Die Sache mit der neuen Tür hat in Flensburg noch Wochen später für Gesprächsstoff gesorgt. Die Leute im Viertel reden ja gern, besonders vor dem Bäcker an der Ecke, wo die Brötchen ab sieben Uhr morgens einen Euro zwanzig kosten und wo jeder jeden kennt. Aber das hier hat selbst die älteren Damen am Fenster überrascht.
Ich habe den Schlosser an einem Montag kommen lassen. Ein junger Mann aus Harrislee, er hieß Tim und hatte eine Werkzeugkiste, die er mit beiden Händen tragen musste. Der alte Zylinder war seit neunzehn Jahren in der Tür gewesen, seit ich mit Markus in die Wohnung in der Mommsenstraße gezogen bin. Neunzehn Jahre. Da war Miriam gerade in die Schule gekommen, und Jonas hatte noch nicht mal sprechen können.
Jetzt ist Jonas vierzehn. Er hat die Schlüssel von mir bekommen, als er zwölf wurde, weil es praktisch war. Weil die Kinder ja ständig kommen, mit Schmutzwäsche, mit kaputten Reißverschlüssen, mit dem Hund, den ich eigentlich nie haben wollte, der aber trotzdem jedes Mal mit rein darf und sich auf dem Sofa breitmacht. Und weil ich mir eingeredet habe, dass es normal ist, wenn die eigene Tochter um halb acht morgens in der Küche steht und fragt, ob noch Kaffee da ist. Nicht ob ich Zeit habe. Nicht ob ich schon auf bin. Ob Kaffee da ist.
Miriam hat den Schlüssel vor zwei Jahren bekommen. Sie hat ihn nie wieder abgegeben. Aber am Montag, als Tim die letzte Schraube festgezogen und mir drei neue Schlüssel in die Hand gedrückt hat, war das vorbei.
Am Dienstagabend stand sie vor der Tür. Ich habe sie kommen hören, der Aufzug war mal wieder kaputt, also ist sie die fünf Stockwerke hochgelaufen, und ich habe ihre Absätze auf dem Treppenabsatz gehört, dieses harte Klacken, das ich seit ihrer Jugend kenne. Dann das Kratzen am Schloss. Einmal, zweimal. Dann Stille. Dann ihr Anruf.
„Mama? Irgendwas stimmt mit der Tür nicht. Mein Schlüssel geht nicht mehr.“
Ich stand im Flur, vielleicht anderthalb Meter von ihr entfernt, mit einem Glas Leitungswasser in der Hand. Ich hatte gezählt, wie oft ich trinken musste, um meine Hände ruhig zu halten. Drei Schlucke. Es hat nicht geholfen.
„Ich weiß, Miriam. Ich habe das Schloss wechseln lassen.“
Am anderen Ende war es so still, dass ich die Tauben auf dem Balkon gegenüber gurren hörte. Dann, leise, fast ein Flüstern: „Du hast was?“
„Das Schloss. Es ist neu. Ich rufe dich zurück.“
Ich habe aufgelegt. Einfach so. Nicht weil ich mutig war, sondern weil ich gemerkt habe, dass meine Stimme anfangen würde zu zittern, wenn ich noch ein Wort sage. Also habe ich das Handy auf die Ablage in der Diele gelegt, bin in die Küche gegangen und habe den Wasserhahn aufgedreht, einfach um ein Geräusch zu haben. Der Druck war niedrig, die alte Leitung in dem Haus aus den Sechzigern macht, was sie will.
Es war nicht leicht. Das war es in den Tagen davor auch nicht. Aber es war nötig, und das ist der einzige Gedanke, der mich die halbe Nacht hat schlafen lassen.
Ich weiß noch genau, wann es angefangen hat. Nicht nach Markus’ Tod, das wäre zu einfach. Es war ungefähr zwei Monate nach der Beerdigung, an einem Sonntag. Miriam kam mit Hendrik, ihrem Mann, und den Kindern zum Essen. Das war nichts Neues, das machen sie seit Jahren. Aber diesmal hat Hendrik gefragt, ob er „kurz“ den Keller sehen kann. Er überlegte, ob sie ihre alte Couch irgendwo unterstellen können, weil sie die Garage voll hatten. „Nur für ein paar Wochen.“
Aus den paar Wochen wurden vier Monate. Aus der Couch wurde ein halber Hausstand. Dann kamen die Kartons mit der Sommerkleidung dazu, weil der Dachboden bei ihnen angeblich feucht war, und irgendwann stand da unten ein Kühlschrank, den ich nie bestellt hatte. Wenn ich im Keller war, um Wäsche abzunehmen, musste ich seitlich zwischen den Möbeln durchgehen. In meiner eigenen Waschküche.
Hendrik hat nie wieder von der Couch gesprochen. Ich auch nicht. Das war mein Fehler.
Oder die Sache mit dem Auto. Mein Golf, Baujahr 2015, steht die halbe Woche vor der Tür, weil ich in Flensburg sowieso fast alles mit dem Rad fahre. Miriam hat ihn im Winter öfter gebraucht, wenn ihrer in der Werkstatt war, was ständig vorkam. Immer donnerstags, wenn sie den Großeinkauf machte. Ich habe ja nichts dagegen, wirklich nicht. Aber irgendwann lag der Zweitschlüssel in ihrem Portemonnaie, und ich wurde nicht mehr gefragt. Sie kam, nahm den Schlüssel vom Brett, rief „Bin gleich wieder!“ und war weg. Wenn ich Pech hatte, roch der Sitz nach Fast Food, und im Fußraum lag eine zerknüllte Tüte von der Bäckerei am Hafen.
Als ich einmal angemerkt habe, dass ich das Auto am Donnerstag vielleicht selbst bräuchte, hat sie gelacht. „Mama, du fährst doch eh nie. Und zur Not nimmst du doch den Bus. Die Linie 5 hält doch direkt vor deiner Tür.“ Als wäre das der Punkt gewesen.
Markus hätte das anders gemacht. Markus hätte die Autoschlüssel einfach in seine Manteltasche gesteckt, bevor er zur Arbeit ging, und wenn Miriam gefragt hätte, hätte er gesagt: „Fahrrad ist auch noch da.“ Ohne Diskussion, ohne Erklärung. Ich habe das nie gekonnt. Ich habe gedacht, Verständnis wäre das Wichtigste, was man seinen Kindern geben muss. Jetzt weiß ich, dass Verständnis ohne Grenzen einfach nur ein großes, offenes Tor ist, durch das alle reinspazieren, wann sie wollen.
Am Mittwochmorgen habe ich einen Zettel an die Küchentür geklebt. Darauf stand: „Tür öffnet nach Absprache.“ Ich habe ihn dreimal umformuliert. Die erste Fassung war länger, irgendwas mit „Liebe Kinder“, aber das habe ich durchgestrichen. Es soll nach mir klingen. Nicht nach einer Vermieterin, aber auch nicht nach jemandem, der um Verzeihung bittet.
Mittags rief Ines an, meine Schwester. Sie wohnt in Lübeck, wir telefonieren einmal die Woche, meistens über Belangloses. Diesmal fragte sie, ob bei mir alles in Ordnung sei. „Miriam hat heute Morgen bei mir angerufen. Sie klang aufgelöst. Was ist da los?“
Ich habe den Putzlappen ausgewrungen, mit dem ich gerade die Fensterbank abwischte. „Ich habe das Schloss ausgetauscht.“
„Du hast das Schloss ausgetauscht. Warum?“
„Weil ich es wollte.“
Sie schwieg einen Moment. Dann lachte sie kurz auf, dieses heisere Lachen, das sie von unserem Vater hat. „Erika. Das ist das Beste, was ich seit langem von dir gehört habe. Soll ich dir den Bericht von Miriam ersparen?“
„Bitte.“
„Sie sagte, du hättest dich verändert. Dass man mit dir nicht mehr reden kann. Dass du die Kinder bestrafen willst, obwohl die dir nichts getan haben. Zitat: ‚Sie lässt uns nicht mal mehr rein.‘“
Ich habe den Lappen auf den Tisch gelegt. „Sie lässt uns nicht mal mehr rein.“ Als wäre ich eine Behördenschalter, die um zwölf dichtmacht. Nicht ihre Mutter, die sie seit Wochen nicht gefragt hat, wie es mir geht, ob ich zum Arzt gehe, ob ich die Rechnung für die Heizungsreparatur überhaupt bezahlen kann, oder ob ich nur noch Tee trinke, weil der Kaffee zu teuer geworden ist.
Seit Markus tot ist, hat mich keines der Kinder gefragt, ob ich einsam bin. Nicht einmal. Es ging immer nur darum, wer welchen Schlüssel hat, wer den Kellerraum braucht, wer am Sonntag kommt, wer den Wagen nimmt, wer die Kartons im Schuppen abstellen darf. Ich habe das erst gemerkt, als Tim die neue Schließzylinderpackung auf den Tisch legte und sagte: „Die Kosten für den Einbau betragen vierundachtzig Euro mit Anfahrt. Passt das so?“ Und ich gesagt habe: „Ja, das passt so.“ Und es ernst gemeint habe. Weil mir in dem Moment klar wurde, dass ich seit Jahren nichts mehr besessen habe, nicht mal die Entscheidung, wer durch meine Tür geht.
Am Samstag kam Jonas vorbei. Ohne Voranmeldung, versteht sich. Aber diesmal klingelte er. Diesmal stand er unten vor der Haustür und drückte den Knopf, und als ich die Sprechanlage abnahm, sagte er: „Oma? Ich bin’s. Darf ich hochkommen?“
Ich hätte weinen können. Aber ich habe gesagt: „Natürlich, mein Junge. Komm hoch.“
Er war allein, trug einen Rucksack, in dem seine Schwimmbrille und ein Handtuch steckten, und er wollte nur ein Glas Apfelschorle, weil er vom Sport kam. Er blieb eine halbe Stunde. Wir saßen am Küchentisch, ich habe ihm erzählt, dass mein Vater früher beim Flensburger Ruderclub war, weil er vom Wasser angefangen hat. Er fragte, ob ich ihm irgendwann das Kartenspielen beibringen kann, dieses alte Spiel, das Markus immer mit ihm gespielt hat. „Doppelkopf“ hieß es. Ich sagte, ich würde ihm das beibringen, aber nur, wenn er lernt, vorher anzurufen.
„Okay, Oma. Aber du heißt ja nicht mal Oma Erika, sondern nur Oma.“ Er lachte, trank die Schorle in einem Zug und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Genau wie sein Vater.
Am Abend rief Miriam an. Ich war im Wohnzimmer und sortierte alte Kontoauszüge, die ich seit Jahren aufhob. Sie sagte: „Mama, ich muss mit dir reden. Von Angesicht zu Angesicht.“
„Dann komm vorbei. Aber klingel.“
„Ja, mache ich.“
„Und Hendrik bleibt draußen. Das hier betrifft euch beide, aber ich will zuerst mit dir sprechen.“
Sie kam eine halbe Stunde später. Sie trug die grüne Jacke, die sie letztes Jahr zu Weihnachten bekommen hat, und sie war aufgeregt, ich sah es an der Art, wie sie die Hände in den Taschen vergrub, als sie in den Flur trat. Ich bat sie ins Wohnzimmer. Sie setzte sich auf den Sessel, in dem sonst nie jemand sitzt, der alte Ohrensessel, den ich vor zwei Wochen neu beziehen lassen habe, weil der Stoff an den Armlehnen dünn geworden war.
„Warum hast du das getan?“, fragte sie.
„Weil ich nicht mehr will, dass jemand hereinkommt, ohne zu fragen. Das gilt für dich, das gilt für Hendrik, das gilt für alle. Ich bin siebenundsechzig Jahre alt, Miriam. Ich will meine Ruhe haben. Und ich will gefragt werden, ob es mir passt, wenn ihr kommt.“
„Aber wir kommen doch nur, weil wir dich lieben. Und die Kinder vermissen dich. Jonas hat gesagt, du warst komisch beim Schwimmen. Er fragt, warum du nicht mehr mit zum Kuchenessen kommst.“
Ich habe den Stapel Kontoauszüge auf dem Couchtisch glatt gestrichen. „Ich gehe nicht mehr mit zum Kuchenessen, weil ich die letzten drei Male die Rechnung bezahlt habe, während ihr sieben Stück bestellt habt. Und keiner hat Danke gesagt. Nicht einer.“
Sie starrte mich an. Dann senkte sie den Kopf, und ihre Schultern fielen nach vorne. „Wir haben gedacht, das ist okay für dich. Du hast doch immer gesagt, du machst das gern.“
„Ich mache vieles gern. Aber nicht, wenn man es für selbstverständlich hält. Und nicht, wenn man nicht fragt.“
Es war sieben Minuten still. Ich habe die Minuten auf der Uhr über der Tür gezählt, diese alte Bahnhofsuhr, die Markus noch selbst aufgehängt hat. Sie tickt so laut, dass man sie in der ganzen Wohnung hört, wenn sonst nichts zu hören ist.
Dann hat Miriam geweint. Nicht theatralisch. Einfach so, die Hände auf den Knien, der Kopf gesenkt, die Tränen fielen auf ihre Jeans und hinterließen dunkle Punkte. Ich habe daneben gesessen und nichts gesagt. Nicht aus Bosheit, sondern weil ich wusste, dass jeder Satz, den ich jetzt sagen würde, die Sache wieder weich machen würde. Und weich war ich lange genug.
Am Ende holte sie tief Luft und sah mich an. „Was musst du tun, damit du mir wieder vertraust?“
Ich stand auf, ging in die Diele und holte aus der Schublade einen Schlüsselrohling, den mir Tim dazugegeben hatte. Den legte ich vor sie auf den Couchtisch.
„Du kannst einen Schlüssel haben. Aber nur, wenn du mir etwas gibst.“
„Was?“
„Ich will, dass ihr mir die vierhundertachtzig Euro zurückzahlt, die ich letztes Jahr für eure Autoreparatur ausgelegt habe. Und ich will, dass Hendrik mir die Schlüssel für den Keller zurückgibt, heute Abend noch. Keine Diskussion, keine Ankündigung, kein aber. Und ab sofort wird angerufen, bevor ihr kommt. Immer. Sonst mache ich die Tür nicht auf, egal wer klingelt.“
Sie hat den Schlüsselrohling genommen und in ihrer Jackentasche verschwinden lassen. Dann ist sie gegangen, ohne ein weiteres Wort, und ich habe gehört, wie ihre Schritte im Treppenhaus leiser wurden.
Eine Stunde später klingelte es an der Tür. Ich dachte, es wäre Hendrik, der den Kellerschlüssel bringt. Aber es war Miriam. Sie stand da, in der Hand einen Briefumschlag, den sie mir wortlos gab. Darin lagen neun Fünfzig-Euro-Scheine, ein Zwanziger und ein Zettel. Auf dem Zettel stand in Hendriks Handschrift: „Es tut mir leid. Danke für alles.“ Ich habe das Geld gezählt, zweimal. Dann habe ich den Zettel in die Küchenschublade gelegt, zu den alten Einkaufslisten und den Gummibändern. Als Erinnerung.
Am nächsten Morgen, als ich Brötchen holte, rief mir Frau Petersen von gegenüber zu: „Na, Erika? Neue Tür, habe ich gehört?“ Ich blieb stehen, die Tüte mit den Brötchen in der Hand, und sagte: „Ja. Und die bleibt jetzt auch zu, wenn ich nicht aufmache.“ Sie lachte und hob ihren Kaffee. Dann ging ich nach Hause und schloss die Tür hinter mir ab. Einmal, mit dem Schlüssel, langsam und bewusst. Es klang nach etwas Neuem. Nach etwas, das mir gehörte.
