Regennasse Hände unter dem Zaun

Es war der 3. November, kurz vor sieben, als Bernd Ostmann den Sturm über Wesenberg an der Müritz ziehen sah wie ein Tier, das sich in seinem eigenen Zorn verheddert hat. Die Fichten am Waldrand bogen sich, als wollten sie den Boden küssen. Aus dem Küchenradio kam der NDR-Wetterbericht, aber Bernd hörte kaum hin. Er sprach mit dem Foto auf der Anrichte, wie jeden Abend seit drei Jahren.

„Siehst du das, Grete? Da fliegt gleich der Hühnerstall weg."

Grete lächelte vom Papier herunter, eingefroren in einem Sommer, der nie wiederkam. Sechsundsechzig war Bernd, Bienenzüchter im Ruhestand, und die Tage hatten seit ihrem Tod keine Ränder mehr. Frühstück, Mittag, Abend – dieselbe Schleife. Er redete mit ihr über den tropfenden Wasserhahn im Bad, über die Nachbarn, über nichts. Die Leute im Dorf sagten, der alte Ostmann rede mit sich selbst. Sie wussten nicht, dass er mit ihr redete.

Der Morgen danach war so still, dass es in den Ohren summte. Der Sturm hatte sich ausgetobt und Äste, abgedeckte Dachziegel und Pfützen wie kleine Seen hinterlassen. Bernd zog die Gummistiefel an, nahm den Wanderstock, den er seit dem Hüftbruch im letzten Winter brauchte, und stapfte hinaus, um nach seinen Bienenstöcken am Waldrand zu sehen. Nicht dass es ihn wirklich kümmerte. Aber das Haus drückte, und der Wald fragte wenigstens nichts.

Hinter dem Zaun sah es aus wie nach einer Schlacht: entwurzelte Kiefern, gesplitterte Birken, angeschwollene Gräben. Bernd schob mit dem Stock einen umgestürzten Stamm zur Seite und murrte etwas über die Gemeindeverwaltung, die versprochen hatte, die alten Bäume zu fällen, bevor so etwas passierte.

Dann hielt er inne. Ein Piepsen. Dünn, kaum von der Einbildung zu unterscheiden.

„Jetzt spinnst du", brummte er – und ging trotzdem in die Richtung.

Das Piepsen kam wieder, jämmerlich, unter einem Haufen Zweige. Bernd stand da, mit sich selbst hadernd. Im Matsch wühlen, für wen? Noch ein toter Vogel, ein zertretener Frosch. Wozu.

Er fing trotzdem an, die Äste wegzuräumen. Zuerst sah er nur einen Klumpen Schlamm. Dann bewegte sich der Schlamm. Und zwei winzige Augen sahen ihn an, so voller Angst, dass sich etwas in seiner Brust zusammenzog.

Ein Welpe. Ein nasses Fellbündel, kaum größer als seine Handfläche.

„Wofür brauch ich dich denn jetzt", sagte Bernd, obwohl er schon wusste, dass er nicht einfach gehen würde.

Er setzte sich an den Grabenrand, den zitternden Klumpen in den Händen. Kein Muttertier weit und breit, keine Geschwister. Der Wald wirkte wie ausgestorben nach dem Sturm.

„Nicht mein Problem", murmelte er schließlich und legte das Tier auf einen trockenen Erdhügel. „Die Natur regelt das selbst."

Er drehte sich um und ging zurück ins Dorf, mit jedem Schritt schwerer werdend, als würde ihm jemand Steine in die Jackentaschen füllen.

In der Nacht träumte er von Grete. Sie stand am Fenster, jung, mit dem blauen Kleid, das er ihr zur silbernen Hochzeit geschenkt hatte. Sie schaute nicht ihn an, sondern in Richtung Wald. Sagte nichts. Aber er wusste, woran sie dachte.

Er wachte in Schweiß gebadet auf. Halb fünf. Draußen dämmerte es kaum.

„Alter Narr", schimpfte er mit sich selbst, zog die Stiefel an. „Wegen so 'nem Köter den Schlaf verlieren."

Der Weg war aufgeweicht, er rutschte zweimal fast aus. Als er den Erdhügel erreichte, war er leer. Erleichterung – vielleicht hatte die Mutter ihn doch gefunden. Aber ein Zweifel nagte: Woher sollte eine Mutter kommen, wenn der Bau weggeschwemmt war?

Er ging noch eine Runde, nur um sein Gewissen zu beruhigen. Und da, unter einer umgeknickten Birke, auf einem winzigen trockenen Fleck: der Welpe von gestern. Saß aufrecht, reglos, nur die Augen blinkten leise. Wartete.

„Sturkopf", brummte Bernd – und hielt inne über dem eigenen Wort. Etwas an dem mageren Bündel erinnerte ihn an sich selbst: verlassen, und trotzdem klammerte es sich stur ans Leben, ohne Aussicht, ohne Sinn.

„Na gut. Meinetwegen."

Er nahm ihn hoch – erstaunlich leicht –, wickelte ihn in die Jacke und ging heim, das kleine Herz gegen seine Handfläche schlagend spürend.

Der erste Tag war furchtbar. Der Welpe verweigerte Wasser, verweigerte Milch aus der Pipette. Am Abend fragte Bernd müde: „Wie soll ich dich denn nennen? Fritz vielleicht. Gab mal 'nen Hofhund bei den Kellermanns, hieß Fritz, ein Prachtkerl. Also gut, Fritz. Wenn du durchkommst."

Gegen Morgen weckte ihn ein Geräusch – der Welpe, den er in einem Schuhkarton neben dem Bett untergebracht hatte, winselte zum ersten Mal. Bernd knipste die Nachttischlampe an. Fritz wankte, als hätte er Mühe, das Gleichgewicht zu halten.

Als Bernd die Hand in den Karton legte, leckte der Welpe seine Finger. Schwach, kaum spürbar – aber er leckte.

„Ach du bist ja bloß hungrig, du Trottel."

Bernd stand ächzend auf, schnitt gekochtes Fleisch in dünne Streifen, kochte Grütze in Brühe, mischte alles. Fritz beschnupperte das Schälchen unsicher, dann fraß er gierig.

„Wer nicht aufgibt, der gewinnt, was?"

Nach einer Woche rannte Fritz durchs Haus. Bernd baute ihm ein Körbchen in der Küchenecke – vergebliche Mühe, der Welpe schlief immer nur an seiner Seite. Auf einmal gab es wieder Dinge zu tun: füttern, ausführen, erziehen. Grete hatte irgendwo ein Hundebuch, verstaubt im obersten Regalfach.

„Guck mal, Grete", sagte Bernd zum Foto, während Fritz vergeblich versuchte, sich in den eigenen Schwanz zu beißen. „Das ist Fritz. Aus dem Wald. Alle meinten, er schafft's nicht."

Manchmal glaubte Bernd, Grete lächle auf dem Bild ein bisschen breiter.

Der erste Schnee fiel ungewöhnlich früh, Anfang November. Bernd und Fritz kamen gerade vom Spaziergang zurück, als dicke Flocken auf den gefrorenen Boden sanken.

„Guck an, der Winter ist da", sagte Bernd und hob das Gesicht, ließ Schneeflocken auf seinem Bart landen.

In der Nacht wurde aus dem Schneefall ein Sturm. Der Wind heulte im Schornstein. Bernd wachte auf, tastete nach Fritz, der sonst neben ihm schlief. Das Bett war leer.

„Fritz?"

Stille. Dann ein Geräusch aus dem Wohnzimmer, als würde etwas zerrissen. Bernd griff nach dem Handy, schaltete die Taschenlampe ein.

Fritz lag ausgestreckt auf dem Boden, rang nach Luft. Daneben ein zerfetzter Teppich – offenbar hatte er sich im Krampf hineinverbissen.

Der Bauch des Hundes war unnatürlich aufgebläht, die Augen verdreht. Bernd tastete, streichelte, versuchte Wasser einzuflößen – vergeblich. Kein Tierarzt im Dorf, geschweige denn mitten in der Nacht bei diesem Schneesturm.

„Denk nach, Bernd! Wer hatte hier einen Hund? Kellermann? Nein – die Wagners hatten einen Schäferhund!"

Um vier Uhr morgens wickelte Bernd Fritz in eine Decke und stürmte hinaus. Der Schnee klatschte ihm ins Gesicht, der Wind drückte ihn fast um. Das Haus der Wagners lag am anderen Ende des Dorfes – normalerweise zehn Minuten. Jetzt eine Ewigkeit.

„Halt durch, Kerlchen", flüsterte er in den Sturm.

Er hämmerte gegen die Tür, bis sie erzitterte. Klaus Wagner öffnete zerzaust, im Unterhemd, eine Wolldecke um die Schultern geworfen.

„Bernd? Brennt's?"

„Schlimmer. Der Hund stirbt."

„Welcher Hund? Der Waldfund?" Klaus kratzte sich am Kopf. „Was soll ich damit?"

„Deinen Tierarzt! Wo wart ihr mit eurem Schäferhund?"

„Beim Doktor Fenske in Neustrelitz. Aber jetzt, mitten in der Nacht, bei dem Sturm—"

Bernd packte ihn am Kragen. „Ruf ihn an! Sofort! Sag, ich zahl, was er verlangt."

Klaus telefonierte, fluchend über die Uhrzeit. Fenske erklärte sich schließlich bereit, aber die Landstraße war zugeschneit.

„Kommt bis zur Kreuzung Richtung Klein Vielen", knarrte es aus dem Hörer. „Weiter komm ich nicht durch. Ich brauch eine Stunde."

Eine Stunde. Klaus lieh ihm seinen alten Lada Niva, den einzigen Wagen im Dorf, der bei solchem Wetter überhaupt fahren konnte.

„Kupplung sachte, ja? Und lands nicht im Graben!"

Bernd hörte kaum hin, griff nach den Schlüsseln. Früher, als Landmaschinenschlosser, hatte er alles gefahren. Die Hände erinnerten sich.

Die Fahrt wurde zum Albtraum. Der Wagen rutschte über die verwehte Straße, die Scheibenwischer kamen kaum hinterher. Fritz lag reglos auf dem Beifahrersitz, kaum noch atmend.

An der Kreuzung wartete Dr. Fenske schon, ein älterer Mann mit einem abgewetzten Koffer.

„Zeig mal deinen Patienten." Ein Blick genügte, um sein Gesicht ernst werden zu lassen. „Ins Auto, schnell. Sieht nach Darmverschlingung aus. Eine Stunde, dann ist's vorbei."

Auf der Rückfahrt schwieg Bernd, die Hände am Lenkrad verkrampft, während Fenske auf dem Rücksitz über Fritz gebeugt Spritzen setzte, tastete, abhörte.

„Er wird's überstehen", brummte der Tierarzt endlich. „Aber das war keine gesunde Fütterung. Was hast du ihm gegeben?"

„Bisschen von allem. Grütze, Fleisch."

„Und Knochen?"

„Na ja, Hühnerknochen. Er hat so gebettelt."

„Du Depp. Röhrenknochen splittern innen wie Nadeln. Glück gehabt, dass ihr's rechtzeitig geschafft habt."

Fenske erklärte noch lange, was erlaubt sei und was nicht, verschrieb Medikamente. Bernd hörte kaum zu – er starrte auf Fritz, erschöpft, aber lebendig, in den Armen des Arztes.

Nachdem er Fenske zurückgebracht hatte, stellte Bernd einen Stuhl neben Fritz' Körbchen und saß dort bis zum Morgengrauen. Beobachtete den flachen, aber stetigen Atem, die zuckenden Pfoten im Schlaf. Lebendig. Herrgott, lebendig.

Und dann, zum ersten Mal seit Gretes Tod, weinte Bernd. Erst leise, dann mit dem ganzen Körper schluchzend. Fritz hob mühsam den Kopf, seine warme Zunge berührte Bernds Hand.

„Verzeih mir, Kerlchen", flüsterte er in den Bart. „Fast hätt ich dich umgebracht. Aber wir haben's geschafft, ne?"

Draußen legte sich der Sturm. Ein neuer Tag begann.

„Bernd, was tust du da, wie mit 'nem Baby?", fragte Klaus Wagner ein paar Wochen später, als er sah, wie sein Nachbar Fritz nach dem Spaziergang jede Pfote einzeln abtrocknete.

„Warum nicht? Der spürt doch alles."

Es war nicht mehr derselbe Bernd, der vor Monaten den Nachbarn auswich. Jeden Morgen zogen er und Fritz durchs Dorf, blieben mal hier, mal dort stehen für ein Gespräch. Die alte Frau Brenner steckte Fritz Kekse zu, die Bernd höflich, aber bestimmt wieder einsammelte – „Darf er nicht haben." Die Männer fragten nach dem „Waldfund", der mittlerweile zu einem stattlichen Hund mit geringeltem Schwanz und wachen Augen herangewachsen war.

„Erstaunlich, dass der überlebt hat", wunderten sich die Dörfler. „Bestimmt vor 'nem Fuchs geflüchtet."

Bernd lächelte nur in seinen Bart. Er wusste, dass Fritz zu denen gehörte, die nicht aufgeben. Genau wie er selbst.

Bei der Dorfversammlung im Gemeindehaus – es ging um den maroden Brunnen am Anger – setzte sich Ingrid Baumann neben ihn, eine Witwe aus dem Nachbarhaus.

„Hör mal, Bernd", sagte sie leise, damit die anderen nichts mitbekamen. „Ich kenn dich ja schon lang. Noch von damals, als deine Grete lebte."

Er spannte sich an. Über Grete sprach er sonst nur mit dem Foto – und manchmal mit Fritz.

„Ich hab Pflaumenkuchen gebacken. Komm doch heut Abend rüber, ja? Mit deinem Hund."

Bernd wollte ablehnen. Dann sah er ihre Augen – müde, aber warm. Fritz, der zu seinen Füßen saß, streckte sich plötzlich und leckte Ingrid über die Hand, als kenne er sie schon ewig.

„Na gut. Wenn Fritz mitdarf", brummte Bernd unbeholfen.

Abends zog er ein frisches Hemd an, kämmte den Bart. Erkannte sich selbst im Spiegel kaum wieder.

„Na, Grete", sagte er zum Foto. „Ich verrat dich doch nicht, oder? Bisschen Kaffee trinken, weiter nichts."

Es schien ihm, als blicke Grete vom Bild aus milder als sonst. Als würde sie loslassen.

Auf der Türschwelle wartete Fritz, tänzelte ungeduldig von einer Pfote auf die andere.

„Meinst du auch, es wird Zeit?", lächelte Bernd.

Fritz bellte kurz und wedelte mit dem Schwanz.

Als sie am Grundstück der Wagners vorbeikamen, war Klaus im Garten beim Rechen. Er sah Bernd im frischen Hemd, mit gekämmtem Bart, und pfiff durch die Zähne.

„Na, na – gehst du etwa auf Brautschau, Bernd?"

„Kann sein", grinste Bernd, selbst überrascht von der eigenen Antwort.

„Und du hast mal gesagt: Wozu der Köter, der überlebt eh nicht", stichelte Klaus.

Bernd blieb stehen. Fritz drückte sich an sein Bein – warm, lebendig, treu.

„Ich hab auch gedacht, ich überleb's nicht lange", sagte er und schaute zur untergehenden Sonne, dann zu seinem Hund. „Und jetzt – leben wir eben."

Sie gingen weiter die Dorfstraße entlang, ein älterer Mann und ein Hund, der nicht hatte sterben sollen. Zwei, die im anderen gefunden hatten, was sie beide verloren geglaubt hatten.

Fast ein Jahr später, im folgenden Herbst, half Bernd beim Apfelpflücken auf Ingrids Grundstück, als Fritz plötzlich in der Erde unter dem alten Birnbaum zu scharren begann. Zum Vorschein kam eine verrostete Blechdose – Ingrids verstorbener Mann hatte darin, wie sich herausstellte, alte Fotos vom Dorf aufbewahrt, aus einer Zeit, als Bernd und Grete noch jung waren und beim Erntedankfest zusammen tanzten. Bernd erkannte auf einem Bild seine eigene Handschrift am Rand: eine Notiz, die er vor über vierzig Jahren für einen Dorfwettbewerb geschrieben hatte und längst vergessen glaubte. Ingrid sagte nichts dazu, stellte die Dose einfach auf den Küchentisch, zwischen ihre und seine Kaffeetasse, als gehöre sie schon immer dorthin.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: