Ich saß um Viertel nach elf im Dunkeln vor dem Laptop, das blaue Licht des Bildschirms auf den Händen, und hörte durch die Wand sein Schnarchen. Regelmäßig, satt, das Schnarchen eines Mannes, der sich sicher fühlt. Ich hatte gerade zufällig auf eine Werbeanzeige geklickt – eine Partnerbörse, wie sie im Newsfeed alle naselang auftauchen – und da war er. Bernhard. Mein Bernhard, mit dem ich achtzehn Jahre lang nicht gesprochen hatte, bis er vor eineinhalb Jahren wieder auftauchte.
Ich muss vorher erzählen, wie er zurückkam, sonst versteht man nicht, warum ich in dieser Nacht am Küchentisch saß und mir die Finger an einer kalten Tasse Pfefferminztee wärmte, während draußen ein Streufahrzeug durch die Reinickendorfer Straße rumpelte, obwohl noch gar kein Schnee lag – so, testweise, wie jedes Jahr im Februar.
Er rief im September an. Ich hatte gerade Feierabend, saß im Bus der Linie M27 und hörte seine Stimme zum ersten Mal seit achtzehn Jahren aus dem Hörer: brüchig, kleinlaut. „Karin, entschuldige die Störung. Ich habe niemanden mehr. Die Firma ist pleite, die Wohnung ist weg, ich weiß nicht, wo ich schlafen soll." Ich hätte auflegen können. Ich war einundfünfzig, saß allein in einer Zweizimmerwohnung in Berlin-Wedding, die Kinder längst ausgezogen – der eine nach Hamburg, die andere nach Leipzig –, und meine Arbeit als Buchhalterin bei einem Großhändler für Sanitärtechnik füllte höchstens die Tage, nicht die Abende. Freundinnen hatte ich mir selbst abtrainiert, irgendwann hört man auf anzurufen, und dann ruft auch niemand mehr zurück.
„Komm", sagte ich. „Du kannst bei mir wohnen, bis du wieder auf die Beine kommst."
Zwei Tage später stand er mit einem Rollkoffer vor meiner Tür, in der Hand eine Tüte vom Bäcker Steinecke, als Wiedergutmachung offenbar. Die ersten vier Monate waren beinahe schön. Er kochte Frühstück, brachte die Bettwäsche in den Waschsalon in der Müllerstraße, kaufte im Netto ein, ohne dass ich ihn bitten musste. „Karin, du rettest mich", sagte er fast täglich, und ich – ich glaubte tatsächlich, das hier sei die zweite Chance, von der man in Frauenzeitschriften liest.
Ich hatte vergessen, warum wir uns 2008 hatten scheiden lassen. Die Erinnerung kam zurück, aber langsam, in kleinen Schnitten.
Ab dem fünften Monat begannen die Bemerkungen. Beim Frühstück, über den Rand seiner Kaffeetasse hinweg: „Du hast ein bisschen zugenommen, oder?" Ich sagte, das Alter eben. Er nickte, als hätte er recht behalten, und meinte, ein Fitnessstudio täte mir gut. Ich meldete mich tatsächlich im McFit an der Osloer Straße an, dreimal die Woche. Einen Monat später: „Das Kleid – ist das nicht von vor zehn Jahren? Sieht aus wie aus dem Sperrmüll." Ich kaufte ein neues, im KaDeWe, für hundertachtzig Euro, mehr als ich für Kleidung im ganzen letzten Jahr ausgegeben hatte. Wieder einen Monat später: „Diese Freundin von dir, die Sabine – warum triffst du dich mit der, die redet doch nur über ihre Scheidung." Ich traf mich nicht mehr mit Sabine.
Jeden Tag ein neuer Satz. Meine Stimme sei zu laut, mein Lachen zu schrill, das Essen zu fad, die Frisur veraltet, der Job – Buchhaltung, im Ernst, Karin? – zu langweilig für ein ganzes Leben. Und ich änderte mich. Wieder. Wie schon einmal, achtzehn Jahre zuvor, bis ich vor dem Spiegel stand und mich selbst nicht mehr erkannte.
Und dann diese Nacht mit dem Laptop. Drei Profile fand ich, alle unter leicht verschiedenen Namen, aber mit demselben Gesicht: Bernd P., zweiundsechzig – log über sein eigenes Alter –, „erfolgreicher Unternehmer im Ruhestand", Fotos von vor fünfzehn Jahren, noch mit vollem Haar, das Kinn glatt hochgereckt. „Suche junge, hübsche Begleitung, ohne unnötigen Ballast. Schätze Frische und Leichtigkeit." Unter den Nachrichten: eine gewisse Christina, sechsundzwanzig, der er ein Wochenende in Warnemünde versprach. Eine Olga, einunddreißig. Eine Marina, achtundzwanzig, der er schrieb, sie sei sein „Sonnenschein" und er wolle sie „endlich mal richtig verwöhnen, kein Sparbrötchen wie die Frauen sonst so".
Auf meine Kosten verwöhnen, wohlgemerkt. Von meinem Küchentisch aus geschrieben, während er sich zwei Zimmer weiter in meinem Bett räkelte und schnarchte, als hätte er ein Recht darauf.
Ich saß da und war nicht überrascht. Das war das Schlimmste daran. Keine Schockwelle, kein Zusammenbruch – nur ein leises, fast erleichtertes Nicken in mir selbst, als hätte ein Teil von mir die ganze Zeit gewartet, dass sich bestätigt, was er längst wusste.
Ich klappte den Laptop nicht zu. Ich machte etwas anderes: Ich öffnete einen zweiten Tab und rief die Website meiner Bank auf. Ich hatte Bernhard vor vier Monaten, aus schlechtem Gewissen und weil er ständig jammerte, er brauche „ein bisschen Luft zum Atmen", eine Vollmacht für ein gemeinsames Unterkonto gegeben, über das seine „Übergangszeit" laufen sollte – vierhundertzwanzig Euro Taschengeld im Monat, die ich ihm überwies, während er angeblich Bewerbungen schrieb. Ich widerrief die Vollmacht direkt in der App, drei Klicks, Bestätigung per SMS. Dann öffnete ich die Mail-App und schrieb an meine Vermieterin – die Wohnung läuft auf meinen alleinigen Namen, das war nie anders – eine kurze Nachricht: Ich möchte den Schließzylinder der Wohnungstür austauschen lassen, es gebe einen zweiten Schlüsselinhaber, der die Wohnung ab sofort nicht mehr betreten solle. Sie antwortete am nächsten Morgen um acht, sie könne den Schlüsseldienst noch am selben Tag bestellen.
Ich packte seinen Koffer nicht heimlich. Ich wartete, bis er aufwachte, gegen neun, im Bademantel, gähnend, fragte, ob Kaffee da sei. Ich hatte die drei Profile auf dem Laptop offen liegen lassen, mitten auf dem Küchentisch, neben seiner Tasse.
„Setz dich", sagte ich.
Er sah auf den Bildschirm, wurde bleich, wollte etwas sagen von „das ist nicht, wie es aussieht", aber ich ließ ihn gar nicht erst anfangen.
„Der Schlüsseldienst kommt heute um sechzehn Uhr. Bis dahin ist dein Koffer gepackt, und du bist weg. Die Vollmacht für das Konto ist widerrufen, seit halb zwölf letzte Nacht. Du bekommst von mir keinen Cent mehr – nicht vierhundertzwanzig, nicht vierzig. Was du Christina und Marina versprichst, davon musst du jetzt selbst was halten."
Er redete von Undank, von achtzehn gemeinsamen Jahren, die doch etwas wert seien, von „man wirft doch niemanden im Alter auf die Straße". Ich sagte nichts mehr dazu. Ich stellte seinen Koffer, den er nie ganz ausgepackt hatte – vielleicht wusste er es die ganze Zeit selbst –, neben die Wohnungstür und machte mir eine zweite Tasse Tee.
Um vier kam der Mann vom Schlüsseldienst, ein Zylinder für neunzig Euro, zehn Minuten Arbeit. Bernhard stand mit seinem Koffer im Treppenhaus, als der neue Schlüssel schon in meiner Hand lag, und ich hörte, wie er die Treppe langsam hinunterging, jede Stufe, bis die Haustür unten ins Schloss fiel.
Ein halbes Jahr später traf ich Christina zufällig – nicht wirklich zufällig, sie hatte mich über ein gemeinsames Profil in einem Facebook-Forum für „Frauen ab 50" gefunden, weil ich dort einmal, anonym halb, über die ganze Sache geschrieben hatte. Sie erzählte, Bernhard habe ihr Geld abgeschwatzt, dreihundert Euro „für eine Autoreparatur", und sei seitdem nicht mehr erreichbar gewesen. Sie hatte über eine Rückwärtssuche sein tatsächliches Alter herausgefunden und die Nachrichten aufgehoben – dieselben Sätze, fast wortgleich, die auch mir einmal galten, nur eben achtzehn Jahre früher und ohne die Bemerkungen über zu laute Stimmen.
