„Herr Doktor Stolz."
Er kannte die Stimme, ohne sich umzudrehen. Katharina Brenner stand am Tresen der Anmeldung, aufrecht, beide Hände auf einen geschlossenen Hefter gelegt. Ihr weißer Kittel saß makellos, das dunkle Haar streng nach hinten genommen. Die Praxis war noch leer, aber sie war offenbar schon seit einer halben Stunde da.
„Ich brauche die Patientenakte von Zimmer vier, Herr Mertens. Die Entlassung ist für morgen vorbereitet. Wenn Sie so freundlich wären."
Peter schob die Brille hoch. Er war seit drei Jahren in der internistischen Gemeinschaftspraxis angestellt, und in diesen drei Jahren hatte Katharina Brenner ihn exakt zweimal mit Vornamen angesprochen. Beim Bewerbungsgespräch und an dem Tag, als sein Vater starb.
„Guten Morgen, Frau Brenner", sagte er. „Die Akte liegt auf meinem Schreibtisch. Ich bringe sie Ihnen."
Sie nickte knapp, drehte sich um und verschwand in ihrem Zimmer am Ende des Gangs. Die Tür fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss.
Peter kannte die Geschichten über sie. Alle kannten sie. Dass sie einmal verheiratet gewesen sei, hieß es. Dass der Mann sie vor vielen Jahren verlassen habe, am Tag nach der Hochzeit, nein, am Morgen danach, nein, zehn Jahre später, niemand wusste es genau. Dass sie ein Kind verloren habe. Dass sie nie wieder jemanden an sich herangelassen habe. Sie war die beste Internistin der Stadt, unbestritten, und der kälteste Mensch, dem die Kollegen je begegnet sein wollten. Patienten fürchteten ihren Blick wie eine Diagnose. Wer mit ihr flirtete, bekam eine Antwort, die sofort den Blutdruck korrigierte.
Peter griff nach der Akte. Er wollte sie ihr einfach geben, schnell, wie jeden Morgen, und dann Patienten ziehen. Fieberkurven, Laborwerte, Ultraschallbefunde. Alles ging seinen Gang in dieser Praxis. Und dann sah er den Namen auf dem Deckblatt.
Rainer Mertens. Geboren 1957. Aufgenommen vor sechzehn Tagen mit Verdacht auf Pankreatitis. Verlegung auf die Privatstation nach Zimmer vier. Zuzahlung für das Einzelzimmer: 128 Euro pro Tag, abgerechnet über die private Krankenversicherung.
Peter stutzte. Rainer Mertens. Er kannte den Namen nicht aus der Kartei, sondern aus einer anderen Erinnerung. Vor Jahren, bei einem Abendessen der Klinik, hatte eine betrunkene Kollegin aus der Chirurgie den Namen fallen lassen. „Wissen Sie, wen unsere Frau Brenner mal heiraten wollte? So einen Mertens. Der war mal ihr Verlobter, der Mann hat sie sitzenlassen, fünf Tage vor der standesamtlichen Trauung."
Er schloss die Akte und brachte sie ihr. Sie nahm sie entgegen, blätterte, ohne aufzusehen.
„Danke. Sie können gehen."
Peter blieb an der Tür stehen. Auf dem Fensterbrett hinter ihr stand ein kleiner Ficus, halb vertrocknet. Eine angeschlagene Kaffeetasse mit dem Aufdruck „Ärztekammer Schleswig-Holstein 2011". Ein Kalender von vor drei Jahren, der noch am September hing. Er wusste selbst nicht, warum er das jetzt sagte.
„Mertens aus Zimmer vier. War das nicht Ihr ehemaliger Verlobter?"
Katharina Brenner legte den Kugelschreiber exakt parallel zur Aktenkante. Sie hob den Kopf.
„Die Entlassung ist morgen. Ich habe die Nachsorge mit dem Hausarzt geklärt. Wenn Sie hier stehen bleiben, verpassen Sie Ihre erste Patientin. Frau Jansen aus Travemünde ist um halb acht eingetragen, und sie kommt immer zwanzig Minuten zu früh."
Ihre Stimme war ruhig. Aber Peter sah, wie ihre Hand kurz das Papier glatt strich, an derselben Stelle, an der sie es schon glatt gestrichen hatte.
„Selbstverständlich", sagte er. „Entschuldigung."
Er ging. Aber an diesem Tag kam er nicht richtig in den Rhythmus. Zwischen den Patienten stand er am Empfang und tat so, als suchte er Formulare, und sah durch die Glastür der Anmeldung in den Gang. Katharina Brenner verließ ihr Zimmer genau zweimal. Einmal ging sie auf die Toilette. Einmal blieb sie vor der Tür zu Zimmer vier stehen, die Hand schon am Türgriff, und ging dann weiter in Richtung Teeküche, ohne einzutreten.
Am nächsten Morgen stellte Peter seinen alten blauen Fahrradkorb neben dem Eingang ab. Das Schloss war nass, die Finger kalt. Im Treppenhaus roch es nach feuchtem Putzmittel und dem Zimt von irgendeiner Zimmerpflanze vor der Tür der Dermatologie. Katharina Brenner stand am Empfang. Vor ihr auf dem Tresen lag die Entlassungspapiere, daneben ein kleiner Stapel Rezepte. Sie sprach mit der Arzthelferin.
„Wenn Herr Mertens die Unterlagen abholt, geben Sie ihm die Kopie der Laborwerte mit. Nur die Werte, keine Befunde. Die Werte."
Die Arzthelferin nickte.
Es klingelte. Ein großer Mann mit grauem Mantel trat ein, die nasse Zeitung unter den Arm geklemmt. Er war um die siebzig, schlank, mit dem bestimmten Gang eines Mannes, der gewohnt ist, dass man ihn kennt. Seine Schuhe waren teuer. Die Uhr an seinem Handgelenk war es auch.
„Ich bin Mertens", sagte er, ohne zu warten, bis er gefragt wurde. „Hier soll ich die Entlassung abholen."
Er sah sich um. Sein Blick blieb an Katharina hängen, glitt über ihr Gesicht, ihre Haltung. Peter beobachtete vom Kopierer aus.
„Dina", sagte Mertens.
Niemand nannte sie Dina. Sie hieß Katharina, manche Kollegen sagten „Fr. Brenner", die älteren sagten „Chefin". Dina.
Katharina legte beide Hände flach auf den Tresen. Dann nahm sie den obersten Bogen.
„Guten Tag, Herr Mertens. Hier ist Ihre Entlassungsliste. Die Medikation steht auf dem Beiblatt. Der Hausarzt in Bad Schwartau erhält die Unterlagen heute noch per Post."
Mertens lächelte, nahm die Papiere, faltete sie zweimal und schob sie in die Innentasche.
„Immer noch so ordentlich. Immer noch diese Pferdeohren."
Er meinte ihre Frisur, den strengen Knoten im Nacken. Peter wusste, dass sie sonst niemandem so etwas hätte durchgehen lassen. Aber sie antwortete nicht. Sie schob die restlichen Blätter zu einem Stapel und ging in ihr Zimmer. Die Absätze ihrer schwarzen Schuhe klackten nicht. Sie ging weich, fast lautlos, den Rücken gerade.
Mertens sah Peter an. „Kann ich die Rezepte mitnehmen?"
Peter wusste nicht, warum er das tat. Aber er trat einen Schritt vor.
„Ich glaube, die Rezepte liegen noch bei der Leitung. Nehmen Sie doch einen Augenblick im Wartezimmer Platz. Ich sage Bescheid."
Mertens schob die Zeitung unter den Arm und setzte sich auf einen der schwarzen Stühle neben dem Fenster. Peter ging den Gang hinunter. Er wollte nicht zu Katharina, nicht direkt. Er wollte nachdenken. Aber seine Füße trugen ihn zu ihrer Tür.
Dort saß sie am Computer, das Entlassungsformular halb ausgefüllt. Der Cursor blinkte. Auf dem Bildschirm stand der Name Rainer Mertens, darunter das Datum. Sie hatte nichts geschrieben, nur den Namen. Und dann sah Peter, dass sie den alten Kalender an der Wand abgenommen hatte. Er lag auf dem Schreibtisch, offen auf dem September von vor drei Jahren, mit roter Tinte ein Ring um einen Dienstag.
„Frau Brenner", sagte er. „Wollen Sie das wirklich so laufen lassen? Er kommt um die Rezepte. Aber er will, dass Sie ihm sagen, dass Sie ihn wiederhaben wollen. Sie wissen das."
Katharina stand auf. Sie nahm eine Unterschriftenmappe, legte das Formular hinein und reichte sie Peter.
„Herr Mertens bekommt seine Rezepte über die Anmeldung. Und Sie, Herr Kollege, gehen zu Frau Jansen. Sie wartet."
Peter blieb. „Er hat Sie Dina genannt."
„Ich glaube nicht, dass Sie im Entlassungsgespräch neben mir gestanden haben. Aber wenn Sie es so nennen wollen: Ja, so wurde ich mal genannt." Sie richtete die Kante der Mappe genau am Tischrand aus. „Einmal. Vor zweiundvierzig Jahren. Jetzt sind wir hier in der Praxis, er ist Patient, und das war alles."
Dann gab es einen Knall.
Vorn im Flur fiel die Zeitung zu Boden. Peter drehte sich um. Mertens stand auf, ging drei Schritte, hob die Zeitung auf. Sein Gesicht war rot. Er stützte sich kurz auf die Lehne des Stuhls. Dann griff er nach dem Rezeptblock, den die Arzthelferin ihm hinhielt, und verließ die Praxis.
Peter sah durch das Fenster. Draußen schob Mertens die Papiere in die Manteltasche. Seine Hand zitterte. Er öffnete den Rezeptblock und las. Peter konnte die Worte nicht sehen, aber er sah das Zögern, die kleine Pause, in der ein alter Mann das Blatt zweimal überfliegt, als stünde dort etwas anderes als ein Medikament.
Dann drehte sich Mertens zur Praxistür. Aber die Tür war zu. Neben der Klingel hing ein Schild: „Wir ziehen um. Ab nächster Woche neue Räume in der Holstenstraße 17."
Peter schaute zurück in den Flur. Katharina stand an ihrem Fenster, die Jalousie halb geschlossen. Sie hielt den Telefonhörer in der Hand, den Finger auf der Gabel. In der anderen Hand hatte sie die rote Tinte, mit der sie den Dienstag im Kalender umringelt hatte. Sie sah nicht auf. Sie wartete, bis es still war. Bis draußen niemand mehr atmete.
Am Nachmittag, als die Praxis leer war, legte Peter die alten Akten aus Katharinas Schrank in den Container für die Aktenvernichtung. Er wusste, dass sie ihn beobachtete. Aber sie sagte nichts. Erst als er den Deckel des Containers schloss, hörte er ihre Stimme hinter sich, leise und ohne jede Anstrengung.
„Herr Mertens hatte vor zweiundvierzig Jahren ein Angebot. Ein Haus in Niendorf, die Praxis des Vaters, ein Boot in der Wakenitz. Ich hatte auch ein Angebot. Von ihm. Er hat es zurückgezogen, zehn Tage vor der Trauung, mit einer Postkarte aus Kopenhagen." Sie zog den Telefonhörer zu sich heran. „Jetzt habe ich die Laborwerte. Mehr will er nicht von mir. Mehr bekommt er nicht."
Peter nickte. Er war froh, dass die Containerklappe sein Gesicht verdeckte.
Eine Woche später, in den neuen Räumen in der Holstenstraße, kam die Arzthelferin mit einem Brief. Der Absender stand in steiler, altmodischer Schrift auf dem Umschlag: Rainer Mertens, Bad Schwartau. Der Brief war an die Praxis gerichtet, nicht an Katharina.
Peter legte ihn auf ihren Schreibtisch, zu dem kleinen Ficus, der in der neuen Praxis erstaunlich grün geworden war. Am Abend nahm er den vollen Karton mit Altpapier mit nach unten. Der Brief lag obenauf.
Er zögerte. Dann warf er den Karton in die blaue Tonne, ohne den Umschlag zu öffnen.
Als er die Straße überquerte, hielt ein Taxi vor der Praxis. Die Beifahrertür öffnete sich. Mertens stieg aus, die Zeitung von vor einer Woche in der Hand, die Rezepte quer in der Manteltasche. Er sah nicht nach links oder rechts, sondern ging auf die Tür zu und drückte die Klingel.
Peter hörte den Summer. Die Tür öffnete sich nicht.
Er stieg auf sein Fahrrad und fuhr langsam los. Hinter sich hörte er noch einmal den Summer, kurz. Wie ein Herz, das zweimal schlägt, bevor es sich entscheidet.
