Ich war gerade mit der Kiste aus dem Keller nach oben gekommen, als Horst von nebenan um die Ecke bog. Er sah die vier zappelnden Fellknäuel, griff sich theatralisch an die Brust und rief: „Na, Gisela? Hast du der gnädigen Frau schon den Unterhalt für die Kätzchen in Rechnung gestellt?“ Er lachte, bis ihm die Tränen kamen. Ich drückte die Kiste fester an mich. „Sei still, Horst.“
Drei Tage vorher war ich in den Keller gegangen, um ein Glas Quittengelee zu holen, das ich im Herbst eingekocht hatte. Zwischen den Fahrradständern und alten Umzugskartons lag dieser Ton. Dünn, nass, beharrlich. Ich machte die Taschenlampe am Handy an. In der Ecke, auf einem zusammengelegten Betttuch, lag eine graue Katze. Um sie herum vier blinde, hilflose Geschöpfe. Sie trug ein rotes Halsband mit einer Nummer.
Ich wählte. Eine Frau meldete sich, ihre Stimme klang nach Büro, nach zu wenig Zeit. „Hier Schröder.“ – „Guten Tag, ich habe Ihre Katze gefunden. Im Keller, mit vier Jungen.“ Am anderen Ende sagte lange niemand etwas. Dann: „Die ist alt. Ich habe keine Zeit für das Tier. Soll die Natur das regeln.“ Und sie legte auf.
Ich stand da, die Hand noch am Ohr. So ein Satz hatte mehr Kälte als der ganze Keller. Dann stieg ich wieder hinunter, legte Kätzchen und Mutter in die Kiste und nahm sie mit nach oben. Ich schwor mir, die Vier nicht im Stich zu lassen. Nicht so, wie manche Leute es tun, wenn es unbequem wird.
Meine Enkelin Leonie kam am Nachmittag vorbei. Sie ist zwanzig, studiert in Hannover, wohnt aber noch bei ihren Eltern draußen in Linden. Sie stellte sich vor die Kiste, hockte sich hin und nahm vorsichtig den grauen Zwerg auf die Hand. „Oma, die kleinen Dinger sind Gold wert. Die kriegen wir alle unter.“ Ich holte den alten Wäschekorb vom Balkon und legte ein Handtuch hinein. „Fotos machen, ja. Aber keine Adresse angeben. Es gibt verrückte Leute da draußen.“
Leonie stellte die Bilder noch am selben Abend in ein lokales Online-Portal. Am nächsten Morgen war der Posteingang voll. Eine Frau aus der Südstadt schrieb, ihre Tochter habe sich seit Weihnachten nichts sehnlicher gewünscht als ein rotes Kätzchen. Eine Familie aus Bothfeld wollte gleich zwei Geschwister zusammen nehmen. Ich las jede Nachricht, notierte Namen, fragte nach Wohnung, Beruf, bisherigen Tieren.
Die Nachbarn halfen auch. Frau Brenner aus dem dritten Stock brachte eine Dose Aufzuchtmilch und eine alte Wärmflasche. Der junge Mann aus dem Erdgeschoss, der sonst nur seine Kopfhörer trägt, stellte mir einen Karton Streu vor die Tür. Horst, der sonst über jede Mieterhöhung und jeden falsch geparkten Roller meckert, schleppte ein Katzenklo an. „Unterhalt“, sagte er und kniff ein Auge zu. „Die gute Frau soll zahlen. Wer nicht kastriert, muss eben für die Folgen gerade stehen, hab ich recht?“
Am vierten Tag traf ich die Besitzerin auf der Treppe. Sie trug einen hellen Trenchcoat, das Haar streng zurückgebunden, an den Füßen Lederstiefel, die aussahen wie eine halbe Monatsmiete. „Sie sind also die Katzenretterin“, sagte sie und musterte mich. „Ich an Ihrer Stelle hätte die einfach ins Tierheim gebracht.“
„Das ist Ihre Katze, Frau Schröder. Sie hätten sie sterilisieren lassen müssen. Dann gäbe es keine Kätzchen.“
„Und jetzt? Wollen Sie mir eine Rechnung schicken?“ Sie lachte, aber es klang hohl. „Ich habe mit der Sache nichts mehr zu tun.“
Da begann es in mir zu kochen. „Die Rechnung? Zweiundsechzig Euro vierzig für den Tierarzt, weil eines der Kätzchen eine Lungenentzündung hatte. Dazu Futter, Streu, eine Katzentoilette. Wollen Sie den Kontoauszug sehen? Das Futter hat Frau Brenner bezahlt, den Streu der Junge aus dem Erdgeschoss. Soll ich jetzt mit dem Klingelbeutel durchs Haus gehen?“
Sie zog eine Augenbraue hoch, sagte nichts mehr. Dann drehte sie sich um. Ihre Absätze klackerten über den Flur, als hätte sie es eilig, wegzukommen.
Ich brachte die Kiste zurück in die Wohnung. Leonie kam an dem Abend mit einem Stapel ausgedruckter Fotos. Wir saßen am Küchentisch, der Tee zog ziehen, während draußen der Oktoberwind durch die Kastanien am Dammweg fuhr. „Die Frau aus der Südstadt will den Roten“, sagte Leonie. „Sie hat mir ein Bild von der Tochter geschickt, mit selbst gemaltem Bild vom Kätzchen.“
„Gut“, sagte ich. „Ein Tier zieht man nicht wie eine Jacke aus, wenn sie einem nicht mehr passt.“
Eine Woche später saß die graue Katze – ich nannte sie Frida – auf der Bank neben dem Hauseingang. Ich hatte ihr ein Geschirr gekauft und sie zum ersten Mal mit nach draußen genommen. Sie war misstrauisch, drückte sich an meine Beine, jede Bewegung eines vorbeifahrenden Autos machte sie flach. Da kam Frau Schröder um die Ecke, blieb stehen. Ihr Blick fiel auf das Tier. Dann auf mich. Ihr Gesicht war anders als auf der Treppe, weicher, nicht mehr so glatt.
„Darf ich?“, fragte sie halblaut. Ich gab ihr die Leine. Frida duckte sich erst, dann erkannte sie die Frau. Sie rieb ihren Kopf an ihrer Hand. Ein tiefes, raues Schnurren war zu hören, kein lautes, eher ein Motor, der lange nicht gelaufen war.
„Sie wartet auf Sie“, sagte ich. „Immer wenn die Kellertür aufgeht, dreht sie den Kopf. Tiere können nicht aufhören zu lieben, selbst wenn man sie wegwirft.“
Frau Schröder hielt die Leine so fest, dass die Finger weiß wurden. Sie schluckte. „Was habe ich an Kosten verursacht? Ich will das bezahlen. Nur sagen Sie es bitte nicht den Nachbarn. Horst würde mir das noch auf dem Friedhof vorhalten.“
Wir gingen nach oben. Ich zeigte ihr die Quittungen. Sie überwies den Betrag sofort per Handy. Zweiundsechzig vierzig für den Tierarzt, achtundvierzig für Futter, dreißig für die Kastration, die ich in der nächsten Woche geplant hatte. Insgesamt hundertvierzig Euro vierzig. Sie zahlte auf den Cent genau.
Am nächsten Morgen lag vor meiner Tür ein großer Sack Animonda und ein Zettel: „Für Unterhalt. N. S.“
Die restlichen Kätzchen fanden ein Zuhause. Frau Schröder brachte zwei Kolleginnen aus dem Büro mit. Das graue Mädchen nahm eine junge Frau, die gerade ihre erste eigene Wohnung bezogen hatte: Altbau, hohe Decken, Fensterbrett nach Süden. Den getigerten Kater holte eine Familie mit zwei Kindern aus Bothfeld ab. Als die leere Kiste vor mir stand, nahm Frau Schröder die Katze auf den Arm. „Frida bleibt bei mir“, sagte sie. „Wir fangen noch mal an.“ Sie schaute mich an. „Ich hätte Sie fast weggeschickt. Danke, dass Sie es nicht getan haben.“
Ich nahm die veterinärmedizinische Mappe, die ich angelegt hatte, und drückte sie ihr in die Hand. „Hier ist alles: Impfpass, Chipnummer, die Rechnung für die Kastration. Der Chip ist schon auf Ihren Namen registriert.“ Ich hatte das am Vortag online geändert, nachdem ihre Überweisung eingegangen war. Frau Schröder nahm die Mappe entgegen, klappte sie auf, las die Zeile. Ihr Gesicht bewegte sich kaum, dann presste sie die Lippen zusammen. „Sie haben mir die Katze offiziell überschrieben.“
„Ja. Damit es keine Missverständnisse gibt.“ Das war mein Abschluss, keine Rache. Ich wollte, dass sie versteht: Frida war jetzt ihre Verantwortung, vor dem Gesetz und vor dem Gewissen.
Sie ging mit der Katze im Arm die Treppe hinunter. An der Tür drehte sie sich um. „Hundertvierzig Euro vierzig“, sagte sie. „Ich habe sie nicht aus Mitleid gezahlt, sondern weil Sie recht hatten.“
Drei Monate später räumte ich den Küchenschrank auf. Hinter den Vorratsdosen fand ich einen Umschlag, den ich nicht kannte. Darin lag ein Kontoauszug der Tierklinik, datiert auf den Tag, an dem ich das erste Mal angerufen hatte. Über hundertvierzig Euro vierzig, mit Verwendungszweck: „Für die Katze im Keller, falls jemand sie rettet.“ Bezahlt von N. Schröder. Sie hatte das Geld schon überwiesen, bevor ich überhaupt den Hörer in der Hand hielt. Sie hatte nur nicht den Mut gehabt, die Katze selbst zu holen.
