Der Grill blieb kalt

Ich bringe seit vier Jahren jeden zweiten Samstag den Kartoffelsalat zu den Grillabenden der Familie Brenner, weil meine Tochter mit dem jüngeren Sohn Verena befreundet ist und ich so mit reingerutscht bin. Man kennt mich dort als „die Nachbarin mit der Schüssel", mehr nicht. Ich sitze meistens am Rand, trinke mein Bier und beobachte, wie diese Familie funktioniert – oder eben nicht.

An diesem Abend, Ende Juli, roch es im Garten der Brenners nach nassem Rasen, es hatte kurz vorher geregnet, und irgendwo drei Gärten weiter lief im Fernsehen laut die Sportschau. Verena, die Gastgeberin, stand am Spülbecken in der offenen Küche und wusch Salatblätter, als ihre Schwägerin Katrin mit Mann und den beiden halbwüchsigen Söhnen zur Terrassentür reinkam. Alle vier mit leeren Händen. Kein Fleisch, keine Getränke, nicht mal eine Flasche Selters.

„Wir hatten Stau auf der A3, du glaubst es nicht", sagte Katrin und setzte sich schon auf den Barhocker, bevor jemand sie eingeladen hatte. „Die Jungs haben gehungert, mach mal schnell was fertig, ja?"

Ich stand mit meiner Kartoffelsalatschüssel noch am Gartentisch und hörte, wie Verena antwortete, ohne die Hände vom Wasserhahn zu nehmen: „Vor einer Stunde habt ihr in der Familiengruppe geschrieben, ihr wärt gerade am Losfahren."

Katrin winkte ab, griff nach dem geschnittenen Gouda auf dem Brett und aß ein Stück, dann noch eins. „Wir bringen doch beim nächsten Mal mehr mit. Du hast doch eh immer alles im Kühlschrank."

Ich kenne diesen Satz. Ich habe ihn selbst schon von einer Verwandten gehört, vor Jahren, bei einer Konfirmation, und ich weiß, was er wirklich bedeutet: dass jemand längst beschlossen hat, nichts beizusteuern, und nur noch einen Grund braucht, der gut genug klingt, um selbst daran zu glauben.

Was Katrin nicht wusste – und was ich nur mitbekam, weil ich zwei Tage vorher zufällig mit Verena am Gartenzaun stand, während ihr Hund, ein alter Labrador namens Bruno, im Beet nach einer vergrabenen Wurst suchte –, war, dass Verena die Aufgaben diesmal schriftlich verteilt hatte. Kartoffeln und Fleisch von ihr selbst. Salate, Gemüse und Getränke von ihrem Bruder Jonas und dessen Frau, die schon eine Stunde früher mit vollen Taschen gekommen waren – Hähnchenschenkel in einer Marinade, zwei Kisten Mineralwasser, eine Flasche Riesling. Katrin und ihr Mann hatten Aufschnitt, Fisch für Brote und Bier zugesagt. Jeder hatte in der Chatgruppe mit Daumen-hoch bestätigt. Ich hatte den Screenshot selbst gesehen, Verena zeigte ihn mir grinsend, als wäre es ein Beweisstück.

Verena legte das letzte Salatblatt auf das Küchenpapier, drehte den Wasserhahn zu und wischte sich die Hände an der Schürze ab – eine mit Kirschen bedruckte Schürze, die, wie sie mir mal erzählt hatte, noch von ihrer Mutter stammte. Sie sagte nichts weiter. Aber ich sah, wie sie kurz zur Käseplatte schaute, die schon zur Hälfte leer war, und wie ihr Kiefer sich einen Moment lang anspannte.

Ich dachte, jetzt kommt der übliche Ablauf: Verena holt stumm noch etwas aus dem Gefrierschrank, brät zusätzliche Würstchen, und am Ende sitzen wieder alle satt am Tisch, während Katrins Familie sich als Ehrengäste fühlt. So war es die letzten drei Male.

Diesmal aber ging Verena zur Kühlschranktür, öffnete sie, und ich sah von meinem Platz auf der Terrasse aus, dass fast nichts drin war außer den Zutaten, die sie selbst gekauft hatte, plus das, was Jonas gebracht hatte. Kein Vorrat. Kein Puffer. Sie hatte offenbar diesmal absichtlich nur so viel eingekauft, wie für die angemeldeten Portionen reichte.

Sie stellte zwei Teller mit rohem Fleisch auf die Anrichte, für sich, Jonas und dessen Frau, für mich und die Kinder, die schon draußen am Kickertisch spielten. Dann drehte sie sich zu Katrin um.

„Ich hab heute nur für die eingekauft, die was mitgebracht haben. Der Grill reicht für sechs Portionen Fleisch. Ihr seid vier dazugekommen ohne alles."

Katrins Mann, Frank, lachte kurz auf, so ein Lachen, das sagen soll: das ist doch ein Scherz. „Wir sind Familie, Verena. Komm."

„Genau deswegen sag ich's dir offen, statt einfach nichts zu sagen." Verena nahm die Käseplatte, die halb leer war, und stellte sie zurück in den Kühlschrank, mit einer Ruhe, die mich mehr beeindruckte als jede laute Ansage. „Es gibt Kartoffelsalat, den Gudrun mitgebracht hat" – das bin ich, Gudrun, die Nachbarin mit der Schüssel – „aber der ist für alle da, davon nehmt euch. Fleisch und Getränke habt ihr nicht dabei, und ich hab keins übrig."

Ich stand mit meiner Schüssel Kartoffelsalat in der Hand und wusste plötzlich nicht, wo ich hinschauen sollte. Die beiden Jungs, Max und Kilian, hatten sich vom Kickertisch umgedreht und starrten in die Küche. Katrin wurde rot im Gesicht, stand vom Barhocker auf und sagte etwas von „das kann ich nicht fassen" und „wegen Käse so einen Aufstand machen", aber Verena antwortete nicht mehr darauf. Sie ging raus zum Grill, legte das Fleisch auf, das für sechs Personen reichte, und ließ die Familie in der Küche stehen.

Frank versuchte es noch einmal, ging Verena hinterher zum Grill, redete leise auf sie ein, ich verstand nur Fetzen – „einmal ist doch nicht schlimm", „die Kinder haben Hunger" –, aber Verena schüttelte nur den Kopf und drehte die Würstchen um, ohne aufzublicken. Ich hab in dem Moment gedacht: jetzt ist es raus, das Ding, das sich seit Jahren angestaut hat, und keiner kann mehr so tun, als sei nichts gewesen.

Katrin holte schließlich ihre Familie zusammen, sagte, sie würden „auf dem Heimweg noch was essen gehen", was, wie ich später von Verena erfuhr, hieß: sie fuhren zum Rewe um die Ecke und kauften sich Aufbackbrötchen und Aufschnitt, während der Grillabend bei den Brenners ohne sie weiterlief, entspannter als ich ihn je erlebt hatte. Jonas' Frau lachte zum ersten Mal an dem Abend richtig, weil, wie sie sagte, „endlich mal keiner nachrechnet, wer am Ende zu kurz kommt".

Ich bin an dem Abend gegen elf nach Hause gegangen, meine leere Schüssel unter dem Arm, und hab beim Rausgehen noch gesehen, wie Verena die Käseplatte wieder aus dem Kühlschrank holte – jetzt, wo alle da waren, die auch was beigetragen hatten.

Ein paar Wochen später erzählte mir Verena beim Kaffee, dass Katrin ihr eine Nachricht geschickt hatte: eine Überweisungsbestätigung über achtunddreißig Euro, „für den Käse und mehr", mit dem Kommentar, das sei ja wohl übertrieben gewesen, so ein Aufhebens. Verena hat das Geld nicht zurücküberwiesen. Sie hat stattdessen die Familiengruppe umbenannt, von „Grillabende" in „Grillabende – wer mitbringt, isst mit", und seitdem, das hat sie mir grinsend erzählt, kommt bei jedem Treffen pünktlich eine Einkaufsliste mit Häkchen daneben, sogar von Katrin.

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