Der Zaun zwischen den Grundstücken

Ich heiße Bernd Achterberg, bin 61, und wohne in Güstrow, seit ich denken kann. Meine Mutter, die Erna, ist 87. Sie wohnt bei mir, seit der Vater vor elf Jahren gestorben ist. Das muss ich vorausschicken, weil sonst keiner versteht, warum ich getan habe, was ich getan habe.

Ich war mal verheiratet. Sechs Jahre, mit der Kerstin. Sie ist gegangen, als klar wurde, dass ich meine Mutter nicht ins Heim geben würde, auch nicht, als sie anfing, die Herdplatten brennen zu lassen. „Entweder sie oder ich", hat Kerstin gesagt, an einem Dienstagabend, in der Küche, mit dem Mantel schon an. Ich hab nichts gesagt. Sie ist gegangen. Kinder hatten wir keine.

Mein Nachbar heißt Holger Prantl. Wir kennen uns seit der Schule, haben zusammen in der Werkstatt vom VEB Traktorenwerk angefangen, bevor die Wende alles umgeschmissen hat. Seine Frau, die Sigrun, ist vor vier Jahren an Krebs gestorben. Seitdem trinkt er. Nicht viel, aber jeden Abend, auf seiner Terrasse, mit Blick auf unseren gemeinsamen Zaun. Manchmal winkt er rüber, manchmal sitzt er einfach nur da und starrt aufs Bier.

Der Zaun ist das, worum sich diese Geschichte dreht. Ein alter Maschendrahtzaun, den unsere Väter 1968 gemeinsam aufgestellt haben, mitten durchs Grundstück, das damals noch ein einziges war, bevor es die Erbteilung gab. Auf Holgers Seite steht eine alte Kastanie, die im Herbst ihre Früchte über den Zaun in unseren Garten wirft. Meine Mutter sammelt sie jeden Oktober in einen Weidenkorb, kocht daraus nichts – sie mag einfach den Geruch, sagt sie, den nach Erde und nassem Holz.

Vor drei Wochen kam Holger rüber, mit einem Blatt Papier in der Hand. Ein Vermessungsplan. Er hat gesagt, der neue Katasterauszug zeige, dass der Zaun anderthalb Meter auf meiner Seite steht, dass ihm eigentlich mehr Grund zusteht, seit Jahrzehnten schon, und dass er das jetzt „einfach mal klarstellen" wolle, bevor er, wie er sagte, „selbst nicht mehr klar im Kopf ist". Ich hab ihn gefragt, ob er das ernst meint. Er hat genickt, einmal, und ist wieder rüber zu seiner Terrasse gegangen.

Für mich klang das nach nichts. Anderthalb Meter, mitten in einem Garten, in dem eh nur Kartoffeln und die Kastanie meiner Mutter stehen. Aber für meine Mutter war es etwas anderes. Sie hat den Vermessungsplan auf den Küchentisch gelegt, neben die Teetasse, und drei Tage lang jeden Morgen wieder rausgeholt, ihn angeschaut, wieder weggelegt. Am vierten Tag hat sie gesagt: „Dein Vater hat diesen Zaun mit Holgers Vater zusammen gesetzt. Zwei Tage Arbeit, im August, bei vierunddreißig Grad. Und jetzt will er mir die Kastanie wegnehmen."

Es ging ihr nicht um den Boden. Es ging um den Baum, um den Korb mit den braunen Kastanien, um das Einzige, was noch an den Sommer erinnert, in dem mein Vater noch gelebt hat. Das hat mir keiner erklären müssen. Ich hab's an ihren Händen gesehen, wie sie den Plan festgehalten hat, mit den Fingerspitzen, so als könnte er ihr wegfliegen.

Ich hab mit Holger geredet, an einem Sonntagnachmittag, über den Zaun gelehnt, mit einer Flasche Rostocker Bier in der Hand, die er mir rübergereicht hat. Er hat erzählt, dass sein Sohn Frank aus Rostock angerufen hat, dass der was von „Grundstückswert optimieren" gesagt hat, weil Frank vorhat, das Haus nach Holgers Tod zu verkaufen, und jeder Quadratmeter zähle. Zweihundertzwanzig Euro der Quadratmeter, hat Frank ausgerechnet, das hat Holger mir erzählt, mit einem Gesicht, als würde ihm das selbst nicht gefallen.

„Ich mach das nicht für mich", hat Holger gesagt. „Ich mach das, weil Frank sagt, ich soll's regeln, solange ich noch kann." Ich hab ihn gefragt, ob ihm die Kastanie was bedeutet. Er hat lange nichts gesagt, dann: „Sigrun hat unter dem Baum immer die Wäscheleine gehabt. Auf eurer Seite." Da war mir klar, dass es bei ihm genauso war wie bei meiner Mutter – nicht um den Boden ging's, sondern um das, was drauf gewachsen ist, an Erinnerung.

Trotzdem hat er zwei Tage später einen Anwalt eingeschaltet. Ein Schreiben kam, per Post, mit dem Amtsgericht Güstrow als Absenderadresse im Kopf, in dem stand, dass eine Grenzfeststellung beantragt sei und ich binnen vier Wochen Stellung nehmen solle. Meine Mutter hat den Brief gelesen, am Küchentisch, mit der Lesebrille, die sie sich extra für sowas aufgehoben hat, und dann hat sie ihn zusammengefaltet und gesagt: „Dann eben so."

Ich hab gedacht, sie meint, sie gibt auf. Aber am nächsten Morgen war sie schon wach, als ich in die Küche kam, mit dem Telefonbuch aufgeschlagen – dem echten, aus Papier, das sie seit zwanzig Jahren nicht weggeworfen hat – und einer Nummer, die sie sich rausgeschrieben hatte. Notariat Dr. Wehmeyer, Güstrow, Pferdemarkt 6.

Sie ist da hin, allein, mit dem Bus, weil sie darauf bestanden hat, dass ich nicht mitkomme. „Das ist meine Sache", hat sie gesagt, mit dem Mantel schon an der Tür. Ich hab sie zwei Stunden später abgeholt, vor dem Notariat, mit einer braunen Mappe unter dem Arm, die sie fest an sich gedrückt hat, als würde ihr jemand die wegnehmen wollen.

Was in der Mappe war, hat sie mir erst am Abend erzählt, beim Abendbrot, zwischen zwei Bissen Graubrot mit Harzer Käse. Sie hatte eine notarielle Bestätigung geholt, dass die Kastanie – laut altem Kaufvertrag von 1961, den sie noch in einer Blechdose im Schlafzimmerschrank aufbewahrt hatte, mit dem Stempel des Rates des Kreises Güstrow – auf unserem Grundstück steht, unabhängig davon, wo der Zaun heute steht. Der Baum war nie strittig gewesen. Nur der Zaun.

Und dann hat sie noch etwas gemacht, das mich richtig überrascht hat. Sie hat, mit dem Notar zusammen, ein Angebot formuliert: Sie tritt Holger die anderthalb Meter Streifen förmlich ab, kostenlos, unter der einzigen Bedingung, dass die Kastanie als Grenzbaum im Grundbuch mit Wurzelschutzrecht auf unserer Seite eingetragen wird – zehn Jahre lang, unkündbar, egal wer das Grundstück später besitzt.

Sie hat den Brief selbst zu Holger rübergebracht, über den Zaun gereicht, an einem Donnerstagabend, während er auf seiner Terrasse saß, das Bier schon halb leer. Ich hab von unserer Küche aus zugeschaut, durchs Fenster, wie er den Umschlag aufgemacht hat, das Papier auseinandergefaltet, und wie lange er gebraucht hat, um es zu lesen – länger, als ein Blatt Papier eigentlich braucht.

Dann ist er aufgestanden, ist zum Zaun gegangen, und meine Mutter ist ihm entgegengegangen, langsam, mit dem Stock, den sie seit dem Frühjahr braucht. Sie haben sich die Hand gegeben, über den Maschendraht hinweg. Kein großes Wort ist gefallen. Er hat nur gesagt: „Sigrun hätte das gemocht." Meine Mutter hat genickt und ist wieder reingegangen, um den Tee aufzusetzen.

Frank, der Sohn, hat zwei Wochen später angerufen, ich hab's über Lautsprecher gehört, weil Holger inzwischen schwerhörig ist und immer laut telefoniert. Frank war stinksauer, dass sein Vater auf den Grundstücksgewinn verzichtet hat, „für einen Baum, verdammt nochmal". Holger hat nur gesagt: „Der Baum bleibt. Und jetzt ist Ruhe." Dann hat er aufgelegt.

Vor zwei Wochen ist der Grundbucheintrag durchgekommen, mit Stempel vom Grundbuchamt Güstrow. Meine Mutter hat die Kopie in dieselbe Blechdose gelegt, in der auch der alte Kaufvertrag lag, und die Dose wieder in den Schlafzimmerschrank gestellt. Im Oktober hat sie wieder ihren Weidenkorb geholt, ist raus in den Garten, hat die ersten Kastanien aufgesammelt, die über den Zaun gefallen waren – jetzt eindeutig auf unserer Seite, für die nächsten zehn Jahre, schwarz auf weiß.

Letzten Monat, beim Aufräumen des Kellers, hab ich zufällig eine alte Fotografie gefunden, in einer Kiste mit Vaters Werkzeug: mein Vater und Holgers Vater, 1968, beide mit nacktem Oberkörper, beim Zaunbau, im Hintergrund ein kleiner Setzling – die Kastanie, damals kniehoch. Auf der Rückseite stand, mit Bleistift, von meinem Vater geschrieben: „Für die Kinder gepflanzt." Ich hab das Foto meiner Mutter gezeigt. Sie hat es lange angeschaut, dann gesagt, ich solle es rahmen und in die Küche hängen, direkt neben die Uhr. Da hängt es jetzt.

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