Der Werkstatthof

Die Kaffeemaschine im Pausenraum tropfte schon seit Wochen, aber Renate Brackmann hatte keine Zeit, sich darum zu kümmern. Es war Dienstag, kurz nach sieben, die Halle roch nach Bremsenreiniger und dem Frittenfett vom Imbiss gegenüber, und sie stand vor dem Aktenschrank mit dem Ordner, der ihr ganzes Leben zusammenhielt: den Übergabevertrag der Werkstatt, die sie 1998 mit ihrem Mann Uwe gegründet hatte.

Uwe war seit vier Jahren tot. Die Werkstatt in Gelsenkirchen, drei Hebebühnen, sieben Angestellte, ein Kundenstamm, den man sich in dreißig Jahren aufgebaut hatte – das war alles, was von ihm geblieben war, außer der Tochter Franziska und deren Mann Kevin Dahlmann.

Kevin hatte vor zwei Jahren angefangen, in der Werkstatt mitzuarbeiten. Erst als Aushilfe, dann als Meister, dann, ohne dass jemand so genau sagen konnte, wann das passiert war, als derjenige, der die Bestellungen machte, die Preise verhandelte, mit dem Steuerberater sprach. Renate hatte es zugelassen. Sie war 61, ihre Knie machten beim Bücken unter die Hebebühne nicht mehr richtig mit, und Kevin war tüchtig, das musste man ihm lassen.

Der Ordner in ihrer Hand war neu. Sie hatte ihn erst am Montagabend gefunden, zwischen den Steuerunterlagen, die eigentlich beim Steuerberater hätten liegen sollen. Handelsregisterauszug, aktuell, drei Wochen alt. Geschäftsführer: Kevin Dahlmann. Alleiniger Gesellschafter: Kevin Dahlmann.

Ihr Name kam darin nicht mehr vor.

Sie hatte die Nacht damit verbracht, die Seiten immer wieder durchzugehen, als würde sich beim vierten Lesen etwas anderes ergeben. Es ergab sich nichts anderes. Es gab eine Unterschrift von ihr auf einer Vollmacht, die sie im Frühjahr unterschrieben hatte – Kevin hatte gesagt, es gehe um eine Bankangelegenheit, um den neuen Kredit für die vierte Hebebühne. Sie hatte unterschrieben, ohne es zu lesen. So wie man einer Familie eben vertraut.

Die Werkstatt gehörte jetzt ihrem Schwiegersohn. Vollständig.

Als Franziska am Vormittag hereinkam, um wie jeden Dienstag die Kasse für die kleinen Barzahlungen abzurechnen, saß ihre Mutter noch immer am Schreibtisch, den Ordner aufgeschlagen vor sich, eine kalte Tasse Tee daneben, die sie nicht angerührt hatte.

„Mama? Du siehst aus, als hättest du nicht geschlafen."

„Hab ich auch nicht." Renate schob ihr das Papier hin. „Erklär mir das."

Franziska las, wurde blass, setzte sich. „Das – das kann nicht stimmen. Kevin hat gesagt, das wäre nur eine Formalie für die Bank gewesen, damit er als Geschäftsführer eingetragen ist, wegen der Kreditlinie —"

„Als alleiniger Gesellschafter? Franzi, ich bin nirgends mehr drin. Nicht mal als stille Teilhaberin."

Ihre Tochter hatte keine Antwort. Das war fast das Schlimmste daran – nicht, dass Kevin gelogen hatte, sondern dass Franziska es offenbar auch nicht gewusst hatte, oder es nicht hatte wissen wollen.

Kevin kam gegen halb elf herein, in seinem blauen Overall, mit dem üblichen Grinsen, das früher mal sympathisch gewirkt hatte. Er sah den Ordner auf dem Tisch, und für eine Sekunde – nur eine – zuckte etwas in seinem Gesicht, bevor er es wegwischte.

„Renate. Gut, dass du das gefunden hast, ich wollte sowieso mit dir reden —"

„Wann wolltest du das?" Sie stand auf. Nicht laut, das war nie ihre Art gewesen. Aber ihre Stimme hatte den Ton, den die Angestellten aus der Werkstatt kannten, wenn ein Kunde versuchte, sie über den Tisch zu ziehen. „Bevor oder nachdem du auch das Grundstück auf dich hättest überschreiben lassen? Das steht doch als Nächstes an, oder?"

„Das ist doch albern. Ich hab hier die Arbeit gemacht, die letzten zwei Jahre, während du —"

„Während ich die Werkstatt mit deinem Schwiegervater aufgebaut habe, als du noch in die Grundschule gegangen bist." Sie klappte den Ordner zu. „Und die Vollmacht, die ich im April unterschrieben habe. Für den Kredit, hast du gesagt."

Kevin sagte nichts.

„Sag es noch mal. Für den Kredit."

„Es war rechtlich sauber. Ich hab nichts Illegales getan." Seine Stimme wurde härter, jetzt, wo das Grinsen weg war. „Und ganz ehrlich, Renate – bei deinem Knie, mit 61, wie lange wolltest du das hier noch machen? Ich hab die Werkstatt am Laufen gehalten, ich —"

„Du hast eine Unterschrift missbraucht, die dir eine Frau gegeben hat, die dir vertraut hat, weil du der Mann ihrer Tochter bist." Renate nahm den Ordner unter den Arm. „Das reicht mir jetzt."

Sie ging nicht sofort zum Anwalt. Sie ging erst zu ihrem Steuerberater, Herrn Bickel, den sie seit zwanzig Jahren kannte, und ließ sich die letzten drei Jahre Buchhaltung zeigen. Was sie fand, war schlimmer als die Vollmacht: Kevin hatte über Monate Rechnungen an eine Firma gestellt, die ihm selbst gehörte – ein „Ersatzteilgroßhandel" mit Sitz in einer Garage in Herne, ohne echten Warenverkehr. Die Werkstatt hatte über 22.000 Euro an Scheinrechnungen bezahlt, die direkt auf sein privates Konto geflossen waren.

Am Freitag saß Renate im Büro der Anwältin Yasemin Öztürk, den Handelsregisterauszug, die Vollmacht und Bickels Aufstellung vor sich auf dem Tisch, dazwischen ein Umschlag mit den Kopien, die sie eigens für den Notartermin hatte anfertigen lassen.

„Die Vollmacht war eindeutig auf einen konkreten Zweck beschränkt", sagte Öztürk. „Der Kreditvertrag der Bank. Was er damit tatsächlich unterschrieben hat, war Vollmachtsmissbrauch – strafrechtlich relevant, und zivilrechtlich fechtbar. Wir können die Übertragung rückgängig machen. Und bei den Scheinrechnungen reden wir zusätzlich über Untreue."

„Ich will keinen Prozess, der drei Jahre dauert", sagte Renate. „Ich will meine Werkstatt zurück. Und ich will, dass er da nicht mehr reinkommt."

Zwei Wochen später, an einem Donnerstagmorgen im September, stand Kevin vor der Werkstatt in der Bochumer Straße und fand die Tür verschlossen vor – nicht die alte Tür, eine neue, mit einem neuen Zylinderschloss, das der Schlüsseldienst am Vortag eingebaut hatte. Auf dem Aushang stand, in Renates Handschrift, dass die Werkstatt bis zur Klärung der Eigentumsverhältnisse durch das Amtsgericht Gelsenkirchen vorübergehend nur mit Terminvereinbarung öffne.

Er klingelte. Renate öffnete die Seitentür einen Spalt, den Ordner mit der einstweiligen Verfügung noch in der Hand, druckfrisch vom Gericht.

„Das Amtsgericht hat die Anmeldung im Handelsregister vorläufig gesperrt", sagte sie. „Bis zur Entscheidung bin ich wieder Geschäftsführerin. Steht alles hier, wenn du es lesen willst."

„Renate, das ist doch – wir sind Familie —"

„Franziska ist meine Tochter. Das bleibt sie." Sie hielt ihm den Umschlag mit einer zweiten Kopie hin. „Aber du bist ab heute wieder Angestellter hier, wenn überhaupt, und nur, wenn du die 22.000 Euro zurückzahlst, die Bickel in der Buchhaltung gefunden hat. Sonst zeigt meine Anwältin dich wegen Untreue an. Deine Entscheidung."

Ein Kunde kam mit seinem alten Golf vorgefahren, sah die beiden an der Tür stehen, zögerte, blieb im Auto sitzen. Kevin drehte sich nicht nach ihm um. Er stand da, in seinem Overall, mit leeren Händen, vor einer Tür, deren Schlüssel er nicht mehr hatte.

„Ich brauch eine Antwort bis Montag", sagte Renate und schloss die Tür.

Der Golf-Fahrer stieg schließlich doch aus. Renate erkannte ihn – Herr Wendland, seit zwölf Jahren Kunde, kam wegen der Auspuffanlage. Sie ließ ihn herein, machte ihm einen Kaffee aus der tropfenden Maschine, die sie sich für den Nachmittag vorgenommen hatte zu reparieren, und schrieb den Termin für Montagfrüh in ihren eigenen, alten Kalender – den, den sie seit Uwes Zeiten führte, nicht in irgendeine Software, die Kevin aufgesetzt hatte.

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