Die Rechnung im Flurschrank

Kerstin hatte den Ordner extra hellblau gekauft, damals im Herbst, im Schreibwarenladen am Wochenmarkt in Lüdenscheid. Sieben Monate lang wanderten Kassenzettel und Kontoauszüge hinein, jeder mit Datum, jeder mit Betrag. Sie hatte nie vorgehabt, Buch zu führen über das Zusammenleben mit ihrer Schwester. Es hatte sich einfach so ergeben, weil irgendjemand die Zahlen im Kopf behalten musste, wenn schon keiner sie aussprach.

Angelika war im Januar eingezogen, nach der Trennung von ihrem Freund, mit zwei Koffern und dem Versprechen, dass es "nur für ein, zwei Monate" sei, bis sie wieder auf die Beine komme. Kerstin hatte ihr das Kinderzimmer freigeräumt, das seit dem Auszug ihres Sohnes nach Dortmund leer stand, und gesagt: kein Problem, wir sind Schwestern.

Der Fernseher im Wohnzimmer lief abends fast immer, irgendeine Kochsendung, die Angelika mochte, während draußen die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbeiratterte und der Geruch von Frittiertem aus dem Dönerladen unten im Haus bis in den vierten Stock zog. Ein Nachbarshund, ein Dackel namens Günther, bellte jeden Abend um kurz nach sechs, wenn sein Herrchen von der Arbeit kam. Kerstin hatte sich daran gewöhnt wie an eine Uhr.

Die erste Miete hatte Angelika noch mitgetragen, dreihundertzehn Euro, ihren Anteil. Danach kam eine Ausrede, dann noch eine. Erst das Auto, das in die Werkstatt musste, dann die Zahnarztrechnung, dann "ich warte noch auf mein Gehalt, das kommt bestimmt nächste Woche". Kerstin hatte gezahlt, wieder und wieder, für die Wohnung, für Strom, für den Wocheneinkauf bei Rewe, für das Katzenfutter, obwohl die Katze eigentlich Angelikas war.

Sieben Monate. Neuntausendzweihundertvierzig Euro hatte Kerstin im Ordner zusammengerechnet, eines Abends, mit dem Taschenrechner ihres alten Nokia, weil sie dem neuen Handy aus irgendeinem Grund nicht traute bei so einer Zahl. Sie hatte die Ziffern zweimal nachgerechnet. Neuntausendzweihundertvierzig.

Sie wollte nicht streiten. Das war das Ding. Angelika war ihre einzige Schwester, zwei Jahre jünger, und wenn sie stritten, dann richtig, mit zugeschlagenen Türen und wochenlangem Schweigen, das noch aus der Kindheit stammte, aus dem Haus der Eltern in Hagen, wo ihr Vater immer gesagt hatte, Familie zahlt für Familie und fragt nicht nach.

Also fragte Kerstin nicht. Bis zu diesem Dienstagabend im August, als Angelika mit einer neuen Handtasche nach Hause kam, cognacfarbenes Leder, und beiläufig erwähnte, die habe sie sich "endlich mal gegönnt", für hundertneunzig Euro.

Kerstin stand in der Küche, die Kaffeemaschine gluckerte noch nach, und sie sagte nichts. Aber etwas in ihr kippte um, leise, wie ein Glas, das man zu nah an die Tischkante gestellt hat.

Sie holte den hellblauen Ordner nicht sofort. Erst zwei Tage später, an einem Donnerstagabend, während Angelika auf dem Sofa saß und mit dem Handy scrollte, den Fernseher im Hintergrund laufen ließ. Kerstin setzte sich ihr gegenüber, legte den Ordner auf den Couchtisch, zwischen die leere Chipstüte und zwei Kaffeetassen, von denen eine schon seit dem Vortag dort stand.

"Ich muss mit dir reden."

Angelika hob den Kopf kurz, dann wieder aufs Handy. "Was denn."

"Sieben Monate", sagte Kerstin. "Seit Januar zahle ich alles. Miete, Strom, Essen. Neuntausendzweihundertvierzig Euro, hab ich nachgerechnet."

Ein Schnauben. "Du zählst jetzt jeden Cent?"

"Ich hab nichts gezählt. Ich hab gezahlt. Und jetzt kommst du mit einer neuen Tasche nach Hause."

"Die war reduziert."

"Das ist nicht der Punkt, Angelika."

Ihre Schwester klappte das Handy zu, mit einer Bewegung, die mehr Wucht hatte als nötig. "Du weißt genau, wie es bei mir läuft. Ich hab gerade keinen Job, das ist doch nicht meine Schuld."

"Sieben Monate ohne Job ist auch keine Erklärung mehr für eine Handtasche."

"Also willst du mich rausschmeißen? Ist es das?"

"Ich will, dass du deinen Anteil zahlst. Dreihundertzehn Euro Miete, den Rest teilen wir uns bei Essen und Nebenkosten. Das ist alles."

"Ich hab kein Geld, Kerstin, das weißt du."

"Für die Tasche hattest du hundertneunzig."

Angelika stand auf, so schnell, dass die Kaffeetasse vom Vortag wackelte und einen dünnen braunen Fleck auf die Tischplatte spuckte. "Weißt du was, du klingst gerade genau wie Mama. Immer diese Abrechnungen."

"Und du klingst wie jemand, der denkt, er muss für nichts geradestehen."

Es blieb bei diesen Sätzen an diesem Abend. Angelika ging ins Kinderzimmer, das inzwischen ihr Zimmer war, und die Tür fiel zu, nicht laut, aber bestimmt. Kerstin saß noch lange am Tisch, der Ordner vor sich, und wischte den Kaffeefleck mit einem Küchentuch weg, ganz mechanisch, drei-, viermal über dieselbe Stelle.

Am nächsten Morgen redeten sie nicht miteinander. Angelika machte sich Toast, ließ das Messer mit Marmeladenresten in der Spüle liegen, ging zur Tür.

Kerstin rief ihr nach: "Wir müssen das klären."

"Später", sagte Angelika, ohne sich umzudrehen, und die Wohnungstür fiel ins Schloss.

Zwei Wochen zogen sich so hin. Höflich, kalt, aneinander vorbei. Angelika räumte demonstrativ ihr Geschirr weg, kaufte einmal Klopapier, als wolle sie beweisen, dass sie doch etwas beitrug. Kerstin sagte nichts mehr zum Geld. Aber sie hatte in diesen zwei Wochen etwas anderes getan.

Sie war bei ihrer Anwältin gewesen, einer alten Studienfreundin, die eine Kanzlei in der Altstadt hatte, gleich neben der Sparkasse. Kerstin hatte den Mietvertrag mitgebracht, der nur auf ihren Namen lief, und den Ordner mit allen Belegen. Die Anwältin hatte gesagt, das sei sauber dokumentiert, so etwas sehe man selten, meistens hätten die Leute nur ein ungutes Gefühl und keine Zahlen.

Am letzten Augustwochenende, einem Samstagmorgen, saß Kerstin wieder am Küchentisch, diesmal mit einem Umschlag statt des Ordners. Angelika kam aus dem Bad, Handtuch um die Haare gewickelt, und wollte weiter in die Küche zum Kühlschrank.

"Setz dich kurz."

"Ich muss gleich los, ich treff mich mit Sabine."

"Setz dich, Angelika."

Etwas im Ton ließ sie stehen bleiben. Sie setzte sich.

Kerstin schob den Umschlag über den Tisch. Darin: eine Aufstellung aller Zahlungen, unterschrieben und mit Datum, und ein zweites Blatt, ein Kündigungsschreiben für die Nutzung des Kinderzimmers, mit einer Frist von vier Wochen, wie es der Anwältin zufolge rechtlich sauber war, weil kein eigener Mietvertrag zwischen den Schwestern bestand, sondern nur eine mündliche Abmachung.

"Was ist das."

"Das ist die Aufstellung von allem, was ich seit Januar für uns beide bezahlt habe. Neuntausendzweihundertvierzig Euro. Und das andere Blatt ist eine Frist. Vier Wochen, ab heute. Du kannst dir in der Zeit was Eigenes suchen."

Angelikas Gesicht wurde bleich, dann rot. "Du schmeißt mich raus. Deine eigene Schwester."

"Ich schmeiß dich nicht raus. Ich sag dir, dass es ab jetzt einen Rahmen gibt. Entweder du zahlst deinen Anteil, ab September, jeden Monat pünktlich, dreihundertzehn Euro Miete plus die Hälfte der Nebenkosten – oder du suchst dir was anderes. Das ist kein Ultimatum aus Wut. Das steht so im Papier, das kannst du nachlesen."

"Ich hab kein Geld für eine eigene Wohnung."

"Dann fang an zu zahlen, was du hier zahlen kannst. Ich hab dir ein Konto extra eingerichtet, steht auf dem Blatt, Dauerauftrag ist schon vorbereitet, du musst nur unterschreiben."

Angelika blätterte die Papiere durch, ihre Finger zitterten ein wenig, als sie die Summe sah, schwarz auf weiß, mit jedem einzelnen Beleg dahinter aufgelistet, Datum für Datum. Rewe, 23. Januar, 87,40 Euro. Stadtwerke, 4. Februar, 142 Euro. So ging es weiter, Seite für Seite.

"Das hast du alles aufgeschrieben."

"Ich hab alles aufgehoben. Weil ich wusste, dass es irgendwann so weit kommt."

Angelika schwieg lange. Draußen bellte Günther, der Dackel, es war kurz nach zwölf, ungewöhnlich für ihn, vielleicht hatte sein Herrchen an diesem Samstag früher Schluss gemacht. Der Fernseher im Wohnzimmer lief immer noch, irgendeine Kochsendung im Hintergrund, obwohl niemand hinsah.

"Ich dachte, du machst das gern. Für mich."

"Ich hab's gern gemacht, am Anfang. Als es zwei Monate waren, wie du gesagt hast. Sieben Monate sind kein Anfang mehr."

Angelika unterschrieb an diesem Tag nicht. Sie stand auf, ging in ihr Zimmer, packte lauter als nötig eine Tasche und verbrachte das Wochenende bei ihrer Freundin Sabine. Kerstin räumte die Küche auf, wusch die Kaffeetassen, beide diesmal, und legte den Ordner zurück in den Flurschrank, neben die Steuerunterlagen, wo er hingehörte.

Am Montag kam Angelika zurück, mit rotgeweinten Augen, aber ruhig. Sie setzte sich an den Tisch, ohne dass Kerstin sie darum bitten musste, und unterschrieb den Dauerauftrag. Dreihundertzehn Euro, plus hundertfünfzig für Nebenkosten und Lebensmittel, ab dem ersten September, jeden Monat.

"Ich hasse dich nicht dafür", sagte Angelika leise, während sie den Kugelschreiber weglegte.

"Ich weiß. Ich dich auch nicht."

Im März des folgenden Jahres, als Kerstin beim Frühjahrsputz den Flurschrank ausräumte, um Steuerunterlagen für den neuen Ordner zu sortieren, fand sie unter einem Stapel alter Rechnungen einen Zettel, den Angelika offenbar vergessen hatte: eine Gehaltsabrechnung von einem Callcenter in Iserlohn, datiert auf März des vorigen Jahres, also aus der Zeit, in der Angelika behauptet hatte, arbeitslos zu sein. Kerstin faltete den Zettel entlang der alten Knickkante zusammen, schob ihn zurück unter den Stapel, genau dorthin, wo er gelegen hatte, und schloss die Schranktür. Auf dem Kontoauszug, der obenauf im neuen Ordner lag, stand das Datum des ersten März, Dauerauftrag Angelika, dreihundertzehn Euro, pünktlich eingegangen.

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