Renate Brankovic ist zweiundsiebzig, als sie zum ersten Mal seit elf Jahren wieder den Zug nach Freiburg nimmt. Der Bahnsteig riecht nach nassem Laub, es ist Anfang Oktober, und am Kiosk hängt noch das Plakat vom Weinfest, das schon zwei Wochen vorbei ist. Sie hat einen Aktenordner unter dem Arm, roter Rücken, die Ecken ausgefranst. Darin: der Mietvertrag der kleinen Fahrradwerkstatt in der Wiehremer Straße, die sie 1987 mit ihrem Mann eröffnet hat.
Renate ist mit vierunddreißig aus Novi Sad nach Deutschland gekommen, mit einem Koffer, einem Wörterbuch und ihrer sechsjährigen Tochter Jelena an der Hand. Kein Wort Deutsch, dafür eine Kellnerausbildung und den festen Willen, dass ihre Tochter nicht in einer Sammelunterkunft aufwächst. Sie hat in einer Wäscherei in Emmendingen gearbeitet, dann in der Kantine der Uniklinik, und nebenbei, jeden Abend nach der Spätschicht, hat sie mit einer Volkshochschul-Kassette Deutsch gelernt, bis sie die Stimme der Sprecherin im Schlaf hörte. Zwölf Jahre später hat sie zusammen mit ihrem zweiten Mann, Herbert, die Werkstatt gekauft. Räder reparieren, Schläuche flicken, Kaffee für die Studenten von der PH nebenan. Es war nie viel, aber es war ihres.
Vor elf Jahren ist Herbert gestorben. Und ihr Schwiegersohn Danijel – Jelenas Mann, ein umgänglicher, tüchtiger Mann, der die Werkstatt seit Jahren mitführt – hat sich damals angeboten, "damit du dich nicht mehr kümmern musst", die Papiere zu übernehmen. Renate, erschöpft von der Beerdigung, von der Steuererklärung, von der Buchhaltung, die sie nie richtig verstanden hat, hat unterschrieben, was er ihr auf den Küchentisch gelegt hat. Sie erinnert sich, dass an dem Tag im Radio ein Fußballspiel lief und dass Jelena Tee gekocht hat, der zu lange gezogen war. Details, die aus irgendeinem Grund hängen bleiben, während der Sinn der Unterschrift ihr entglitten ist.
Elf Jahre lang hat sie in der Werkstatt weitergearbeitet, unbezahlt, "weil es ja alles in der Familie bleibt", wie Danijel immer gesagt hat. Sie hat die Kasse gemacht, montags die Kunden begrüßt, den Kaffee gekocht. Bis vor drei Monaten, als ihre Nachbarin Frau Öztürk beim Metzger erzählte, dass die Werkstatt jetzt "Bike Corner Danijel Vukić e.K." heißt und im Handelsregister ausschließlich auf ihn läuft. Kein Wort an Renate. Kein Anruf an Jelena. Renate hat sich das Handelsregisterblatt selbst am Amtsgericht besorgt, weil sie es mit eigenen Augen sehen musste.
Und jetzt sitzt sie im Zug, den Ordner auf dem Schoß, und neben ihr riecht ein Mann nach nassem Hund, weil sein Labrador unter dem Sitz döst. Sie hat nicht geweint, als sie das Papier gelesen hat. Sie hat es zweimal gelesen, dann ein drittes Mal, mit dem Finger unter der Zeile, in der ihr Name fehlte.
Renates Tochter Jelena hat inzwischen selbst angerufen, aufgebracht, hat gesagt, sie werde mit Danijel reden, es sei "sicher ein Missverständnis mit dem Notar". Renate hat ihr nicht widersprochen. Aber sie hat auch nicht gewartet. Sie hat stattdessen bei einer Fachanwältin für Handelsrecht in der Kaiser-Joseph-Straße einen Termin gemacht, mit dem Mietvertrag der Werkstatt unter dem Arm – denn das Ladenlokal selbst gehört nicht der Firma, sondern ihr allein, seit 1987, das hat sie all die Jahre nie geändert.
In der Kanzlei riecht es nach Druckerpapier und dem Pfefferminztee, den die Sekretärin in dünnen Plastikbechern serviert. Die Anwältin, eine Frau mit kurzem grauem Pony und einer Lesebrille, die ständig auf der Nasenspitze sitzt, blättert den Mietvertrag durch und sagt einen Satz, den Renate sich auf einen Zettel schreibt, weil sie ihn genau so behalten will: "Er führt ein Geschäft in einem Laden, der ihm nicht gehört. Das ist Ihr Hebel."
Vier Wochen später, an einem Dienstagvormittag, steht Renate wieder in der Wiehremer Straße. Diesmal nicht mit dem Zug, sondern mit dem Bus, Linie 15, und in der Tasche liegt ein Kündigungsschreiben zum Mietvertrag, unterschrieben, mit einer Frist von drei Monaten, wie es das Gesetz vorsieht, weil kein schriftlicher langfristiger Vertrag mehr bestand – nur die stillschweigende Fortsetzung, Jahr für Jahr. Daneben, in einem zweiten Umschlag, ein notariell beglaubigtes Angebot: Renate ist bereit, die Firma – oder zumindest das Inventar, die Maschinen, die alte Standbohrmaschine, die noch Herbert gekauft hat – für einen fairen Betrag von Danijel zurückzukaufen. Vierzigtausend Euro, ein Wert, den ein Sachverständiger geschätzt hat. Wenn nicht: Der Laden wird zum 31. Januar geräumt.
Danijel steht hinter der Theke, als sie hereinkommt, ein Kunde probiert gerade einen Helm vor dem Spiegel neben der Kasse. Er sieht den Umschlag, bevor er ihn liest, und sein Gesicht wird bleich um die Nasenflügel. "Renate, das kannst du nicht machen. Wir haben eine Familie."
"Ich mache es nicht dir zuliebe schwer", sagt sie, "ich mache nur, was mir gehört, zu Ende. Du hast entschieden, dass die Firma allein dir gehört. Gut. Dann trägst du auch allein die Miete – anderswo."
Der Kunde mit dem Helm tut so, als würde er die Preisschilder studieren.
Danijel ruft Jelena an, noch am selben Nachmittag, und es gibt einen Streit am Küchentisch in Emmendingen, den Renate nicht mit ansieht, aber am Abend erzählt Jelena ihr am Telefon, mit belegter Stimme, dass Danijel zwei Tage lang nicht mit ihr geredet hat und dann doch unterschrieben hat – weil der Steuerberater ihm klipp und klar gesagt hat, dass er ohne Ladenlokal in Freiburg keine neue Werkstatt eröffnen kann, jedenfalls nicht mit dem gleichen Kundenstamm, nicht in drei Monaten.
Renate holt die vierzigtausend Euro nicht aus ihrem Sparbuch. Sie verkauft stattdessen, mit Hilfe der Anwältin, das Grundstück ihrer verstorbenen Schwester in Novi Sad, das sie geerbt, aber nie betreten hat, seit sie es geerbt hat. Der Betrag reicht, mit etwas Rest.
Am 2. Februar steht auf dem Schaufenster der Werkstatt in der Wiehremer Straße ein neuer Name in weißer Schablonenschrift: "Radlwerkstatt Renate B." Die alte Standbohrmaschine steht noch am gleichen Platz. Jelena kommt jeden Mittwoch vorbei, mit ihrer eigenen Tochter, die auf einem umgedrehten Eimer sitzt und Reifenflicken sortiert, während ihre Großmutter mit einer Kundin über den Preis eines gebrauchten Trekkingrads verhandelt. Danijel hat inzwischen eine Stelle bei einem Fahrradgroßhändler in Kirchzarten angenommen, Angestellter, nicht Inhaber. Er kommt Renate nicht mehr über den Weg, und wenn doch, auf dem Wochenmarkt am Samstag, grüßt er kurz und mit gesenktem Kopf, und sie nickt zurück, ohne stehen zu bleiben, den Einkaufskorb schon fest in der anderen Hand.
