Der Anruf kam um 19:47. Ich weiß das so genau, weil ich gerade die Tagesschau eingeschaltet hatte und mein Teller mit Käsespätzle auf dem Schoß stand. Das Handy vibrierte auf der Fensterbank. Unbekannte Nummer. Normalerweise gehe ich da nicht ran, aber irgendwas ließ mich rangehen.
Mein Sohn.
Acht Jahre. Acht Jahre lang hatte ich seine Stimme nicht gehört. Nicht einmal an Weihnachten, nicht an Geburtstagen. Er hatte sich damals einfach aus dem Staub gemacht, mit zweiundzwanzig, mitten in seinem Studium in Heidelberg. Seine letzte Nachricht war eine SMS gewesen: „Ich brauche Abstand. Bitte respektiert das.“ Seine Mutter, meine Frau Greta, hat diese SMS monatelang jeden Abend gelesen, bis das Display vom Daumenwischen ganz stumpf war.
Jetzt also ein Anruf. Ich hob ab, ohne den Teller wegzustellen.
„Papa? Ich bin’s. Ich… ich wollte nur mal hören, wie’s dir geht.“
Ich hörte im Hintergrund Straßenlärm. Eine Straßenbahn quietschte, irgendwo bellte ein Hund. Er klang anders. Rauchig, müde, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen.
„Mir geht’s gut“, sagte ich. Mehr nicht.
Greta kam aus der Küche, in der Hand ein Geschirrtuch, und blieb im Türrahmen stehen. Sie musste an meinem Gesicht gesehen haben, wer dran war. Das Geschirrtuch fiel auf den Boden. Ich legte den Finger an die Lippen und stellte auf Lautsprecher.
„Ich habe viel nachgedacht in letzter Zeit“, fing er an. „Ich weiß, dass ich mich nie richtig gemeldet habe. Aber du musst verstehen, ich hatte so viel um die Ohren. Das Studium, dann der Job in Hamburg, dann…“ Er brach ab. „Es ist kompliziert.“
Acht Jahre. Acht Jahre voller Weihnachtsabende, an denen wir den dritten Teller trotzdem auf den Tisch stellten. Voller Geburtstage, an denen Greta einen Kuchen backte, als käme er zur Tür herein. Voller Nächte, in denen ich den Hörer vom Festnetz abnahm, nur um das Freizeichen zu hören, das beweisen sollte, dass die Leitung noch stand.
„Und warum rufst du gerade heute an?“, fragte ich.
„Ich brauche dich, Papa.“
Acht Jahre Funkstille. Und dann „Ich brauche dich.“
Greta presste sich das Geschirrtuch vor den Mund. Sie war immer die Weichere von uns beiden gewesen. Ich sah, wie sie mit der freien Hand das Geländer suchte, als könnte ihr Körper die Nachricht nicht allein tragen.
„Meine Freundin ist schwanger. Sie hat mich rausgeschmissen. Ich weiß nicht, wohin. Ich sitze hier am Hauptbahnhof, ich habe fünfundsiebzig Euro in der Tasche, und ich weiß nicht, wohin.“ Er lachte kurz, ein trockenes, hässliches Lachen. „Irgendwie ironisch, oder? Der verlorene Sohn meldet sich, wenn er nichts mehr hat.“
Ich sah auf den Teller mit den Käsespätzle. Die Soße begann, eine Haut zu ziehen.
„Und was erwartest du jetzt von mir?“, fragte ich.
„Ich weiß es nicht. Vielleicht… vielleicht einfach nur, dass du mir zuhörst. Vielleicht eine Fahrkarte. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so tief sinke, um meinen eigenen Vater anzubetteln, aber hier bin ich.“
Greta schrie in das Geschirrtuch. Ein gedämpfter, tierischer Laut, den ich in vierzig Ehejahren genau zweimal von ihr gehört hatte. Einmal, als ihre Mutter starb. Und einmal, als sie die SMS las.
Ich stand auf. Das Handy fühlte sich glatt und kalt an in meiner Hand. Draußen vor dem Fenster, im Licht der Laterne, sah ich unsere Nachbarin, Frau Kowalski, wie sie ihren Dackel Gassi führte. Der Hund schnüffelte an unserem Zaun. Gewöhnlicher Dienstagabend in einer Reihenhaussiedlung in Gelsenkirchen.
„Sag mir die Fahrkarte, die du brauchst“, sagte ich leise. „Und eine Kontonummer, wenn du willst. Ich schicke dir vierhundert Euro. Aber hör mir jetzt gut zu.“
Ich legte eine Pause ein. Greta zitterte wie Espenlaub.
„Ich habe dich nicht angerufen. Ich habe keine Nummer von dir. Wenn du vor der Tür stehst, mache ich nicht auf. Du hast dich entschieden, nicht zu meiner Familie zu gehören, und diese Entscheidung kann man nicht einfach mit einem Anruf an einem Dienstagabend rückgängig machen. Es gibt Dinge, die kann man nicht ungeschehen reden.“
Stille. Aber keine erleichterte Stille, keine zufriedene. Eher eine, die wehtat, als hätte man eine kalte Kompresse auf eine offene Wunde gelegt.
„Du zahlst also?“, fragte er. Seine Stimme war kleiner geworden, als hoffte er, die Frage würde zwischen den Zeilen verloren gehen.
„Ich zahle“, sagte ich. „Aber ich bin nicht dein Zuhause. Und ich rufe dich auch nicht an. Niemals mehr. Das macht mich kaputt, und ich habe nicht noch einmal die Kraft dafür.“
Er schwieg. Ich hörte, wie im Hintergrund ein Zug durch den Bahnhof donnerte. Die Uhrzeit – 19:52 – stand fett und rot auf dem Display. Ich drückte auf Rot, bevor ich es mir anders überlegen konnte. Greta fiel mir um den Hals. „O je, o je“, flüsterte sie, und ich hielt sie, als ob mein eigener Körper unter Schock stünde.
Acht Jahre hatte ich geglaubt, ich hätte die Tür nur angelehnt. Jetzt wusste ich, dass sie die ganze Zeit zu gewesen war. Und dass niemand mehr durch sie hindurchwollte, nur hindurchblicken, wenn es not tat.
Ich nahm den Teller mit den kalten Käsespätzle und kippte sie in den Müll. Draußen bellte der Dackel. Der Abend hatte sich zugezogen, und aus dem Westen roch es nach Regen, der lange auf sich warten ließ.
