Die Kette von Katrin

An dem Freitag, an dem Thomas Lehmann aus meinem Leben verschwand, hatte ich drei kleine Mädchen auf der Veranda sitzen und keine Ahnung, wie ich die nächste Mahlzeit bezahlen sollte. Meine Tochter Katrin war zehn Tage zuvor beerdigt worden. Ihre jüngste Tochter Emma war in derselben Nacht per Notkaiserschnitt zur Welt gekommen, und obwohl die Ärzte das Kind retteten, verlor ich mein eigenes. Danach herrschte drei Wochen lang ein dumpfes Schweigen. Dann öffnete ich die Tür und fand Lena, damals acht, mit einer Packung Windeln unter dem Arm. Mia, fünf, hielt ihren Teddy und starrte auf ihre nassen Turnschuhe. Emma schrie in der Babyschale, als hätte sie sofort begriffen, dass ihr Vater sie im Stich gelassen hatte.

Thomas hatte sich nicht einmal verabschiedet. Eine SMS: „Kann das nicht. Tut mir leid.“ Danach eine gespenstische Stille. Das Bezirksamt half mit einem monatlichen Satz, der so knapp bemessen war, dass ich die Heizung erst im November anstellte. In den ersten Monaten schlief ich in der Stube auf der Couch, weil ich nachts dreimal aufstehen musste, um Emma zu füttern. Die Kleine hatte Koliken und schrie, als stünde das Haus in Flammen. Manchmal, bevor ich morgens den ersten Schritt machte, musste ich mich am Küchenbord abstützen, weil meine rechte Hüfte so weh tat, dass mir schwarz vor Augen wurde. Aber ich blieb. Ich schmierte Pausenbrote, wärmte Fläschchen, saß endlose Vormittage in Amtsstuben und legte jeden Cent, den ich erübrigen konnte, in einen alten Keksdose neben dem Herd – die einzige Rücklage für das, was ich den Mädchen nicht schuldig bleiben wollte: einen Hauch von Kindheit, der nach mehr roch als Überleben.

Mitte Juli, als die Luft über dem Asphalt flimmerte, kam Lena nach dem Mittagessen zu mir. „Oma“, sagte sie und zupfte am Saum meines Baumwollrocks, „ich weiß, wir geben kein Geld für so was aus … aber könnten wir irgendwo schwimmen gehen? In einem richtigen Becken, meine ich.“ Ihr Blick war nicht fordernd. Sie versuchte, die Frage so winzig wie möglich zu machen. Mia stand hinter ihr und nickte stumm.

Ich schaute auf den Stapel unbezahlter Rechnungen neben dem Keksteller. Dann rechnete ich im Kopf die Scheine in der Dose zusammen und rief im Gästehaus „Zur kleinen Elbe“ außerhalb von Winsen an. Ein familiengeführtes Hotel mit einem kleinen, beheizten Außenpool. Eine Tageskarte für Erwachsene und drei Kinder kostete so viel wie eine Woche Abendessen, aber ich buchte sie trotzdem – für einen Freitagnachmittag.

Als wir ankamen, war der Himmel weißblau und die Liegen waren bis auf ein paar schattige Plätze leer. Lena rannte sofort ins knietiefe Wasser und rief: „Oma, guck!“, bevor sie sich bäuchlings hineinplumpsen ließ. Mia trug ihren Schwimmreifen wie einen Heiligenschein und jauchzte. Ich setzte mich mit Emma auf eine Bank am Beckenrand, die Kleine in einem zu großen Sonnenhut, und versuchte, sie mit einer lauwarmen Flasche zu beruhigen. Aber Emma drückte den Sauger weg und fing an zu weinen – diese hohen, herzzerreißenden Schreie, die ich in den letzten Monaten so gut kennengelernt hatte.

Ich summte das Lied, das Katrin ihr immer vorgesungen hatte, wiegte sie hin und her und tupfte ihr mit einem feuchten Tuch die Stirn. Das Weinen wurde leiser, setzte aber immer wieder ein. Ich konzentrierte mich so sehr auf das Kind, dass ich die Schritte hinter mir erst hörte, als ein Schatten über mein Gesicht fiel.

„Das reicht jetzt“, sagte eine Männerstimme. Keine Spur von Freundlichkeit. „Ich sitze hier seit einer halben Stunde und kann nicht einmal in Ruhe Zeitung lesen. Nehmen Sie das Kind mit raus, sonst hole ich die Rezeption.“

Ich blickte auf. Vor mir stand ein großer Mann um die Vierzig, sportlich, teure dunkle Sonnenbrille, die Ärmel seines weißen Hemds hochgekrempelt. Er hielt eine zusammengerollte Finanzzeitung in der Hand und deutete mit dem Kinn auf Emma.

„Sie hört gleich auf“, sagte ich. „Es sind nur Zahnungsbeschwerden. Geben Sie uns fünf Minuten, sie hat Fieber, ich kann sie nicht in die Sonne setzen.“

„Es ist mir egal, was sie hat. Das hier ist ein Hotelpool und kein Kindergarten. Wenn Sie sich keinen Babysitter leisten können, ist das Ihr Problem. Gehen Sie jetzt, oder ich sorge dafür, dass Sie gehen müssen.“ Sein Tonfall war wie eine zuklappende Tür.

Lena und Mia kamen aus dem Wasser. Lena stellte sich tropfend zwischen mich und den Mann, mia stellte sich hinter ihr und versuchte, nicht zu weinen. „Oma, wollen wir lieber nach Hause?“, fragte Lena leise. Ihre Stimme klang so alt, dass mir die Luft wegblieb.

In diesem Moment kam ein junger Kellner mit einem Tablett aus der Terrassentür des Hotels. Er trug eine weiße Weste und steuerte auf den Fremden zu. „Herr Lehmann“, sagte er höflich, „Ihr Macallan, mit den besten Empfehlungen des Hauses. Und das hier wurde vorhin am Beckenrand gefunden. Der Kollege dachte, es gehöre Ihnen, weil es genau unter Ihrem Handtuch lag.“ Er stellte das Glas ab und legte einen kleinen, flachen Gegenstand daneben – eine silberne Kette mit einem ovalen Anhänger.

Der Mann nahm es gedankenverloren in die Hand, während der Kellner sich zurückzog. Ich erkannte die Kette sofort. Es war das Schmuckstück, das ich in der Eile aus meiner Handtasche gezogen hatte, um Emma abzulenken, und das mir entglitten war, als ich aufstand. Katrins Konfirmationsgeschenk – ein silbernes Medaillon, das sie mit sechzehn bekommen und nie abgelegt hatte. Auf der Rückseite stand eingraviert: „Meinem Mädchen. In Liebe, Mama 2001.“ Und an der Innenseite des Deckels klebte ein winziges Foto: ein junges Paar auf einer Parkbank, er im Anzug, sie mit einem viel zu breiten Lachen.

Der Mann drehte den Anhänger um, ließ ihn im Licht baumeln und erstarrte. Seine Fingerspitzen wurden weiß um das Metall. Ich sah, wie seine Kiefermuskeln sich spannten. Seine Sonnenbrille fiel klappernd auf die Steinplatten. Er hob sie nicht auf.

„Das … das ist ja Katrins Kette“, flüsterte er. Es war keine Frage. Seine Stimme war plötzlich rau, als hätte er in den letzten zwei Jahren nicht ein einziges Mal zugegeben, diesen Namen zu kennen.

Er hob den Blick und sah mich an – nicht das Gesicht einer lästigen alten Frau, sondern etwas anderes. Ich sah es in seinen Augen arbeiten, ein Puzzle, das sich mit brutaler Geschwindigkeit zusammensetzte: die drei kleinen Mädchen, das Baby im Arm, mein Kinn, das Katrins Kinn war. Er ließ die Zeitung fallen. Die Seiten segelten ins Wasser.

„Sie sind … Sie sind Helga Maier“, brachte er hervor. „Susannes Mutter. Ich … mein Gott.“ Er machte einen unsicheren Schritt auf mich zu, dann blieb er stehen, als fürchtete er, Emma könnte bei seiner Berührung verbrennen.

Mir klopfte das Herz so laut, dass ich glaubte, er müsste es hören. „Sie haben keine Ahnung, wie wir heißen, Thomas“, sagte ich und schaffte es, die Stimme ruhig zu halten, obwohl meine Knie weich wurden. „Sie haben noch nicht einmal mehr ein Recht auf unsere Nachnamen. Aber ja, das sind Lenas und Mias und Emmas. Katrins Töchter. Ihre Töchter, falls Sie die Vaterschaft jemals offiziell anerkannt haben, wovon ich nicht ausgehe.“

Er zuckte zusammen, als hätte ich ihm eine gesalzene Wunde gezeigt, von der er nicht wusste, dass er sie noch besaß. Emma griff in diesem Moment nach dem Medaillon und lachte zum ersten Mal an diesem Nachmittag – ein nasses, gluckerndes Geräusch. Thomas sah ihr in die Augen, die denselben mandelförmigen Schnitt hatten wie seine eigenen, und ein Zittern lief über sein Gesicht.

Die Mädchen drängten sich an meine Beine. „Wer ist das, Oma?“, flüsterte Mia. Ich hielt Emma fester und gab keine Antwort.

Thomas ließ sich auf die Kante des Liegestuhls fallen und vergrub sein Gesicht in beiden Händen. Ein paar Minuten später kam derselbe Kellner wieder, zögerte, als er die Situation sah, und räumte leise das unberührte Whiskeyglas ab. Ich nutzte den Moment, um die Kinder mit einem leisen „Kommt, Mädchen“ zu unserer Liege zu führen. Ich wollte gehen. Meine Hände zitterten, als ich die Badesachen einklappte.

Doch dann spürte ich eine Hand an meinem Ellbogen – nicht grob diesmal, sondern so vorsichtig, als wäre ich aus dünnem Glas. „Helga … bitte. Nur fünf Minuten“, sagte Thomas. Sein maskenhaftes Selbstbewusstsein war vollständig zerbrochen. „Ich weiß, dass ich alles verloren habe. Ich war feige, ich war … Ich bin weggelaufen, als Katrin gestorben ist, weil ich nicht wusste, wohin mit der Schuld. Ich dachte, Kinder wären besser dran ohne jemanden, der jede Nacht vor dem eigenen Versagen flieht. Ich konnte nicht einmal ihr Grab sehen. Bitte, lassen Sie mich mit ihnen reden, nur ein einziges Mal. Ich will nichts fordern, ich will nur … sie ansehen.“

Lena zupfte unruhig an meinem Ärmel. Ihre Nasenflügel bebten. Meine eigenen Gedanken waren ein Chaos aus Wut, Müdigkeit und dem Instinkt, die Kinder sofort von diesem Ort zu entfernen. Aber dann sah ich mein Spiegelbild in Emmas Medaillon, das sie noch immer festhielt – das abgenutzte Silber, das kleine Foto im Inneren. Katrin hätte diese Tür vielleicht einen Spalt geöffnet. Ich war nicht Katrin. Ich war die Frau, die geblieben war, als alle anderen gegangen waren. Doch vielleicht genau deshalb verstand ich, was es hieß, mit einer unerfüllbaren Schuld zu leben.

„Sie können sie ansehen“, sagte ich schließlich so leise, dass nur er mich hörte. „Von genau dem Platz, an dem Sie jetzt stehen. Rühren Sie kein Kind an, ohne zu fragen. Und wehe, Sie brechen noch einmal ein Versprechen in deren Hörweite – dann ist nicht nur die Rezeption informiert, sondern auch mein Anwalt.“ Meine Stimme klang brüchiger, als ich wollte, aber der Satz stand.

Thomas nickte stumm. Er setzte sich langsam auf den Beckenrand, die Füße baumelten ins Wasser. Lena kam mit dem Schwimmreifen näher, neugierig und misstrauisch zugleich. „Kannst du auch schwimmen?“, fragte sie schließlich. Thomas schüttelte zaghaft den Kopf und versuchte ein Lächeln, das nicht ganz gelang. „Nein, deswegen sitze ich ja hier am Rand.“ Mia kicherte, kurz und unsicher, und tauchte ihren Fuß ins Becken, sodass Spritzer auf seine blankpolierten Schuhe flogen.

Ich stand etwas abseits, Emma in der Hüfte eingeklinkt, und sah zu, wie die Nachmittagssonne die Konturen der drei Köpfe – blonde Zöpfe, lockiges Blond und braungebranntes Haar – in ein seltsames, flüchtiges Bild fügte. Der Mann, der vor einer Stunde noch verlangt hatte, wir sollten verschwinden, fragte jetzt stockend, wie die Lieblingsfarbe seiner Tochter sei.

Später, als die Schatten länger wurden und der Bademeister die Beckenleiter hochklappte, stand Thomas auf und zog ein zerknittertes Foto aus seiner Brieftasche – dieselbe Aufnahme, die im Medaillon steckte, nur ein bisschen größer. Er legte es vorsichtig auf das Handtuch neben Lenas Tasche, als platziere er einen Schlüssel, der nie wieder weggeräumt werden durfte. Dann verschwand er mit einem kaum hörbaren „Danke“ in der Seitentür des Hotels.

Auf der Rückfahrt schliefen Mia und Emma im Kindersitz ein. Lena starrte aus dem Fenster auf die vorbeirauschenden Birken und sagte irgendwann: „Der Mann hat ein bisschen denselben Mund wie Emma, findest du nicht, Oma?“

Ich antwortete nicht. An der nächsten Ampel blickte ich in den Rückspiegel und ließ die Tränen laufen, wo sie mich nicht sehen konnten. Zwischen den Rechnungen und der Keksdose lagen jetzt nicht mehr nur Schulden, sondern etwas, das wie eine Frage aussah.

Am nächsten Morgen, als ich den Frühstückstisch deckte, lag unter der Zuckerdose ein Umschlag, der am Vorabend noch nicht dagewesen war. Darin steckte keine Entschuldigung in Worten, sondern ein frisch unterschriebener Vaterschaftsnachweis für drei kleine Mädchen und eine Nachricht in krakeliger Handschrift auf einem Hotelbriefbogen: „Ich habe die ganzen Jahre nur meinen eigenen Namen vergessen. Ich weiß jetzt, wo ich anfangen muss.“ Darunter stand eine Adresse in der Innenstadt, nicht weit von unserem Viertel entfernt.

Lena fragte, was das für ein Zettel sei. Ich faltete ihn zusammen, schob ihn in die Blechdose mit den Ersparnissen und sagte: „Ein Zimmerschlüssel. Für einen sehr langen Weg, den wir vielleicht zusammen gehen können.“ Dann schmierte ich ihr das Pausenbrot mit extra viel Butter und spürte zum ersten Mal seit zwei Jahren, dass Angst und Hoffnung sich nicht unbedingt ausschließen mussten.

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