Villa am Starnberger See

Um zehn Uhr morgens roch der Innenhof von Gut Leutstetten nach frisch geschnittenem Gras und nach dem Kaffee, den die Floristin in Pappbechern verteilte. Markus Brenner stand vor dem Spiegel im Nebenraum der Orangerie und zählte zum vierten Mal die Knöpfe seiner Weste, obwohl es immer noch sieben waren.

"Du siehst aus, als würdest du gleich zu einer Steuerprüfung gehen, nicht zu deiner Hochzeit", sagte sein Bruder Tobias und zupfte an der Krawatte herum, bis sie gerade saß.

"Mir ist nur kalt."

"Bei achtundzwanzig Grad?"

Markus antwortete nicht. Er war einundvierzig, hatte mit einem einzigen Mehrfamilienhaus in Pasing angefangen und daraus in fünfzehn Jahren eine Hausverwaltung mit Büros in München, Augsburg und Rosenheim gemacht. Zahlen ließen sich prüfen. Verträge ließen sich nachlesen. Bei einer Ehe gab es kein Kleingedrucktes, das man zweimal durchgehen konnte – man musste jemandem einfach glauben. Und zum ersten Mal seit Jahren dachte Markus, er hätte eine Frau gefunden, bei der er das konnte, ohne ständig nachzufragen.

Kennengelernt hatten sie sich auf einer Benefizgala für die Bayerische Staatsoper, gut zwei Jahre zuvor. Nadine Wolf hatte damals die Tischordnung mitorganisiert und ihn aus Versehen an den falschen Platz gesetzt – neben eine Familie, die er sein Lebtag nicht kannte. Als der Irrtum aufflog, wurde sie nicht rot, sondern lachte.

"Also gut", hatte sie gesagt und auf die Karte in ihrer Hand gestarrt, "entweder ich hole Sie jetzt raus und alle gucken, oder Sie heißen für die nächsten zwei Stunden Herr Aigner."

Er war für den Rest des Abends Herr Aigner geblieben. Eine Woche später hatte er sie angerufen. Nadine war anders als die Frauen, die er sonst über die Arbeit traf. Sein Reihenhaus in Grünwald beeindruckte sie nicht besonders; sie saß lieber in Jogginghose auf seiner Küchentheke, aß Cornflakes direkt aus der Packung und kommentierte das teure Abendessen vom Vortag.

"Sechsunddreißig Euro für vier Maultaschen."

"Es waren fünf."

"Hast du sie gezählt?"

"Bei dem Preis zählt jede."

Er hatte gemocht, wie normal sie sein Leben machte. Als er ihr einen Antrag gemacht hatte, weinte sie, noch bevor er den Satz zu Ende gebracht hatte. So jedenfalls erinnerte er sich daran.

Draußen setzte die Streicherin ein. Tobias klopfte ihm auf die Schulter. "Das ist unser Stichwort."

Markus atmete aus und ging.

Der Weg zum Altar unter der alten Kastanie führte an fünfundachtzig Stühlen vorbei, die die Hochzeitsplanerin in zwei Blöcke geteilt hatte. Auf der einen Seite saß seine Mutter, die ihre Handtasche wie einen Rettungsring festhielt. Auf der anderen Seite Nadines Vater, ein pensionierter Zahnarzt aus Herrsching, der die ganze Woche über auffällig oft mit seinem Handy telefoniert hatte, immer draußen, immer mit dem Rücken zur Terrasse. Markus hatte es registriert und beiseitegeschoben. Vor der Hochzeit ist jeder nervös, hatte er sich gesagt.

Als die Musik in den Marsch überging, drehten sich alle Köpfe zum Kiesweg. Doch statt Nadine im Brautkleid kam die Trauzeugin, Lena, im knallgrünen Kleid im Laufschritt zwischen den Stuhlreihen, das Handy in der erhobenen Hand.

"Wir brauchen einen Moment", sagte sie, und ihre Stimme kippte auf der letzten Silbe. "Nur – nur einen Moment."

Markus stand am Altar und spürte, wie ihm die Blumen in der Hand plötzlich zu schwer wurden – dabei hielt er gar keine. Es waren die Manschettenknöpfe seines Großvaters, die er kurz vor der Zeremonie eingesetzt hatte, weil seine Mutter darauf bestanden hatte, und jetzt drehte er sie zwischen zwei Fingern, ohne es zu merken.

Zwanzig Minuten. So lange stand er da, während der Standesbeamte mit dem Notizbuch in der Hand unruhig von einem Fuß auf den anderen trat und die Gäste anfingen, in ihren Programmheften Luft zu fächeln. Dann kam Lena zurück, allein, das grüne Kleid inzwischen an einer Schulter verrutscht.

"Sie ist weg", sagte sie. "Sie ist mit dem Auto weg."

"Weg wohin?"

"Das wollte sie mir nicht sagen. Markus – sie hat eine SMS auf meinem Handy gelesen. Von jemandem, der ,Schatz' geschrieben hat."

Er fuhr Nadine später am Tag nicht selbst hinterher; er wartete, wie es sich für einen Mann gehört, der Verträge liest, bevor er unterschreibt. Am Abend, als die Gäste längst gegangen waren und die Floristin die letzten Rosen in Eimer mit Wasser gestellt hatte, kam Nadine allein zurück ins Gut, das Brautkleid noch an, der Saum grasgrün von den Wiesen am See.

Sie setzte sich ihm gegenüber an den leeren Ehrentisch, unter dem noch die Platzkarten mit vertauschten Namen lagen, weil niemand sie hatte abräumen wollen.

"Es tut mir leid", sagte sie. "Ich konnte es nicht. Nicht, während er mir noch schreibt."

Er. Ein Mann namens Konstantin, ein Kollege ihres Vaters aus Herrsching, mit dem sie – wie sich in den folgenden Wochen herausstellte – seit anderthalb Jahren eine Verbindung hatte, die nie ganz aufgehört hatte, während sie gleichzeitig Markus' Antrag angenommen und den Termin im Gut Leutstetten für 22.000 Euro gebucht hatte. Ihr Vater hatte davon gewusst. Die Anrufe auf der Terrasse waren nicht geschäftlich gewesen.

Markus stellte an diesem Abend keine einzige laute Frage. Er hörte ihr zu, bis sie fertig war, stand auf und ging zu seinem Auto. Erst als er auf der A95 Richtung München fuhr, merkte er, dass er die Manschettenknöpfe seines Großvaters noch immer in der Faust hielt, so fest, dass sie einen roten Abdruck in seiner Handfläche hinterlassen hatten.

Was danach kam, hatte nichts mit Rache zu tun, sondern mit Ordnung. Am Montag saß Markus im Büro seiner Anwältin in der Maximilianstraße und legte drei Dokumente auf den Tisch: den notariell beurkundeten Vorvertrag über die gemeinsame Eigentumswohnung in Bogenhausen, die er auf Nadines Wunsch bereits zu gleichen Teilen hatte umschreiben lassen, die Vollmacht, die sie für sein zweites Bürogebäude in Rosenheim erhalten hatte, und die Reservierungsbestätigung für die Feier.

"Die Wohnung", sagte er, "wird zurückgeschrieben. Vollständig auf meinen Namen. Sie hatte noch keinen Cent dafür bezahlt – wir haben erst mit der Umschreibung begonnen."

"Und die Vollmacht?"

"Widerrufen. Ab heute."

Er kündigte an diesem Vormittag zudem das gemeinsame Konto, das er für die Hochzeitskosten eingerichtet hatte, überwies den Restbetrag von 4.100 Euro auf sein eigenes Konto und schickte der Eventagentur eine E-Mail mit der Bitte, die Kaution für den nicht stattgefundenen Empfang – die restlichen 22.000 Euro – zurückzuerstatten, was ihm binnen zwei Wochen gelang, weil im Vertrag klar stand, wessen Unterschrift zählte: seine.

Nadine rief drei Tage später an. Er ließ es klingeln, bis die Mailbox ansprang, dann schrieb er ihr eine einzige Nachricht: "Die Schlüssel für Bogenhausen bitte bis Freitag im Briefkasten der Hausverwaltung." Sie tat es. Er wechselte trotzdem noch am selben Abend das Schloss.

Sechs Wochen später bekam er einen Brief von einem Notar in Herrsching – Nadines Vater wollte über die Reste der Reservierung verhandeln, über die Kaution, die er selbst vorgestreckt hatte. Markus antwortete nicht persönlich. Er ließ seine Anwältin einen einzigen Satz schreiben: dass sämtliche Zahlungen bereits vertragsgemäß beglichen seien und keine weitere Kommunikation erwünscht sei.

Ein Jahr später erfuhr Markus über einen gemeinsamen Bekannten, dass Nadine und Konstantin sich getrennt hatten, kurz nachdem herausgekommen war, dass er zur selben Zeit noch eine dritte Frau in Rosenheim getroffen hatte – ausgerechnet in einem der Häuser, die zu Markus' eigener Verwaltung gehörten, was ihm die Hausmeisterin ganz beiläufig erzählte, als sie über die Nebenkostenabrechnung sprachen. Die Manschettenknöpfe seines Großvaters trägt Markus inzwischen nur noch zu Beerdigungen und zur Konfirmation seiner Nichte; zur eigenen zweiten Verlobung, zwei Jahre später mit einer Kollegin aus der Rosenheimer Filiale, hat er sich bewusst ein neues Paar gekauft.

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