Die vierundzwanzig Mandarinen

Ich stand im Flur, die Einkaufstasche in der Hand, und aus einem Riss im Boden purzelten die Mandarinen. Eine rollte unters Schuhregal. Ich schaute ihr nach, als könnte diese kleine orange Kugel entscheiden, ob ich gleich aufwache oder nicht. Aus dem Schlafzimmer hörte ich Rolfs Stimme. Ruhig. Sachlich. Genau der Ton, mit dem er sonst mit dem Steuerberater telefonierte oder mit der Werkstatt wegen der Winterreifen.

„Sag ihr noch nichts. Ich muss erst den Kredit durchkriegen und klären, was nach der Teilung vom Haus übrig bleibt.“

Die Wörter kamen einzeln bei mir an, wie Tropfen aus einem undichten Hahn.

„Die Gisela ist erwachsen, die kommt schon klar. Ich kann doch nicht mein ganzes Leben zurückstellen, nur weil sie vielleicht durchdreht.“

Er wusste nicht, dass ich früher von der Arbeit zurück war. Die Filiale hatte geschlossen, weil im Lager ein Wasserrohr geplatzt war. Ich hatte unterwegs noch sein Lieblingsbrot vom Bäcker geholt, den Leberkäs und eben die Mandarinen. Wegen der Mandarinen stand ich jetzt da, ohne mich zu rühren, die Jacke noch an.

Ich ging die drei Schritte zur Schlafzimmertür. Rolf saß auf der Bettkante, das Telefon am Ohr. Als er mich sah, brach er mitten im Wort ab.

„Ich ruf zurück“, murmelte er und legte auf.

„Mit wem hast du gesprochen?“

„Marlies, bitte. Mach jetzt keine Szene.“

Das saß. Noch bevor irgendetwas erklärt war, stand schon fest, dass ich diejenige bin, die übertreibt.

„Mit wem hast du telefoniert?“

Er sah auf die verstreuten Mandarinen, rieb sich übers Gesicht.

„Mit Birgit.“

Birgit arbeitete mit ihm in der Kanzlei. Ich kannte sie von einem Sommerfest: schmale Schultern, Cordhose, die Haare zu einem Knoten gebunden. Sie war siebenunddreißig. Ich war vierundfünfzig.

„Wie lange geht das schon?“

„Marlies, das ist nicht so, wie du denkst —“

„Rolf. Wie lange?“

„Seit etwa einem Jahr.“

Ein Jahr. Zwölf Monate. Zweiundfünfzig Wochen, in denen ich ihm die Hemden gebügelt hatte, seine Mutter ins Dialysezentrum gefahren war, ihm Tee ans Bett gebracht hatte, wenn er hustete. Ein Jahr, in dem er abends am Küchentisch gesessen und auf seinen Laptop gestarrt hatte, während ich dachte, der Rücken macht ihm wieder zu schaffen. Ich hatte ihm eine neue Matratze gekauft.

Er bettelte nicht. Er leugnete nicht. Er sagte nur: „Ich hab dich lieb, aber anders als früher. Mit Birgit habe ich das Gefühl, ich kann noch mal was anfangen.“

Ich musste lachen. Es klang nicht gut. Dann fragte ich, ob ich für ihn das Ende sei, wenn sie der Anfang ist. Er antwortete nicht, und das war die ganze Antwort.

Drei Tage später kam unsere Tochter Gisela zum Sonntagsessen. Rolf wollte es „in Ruhe besprechen wie erwachsene Menschen“. Er stellte die Suppenterrine auf den Tisch, dann sagte er, er ziehe vorübergehend aus. Gisela ließ den Löffel sinken.

„Zu ihr?“

„Ich möchte nicht, dass ihr mich verurteilt.“

„Papa, du belügst Mama seit einem Jahr und willst nicht verurteilt werden?“

Ich saß nur da. Unser Enkel Linus, der vierte Geburtstag stand kurz bevor, malte mit dem Finger Figuren in die verschüttete Brühe und kicherte. Für ihn war der Sonntag noch in Ordnung. Der Opa war der Opa. Das Haus war das Haus.

Rolf mietete sich eine Einzimmerwohnung in Bornheim, auf der anderen Seite von Frankfurt. Nach sechs Wochen kam die Nachricht: Wir müssten über den Verkauf des Hauses reden, die Kreditrate sei allein nicht zu stemmen. Genau der Kredit, den wir vor acht Jahren für den Anbau aufgenommen hatten, als er meinte, hier wollten wir alt werden. Da wurde mir klar: Ich hatte nicht nur einen Mann verloren. Ich hatte den Plan verloren.

Die ersten Wochen lag ich nachts wach und hörte Geräusche, die es nicht gab. Das Haus in Rödelheim, Baujahr 1962, knarrte auf einmal anders. Die Heizung tickte. Ich wartete. Ich schäme mich, das zuzugeben, aber ich wartete auf den Anruf, in dem er sagt, er habe einen Fehler gemacht. Der Anruf kam nicht.

Stattdessen kam an einem Dienstag, den ich sonst vergessen hätte, meine Kollegin Simone nach der Schicht zu mir. Wir arbeiteten zusammen in der Bäckerei am Bahnhof. Sie fragte nichts. Sie stellte zwei Becher Kaffee auf den Tisch, schob mir eine Tüte mit Laugenstangen hin, und nach einer Weile sagte sie nur: „Marlies, du bist doch nicht die Überbrückung zwischen zwei Leben von irgendwem. Du warst sein Leben. Dass er das vergessen hat, ist nicht dein Problem.“

Der Satz ist geblieben.

Ich nahm zusätzliche Frühschichten an. Ich ging allein zur Bank, mit einem Ordner voller Unterlagen und einem Notizbuch, in das ich jede Zahl schrieb. Gisela half mir am Wochenende, die Versicherungen durchzugehen. Wir saßen an dem Tisch, an dem Rolf immer gesessen hatte, und sortierten Papier. Der Kredit wurde umgeschuldet, auf meinen Namen. Das Haus blieb meins. Ich musste den Bausparvertrag auflösen und bekomme die nächsten Jahre keine großen Sprünge. Kein Urlaub an der Nordsee. Kein neues Auto, wenn der alte Fiesta es irgendwann nicht mehr schafft.

Aber zum ersten Mal seit langer Zeit wurde nicht hinter meinem Rücken entschieden.

Dann kam der Abend, an dem Rolf vor der Tür stand. Unangemeldet. Es regnete, und er hatte keinen Schirm dabei.

„Ich wollte nur meine Werkzeugkiste holen“, sagte er.

Ich ließ ihn herein. Er ging in den Keller, blieb unten länger als nötig. Als er hochkam, stand er im Flur und sah sich um, als suchte er etwas, das es nicht mehr gab. Sein Blick blieb an der Garderobe hängen, wo früher seine Jacke hing. Da hängt jetzt der Rucksack von Linus, weil der Junge mittwochs bei mir schläft, wenn Gisela Spätdienst hat.

„Du hast die Küche umgeräumt“, sagte er.

„Nein. Nur die Stühle.“

Er zögerte, die Werkzeugkiste in der Hand. „Und wegen Weihnachten. Gisela meinte, du willst nicht zu ihr, solange ich da bin. Ich dachte, ich frag dich selbst.“

Zwölf Monate. Und das war das erste Mal, dass er mich selbst fragte.

„Ich fahre über Weihnachten zu meiner Schwester ins Allgäu“, sagte ich. Es war gelogen, aber eine gute Lüge. Sie hatte schon im Oktober gesagt, ich solle kommen, und ich hatte noch nicht zugesagt. Auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer schrieb ich ihr, dass ich am dreiundzwanzigsten da sein würde.

Rolf stand noch im Flur. Ich hörte ihn die Werkzeugkiste von einer Hand in die andere nehmen.

„Birgit hat übrigens Schluss gemacht“, sagte er. „Vor drei Wochen.“

Ich antwortete nicht sofort. Durch das Fenster im Wohnzimmer sah ich sein Auto vor dem Haus stehen, den dunklen Passat, den ich vor drei Jahren mit ausgesucht hatte.

„Und jetzt stehst du hier“, sagte ich schließlich.

„Marlies —“

„Rolf, wir müssen noch über die Aufteilung der Versicherung reden. Aber nicht heute. Schreib mir eine Mail.“

Er blieb noch einen Moment stehen. Dann nickte er, nahm die Werkzeugkiste und ging. Die Tür fiel ins Schloss. Ich blieb am Fenster, bis die Rücklichter um die Ecke waren, und danach räumte ich den Geschirrspüler aus.

Am nächsten Morgen, es war noch dunkel, setzte ich mich an den Küchentisch. Ich holte das Telefon und öffnete die Banking-App. Der Dauerauftrag an die Hausverwaltung, die Versicherung, die Stadtwerke — alles lief bereits auf mein Konto. Ich tippte seine Nummer aus dem gemeinsamen Streamingkonto, kündigte den Zugang, änderte das Passwort. Vierzehn Euro neunzig im Monat. Das war seine letzte Verknüpfung mit diesem Haus gewesen: das Konto, über das wir samstags alte Krimis geguckt hatten, auf dem Sofa, seine Füße auf dem Couchtisch. Ich drückte auf „Bestätigen“.

Dann öffnete ich den Kleiderschrank im Schlafzimmer. Zwei seiner Hemden hingen noch dort, ein graues und ein blaues. Ich hatte sie übersehen. Ich faltete sie zusammen, legte sie in eine Tüte vom Drogeriemarkt und stellte die Tüte auf die Terrasse. Soll er sie holen, wenn er will.

Um halb acht klingelte mein Telefon. Rolf. Er klang, als hätte er die Nacht nicht geschlafen.

„Du hast das Streamingkonto gesperrt.“

„Ja. Ich zahle jetzt nur noch für mein eigenes Zeug.“

„Marlies, ich dachte, wir können vielleicht mal reden. Über uns. Ich merke, dass ich einen Fehler gemacht habe.“

Ich stand am Küchenfenster, die Kaffeetasse in der Hand. Draußen fuhr der Bäckerwagen von der Bäckerei Schäfer vorbei, die hintere Tür einen Spalt offen. Ein Brot wäre fast herausgefallen.

„Rolf“, sagte ich. „Du hast ein Jahr gebraucht, um zu merken, dass du einen Fehler gemacht hast. Und du hast es erst gemerkt, als sie dich verlassen hat.“

Er schwieg. Ich hörte ihn atmen.

„Ich überweise dir die dreihundertzweiundvierzig Euro für die Kfz-Versicherung bis zum Fünfzehnten“, fuhr ich fort. „Den Rest klären die Anwälte. Und was dich und mich betrifft — da gibt es nichts mehr zu klären. Du hast mich vor einem Jahr verlassen. Ich hab den Rest jetzt auch verlassen.“

Ich legte auf. Meine Hand zitterte nicht. Der Kaffee wurde kalt, während ich die E-Mail an meinen Anwalt tippte, vier Zeilen, mit dem Betreff: Aufteilung Versicherung — Frist bis Monatsende.

Gisela rief am Abend an und fragte, ob ich etwas brauche.

„Nein“, sagte ich. „Ich war einkaufen. Vierundzwanzig Mandarinen für zwei Euro neunzig. Sie schmecken wie früher.“

Es dauerte fast ein Jahr, bis ich wieder Mandarinen kaufen konnte, ohne an den Moment im Flur zu denken. Ich kaufe sie jetzt jeden Freitag auf dem Wochenmarkt am Mainufer, bei einer älteren Frau, die mir immer eine extra dazulegt. Letzte Woche stand Rolf plötzlich hinter mir in der Schlange, mit einer Packung Backpflaumen. Er wollte etwas sagen, ich sah es an seiner Haltung. Aber da war die Verkäuferin schon dran, und ich sagte: „Zwei Kilo, bitte. Und die mit den Blättern, die halten länger.“ Als ich den Markt verließ, stand er noch da, die Backpflaumen in der Hand, und wusste nicht, wohin damit.

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