Renates Werkstatt: Der 24. Juli, der alles änderte

Die Werkstatt in der Mühlenstraße

„Ich hab keine Lust, mit dir über Geld zu reden, Klaus. Nicht heute."

Meine Schwiegermutter stand in der Tür der Werkstatt, die Hände in der Schürze vergraben, und roch nach Bremsenreiniger und dem billigen Kaffee aus der Thermoskanne, die seit dreißig Jahren auf demselben Regal stand. Ich war fünfzehn Jahre mit Sabine verheiratet, und in dieser Zeit hatte ich gelernt: Wenn Renate „nicht heute" sagt, meint sie „nie".

Dabei ging es nicht um Geld. Es ging um die Werkstatt selbst.

Sabines Vater, der alte Herbert, hatte die Autowerkstatt 1988 aufgemacht, noch zu Zeiten, als in Bottrop die Zeche lief und jeder zweite Kumpel einen Käfer oder einen Opel Kadett vor der Tür stehen hatte. Ich hab dort angefangen zu arbeiten, als ich zwanzig war, lange bevor ich Sabine überhaupt kannte. Herbert hat mir das Schrauben beigebracht, hat mir gezeigt, wie man eine Zylinderkopfdichtung wechselt, ohne dabei zu fluchen — was bei ihm selten vorkam, denn er fluchte eigentlich immer. Als er 2019 starb, an einem Dienstag im November, mit Regen, der gegen die Werkstatttore trommelte, hab ich am Grab gestanden und gedacht: Jetzt ist es meine Aufgabe, das hier weiterzuführen.

Ich hatte mich geirrt.

Herbert hatte nämlich, ohne dass irgendwer davon wusste — nicht Sabine, nicht ich, nicht mal sein eigener Steuerberater, wie sich später rausstellte —, testamentarisch verfügt, dass die Werkstatt zu gleichen Teilen an Sabine und ihre Schwester Petra geht. Zweiundzwanzig Jahre lang hatte ich für diesen Laden geschraubt, Ölwechsel gemacht, Kunden gehalten, sogar die Buchhaltung übernommen, als Herberts Augen schlechter wurden. Und dann stand da, schwarz auf weiß beim Notar in der Gladbecker Straße: mein Name kommt nirgends vor.

Man könnte meinen, das wär's dann gewesen. War es aber nicht.

Renate — Herberts zweite Frau, nicht Sabines leibliche Mutter, aber die einzige, die ich je als Schwiegermutter kannte, weil Sabines eigene Mutter früh gestorben war — die hatte nach Herberts Tod die Geschäftsführung übernommen. Offiziell „nur vorübergehend". In Wahrheit saß sie seit sechs Jahren an diesem Schreibtisch, mit Herberts altem Rechner, auf dem noch Windows 7 lief, und traf jede Entscheidung allein.

Ich geb's zu: Ich hab mich damit arrangiert. Vielleicht zu lange.

Was mich in diesem Sommer wirklich getroffen hat, war nicht mal die Sache mit der Erbschaft. Das war 2019, das war Schnee von gestern. Es war das, was im Juli passierte, als Renate ohne mit Sabine oder Petra zu reden, einen Kredit über achtunddreißigtausend Euro aufgenommen hat — auf den Namen der Werkstatt —, um damit die Immobilie ihres eigenen Neffen zu finanzieren, der in Gelsenkirchen einen Kiosk aufmachen wollte. Sie hat die Werkstatt als Sicherheit eingetragen. Unsere Werkstatt. Die, in der ich jeden Morgen um Viertel vor sieben das Rolltor hochziehe, bei jedem Wetter, seit fünfundzwanzig Jahren.

Ich erfuhr es zufällig, weil der Postbote einen Brief von der Sparkasse Bottrop in mein Fach warf statt in Renates — ein simpler Irrtum, zwei Nachnamen, die sich ähneln. Ich stand da mit dem Kuvert in der Hand, an der Werkbank, wo noch ein halb zerlegter Vergaser von einem alten Golf II lag, den ich für einen Stammkunden restaurierte, weil der Mann seit vierzig Jahren zu uns kam und nirgendwo anders hinwollte. Der Geruch von Metall und altem Öl in der Nase, draußen fuhr die Straßenbahn Richtung Innenstadt vorbei, dieses vertraute Rattern, das ich gar nicht mehr hörte, so gewöhnt war ich dran. Und dann diese Zahl auf dem Papier: achtunddreißigtausend.

Ich sag Sabine an dem Abend nichts. Erst am nächsten Tag, beim Frühstück, während unser Kater Motte über den Tisch strich und nach der Butter schnupperte, als hätte er ein Recht drauf, hab ich ihr den Brief hingelegt.

Sabine wurde still. Nicht wütend — still. Das war schlimmer.

„Sie hat unsere Existenz verpfändet. Für Timo."

Timo, der Neffe, hatte schon zweimal Geld von Renate bekommen und beide Male den Laden wieder zugemacht. Das wusste jeder in der Familie außer, so schien es, Renate selbst.

Was dann kam, war kein großer Knall. Es war eine Reihe von Telefonaten, von denen ich die meisten mithörte, weil Sabine den Lautsprecher anließ, während sie in der Küche das Geschirr abwusch — als könnte sie durch die Bewegung der Hände die Wut irgendwo hinlenken, die sonst keinen Ausweg fand. Petra, Sabines Halbschwester, war sofort auf unserer Seite. Sie lebte in Essen, arbeitete als Physiotherapeutin, hatte mit der Werkstatt praktisch nie was zu tun, außer dass ihr Name eben auch im Testament stand. „Wir lassen die Sicherheit löschen. Sofort. Und Renate tritt als Geschäftsführerin zurück, oder wir gehen zum Anwalt."

Renate reagierte, wie sie immer reagierte, wenn man ihr wehtat: Sie machte sich klein und unschuldig. „Ich hab das doch nur für die Familie gemacht. Timo ist auch Familie."

„Timo ist dein Neffe. Nicht unserer", sagte Sabine, und ihre Stimme, die sonst eher weich war, bekam eine Kante, die ich in fünfzehn Jahren Ehe vielleicht dreimal gehört hatte.

Ich will ehrlich sein: Ich hab in diesen Wochen viel falsch gemacht. Ich hab mich rausgehalten, wo ich hätte reden sollen, weil ich Angst hatte, als der Ehemann, der nicht mal Erbe ist, als Einmischer dazustehen. Ich hab Renate nicht direkt konfrontiert, sondern über Sabine kommunizieren lassen, was feige war. Und als Renate mich eines Abends anrief — es war ein Mittwoch, ich erinnere mich, weil im Radio gerade die Bundesliga-Konferenz lief, die ich eigentlich nie höre, aber irgendwie stand die Küchenradio noch an —, da hab ich zugehört, wie sie mir erklärte, ich solle Sabine „zur Vernunft bringen", weil „die Männer in der Familie das früher auch geregelt haben". Ich hab aufgelegt, ohne was zu sagen. Das war das Feigste von allem.

Die Sache eskalierte im August, an einem Samstag, an dem die Werkstatt eigentlich geschlossen war. Renate hatte sich mit dem Bankberater der Sparkasse verabredet, ohne jemandem Bescheid zu geben, um die Kreditbedingungen „neu zu verhandeln" — was in Wahrheit bedeutete: die Laufzeit verlängern, damit niemand so schnell merkte, wie tief das Loch schon war. Sabine erfuhr davon durch Zufall, weil Petra den Berater kannte, von einem früheren Patienten.

Wir fuhren zu dritt zur Werkstatt. Draußen hing dieser typische Ruhrgebiets-Spätsommerhimmel, grau-weiß, drückend, mit dem Geruch von Regen, der nicht fallen wollte. Renate saß schon mit dem Berater im kleinen Büro hinten, zwischen den Aktenordnern, dem alten Kalender von 2019, den nie jemand abgerissen hatte, und einem Bild von Herbert, das seit sechs Jahren schief an der Wand hing.

Ich hab die Tür aufgemacht — nicht laut, nicht dramatisch, einfach aufgemacht — und gesagt: „Der Termin ist beendet."

Der Berater sah verwirrt zwischen uns hin und her. Renate wurde rot im Gesicht, dieses Rot, das bei ihr immer kam, wenn sie ertappt wurde, nie, wenn sie sich schämte.

„Das geht dich gar nichts an, Klaus. Du bist nicht mal Erbe."

„Stimmt", sagte ich. „Aber ich bin derjenige, der hier seit fünfundzwanzig Jahren jeden Morgen das Tor aufmacht. Und ich bin verheiratet mit einer der zwei Frauen, denen dieser Laden gehört. Sie geht jetzt raus, Renate. Und Sie unterschreiben heute nichts."

Es war Petra, die dann den entscheidenden Satz sagte, ruhig, fast beiläufig, während sie eine Mappe auf den Tisch legte, die sie schon vorbereitet hatte — von unserem Anwalt in Bottrop, Herrn Wessling, den wir zwei Wochen vorher konsultiert hatten, ohne es Renate zu sagen: „Wir haben die Löschung der Sicherheit beim Notar bereits eingereicht. Und einen Antrag, dass die Geschäftsführung auf Sabine übergeht. Mit sofortiger Wirkung, sobald das Registergericht das bestätigt."

Renate schwieg lange. Der Berater packte leise seine Unterlagen zusammen und verließ den Raum, ohne ein Wort.

„Ihr wollt mich einfach so rausschmeißen. Nach allem, was ich für diese Familie getan hab."

Sabine antwortete nicht sofort. Sie ging zu dem schiefen Bild von Herbert, richtete es gerade — eine kleine, fast automatische Bewegung, so wie man ein Bild eben geraderückt, wenn man dreißig Mal am Tag daran vorbeigeht — und sagte dann: „Du hast sechs Jahre lang die Werkstatt meines Vaters geführt wie dein persönliches Sparschwein. Timo bekommt sein Geld nicht mehr aus unserer Sicherheit. Und du bekommst ab morgen eine Abfindung von zwölftausend Euro als ehemalige Angestellte der Geschäftsführung, mehr nicht. Das ist mehr, als dir eigentlich zusteht."

Ende September kam die Bestätigung vom Registergericht Gelsenkirchen. Sabine übernahm offiziell die Geschäftsführung, Petra blieb stille Teilhaberin mit einem Anteil, den sie ohnehin nie beanspruchen wollte, und ich bekam — zum ersten Mal in fünfundzwanzig Jahren — einen echten Arbeitsvertrag mit Gehaltsabrechnung, statt der stillschweigenden Abmachung, die Herbert und ich nie schriftlich festgehalten hatten.

Renate kam nicht mehr in die Werkstatt. Einmal, im Oktober, sah ich sie von Weitem, an der Bushaltestelle vor dem REWE, mit ihrem Rollkoffer, den sie immer für den Wocheneinkauf benutzte, weil ihr die Taschen zu schwer geworden waren. Sie sah mich nicht, oder sie tat so.

Motte, unser Kater, liegt jetzt oft in der Werkstatt auf dem alten Bürostuhl, den früher Herbert benutzt hat, in der Ecke neben dem Regal mit der Thermoskanne, die immer noch da steht, obwohl niemand mehr den Kaffee draus trinkt, den Renate früher gekocht hat. Sabine hat eine neue Kanne gekauft. Die alte steht trotzdem noch da. Manche Dinge wirft man einfach nicht weg, auch wenn man weiß, dass sie vorbei sind.

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