Wut auf der Rüttinger Straße

– Entweder Sie nehmen ihn heute noch mit, oder ich binde ihn einfach draußen an der Ausfahrt fest, sagte der Mann im dunklen Kaschmirmantel und schob die Leine über den Empfangstresen.

Meike Brandt stand hinter dem Tresen der Kleintierpraxis Dr. Ostendorf in Hagen und legte den Kugelschreiber weg. Am anderen Ende der Leine saß ein Schäferhundmischling, grauschwarzes Fell, ruhige Augen. Er bellte nicht. Er zitterte nicht. Er sah den Mann nur an, als hätte er längst begriffen, was hier gerade geschah.

– Wo ist denn der Halter? – fragte Meike, ohne die Stimme zu heben.

– Tot. Mein Onkel. Herzinfarkt, letzte Woche, Beerdigung war Dienstag. Ich hab zwei Kinder und eine Doppelhaushälfte in Iserlohn, da passt kein Hund rein.

Sie roch kein Trauerhaus an ihm. Sie roch Rasierwasser, ziemlich teures, und Zigaretten, frisch geraucht auf dem Parkplatz. Und die Augen – die glänzten nicht vor Kummer. Die rechneten. Sie hatte diesen Blick schon einmal gesehen, bei einem Erbstreit um eine Katze, deren Besitzerin ein Reihenhaus in Letmathe hinterlassen hatte.

– Wie heißt der Hund?

– Rocky.

Bei dem Wort hoben sich die Ohren des Tieres, einen Zentimeter, kaum merklich.

– Impfpass, Chip, irgendwas dabei?

– Keine Ahnung. Straßenköter, hat halt das Grundstück bewacht. Onkel Dieter hat den vor drei Jahren aufgegabelt. Fertig, Geschichte zu Ende.

Meike kam um den Tresen herum, ging in die Hocke. Rocky beschnupperte ihre Hand und seufzte, so schwer, dass es fast menschlich klang. Am Halsband, ledern und abgewetzt, hing eine Blechmarke: „Rocky – bei Verlust bitte zurück in die Rüttinger Straße 14."

– Zu Ende ist eine Geschichte, wenn dem Menschen das Gewissen ausgeht, sagte sie und richtete sich auf. – Lassen Sie mir eine Nummer da. Ich melde mich, sobald ich einen Pflegeplatz gefunden habe.

– Kein Pflegeplatz. Ich hab keine Zeit, ich muss zurück nach Iserlohn.

– Dann nehmen Sie ihn eben wieder mit.

Er winkte ab. – Von mir aus.

Er drehte sich um, wollte die Leine straffziehen – da stemmte Rocky alle vier Pfoten in den Linoleumboden und knurrte. Nicht Meike an. Ihn. Der Mann wurde blass, fluchte leise, ließ die Leine fallen.

– Sollt ihr doch alle sehen, wie ihr klarkommt, sagte er noch. – Lange macht der's eh nicht mehr, ohne Herrchen.

Die Glastür fiel ins Schloss. Draußen startete ein Audi.

Rocky blieb.

Meike arbeitete seit sieben Jahren als Sprechstundenhilfe bei Dr. Ostendorf, einer Praxis im Erdgeschoss eines Altbaus an der Bahnhofstraße, gleich neben der Bäckerei, aus der morgens immer der Geruch von Mohnbrötchen durch die Ritzen der alten Fenster zog. Dutzende Tiere liefen jede Woche durch diese Praxis. An diesem Hund blieb sie trotzdem hängen. Vielleicht wegen des Blicks. Nicht hündisch, sondern beinahe menschlich – müde, geduldig, gekränkt.

Für die Nacht war kein Platz. Alle Boxen waren mit frisch operierten Katzen belegt. Meike legte eine Decke in die Abstellkammer, stellte Napf und Wasser hin. Rocky rührte das Futter nicht an. Er legte sich vor die Tür, die Schnauze auf den Pfoten.

– Beleidigt? – fragte sie.

Er hob kaum merklich die Augen.

– Oder wartest du?

Er blinzelte. Und starrte weiter auf den Türspalt.

In der Nacht setzte Schneeregen ein, dieser typische Ruhrgebiets-Nieselschnee, der auf keinem Wetterbericht ordentlich angekündigt wird und trotzdem jedes Jahr überrascht. Am nächsten Morgen kam Meike als Erste, eine halbe Stunde vor Praxisbeginn, und fand die Kammer leer. Die Tür stand einen Spalt offen – die Putzfrau hatte wohl am Vorabend den Müll rausgebracht und nicht bemerkt, dass sich etwas hinausschlich.

– Das hat mir gerade noch gefehlt, murmelte Meike.

Sie lief den Hinterhof ab, die Nachbargärten, die Mülltonnenplätze hinter dem Rewe, bis zur Bushaltestelle an der Ecke Wehringhauser Straße. Nirgends eine Spur. Ihr Handy zeigte sechs Uhr vierzig, in zwanzig Minuten kam Dr. Ostendorf, und sie hatte keine Ahnung, wie sie ihm erklären sollte, dass der Hund weg war.

Dann fiel ihr die Blechmarke wieder ein. Rüttinger Straße 14.

Sie rief ein Taxi, ließ Dr. Ostendorf eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, und fuhr los, noch im Praxiskittel, die Wintermütze schief aufgesetzt. Die Rüttinger Straße war eine ruhige Sackgasse mit alten Einfamilienhäusern, Vorgärten voller nasser Novemberblätter, irgendwo bellte ein Nachbarshund hinter einem Zaun. Vor Nummer 14 stand schon ein silberner Kombi mit Maklerschild im Fenster – „Objekt reserviert" – und daneben, zusammengekauert unter der Fichte im Vorgarten, lag Rocky. Er hatte den ganzen Weg quer durch die Stadt zurückgefunden, zu dem einzigen Ort, an dem für ihn noch etwas Sinn ergab.

Auf der Treppe stand der Neffe, das Handy am Ohr, und stritt sich mit jemandem über einen Notartermin – „nächste Woche Donnerstag, das muss klappen, ich hab schon einen Käufer aus Dortmund". Als er den Hund sah, verzog er das Gesicht.

– Der schon wieder. Ich ruf gleich das Ordnungsamt.

– Das brauchen Sie nicht, sagte Meike und ging in die Hocke. Rocky hob den Kopf, kam auf sie zu, ohne Eile, als hätte er auf genau diesen Moment gewartet.

– Nehmen Sie ihn mit, meinetwegen für immer, sagte der Mann. – Hauptsache, er verschwindet, bevor der Käufer kommt und sich am Zaun einen Straßenköter einbildet.

Meike sagte nichts. Sie band die Leine an Rockys Halsband, half ihm ins Taxi, und während der Fahrt zurück zur Praxis fiel ihr Blick immer wieder auf die Blechmarke in ihrer Handfläche. Rüttinger Straße 14. Sie drehte sie um. Auf der Rückseite, klein eingraviert, stand etwas, das sie beim ersten Mal übersehen hatte: „Notar Feldkamp, Hagen, Aktenzeichen DB-2019".

Am nächsten Tag rief sie die Nummer an, die sie beim Notariat im Branchenbuch fand, nur um sich zu erkundigen, ob es zu diesem Aktenzeichen ein Testament gebe – schließlich musste doch jemand offiziell für den Hund zuständig sein, wenn der Neffe das Haus verkaufte. Die Antwort der Notariatsangestellten überraschte sie: Herr Dieter Vahlbruch, verstorben, hatte tatsächlich ein Testament hinterlegt, drei Jahre zuvor, und darin stand nicht nur eine Regelung für den Hund. Es stand auch eine Klausel, von der der Neffe offenbar nichts wusste oder nichts wissen wollte: Sollte das Grundstück verkauft werden, bevor die im Testament genannte Frist von drei Monaten nach Testamentseröffnung verstrichen war, fiel der gesamte Verkaufserlös nicht an den Neffen, sondern an eine gemeinnützige Tierschutzstiftung in Hagen, der Dieter Vahlbruch selbst jahrelang als Ehrenamtlicher gedient hatte.

Der Notartermin, den der Neffe für Donnerstag mit dem Käufer aus Dortmund vereinbart hatte, lag genau zwei Tage vor Ablauf dieser Frist.

Meike hätte einfach schweigen können. Es war nicht ihre Angelegenheit, sagte sie sich, während sie Rocky in der Praxis den Rücken kraulte und er zum ersten Mal seit Tagen die Ohren entspannte. Aber sie dachte an den Zettel, den dieselbe Notariatsangestellte ihr am Telefon vorgelesen hatte – einen Satz, den Dieter Vahlbruch handschriftlich seinem Testament beigefügt hatte: „Für Rocky soll gesorgt werden, so wie ich für ihn gesorgt habe. Sollte mein Neffe daran kein Interesse haben, soll er auch an nichts anderem, was mir gehörte, Interesse haben."

Sie schrieb dem Notariat eine kurze E-Mail mit dem Hinweis auf den geplanten Verkaufstermin. Mehr tat sie nicht. Drei Tage später erschien Notar Feldkamp persönlich in der Praxis, ein grauhaariger Mann mit einer Aktentasche, die er wie einen Schatz vor der Brust trug, und bat um eine kurze Bestätigung, dass der Hund tatsächlich bei ihr sei und nachweislich vom Verstorbenen gehalten worden war. Es war die letzte fehlende Formalität, um die Klausel wasserdicht zu machen.

Am Donnerstagmorgen, zur exakt gleichen Uhrzeit, zu der in einer Notarstube in der Innenstadt der Kaufvertrag für die Rüttinger Straße 14 unterschrieben werden sollte, stand der Neffe stattdessen vor Feldkamps Schreibtisch und hörte sich an, dass der Vertrag nichtig war, bevor er überhaupt beurkundet werden konnte – die Frist war noch nicht abgelaufen, der Verkauf verstieß gegen die testamentarische Auflage, und der gesamte Erlös des Hauses, sollte es doch verkauft werden, würde nun automatisch der Tierschutzstiftung zufließen. Hundertzwanzigtausend Euro. So viel hatte der Käufer aus Dortmund geboten.

Der Neffe schrie im Notariat herum, drohte mit einem Anwalt, verlangte, das Testament sei gefälscht. Feldkamp legte ihm ruhig die Kopie mit der Unterschrift seines Onkels vor, notariell beglaubigt, unangreifbar. Am Ende blieb dem Mann nur, mit hochrotem Kopf die Tür hinter sich zuzuschlagen – vor verschlossenen Türen, buchstäblich, denn das Haus in der Rüttinger Straße wurde in den folgenden Wochen von der Stiftung übernommen, saniert und schließlich als betreute Pflegestelle für ausgesetzte Hunde eingerichtet.

Meike adoptierte Rocky offiziell zwei Wochen später. Sie unterschrieb den Übernahmevertrag an genau demselben Tresen, an dem der Neffe die Leine hingeworfen hatte, mit demselben Kugelschreiber. Rocky lag währenddessen unter dem Tresen und schlief, zum ersten Mal seit Tagen ohne die Schnauze zur Tür gerichtet.

Ein knappes Jahr später, im vergangenen Winter, rief die Leiterin der Tierschutzstiftung bei Meike an, um sich für eine Spendenaktion zu bedanken, an der Rocky als „Botschafterhund" auf einem Plakat mitgewirkt hatte. Nebenbei erwähnte sie, dass der Neffe versucht hatte, gegen die Stiftung zu klagen, und dabei vor Gericht zugeben musste, dass er von der Testamentsklausel schon Monate vor der Beerdigung wusste – ein Brief seines Onkels, den er einfach ungeöffnet in einer Schublade liegen gelassen hatte. Das Gericht wies die Klage ab. Meike legte an diesem Abend die Blechmarke mit Rockys altem Namen in eine kleine Schachtel neben dem Fernseher, direkt neben ein Foto von Dieter Vahlbruch, das ihr Feldkamp später geschickt hatte, und ließ Rocky, mittlerweile schwer und warm, wie jeden Abend auf ihren Füßen einschlafen.

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