Peters Katze im Sack

Der Junge ließ seinen Schulranzen einfach auf die Fliesen im Flur fallen. Das Geräusch hallte durch die ganze Wohnung, so wie der Knall, wenn bei uns im Treppenhaus die Hauseingangstür zufällt. Meine Hände rochen nach Zwiebeln, und ich stand da mit einem Küchenmesser in der Hand, als mein Sohn mich ansah, als hätte er gerade einen Mord beobachtet.

„Mama, der Petersen hat eine Katze in einen Sack gesteckt!“

„Welcher Petersen?“

„Der aus dem gelben Haus, das mit der kaputten Gartenpforte! Er hat sie in einen Jutesack gestopft und in seinen alten weißen Opel geworfen!“

Ich legte das Messer ab. „Bist du sicher?“

„Der Sack hat sich bewegt, Mama. Ich hab's genau gesehen. Die graue Katze mit dem weißen Fleck auf der Brust. Die sitzt sonst immer auf seiner Fensterbank. Und jetzt hat er sie in den Kofferraum gesperrt.“

Mein Sohn ist neun. Er lügt nicht. Er neigt eher dazu, Dinge zu genau zu nehmen, die Erwachsene längst übersehen. Die Pforte vom Petersen zum Beispiel. Seit letztem Frühjahr hängt sie schief in den Angeln, weil der Riegel abgebrochen ist. Jedes Kind in der Siedlung weiß das. Und die graue Katze, das stimmt auch. Ich hatte sie selbst oft genug hinter der Gardine sitzen sehen, mit ihrem zerfetzten linken Ohr, als würde sie jeden beobachten, der an dem gelben Haus vorbeigeht.

„Vielleicht bringt er sie zum Tierarzt“, sagte ich, ohne daran zu glauben.

„Im Sack? Wer bringt eine Katze im Sack zum Tierarzt? Die erstickt da drin!“

Er hatte recht. Man bringt keine Katze im Sack zum Tierarzt. Und plötzlich sah ich es selbst vor mir: den alten Mann, wie er den zappelnden Sack die Treppe runterträgt, ihn in den Kofferraum wuchtet, einsteigt, den Motor anlässt. Der weiße Opel Astra mit dem Rost an der hinteren Stoßstange, Baujahr irgendwann Mitte der Neunziger. Er stand jeden Morgen vor dem gelben Haus, auch wenn der Petersen nirgendwo mehr hinfuhr.

Seit seine Frau gestorben war, vor jetzt fast fünf Jahren, wirkte das Haus wie ein Gesicht, das niemanden mehr ansieht. Der Garten verwilderte. Im Winter lag das Laub vom Vorjahr noch auf den Beeten. Die Rollläden waren halb heruntergelassen, als hätte jemand mitten am Tag das Licht aufgegeben. Und dann war da diese Katze gewesen, die im September einfach auf seiner Türschwelle saß, als hätte sie dort einen Termin.

Ich erinnere mich noch, wie ich dachte: Vielleicht ist das gut für ihn. So ein Tier. Das zwingt einen dazu, aufzustehen, Futter zu kaufen, die Tür zu öffnen. Und jetzt das.

„Wann ist er losgefahren?“, fragte ich.

„Gerade eben. Ich bin die ganze Strecke gerannt.“

Ich schaute zur Wohnzimmeruhr. Kurz nach drei. Draußen wurde es schon dunkel, so wie es das jetzt um diese Jahreszeit immer tut. Die Straßenlaternen gingen gerade an, dieses orangefarbene Licht, das die Siedlung abends in eine Art Modellbahnlandschaft verwandelt. Irgendwo bellte der Hund von den Möllers aus der Nummer 12, so wie jeden Nachmittag, wenn der Postbote kam.

„Zieh deine Schuhe an“, sagte ich. „Wir gehen da jetzt hin.“

„Aber er ist doch weg.“

„Dann warten wir.“

Ich nahm die Zwiebelschalen, warf sie in den Biomüll, zog meine Jacke über und steckte den Wohnungsschlüssel ein. Mein Sohn stand schon an der Tür, die Schnürsenkel offen, den Ranzen immer noch mitten im Flur. Ich ließ ihn liegen.

Der Weg zu dem gelben Haus ist keine fünf Minuten. Man geht am Spielplatz vorbei, dann links an der Kastanienreihe entlang, dann über die kleine Brücke. Unser Viertel in Dortmund-Wickede besteht aus lauter solchen Fünfziger-Jahre-Häusern mit Vorgärten und schiefen Zäunen. Ich bin hier aufgewachsen. Der Petersen auch. Seit über vierzig Jahren wohnt er in dem gelben Haus, und wenn man genau ist, kennt jeder ihn und niemand kennt ihn. Seine Frau hieß Inge. Sie hatte eine Schwester in Bochum und backte jeden Sonntag Streuselkuchen. Das weiß ich, weil meine Mutter damals oft mit ihr am Zaun stand. Dann starb meine Mutter, dann starb Inge, und irgendwann fiel der Zaun um, und der Streuselkuchen wurde durch die graue Katze ersetzt.

Wir erreichten die schiefe Pforte. Der weiße Opel war nicht da.

„Siehst du“, sagte mein Sohn. „Er ist sie wegbringen.“

„Wegbringen“ klang aus seinem Mund wie ein Todesurteil.

„Wir warten hier“, sagte ich. „Er kommt bestimmt gleich wieder. Und dann rede ich mit ihm.“

Wir stellten uns an den Zaun. Mein Sohn kletterte auf den kleinen Mauervorsprung, der zum Vorgarten gehört, und ich lehnte mich an den Laternenpfahl. Es war kalt geworden. Die Kastanien rochen nach nassem Laub und Erde, dieser Geruch, der einem sagt, dass der Winter vor der Tür steht.

Eine halbe Stunde verging. Dann noch eine. Die Straße war ruhig. Ein Nachbar fuhr mit dem Fahrrad vorbei und grüßte knapp, ohne anzuhalten. Die Mülltonnen von der Nummer 8 standen schon für die Abholung am nächsten Morgen am Bordstein. Ich schaute auf mein Handy. Nichts.

„Mama?“

„Was denn?“

„Wenn er sie wirklich ertränkt hat…“

„Dann werden wir das nie erfahren“, sagte ich. Und bereute es sofort, denn mein Sohn sah mich an, als hätte ich ihn verraten.

„Doch. Das werden wir. Weil ich es gesehen habe. Und wenn du nichts tust, gehe ich allein zu ihm und sage, dass ich das gesehen habe.“

Da hörten wir das Auto.

Der weiße Opel bog um die Ecke, mit einem Geräusch, das man eher fühlte als hörte, so tief brummte der Motor. Der Petersen saß hinterm Steuer, graue Wollmütze, graue Jacke, die Hände oben auf dem Lenkrad. Er fuhr an uns vorbei, ohne uns anzusehen, hielt vor seiner Einfahrt an, setzte zurück und stellte den Motor ab.

Mein Sohn wollte losrennen. Ich hielt ihn an der Schulter fest.

„Bleib hier. Ich mach das.“

„Aber du machst es nicht richtig!“

„Ich mache es richtig. Bleib. Hier.“

Ich ging auf das Auto zu. Der Petersen stieg aus, knallte die Fahrertür zu und blieb einen Moment stehen, als würde er überlegen, ob er mich kennt. Dann drehte er sich um, öffnete den Kofferraum und holte eine leere Katzenbox heraus.

„Herr Petersen?“

Er sah auf. „Ja?“

„Mein Sohn sagt, Sie hätten eine Katze in einen Sack gesteckt. Die graue, die bei Ihnen wohnt. Stimmt das?“

Er hielt die Box mit beiden Händen fest, den Blick zwischen mir und dem Jungen hin und her wandernd.

„Ja“, sagte er. „Stimmt.“

Mir wurde heiß. Hinter mir hörte ich meinen Sohn. Er war mir doch gefolgt.

„Sie dürfen das nicht!“, rief er. „Das ist Tierquälerei! Ich hab Sie gesehen!“

Der Petersen sah meinen Sohn an. Dann mich. Dann trat er einen Schritt zur Seite und öffnete die hintere Wagentür.

„Kommt her“, sagte er leise. „Ich zeig euch was.“

Ich zögerte. Mein Sohn nicht. Er ging um das Auto herum und blieb vor der offenen Tür stehen. Ich folgte ihm.

Auf der Rückbank lag keine Katze. Da lag eine Decke, und darauf ein grauer Jutesack, aus dem an einer Ecke Schaumstoff quoll. Daneben ein schwarzes Kästchen, das leise blinkte.

„Das ist ein GPS-Sender“, sagte der Petersen. „Für Katzen. Ich hab ihn im Internet bestellt. Kommt aus Hamm, der Händler. Ich dachte, ich fahr kurz hin und lass mir zeigen, wie man das Ding anlegt. Damit ich die Kleine nicht verliere. Sie streunt nämlich gern. Und ich komm ihr nicht mehr so schnell hinterher wie früher.“

Er griff in seine Jackentasche und holte ein flaches, eingeschweißtes Teil heraus. Eine Katzenklappe.

„Und das ist für die Küchentür. Von meiner Schwägerin aus Bochum. Die hat gesagt, wenn ich die Katze schon behalte, soll ich ihr wenigstens einen eigenen Eingang machen. Hat sie gebraucht, die Klappe. Für zwanzig Euro. Ich hab sie heute abgeholt, gleich nach dem Tierbedarf. Und der Sack, den du gesehen hast“, sagte er zu meinem Sohn, „der war von den Gartenstühlen. Da war noch das Polster drin, von der Auflage. Deswegen hat sich das Ding wohl bewegt, als ich es reingeworfen hab. Es ist mir auf der Fahrt vom Sitz gerutscht.“

Mein Sohn starrte auf das blinkende Kästchen, dann auf den Sack.

„Und die Katze?“, fragte er leise.

„Die sitzt zu Hause. Vor der Heizung. Ich hab ihr frisches Wasser hingestellt, bevor ich los bin. Wenn ihr wollt, könnt ihr reinkommen und sie euch ansehen. Aber Schuhe bitte ausziehen. Der Flur ist frisch gewischt. Meine Frau hat das nicht gemocht, wenn man mit Straßenschuhen reintritt.“

Ich spürte, wie mein Sohn nach meiner Hand griff. Nicht aus Angst. Eher aus Verlegenheit.

„Entschuldigung“, sagte er leise.

Der Petersen zuckte nur mit den Schultern. Dann drehte er sich um und ging zur Haustür. An der Schwelle blieb er stehen und sah zu uns zurück.

„Ich mache euch einen Tee. Wenn ihr wollt. Und für den Jungen hab ich Apfelschorle da. Oder was Heißes. Kakao? Meine Frau hat früher immer gesagt, nach vier hat keiner mehr Hunger, aber Durst hat jeder.“

Wir gingen mit hinein.

Der Flur roch nach Möbelpolitur und kaltem Rauch, obwohl ich nirgends einen Aschenbecher sah. Die graue Katze lag wirklich vor der Heizung, auf einem zusammengefalteten Handtuch, das aussah, als wäre es noch von der Frau gewesen. Sie öffnete kurz die Augen, sah uns an, gähnte und schlief weiter.

Der Petersen stellte Wasser auf.

„Setzt euch“, sagte er. „Ich hol mal die Tassen.“

Und während er im Schrank kramte, konnte mein Sohn den Blick nicht von der Katze lassen. Wie sie dalag, mit ihrem ruhigen, zufriedenen Atem. Wie sie nichts von dem ganzen Nachmittag mitbekommen hatte.

Ich dachte an meinen Flur, an den liegengelassenen Ranzen, an die Rufe von der Tür, an das Herzklopfen meines Sohns, als er die Straße entlangrannte, um eine Katze zu retten, die längst in Sicherheit war.

Der Petersen holte drei Tassen aus dem Schrank. Es klirrte leise, so wie es klirrt, wenn jemand mit Dingen hantiert, die lange nicht benutzt wurden. Er stellte sie auf den Tisch, eine vor mich, eine vor meinen Sohn, eine vor seinen eigenen Platz, und goss den Tee ein, ohne zu fragen, ob wir überhaupt bleiben wollten.

Meine eigene Katze ist ein Jahr später zu mir gekommen. Grau, mit einem weißen Fleck. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mein Sohn ist heute siebzehn und hat den GPS-Sender, den er dem Petersen damals zum Geburtstag schenkte, noch immer im Kopf, wenn er erzählt, wie die Katze am Fenster saß, als wir gingen, und uns nachsah, als hätte sie die ganze Sache von Anfang an durchschaut. Wir winkten dem alten Mann zu, der in der Tür stand, die leere Katzenbox noch in der Hand, und er winkte zurück, ein bisschen zu lang, so wie man es tut, wenn man froh ist, dass noch jemand da war, mit dem man reden konnte.

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