause, mit einer Tasse Tee, die kalt wurde, weil ich sie vergaß, sah ich die Nachrichten. Festnahme, Ermittlungen, ein möglicher politischer Hintergrund. Ich hörte kaum zu. Ich sah nur Roberts Gesicht vor mir, wie es sich entspannte, als Yasemin Daniel brachte.

Meine Nachbarin, Frau Ohlendorf, klingelte, weil sie im Treppenhaus mein Gesicht gesehen hatte, als ich die Einkaufstüten hochtrug, drei Stockwerke, Aufzug kaputt seit Wochen. Sie fragte, ob bei mir alles in Ordnung sei. Ich sagte, ich sei nur müde. Das stimmte auch, aber es war nicht die ganze Wahrheit.

Am Montag ging ich trotzdem wieder zur Wache. Es gab eine kurze Besprechung, der Wachleiter sagte etwas über psychologische Betreuung, die angeboten werde, wer wolle, solle sich melden. Yasemin meldete sich sofort. Ich zunächst nicht, ich dachte, ich komme klar.

Am vierten Tag stand ich in meinem Garten, wollte nur den Rasen mähen, ganz normale Sache, und als der Nachbar von nebenan seinen eigenen Mäher anwarf, dieses plötzliche, hohe Aufheulen des Motors, zuckte mein ganzer Körper zusammen, ich ließ den Griff los, stand da mit klopfendem Herzen, mitten auf halb gemähtem Rasen, und wusste im selben Moment, dass es kein Zufall war, dass meine Hände zitterten. Ich rief noch am selben Nachmittag bei der Wache an und meldete mich doch für die Gespräche.

Von dem, was danach kam, weiß ich nur in groben Zügen, aus kurzen Sätzen von Kollegen, aus Überschriften. Ein Verdächtiger festgenommen, ein zweiter gesucht, später gefasst. Namen, Paragrafen, Zuständigkeiten, die wechselten. Das interessierte mich weniger, als man erwarten würde. Es blieb Hintergrundrauschen zu dem, was wirklich bei mir hängen blieb: Roberts Stimme, die immer wieder Daniel rief, bevor sie an mir festhielt.

Am Dienstag danach stand vor dem Roten Rathaus eine stille Mahnwache, Kerzen auf dem Pflaster, ein Foto der getöteten Frau. Jemand hatte ihren Vornamen auf ein Schild geschrieben, Susanne, und darunter, in kleinerer Schrift, dass sie seit vierzehn Jahren im selben Blumenladen in Lichtenberg gearbeitet hatte. Das war das einzige, was ich über sie erfuhr, dieser eine Satz auf Pappe, und merkwürdigerweise blieb er mir genauer im Gedächtnis als alles, was später in den Zeitungen stand. Ich stand da, in Zivil, mit Yasemin, wir hatten nichts zu sagen, wir standen einfach nur, und irgendwann legte Yasemin ihre Hand auf meinen Unterarm, kurz, ohne etwas dazu zu sagen.

Ich habe meinen Bericht über den Einsatz vollständig zu Protokoll gegeben, mit Uhrzeiten, mit der Reihenfolge der Verletzten, die ich versorgt habe. Ich habe außerdem, ganz privat, hundertfünfzig Euro überwiesen, an die Angehörigen von Susanne, über ein Konto, das eine Initiative aus der queeren Community in Berlin eingerichtet hat. Mehr konnte ich nicht tun.

Robert hat mir Wochen später über die Wache eine Postkarte geschickt, ein Foto vom Ostkreuz darauf, handschriftlich nur ein Satz: Danke, dass Sie zuerst nach Daniel gesehen haben. Ich habe die Karte an die Pinnwand in der Küche gesteckt, neben den Dienstplan, und schaue manchmal beim Kaffeekochen darauf.

Ich habe meinen Dienst nicht quittiert. Nächsten Sommer, wenn der Umzug wieder über die Frankfurter Allee zieht, werde ich mit dem Wagen dort stehen, und Yasemin hat schon gesagt, sie bindet wieder eine Fahne an den Seitenspiegel, mit denselben dreifachen Knoten wie letztes Mal, damit sie hält, egal was kommt.

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