Der Zaun meiner Mutter

Der Regen trommelte seit vier Tagen gegen die Fenster von Rosenheim, und der Inn führte mehr Wasser, als ich je gesehen hatte. Ich heiße Verena Brandt, bin zweiundvierzig, arbeite als Physiotherapeutin, und an diesem Freitagabend im November stand ich mit dem Telefon in der Hand vor der Karte des Katastrophenschutzes, die gerade Alarmstufe Rot für unseren Landkreis anzeigte.

Meine Mutter, Ingrid, lebt seit elf Jahren in einem kleinen Haus unten am Fluss, direkt hinter dem alten Sägewerk. Das Grundstück, auf dem früher das Elternhaus stand, gehörte ursprünglich meinem Vater und nach seinem Tod formal meinem Bruder Klaus, der als Ältester im Erbvertrag als Eigentümer eingesetzt worden war – mit der ausdrücklichen Auflage, unserer Mutter ein gleichwertiges Wohnrecht zu sichern, falls er über das Grundstück verfügt. Klaus verkaufte das alte Haus binnen sechs Monaten mit ordentlichem Gewinn, kaufte davon das kleinere Haus am Sägewerk für Ingrid und behielt den Rest, wie er es nannte, "für die Familie" – sprich, für die Doppelgarage seines eigenen Neubaus zwei Straßen weiter. Im notariellen Kaufvertrag für das neue Haus hatte er, wie sich später herausstellen sollte, tatsächlich ein lebenslanges Wohnrecht zugunsten von Ingrid eintragen lassen. Nur ins Grundbuch geschafft hatte er es nie.

Das Wasser stand an diesem Abend schon bis zur zweiten Stufe der Kellertreppe.

Ich rief ihn an. Drei Mal. Beim vierten Versuch nahm er ab, mit Fernsehgeräuschen im Hintergrund, irgendeine Quizsendung.

„Klaus, der Pegel beim Sägewerk ist rot. Mama muss da raus."

„Übertreib nicht, die haben letztes Jahr auch Alarm gegeben und es war nix."

„Ich fahr jetzt hin."

„Mach das. Ich hab hier grad zu tun."

Zu tun. Bei einer Pilsflasche und der Fernbedienung.

Ich fuhr die zwölf Minuten zu ihrem Haus im Regen, die Scheibenwischer auf höchster Stufe, und dachte an den Wintermantel, den ich noch von ihr im Auto liegen hatte – roter Loden, der Kragen leicht ausgefranst, weil der Nachbarshund, ein alter Bernhardiner namens Rocky, ihn im Frühling einmal erwischt hatte, als er über den Gartenzaun sprang. Solche Kleinigkeiten fallen einem in solchen Momenten ein, ich weiß auch nicht, warum.

Ingrid stand in der Küche und packte in aller Ruhe Fotoalben in eine Einkaufstüte von Edeka, als wäre es ein normaler Umzug und keine Evakuierung.

„Mama, wir müssen los, jetzt."

„Ich warte auf Klaus."

„Klaus guckt fern."

Ihre Hand blieb kurz auf einem Album liegen, dem mit dem Hochzeitsfoto ihrer eigenen Eltern von 1958. Sie legte es zurück auf den Tisch, nahm nur die Tüte, und wir gingen.

Im Auto, während das Wasser schon über die Bordsteinkante der Uferstraße lief, rief die Nachbarin an – Frau Steinke, die seit Jahrzehnten im Haus gegenüber wohnt und Ingrid regelmäßig Kaffee bringt, wenn diese ihre Beinschmerzen hat. Sie berichtete, der Fluss habe die alte Trafostation erreicht, das ganze Viertel sei ohne Strom, die freiwillige Feuerwehr fahre mit dem Boot durch die Sägewerkstraße.

Wir kamen bei mir an, ich machte Tee, meine Mutter saß am Küchentisch und sagte lange nichts. Dann, leise, aber ohne zu zittern: „Er hat mir ein Haus gekauft, das er selbst nicht wollte. Und jetzt will er auch nicht kommen, wenn es untergeht."

Am Samstagmorgen, als der Pegel sich stabilisierte und der Katastrophenschutz die Alarmstufe auf Orange senkte, fuhren wir zurück. Das Wasser hatte sich bis knapp unter die Fensterbank im Erdgeschoss gezogen. Der Teppich im Flur war hin, die Kommode mit den Schubladen aufgequollen, der alte Kühlschrank kippte leicht zur Seite.

Klaus stand schon davor, in Gummistiefeln, die er sich offensichtlich extra für den Fototermin – so kam es mir vor – übergestreift hatte. Er sagte etwas von „Versicherung klären" und „das wird schon".

Meine Mutter ging an ihm vorbei, direkt zur Kommode im Flur. Sie zog die unterste Schublade heraus, die vom Wasser noch am wenigsten erwischt war, und holte eine Plastikmappe hervor, die sie dort all die Jahre aufbewahrt hatte – den notariellen Kaufvertrag für dieses Haus, mit der Klausel über ihr lebenslanges Wohnrecht, das Klaus ihr damals zur Unterschrift vorgelegt und danach nie ins Grundbuch eintragen lassen hatte.

„Hier steht's schwarz auf weiß, Klaus. Wohnrecht, lebenslang, eingetragen im Grundbuch von Rosenheim – stand's zumindest im Vertrag. Nur im Grundbuch selbst steht nichts. Hast du vergessen, oder war's dir egal?"

Klaus schob die Hände in die Taschen der Regenjacke. „Das war Formsache, Mama. Das Haus gehört doch de facto dir, ich hab da nie was dran verdienen wollen -"

„Du hast am alten Haus verdient und dir davon die Garage gebaut", sagte sie, und zum ersten Mal an diesem Wochenende wurde ihre Stimme laut. „Und jetzt steht dieses Haus unter Wasser, und ich hab nicht mal ein Papier, das mir was garantiert. Das reparieren wir am Montag."

Sie tippte die Nummer des Notars in der Poststraße noch am selben Abend in ihr Telefon, den Namen hatte sie sich vor Wochen schon notiert, falls es einmal so weit kommen sollte. Termin für Montag, zehn Uhr.

Im Wartezimmer des Notariats hing ein Kalenderblatt vom November schief an der Wand, irgendwer hatte vergessen, den Oktober abzureißen. Ingrid hielt die Mappe auf dem Schoß, mit beiden Händen, so wie man etwas hält, das einem gehört und das man nicht mehr aus der Hand gibt.

Klaus rief zweimal an, während wir warteten. Sie ließ das Telefon beide Male klingeln, bis es von selbst aufhörte.

Dann wurden wir aufgerufen. Notar Wegscheider, ein hagerer Mann mit randloser Brille, breitete den Vertrag auf dem Schreibtisch aus und fuhr mit dem Finger die Klausel entlang, während er laut vorlas: „… verpflichtet sich der Erwerber, zugunsten von Frau Ingrid Brandt ein lebenslanges, unentgeltliches Wohnrecht an dem vorbezeichneten Grundstück zu bestellen und dieses binnen sechs Monaten nach Beurkundung im Grundbuch eintragen zu lassen." Er sah auf. „Das ist eindeutig. Die Eintragungspflicht bestand unabhängig vom Zustand des Hauses. Dass sie elf Jahre lang versäumt wurde, ändert nichts an ihrer Gültigkeit – Ihr Wohnrecht ist vertraglich verbrieft und einklagbar, Frau Brandt. Wir tragen es heute noch nach."

Ingrid nickte nicht, sie legte nur die Mappe auf den Tisch, glättete sie mit der flachen Hand, als würde sie ein Tischtuch für den Sonntagsbraten zurechtziehen.

„Und wenn das Haus jetzt saniert oder verkauft werden muss, wegen des Wassers?", fragte sie.

„Dann besteht Ihr Wohnrecht am Grundstück fort, unabhängig davon, wer Eigentümer ist oder was gebaut wird. Ein neuer Eigentümer müsste es übernehmen. Es sei denn, Sie verzichten selbst schriftlich darauf."

„Werde ich nicht", sagte sie und unterschrieb die Eintragungsurkunde mit einem Kugelschreiber, den ihr der Notar reichte, ruhig, ohne dass ihre Schrift auch nur einmal aus der Zeile geriet.

Als wir wieder draußen auf der Poststraße standen, der Regen inzwischen zu einem feinen Nieseln geworden, stand Klaus' Wagen am Straßenrand. Er war ihr gefolgt, stieg aus, blieb aber auf halbem Weg stehen.

„Mama, ich zahl die Sanierung, das war eh klar -"

„Das ist mir jetzt egal, ob das klar war", sagte sie, die Mappe unter dem Arm. „Ich wollte nur, dass es irgendwo steht, was mir zusteht, und nicht nur, was du gerade für richtig hältst. Jetzt steht's im Grundbuch. Das kannst du mir nicht mehr wegnehmen, wenn dir mal wieder eine Garage fehlt."

Klaus stand da, die Hände immer noch in den Jackentaschen, und sagte nichts mehr. Sie ging an ihm vorbei zu meinem Auto, öffnete die Tür selbst, bevor ich es tun konnte.

Zu Hause rief sie am Abend Frau Steinke an, bedankte sich für den Anruf am Freitag, erzählte ihr von der Eintragung, ganz sachlich, wie man einer Freundin von einer erledigten Behördensache berichtet. Dann holte sie aus der Edeka-Tüte, die immer noch auf der Kommode stand, das Album mit dem Hochzeitsfoto von 1958 hervor, wischte mit dem Ärmel über den Einband, auf dem noch ein feiner Wasserrand vom Transport klebte, und stellte es zurück ins Regal, an seinen alten Platz.

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