# Der Umschlag auf dem Geburtstagstisch

Ich war es, die den Test wollte. Ich war es, die den Termin vereinbarte. Ich war es, die mit erhobenem Kopf in das Labor in der Münchner Innenstadt spazierte, das Kind auf dem Arm, das Lächeln einer Frau, die jeden Moment beweisen würde, dass sie recht hatte.

„Heute machen wir dem Gerede ein Ende", sagte ich zu Jonas. „Heute zeig ich deiner Familie, was Sache ist."

Er wollte nicht einmal mitkommen. „Das brauchst du nicht, Klara. Ich glaube dir doch."

Aber ich wollte keinen Glauben. Ich wollte Papier. Schwarz auf weiß. Schöne, klare Prozente, die ich meiner Schwiegermutter auf den Küchentisch knallen konnte — dieser Frau, die mich seit der Hochzeit ansah, als hätte ich Dreck unter den Schuhsohlen in ihr perfektes Reihenhaus in Bogenhausen getragen.

Seit Leos Geburt war es schlimmer geworden.

„Komisch, dass das Kind so dunkle Haare hat."

„Na ja, die Nase hat er jedenfalls nicht von unserer Seite."

„Ach Schatz, nicht falsch verstehen, aber man weiß ja nie."

*Man weiß ja nie.* Dieser Satz hatte mich durch die ganze Schwangerschaft verfolgt. Und als Leo dann da war — mein Junge, mein kleines Wunder mit den langen Wimpern —, hatte ich beschlossen: Schluss. Ein für alle Mal. Der DNA-Test war meine Waffe. Mein Triumph. Meine Rache.

Zwei Wochen später saßen wir in der Praxis. Jonas hielt den schlafenden Leo im Arm, eingewickelt in eine hellblaue Decke mit kleinen Elefanten. Der Raum roch nach Desinfektionsmittel und frischem Kaffee. Durch das Fenster sah man den Englischen Garten, die Blätter hatten schon Herbstfarbe.

Der Arzt legte mir den Umschlag hin. Ich riss ihn auf — nicht aus Angst. Aus Vorfreude. Ich wollte die Gesichter meiner Schwiegereltern vor mir sehen, wenn ich ihnen das Ergebnis unter die Nase hielt.

Ich faltete das Papier auseinander. Da standen Namen. Prozente. Und dann ein einziges fettgedrucktes Wort, das mir den Boden unter den Füßen wegzog.

**AUSGESCHLOSSEN.**

Ich las es nochmal. Und nochmal. Die Wände kamen näher. Leos Atemzüge klangen, als kämen sie von weit weg. Jonas beugte sich vor.

„Und? Was steht drin?"

Ich konnte nicht sprechen. Ich reichte ihm das Papier. Sah, wie seine Augen die Zeilen entlangwanderten. Sah, wie sein Kiefer sich spannte. Und in dieser Sekunde fühlte ich, wie meine Ehe in zwei Teile zerbrach.

„Ich… ich verstehe das nicht", stammelte ich. „Jonas, ich schwöre, ich verstehe das nicht."

Aber da war ein Bild in meinem Kopf. Mein Junggesellinnenabschied. Vor der Hochzeit. Die Dachterrasse einer Bar im Glockenbachviertel, zu viele Gläser Sekt, laute Musik, das Lachen meiner Freundinnen. Ein Mann mit grünen Augen, der meine Hand nahm. Ein Taxi. Ein fremdes Zimmer. Und dann — nichts.

„Es war diese Nacht", flüsterte ich. „Diese Feier… ich erinnere mich nicht genau… ich schwöre, ich erinnere mich nicht."

Jonas starrte weiter auf den Zettel. Ich wartete auf den Ausbruch. Auf Beschimpfungen. Auf „Pack deine Sachen". Stattdessen zuckte zuerst sein Mundwinkel. Dann schnaubte er durch die Nase. Und dann lachte er. Er lachte so laut, dass die Arzthelferin den Kopf durch die Tür steckte.

„Jonas?"

Er krümmte sich im Stuhl, das Baby an der Brust, und lachte, bis ihm die Tränen kamen.

„Das gibt's doch nicht", keuchte er. „Ausgerechnet du. Du wolltest den Test. Du wolltest es beweisen. Du!"

„Das ist nicht komisch!" Meine Stimme kippte.

„Doch, Klara. Das ist eine Tragödie, aber mit einem großartigen Drehbuch."

Ich wollte ihm das Papier entreißen. Er hielt es über den Kopf.

„Schau dich an. Du bist da reingegangen wie die Königin von Saba, um allen das Maul zu stopfen — und kommst raus mit einer Bombe im Kinderwagen."

„Verlässt du mich jetzt?"

Das Lachen verebbte. Er schaute auf Leo, strich mit dem Finger über die winzige Faust. Und sagte etwas, das mich mehr fror als der Befund.

„Nein."

„Nein?"

„Er ist ein Junge. Mein Vater will einen Erben. Meine Mutter will den Familiennamen weitergeben. Und ich will Ruhe."

Er faltete das Papier sorgfältig zusammen, steckte es in die Innentasche seiner Jacke und sah mich an wie nach einem erfolgreichen Geschäftsabschluss.

„Niemand muss es erfahren."

„Aber—"

„Leo ist mein Sohn, seit ich ihn das erste Mal gehalten habe. Und außerdem", er zwinkerte mir zu, „sieht er mir ähnlicher als die Hälfte meiner Cousins."

Ich wusste nicht, ob ich ihn umarmen oder fürchten sollte.

Monatelang lebten wir über dieser Wahrheit, tief vergraben. Ich achtete auf jeden Satz, jede hochgezogene Augenbraue meiner Schwiegermutter. Bis zu Leos erstem Geburtstag.

Das Haus der Schwiegereltern war voller Luftballons in weiß und blau, Kellner mit Tabletts, einer dreistöckigen Torte aus der Konditorei Rischart und Verwandten, die so taten, als wären sie herzlich. Meine Schwiegermutter, Frau Dr. Haller, wartete, bis alle versammelt waren. Dann hob sie ihr Sektglas und sagte mit dieser Stimme, die durch zwei Stockwerke trug:

„Also, Klara, nimm es nicht persönlich — aber der Kleine sieht wirklich keinem aus unserer Familie ähnlich."

Mein Schwiegervater schmunzelte in seinen Wein. „Die Nase ist nicht die Haller-Nase. Und die Augen auch nicht."

Das Gemurmel verstummte. Eine Cousine senkte ihr Handy. Ich schaute zu Jonas, bettelte mit Blicken. Er stand auf, das Weinglas noch in der Hand.

„Schön, dass du das ansprichst, Mama."

Ich hörte auf zu atmen.

Jonas griff in seine Jackentasche und zog einen weißen Umschlag hervor. Meine Knie wurden weich. Nicht denselben Umschlag — das konnte er nicht sein, den hatte er vor elf Monaten zerknittert in seiner Innentasche verschwinden lassen —, aber die Geste war identisch, geübt, als hätte er sie oft genug im Spiegel geprobt.

„Tatsächlich", sagte er in die Stille, „haben Klara und ich einen Vaterschaftstest machen lassen."

Seine Mutter riss die Augen auf, als hätte man ihr ein Geschenk überreicht. „Wirklich?"

„Ja. Und das Ergebnis ist eindeutig."

Es wurde so still, dass man die Standuhr im Flur ticken hörte. Leo zappelte auf meinem Arm, ahnungslos, dass gleich eine Bombe hochging. Jonas trat an den Tisch, legte den Umschlag neben die Torte. Und kurz bevor er ihn öffnete, sah er mich an. Nicht höhnisch. Nicht liebevoll. Warnend.

Und da verstand ich etwas Fürchterliches: Er hatte diesen Auftritt vorbereitet. Für heute. Für dieses Publikum. Nicht für mich.

Ich starrte auf den Umschlag. Dann auf Jonas. Die Stimme meiner Schwiegermutter schnitt durch die Stille. „Na, mach schon auf! Wir sind doch alle gespannt."

Sie lächelte, dass ihre Zähne blitzten. Die Cousine hob das Handy wieder an.

Jonas schob den Daumen unter die Lasche.

„Moment", sagte ich.

Meine Stimme klang fremd, auch für mich selbst. Aber sie war laut genug, dass die Kellnerin mit dem Sektglas in der Bewegung erstarrte.

Jonas hob eine Braue. „Was?"

Ich trat einen Schritt vor. „Ich will wissen, wo der echte Befund geblieben ist. Der von vor elf Monaten. Den du in deiner Jackentasche eingesteckt hast, als der Arzt ihn dir gegeben hat."

Sein Gesicht bewegte sich nicht. Aber sein Hals rötete sich, genau unter dem Kragen.

„Warum", fragte seine Mutter dazwischen, „redest du mit meinem Sohn, als stünde er vor Gericht?"

Ich antwortete nicht, sondern ging weiter, Schritt für Schritt in dem, was ich in den letzten Wochen zusammengetragen hatte, ohne es mir selbst einzugestehen.

„Ich habe die Rechnung von damals wiedergefunden", sagte ich. „946 Euro, individuelle Gesundheitsleistung, mit deinem Namen als Auftraggeber. Nicht mit unserem gemeinsamen. Mit deinem, Jonas. Du hast den Test allein bestellt, bevor wir beide zusammen ins Labor gegangen sind. Du hast schon gewusst, was rauskommt, als du neben mir gesessen und so getan hast, als würdest du zum ersten Mal lesen."

„Das ist absurd", sagte er, aber seine Stimme hatte nicht mehr den Boden vom Anfang des Abends.

„Ist es nicht. Du hast mir am Tag im Labor ins Gesicht gesehen und gelacht, als wäre es ein Witz. Und danach hast du den Umschlag nie weggeworfen. Elf Monate lang nicht. Weil du wusstest: Solange du ihn hast, hast du auch die Kontrolle darüber, wann und wem du ihn zeigst. Mir. Deiner Mutter. Wem auch immer es gerade nützt."

Seine Mutter wollte etwas sagen, aber ich hob die Hand.

„Du hast mir damals gesagt: 'Niemand muss es erfahren.' Das war keine Großzügigkeit, Jonas. Das war ein Deal. Solange ich stillhalte, bleibt Leo der Erbe, den dein Vater will, und du bist der Mann, der über allem steht. Und heute, wo deine Mutter wieder anfängt zu bohren, brauchst du plötzlich einen Beweis, mit dem du sie beruhigen kannst — also hast du einen zweiten Test gemacht. Heimlich. Über mein Konto gebucht, damit ich es erst gar nicht sehe."

„Wovon redest du?", fragte seine Schwester leise.

„Von 1.208,40 Euro", sagte ich, „abgebucht im Januar von unserem gemeinsamen Konto, als 'zweite Analyse'. Ich habe es erst vor kurzem in den Kontoauszügen gefunden. Er hat sie in Auftrag gegeben, ohne mir ein Wort zu sagen. Wahrscheinlich mit einer Speichelprobe, die er sich irgendwo besorgt hat, ohne dass ich es merke. Vielleicht, um sicherzugehen, dass das erste Ergebnis kein Laborfehler war. Vielleicht, um endlich für sich selbst Gewissheit zu haben. Das weiß nur er."

Jonas' Kiefer arbeitete, aber er sagte nichts.

„Ich weiß nicht mehr, wer Leos leiblicher Vater ist", sagte ich, und zum ersten Mal an diesem Abend zitterte meine Stimme nicht vor Wut, sondern vor der schlichten Schwere des Satzes. „Ich werde es wahrscheinlich nie mit Sicherheit wissen, und ich habe aufgehört, danach zu suchen. Aber ich weiß jetzt, was du getan hast, Jonas. Du hast ein Ergebnis in der Tasche getragen wie eine Waffe, die du ziehst, wann es dir passt. Heute wolltest du sie vor deiner Familie ziehen, um als der Großzügige dazustehen, der Klara verzeiht. Nur hast du vergessen, dass ich in der Zwischenzeit auch lesen kann."

Stille. Frau Dr. Haller presste die Lippen zusammen, als hätte jemand in ihre Torte gespuckt.

„Das ist doch alles Spekulation", zischte sie schließlich.

„Dann soll er den Umschlag aufmachen", sagte ich. „Vor allen. Und dazu die Rechnung von Januar, die er sicher auch noch irgendwo trägt."

Jonas hielt den Umschlag in der Hand, reglos. Dann tat er, was ich ihm nicht zugetraut hatte: Er riss ihn mitsamt Inhalt mitten durch. Dann nochmal. Bis die Blätter als Konfetti auf dem Boden lagen.

„So", sagte er. „Das Thema ist erledigt."

Ich schaute auf die Schnipsel, auf ein Eckchen mit einer Zahl darauf, die ich schon kannte.

Dann schaute ich hoch.

„Nein", sagte ich. „Das Thema ist erst der Anfang."

Ich nahm Leo, der an meinem Ohr zog, aus dem Stuhl und ging in den Flur. An der Garderobe hing mein Mantel neben dem von Frau Dr. Haller. Ich legte Leo auf einem Sessel ab, holte mein Handy hervor.

Hinter mir stand schon die Familie im Türrahmen, ein einziger Block aus Anzügen und Perlen. Jonas hatte die Hände in den Taschen. Er lächelte nicht mehr.

„Was willst du jetzt machen?", fragte er.

Ich wischte über das Display, öffnete die Banking-App und tippte auf dem gemeinsamen Konto einen Betrag ein. Dann drehte ich das Handy um, damit er es sah.

„Ich überweise dir das Geld für den ersten Test zurück", sagte ich. „946 Euro. Damit zwischen uns nichts mehr offen ist, was Geld betrifft. Den Rest klären wir vor Gericht."

Ich drückte auf Senden. Dann zog ich meinen Mantel an, hob Leo vom Sessel, und die kleine Elefantendecke rutschte mir über den Arm, während ich zur Tür ging.

„Und was glaubst du, was das jetzt bringt?", rief seine Mutter, aber ich war schon draußen, der Kies knirschte unter meinen Stiefeletten.

Am Auto wartete ich, bis Jonas die Tür aufriss und mir hinterherkam. Er war blass, obwohl es nur der Wind vom Park war, der ihm ins Gesicht fuhr.

„Klara, denk nach. Der Junge braucht die Familie."

Ich schnallte Leo in den Kindersitz. Er patschte mit den Fäusten gegen den Gurt. Dann richtete ich mich auf und sah Jonas direkt an.

„Der Junge braucht eine Mutter, die ihn nicht belügt", sagte ich. „Und eine Mutter, die nicht monatelang glaubt, sie hätte etwas falsch gemacht, während der Vater ihres Kindes ganz genau weiß, was Sache ist, und schweigt."

Ich stieg ein, startete den Motor. Im Rückspiegel sah ich, wie er vor dem Portal stand, die Hände auf den Oberschenkeln, als hätte er gerade einen Scheck abgegeben, der nicht gedeckt war.

Zwei Wochen später, an einem Montagmorgen in einer Kanzlei in der Maxvorstadt, lag meine Unterschrift auf der Trennungsvereinbarung. Ich setzte sie mit einem Stift, der fast leer war, und musste zweimal ansetzen. Der Anwalt schob mir ein Taschentuch hin, aber ich brauchte keins.

Ich ging nach Hause in die Zweizimmerwohnung in Haidhausen, die ich noch vor der Ehe gekauft hatte — die einzigen vierzig Quadratmeter, die nie jemandem außer mir gehört hatten. Auf dem Küchentisch lag ein Stapel Post. Zwischen den Briefen steckte die endgültige Rechnung des Labors, mit dem Stempel „ausgeglichen" und einer Summe, die nun lautete: **0,00**.

Jonas schrieb mir sechs Tage lang nichts. Am siebten Tag kam eine Nachricht aufs Handy, nur ein Satz: *„Der Termin beim Jugendamt steht. Du hast es so gewollt."*

Ich antwortete nicht. Ich ging in die Küche, setzte Wasser für Fencheltee auf und tippte stattdessen auf dem Handy einen neuen Eintrag in die Notizen:

*Montag, 10:15 Uhr — Sorgerechtsberatung, Unterlagen mitnehmen.*

*Dienstag, 18:55 Uhr — Rückgabe der geliehenen Jacke an seine Schwester, per Post.*

*Mittwoch, 12:30 Uhr — Besprechung mit der Bank, Vollmacht entziehen.*

Dann löschte ich den Kontakt „Jonas ❤️" aus dem Telefon.

Leo, der an meinem Pullover zerrte, bekam seinen Tee lauwarm in den Becher mit dem Fuchs. Ich hob ihn auf den Schoß und hielt sein Handgelenk, während er trank, und spürte zum ersten Mal seit Monaten meinen eigenen Puls, ohne dabei an seine Familie zu denken.

Die Klingel ging um neun. Ich öffnete; draußen stand die Frau von der Vermittlung für Tagesmütter, die ich am Vortag angerufen hatte. Ich bat sie herein, bot ihr den freien Stuhl an und legte ihr die vier Seiten des Betreuungsvertrags hin.

„Es geht ab dem Ersten", sagte ich.

„Und der Vater?"

„Der Vater", sagte ich und schob ihr den Stift über den Tisch, „wird schriftlich zugestimmt haben. Oder auch nicht. Wir regeln das."

Sie nickte. Während sie las, stand ich am Fenster. Draußen fuhr die Tram vorbei, eine Frau mit Marktbeutel, ein Mädchen auf dem Laufrad. Erst als der Vertrag unterschrieben vor mir lag, spürte ich, dass ich den Fencheltee nicht einmal angerührt hatte.

Drei Wochen später stand Jonas vor meiner Tür, mit einer Mappe unterm Arm und einem Gesichtsausdruck, den ich nicht mehr deuten konnte.

„Das ist der Bericht vom Jugendamt", sagte er. „Er sagt, Leo braucht beide Eltern."

Ich nahm die Mappe an mich, blätterte die erste Seite auf. Oben stand sein Name, meine Adresse, das Aktenzeichen. Dann legte ich sie auf die Kommode im Flur, auf den Stapel mit Leos Krabbelanzügen.

„Weißt du, was Leo wirklich braucht?", fragte ich. „Einen Vater, der einen Umschlag elf Monate in der Jacke trägt und meint, das sei ein Plan."

Dann schloss ich die Tür ab — der Schlüssel drehte sich doppelt, weil ich das neue Schloss letzte Woche bei einem Schlüsseldienst in der Rosenheimer Straße hatte einbauen lassen.

Im ersten Monat schickte seine Mutter mir dreimal Blumen. Ich ließ sie annehmen und schenkte sie der Frau von nebenan, die im Treppenhaus immer nach Kohl und Gebäck roch.

Im dritten Monat rief Jonas an, sprach auf die Mailbox, er habe „ein Angebot". Ich hörte es nicht zu Ende an.

Im sechsten Monat saß ich auf dem Spielplatz an der Isar. Die Sonne schien durch die Kastanienblätter, fein wie Seidenpapier. Leo schaufelte Sand in einen alten Joghurtbecher. Daneben saß eine Mutter, die ich vom Krippenflohmarkt kannte, und fragte, ob ich hier neu sei. Wir redeten eine halbe Stunde. Beim Abschied sagte sie: „Hey, für den Kleinen wäre noch ein Platz in der Musikgruppe frei."

Ich schaute Leo an, seine sandigen Fäuste, sein übermütiges Grinsen, das keinem auf der Welt gehörte als ihm selbst.

„Ja", sagte ich. „Das machen wir."

Und noch etwas fiel mir ein, als ich an diesem Abend die Wohnungstür zusperrte: das Papier im Flur, der Bericht vom Jugendamt, lag immer noch unberührt auf der Kommode. Ich hob ihn hoch. Oben auf der ersten Seite klebte ein gelber Notizzettel, den ich nicht beschriftet hatte.

Darauf stand in kleiner Druckschrift:

*„Ruf an, wenn du bereit bist, über alles zu reden. Ohne Anwälte."*

Ich hielt den Zettel lange in der Hand. Dann drehte ich ihn um, schrieb auf die Rückseite ein Datum — in drei Wochen, einen Mittwoch um 15 Uhr — und schob ihn in Leos Notfallmappe, zu den Impfpass-Kopien, ganz nach hinten.

Vielleicht würde ich anrufen. Vielleicht würde ich das Datum verschieben. Vielleicht würde ich die Mappe eines Tages in der Gelben Tonne ausleeren.

Aber heute nicht.

Heute badete ich meinen Sohn, schrubbte ihm die Knie mit einem Schwamm, der nach Lavendel roch, und las ihm aus dem Buch mit dem Fuchs vor, bis seine Lider schwer wurden.

Erst viel später, als das Zimmer dunkel war und ich vom Balkon aus die Lichter von Haidhausen sah, fiel mir wieder ein, dass ich am Morgen den neuen Stand meines Kontos nicht geprüft hatte. Ich öffnete die Banking-Benachrichtigungen.

Die Überweisung von vor sieben Monaten — die 946 Euro — hatte einen Vermerk, den ich beim ersten Mal übersehen hatte, weil ich den Kontoverlauf danach gelöscht hatte. Jetzt scrollte ich hoch, zwei Zeilen über dem Absender: *„Vielen Dank für die Erstattung. Der Betrag für die zweite Analyse (1.208,40 €, veranlasst Januar) wurde bereits vollständig von meinem eigenen Konto beglichen."*

Also hatte er es doch selbst bezahlt. Ich saß lange da, den Rücken an die Balkonbrüstung gelehnt, und dachte über diesen einen Satz nach, bis er endlich das war, was er wirklich war: kein Beweis für irgendetwas, nur eine Rechnung, beglichen von einem Mann, der zu spät gelernt hatte, dass Geld die einzige Sprache war, in der er sich noch entschuldigen konnte.

Wer Leos leiblicher Vater war, würde ich vermutlich nie erfahren. Ich hatte in den Wochen danach mit dem Gedanken gerungen, doch noch einen eigenen Test zu machen — heimlich, ohne Jonas, nur für mich. Ich hatte sogar einmal die Nummer eines Labors in der Maximilianstraße im Handy gespeichert. Aber als ich Leo am nächsten Morgen beim Frühstück ansah, wie er mit dem Löffel gegen die Schüssel schlug und lachte, wusste ich, dass die Antwort nichts an der Frage ändern würde, die für mich zählte: Ich war seine Mutter, und das reichte. Ich löschte die Nummer wieder.

Dann stand ich auf, ging hinein und holte die Notfallmappe aus dem Regal. Ich zog den gelben Zettel wieder hervor, setzte den Stift an und strich das Datum durch.

Darunter schrieb ich in Druckbuchstaben:

*„Über Leo reden wir gern. Über alles andere nicht mehr."*

Ich legte den Zettel in die Mappe zurück, schob sie in die Schublade im Flur. Dann ging ich ins Schlafzimmer, wo Leo im Bettchen schlief, einen Arm ausgestreckt, die kleine Hand halb geöffnet.

Ich zog die Decke über sein Füßchen, ließ die Jalousie einen Spalt offen, und während hinter dem Fenster die letzte Bahn mit ruhigem Rattern Richtung Ostbahnhof fuhr, setzte ich mich an den Schreibtisch und öffnete den Brief der Bank, der noch ungeöffnet in meiner Handtasche gesteckt hatte.

Die neue Verfügungsnummer stand darin, die alte Vollmacht war erloschen. Ich trug sie in mein Notizbuch ein, setzte das Datum daneben und schob das Buch in die Schublade.

Draußen wurde es hell, als ich endlich ins Bett ging. Das war in Ordnung. Ich war es nicht gewöhnt, zu schlafen, wenn alles offen war.

Zwei Jahre später, an einem nasskalten Nachmittag im März, kam ein dicker Brief vom Familiengericht. Darin stand, dass die Sorgerechtsverhandlung in vier Wochen stattfinden würde, Saal 207, Landgericht München I. Am selben Abend lief mir auf dem Weg zur Kita eine Nachricht über den Schirm: *„Ich bin jetzt auch in der Musikgruppe. Wenn du willst, komm vorbei. Kein Druck."*

Es war Jonas' neue Partnerin. Ich antwortete nicht sofort. Ich stand am Fenster der Konditorei in der Weißenburger Straße, hielt mir einen warmen Becher zwischen den Fingern und sah zu, wie der Regen auf die Hauben der geparkten Autos trommelte.

Dann tippte ich zurück: *„In vier Wochen vielleicht. Nach dem Gericht."*

Ich schaute auf die Uhr über der Ladentheke. 17:52. In acht Minuten schloss der Kindergarten. Ich trank den Rest ab, stellte den Becher auf den Tresen, und als mir die Verkäuferin ein freundliches „Bis bald" hinterherrief, wusste ich, dass ich zum ersten Mal seit langer Zeit auf einen Termin ging, ohne dass mir die Hände zitterten.

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Uniad
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