ICH ERINNERE MICH DARAN, ALS WÄRE ES GESTERN GEWESEN…

Es war ein warmer Nachmittag im Sommer.

Die Sonne stand hoch am Himmel, der Asphalt war heiß und überall lag dieser besondere Duft in der Luft, den man heute kaum noch beschreiben kann.

Ein bisschen Staub.

Ein bisschen frisches Gras.

Und ganz viel Sommer.

Wir standen vor dem Spiegel und machten uns für den Nachmittag fertig.

Unsere Kleider hatten wir selbst genäht.

Das eine war mit kleinen Blumen bedruckt, das andere hatte Streifen. Nichts daran war perfekt. Eine Naht war ein wenig schief, irgendwo fehlte ein Knopf und bei meinem Kleid war der Saum nicht ganz gerade.

Aber wir fanden uns wunderschön.

Wir steckten uns Schleifen ins Haar, manchmal auch eine kleine Blume.

Dazu unsere Holzschuhe.

Wenn wir über den Gehweg liefen, klapperten sie bei jedem Schritt.

Klick. Klack. Klick. Klack.

Und wir fühlten uns wie Filmstars.

— Bist du fertig? — rief ich.

— Einen Moment!

— Du sagst das schon seit zehn Minuten!

— Schönheit braucht eben Zeit!

Wir mussten so lachen, dass wir uns kaum noch halten konnten.

Dann liefen wir hinaus.

Einfach so.

Ohne genau zu wissen, wohin.

Denn damals musste man keinen Plan haben.

Man ging einfach los.


Die Straßen waren voller Leben.

Aus den geöffneten Fenstern hörte man Musik aus kleinen Transistorradios.

Auf den Balkonen standen Blumen.

Kinder spielten auf der Straße.

Die Nachbarn kannten einander.

Und wenn man jemanden traf, blieb man stehen.

Nicht für zwei Minuten.

Nicht für eine schnelle Nachricht.

Sondern manchmal für eine halbe Stunde.

Oder eine ganze Stunde.

— Wohin geht ihr? — fragte uns eines Tages die alte Frau vom Haus gegenüber.

— Eis essen!

— Dann komme ich mit.

Und sie kam tatsächlich mit.

Heute würde man wahrscheinlich sagen:

„Ich habe keine Zeit.“

Damals sagte das kaum jemand.

Wir hatten Zeit.

Zeit füreinander.

Zeit für einen Spaziergang.

Zeit für ein Gespräch.

Zeit, einfach irgendwo auf einer Bank zu sitzen und den Menschen zuzusehen.


Unser Lieblingsplatz war der kleine Brunnen mitten in der Stadt.

Dort kauften wir uns Eis.

Vanille, Erdbeere oder Schokolade.

Manchmal reichte das Geld nur für eine Kugel.

Dann teilten wir sie.

Und niemand fand das traurig.

Im Gegenteil.

Wir saßen dort, lachten und erzählten uns von unseren großen Plänen.

— Ich werde einmal am Meer wohnen — sagte Anna.

— Ich werde eine eigene Bäckerei haben — sagte ich.

— Und ich werde berühmt — erklärte Klara.

— Wofür?

Klara zuckte mit den Schultern.

— Das weiß ich noch nicht. Aber berühmt werde ich bestimmt.

Wir lachten.

Wir waren jung.

Und wir waren überzeugt davon, dass uns das ganze Leben noch gehörte.

Wir wussten nicht, wie schnell die Jahre vergehen würden.


Dann kam der Herbst.

Danach der Winter.

Und plötzlich waren wir älter.

Schule.

Arbeit.

Erste Liebe.

Hochzeiten.

Kinder.

Umzüge.

Neue Städte.

Neue Menschen.

Neue Sorgen.

Zuerst trafen wir uns noch regelmäßig.

Dann immer seltener.

Aus „Bis nächste Woche“ wurde „Melde dich mal“.

Aus „Melde dich mal“ wurde „Wir müssen uns unbedingt wiedersehen“.

Und irgendwann blieb nur noch das Wort:

Irgendwann.

Dieses kleine Wort kann gefährlich sein.

Denn „irgendwann“ klingt so, als hätte man unendlich viel Zeit.


Viele Jahre später bekam ich einen Anruf.

Es war Anna.

Ihre Stimme klang plötzlich wieder wie früher.

— Kommst du am Samstag?

— Wohin?

— Zum Brunnen.

Ich musste lächeln.

— Warum?

Am anderen Ende war es einen Moment still.

Dann sagte sie:

— Weil ich etwas gefunden habe.


Am Samstag fuhr ich in die Stadt.

Als ich am Brunnen ankam, stand Anna bereits dort.

Ich erkannte sie sofort.

Natürlich hatte sie sich verändert.

Wir hatten uns beide verändert.

Aber in ihren Augen sah ich noch immer das Mädchen von damals.

Sie lächelte.

— Du hast immer noch diese Angewohnheit, zu spät zu kommen.

Ich lachte.

— Und du bist immer noch genauso frech.

Wir umarmten uns.

Und plötzlich wurden meine Augen feucht.

Nicht, weil ich traurig war.

Sondern weil manche Menschen einen Teil unseres Lebens in sich tragen, den niemand sonst kennt.

Anna holte eine kleine Schachtel aus ihrer Tasche.

— Schau.

Ich öffnete sie.

Darin lag eine alte Stoffblume.

Verblasst.

Ein wenig zerknittert.

Aber sofort erkannte ich sie.

— Die gibt es noch?

— Ich habe sie all die Jahre aufgehoben.

Ich nahm sie vorsichtig in die Hand.

— Warum?

Anna sah zum Brunnen.

— Weil sie mich an eine Zeit erinnert, in der wir noch dachten, Glück müsse etwas Großes sein.

Ich schwieg.

Dann sagte sie leise:

— Dabei saßen wir doch einfach hier und aßen Eis.


Wir setzten uns auf die alte Bank.

Genau dort, wo wir als Mädchen gesessen hatten.

Wir redeten stundenlang.

Über unsere Eltern.

Über unsere Kinder.

Über Menschen, die nicht mehr bei uns waren.

Über unsere Fehler.

Über Träume, die sich erfüllt hatten.

Und über andere, die wir längst vergessen hatten.

Wir lachten.

Wir weinten.

Und manchmal schwiegen wir einfach.

Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, dass niemand von uns irgendwohin musste.

Kein Termin.

Kein Handy.

Keine Eile.

Nur wir.

Irgendwann sagte Anna:

— Weißt du, was ich am meisten vermisse?

— Was?

— Dass wir damals nicht wussten, wie glücklich wir waren.

Ich sah sie an.

Diese Worte trafen mich tief.

Denn genau das war es.

Wir hatten nicht verstanden, dass wir gerade in Erinnerungen lebten, die wir Jahrzehnte später vermissen würden.

Für uns war es einfach ein ganz normaler Sommernachmittag gewesen.

Ein Eis.

Ein Spaziergang.

Ein paar Freundinnen.

Ein bisschen Musik aus einem offenen Fenster.

Nichts Besonderes.

Und doch war es alles.


Bevor wir uns verabschiedeten, sagte Anna:

— Versprich mir etwas.

— Was?

— Dass wir nie wieder sagen: „Wir müssen uns irgendwann treffen.“

Ich lächelte.

— Und was sagen wir stattdessen?

— „Wir treffen uns am Samstag.“

Wir gaben uns die Hand wie früher.

Und wir hielten unser Versprechen.

Von da an trafen wir uns wieder regelmäßig.

Nicht immer alle.

Nicht jedes Mal lange.

Manchmal nur für einen Kaffee.

Manchmal für einen Spaziergang.

Manchmal für ein Eis am Brunnen.

Aber wir warteten nicht mehr auf den perfekten Zeitpunkt.

Denn wir hatten gelernt:

Der perfekte Zeitpunkt kommt selten von selbst.

Man muss ihn manchmal einfach schaffen.


Heute gehe ich manchmal allein an diesem Brunnen vorbei.

Dann bleibe ich stehen.

Ich sehe die jungen Menschen dort sitzen.

Ich höre ihr Lachen.

Ich sehe Mädchen mit bunten Kleidern.

Und manchmal höre ich irgendwo Musik aus einem geöffneten Fenster.

Dann schließe ich für einen Moment die Augen.

Und plötzlich bin ich wieder dort.

Jung.

Unbeschwert.

Mit einer Schleife im Haar und Holzschuhen an den Füßen.

Ich höre unser Lachen.

Ich rieche den warmen Asphalt.

Ich schmecke Erdbeereis.

Und ich erinnere mich daran, wie leicht sich das Leben damals angefühlt hat.

Aber heute weiß ich etwas, das ich damals noch nicht wusste:

Wir brauchen nicht immer mehr vom Leben.

Manchmal brauchen wir nur mehr Aufmerksamkeit für das, was bereits da ist.

Für einen Menschen, der neben uns sitzt.

Für ein Gespräch, das länger dauert.

Für einen Spaziergang ohne Ziel.

Für eine Tasse Kaffee.

Für ein gemeinsames Lachen.

Für eine Hand, die unsere hält.

Denn irgendwann werden genau diese kleinen Dinge zu den großen Erinnerungen unseres Lebens.

Vielleicht sollten wir deshalb nicht immer auf morgen warten.

Vielleicht sollten wir heute jemanden anrufen.

Jemanden besuchen.

Eine alte Freundin anschreiben.

Ein Eis kaufen.

Gemeinsam spazieren gehen.

Und einfach sagen:

„Schön, dass es dich gibt.“

Denn vielleicht werden wir eines Tages zurückblicken und feststellen:

Wir haben nicht die großen Ereignisse am meisten vermisst.

Wir haben die ganz gewöhnlichen Nachmittage vermisst.

Die Menschen, die neben uns saßen.

Die Stimmen aus den offenen Fenstern.

Das Lachen.

Die kleinen Dinge.

Und diese Sommer, von denen wir damals dachten, sie würden niemals enden.

Manchmal ist das Glück nicht das, wonach wir unser ganzes Leben suchen.

Manchmal sitzt es längst neben uns – mit einem Eis in der Hand und einem Lächeln im Gesicht. ❤️

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Uniad
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