Rosemarie Brandt stand in der Küche ihrer Reihenhauswohnung in Gelsenkirchen und schnitt Paprika für den Abendbrottisch, als Werner die Nachricht brachte, die alles verändern sollte.
— Behandeln lassen? Wovon denn, Werner? Weißt du eigentlich, dass die Jungs im August nach Mallorca wollen? Die Flüge sind schon gebucht!
Sie warf das Küchenmesser auf das Schneidebrett, dass die Paprikakerne über die Arbeitsplatte sprangen. Werner Brandt, dreiundsechzig, seit einunddreißig Jahren Werkzeugmacher bei einem Zulieferer für die Bergbautechnik, senkte den Kopf und sagte nichts.
Zwei Wochen zuvor, im Pausenraum der Werkhalle.
— Werner, geht's dir wieder nicht gut? Soll ich den Notarzt rufen?
— Nein, Sabine, lass mal. Er setzte sich auf einen der wackligen Plastikstühle, unter denen sich seit Jahren Kaffeeflecken eingebrannt hatten. — Fünf Minuten, dann geht's schon.
Er atmete schwer. Die Anfälle kamen inzwischen fast wöchentlich, immer im ungünstigsten Moment. Zu verbergen wurde schwieriger, aber er gab sich Mühe. Bis zur Rente fehlten ihm noch zwei Jahre, und er dachte nicht daran, früher aufzuhören. Wie auch? Einmal hatte er einen Monat krankgeschrieben zu Hause gelegen, mit einem Gipsbein nach einem Sturz auf der Treppe zur Werkhalle — Rosemarie hatte ihm fast das Leben zur Hölle gemacht.
„Werner, wie lange willst du noch rumliegen wie ein Stück Holz? Steh auf und geh arbeiten, du sitzt hier nur die Hosen durch."
Er wäre lieber zur Arbeit gegangen, aber der Gips ließ es nicht zu. Werner arbeitete viel. Überstunden, Wochenenddienste, weil Geld gebraucht wurde für Rosemaries Wünsche — den Wintermantel aus echtem Fell, die goldenen Ohrringe zu Weihnachten, den neuen Fernseher, der fast die ganze Wohnzimmerwand einnahm. Und dann die beiden Söhne, Marcel und Kevin, die immer noch Unterstützung brauchten, weil sie es angeblich alleine nicht schafften.
Wenn die Kollegen sagten: „Werner, halt durch, nur noch zwei Jahre bis zur Rente", lächelte er nur traurig. Nein — Ruhe würde man ihm auch dann nicht gönnen.
Am meisten sorgte sich Sabine Kowalski um ihn, die Reinigungskraft der Firma. Sie mochte diesen zähen, stillen Mann. Und es tat ihr leid um ihn — weil seine eigene Familie überhaupt nicht zu schätzen wusste, was er für sie leistete. Als wäre er kein Mensch, sondern eine Maschine zum Geldverdienen. Hätten sie nur gesehen, wie schwer ihm das fiel. Aber sie sahen es nicht. Sie wollten es nicht mal hören, geschweige denn sehen.
Wenn es Werner schlecht ging, brachte Sabine ihm Tabletten aus der Apotheke gegenüber und versteckte ihn eine Stunde lang in der Besenkammer, damit er sich hinlegen konnte. Unter einer alten Wolldecke, die neben den Putzeimern lag. „So eine hätte ich heiraten sollen", dachte Werner manchmal, wenn er zusah, wie sie ihm die Decke über die Schultern legte. Aber wozu jetzt noch bedauern. Das Leben war so gut wie gelebt, da änderte man nichts mehr.
— Werner, erzähl doch mal deiner Frau von deinem Herzen. Wie lange willst du das noch aushalten?
Er schüttelte nur ablehnend den Kopf. Er wusste, nichts Gutes würde dabei herauskommen. Vielleicht würde sie ihn sogar rauswerfen — wer braucht schon einen kranken Mann ohne Einkommen?
— Kann Geld wirklich wichtiger sein als das Leben? Wäre es für sie besser, wenn dir wirklich etwas zustößt? Wenn du nicht mehr da bist?
— Sabine, begrab mich nicht vor der Zeit. Ich bin zäh, ich schaff das schon.
Einen Monat später wurde es auf der Arbeit wieder schlimm. Er wurde kreidebleich, rang nach Luft. Sabine bekam solche Angst, dass sie den Rettungsdienst rief, obwohl er sie darum gebeten hatte, es nicht zu tun. Als er die Einlieferung ins Krankenhaus verweigerte, ging sie zum Betriebsleiter und erzählte alles.
Der Chef rief Werner sofort ins Büro, sprach mit ihm und ließ ihn den Aufhebungsvertrag unterschreiben.
— Das Leben, Herr Brandt, geht über alles. Passen Sie auf sich auf, sagte er zum Abschied.
Sabine begleitete ihn zur Tür, aber er sah sie nicht einmal an. Weil sie ihn verraten hatte. Er hatte doch gebeten, keinen Notarzt zu rufen, nichts dem Chef zu sagen. Was sollte er jetzt seiner Frau erzählen? Die würde ihn dafür lebendig auffressen.
— Werner, und was ist mit dem Hund? — rief der Wachmann Uwe über den Hof.
— Heute Abend füttere ich ihn noch.
— Nein, du verstehst nicht. Der wurde hier nur geduldet, weil du drum gebeten hast. Wer kümmert sich jetzt um ihn?
— Werft ihr ihn raus, oder was?
— Werner, ich würde ihn ja gerne behalten, aber der Chef hat gesagt, kein Hund mehr auf dem Gelände.
Werner ging zu seinem Hund hinüber — einem Golden Retriever, den er als Welpen vor drei Jahren zwischen den Mülltonnen hinter dem Reihenhaus gefunden hatte. Er strich ihm mehrmals über den Kopf, sah ihn an, wie ein Vater sein Kind ansieht.
— Na, Bruno. Dann komm, wir gehen nach Hause.
Der Hund wedelte freudig und bellte einmal kurz: mit Herrchen bis ans Ende der Welt. Und sie gingen. Uwe schaute ihnen noch lange nach. Es tat ihm leid um Werner, leid um den Hund. Aber was sollte man machen, so war das Leben eben manchmal.
— Warum kommst du schon so früh von der Arbeit? — fiel Rosemarie ihn sofort an, kaum dass er in der Wohnungstür stand.
Werner schwieg, wusste nicht, wie er die schlechte Nachricht überbringen sollte. Bis zuletzt hatte er ihr nicht gesagt, dass eine Kündigung drohte.
— Und wer ist das da bei dir? Bist du übergeschnappt, einen Hund mit nach Hause zu bringen? Wo hast du den her? Was ist überhaupt los?
— Rosi, jetzt reg dich nicht auf, ja?
— Na also! Guter Anfang. Hab ja gewusst, dass von dir nichts Gutes zu erwarten ist.
— Ich bin entlassen worden.
— Um Gottes willen! Weswegen? Was hast du angestellt, Werner?
— Ich hab nichts angestellt. Ich hab gesundheitliche Probleme, deswegen haben sie mich rausgeworfen.
— Was für gesundheitliche Probleme? Auf dir kann man doch von früh bis spät Kohlen fahren! Lügst du mich jetzt an?
— Nein, ich lüge nicht. Es ist einfach so gekommen. In letzter Zeit fühl ich mich nicht besonders. Gestern haben sie sogar den Rettungswagen gerufen. Der Arzt sagt, es ist das Herz. Ich müsste behandelt werden.
— Behandeln lassen? Wovon denn, Werner? Weißt du eigentlich, dass die Jungs im August nach Mallorca wollen?
Rosemarie war außer sich. Sie schrie ihren Mann an, fuchtelte mit den Armen, beschimpfte ihn mit Worten, die man in der Küche eigentlich nicht ausspricht. Er senkte den Kopf und schwieg.
— Und den Hund schaffst du sofort wieder raus aus der Wohnung, verstanden? Sonst gehst du zusammen mit ihm auf die Straße!
Werner nickte und ging zur Tür hinaus. Auf der Treppe spürte er einen Druck in der Brust, presste sich gegen das kühle Treppenhausgeländer, um nicht umzufallen. Bruno sah seinen Herrn mit besorgtem Blick an und leckte ihm die Hand.
— Keine Sorge, gleich steh ich fünf Minuten still, dann geht's.
Draußen sah sich Werner um. Wohin nur mit dir, dachte er und blickte den Hund traurig an. Ich kann dich doch nicht einfach auf der Straße lassen.
In dieser Nacht kam Werner nicht nach Hause. Rosemarie und die Söhne riefen unzählige Male an. Er ging nicht ran. Bis zum Morgen zog er mit Bruno durch die menschenleeren Straßen von Gelsenkirchen, vorbei am dunklen Fördergerüst der alten Zeche, das nachts angestrahlt wurde wie ein Denkmal für etwas, das es nicht mehr gab.
Als Werner am nächsten Morgen zurückkam, standen Marcel und Kevin schon vor dem Hauseingang.
— Papa, wo warst du denn? Mama hat sich fast zu Tode geängstigt. Kann man das machen?
Er erklärte nichts. Sie hätten es sowieso nicht verstanden.
— Hör mal, Papa, sagte Kevin. — Mama hat gesagt, du bist entlassen worden.
— Ja, entlassen, weil…
— Wir haben dir schon was besorgt, bei der Baustelle am Hafenkanal, als Wachmann, fiel Kevin ihm ins Wort. — Da kannst du auch deinen Hund unterbringen. Was sagst du?
— Ja, Papa, noch zwei Jahre bis zur Rente. Zieh das irgendwie durch, warf Marcel ein.
Wachmann also, dachte Werner und stimmte zu. Vor allem wegen des Hundes, den er nicht auf der Straße lassen wollte.
Die Söhne fuhren ihn zur Baustelle, organisierten die Stelle, ließen von den Bauarbeitern eine alte Hundehütte neben den Baucontainer stellen, brachten ihn dann nach Hause. Rosemarie redete nur zähneknirschend mit ihm, konnte aber die Freude nicht verbergen, dass er wieder Geld nach Hause bringen würde.
— Wenn sie dir Schwarzarbeit anbieten, sag nicht nein. Du weißt ja, wie sehr wir das Geld gerade brauchen.
Werner nickte. Natürlich würde er alles für seine Familie tun.
— Hier, ich hab dir was zu essen eingepackt. Und deinen Hund fütterst du gefälligst selbst. Für den geb ich kein Geld aus, tut mir leid.
Am Abend war Werner schon auf der Baustelle. Die ganze Nacht saß er draußen neben dem Container, teilte mit Bruno geschmacklose Frikadellen aus der Plastikbox und erzählte seinem treuen Freund von einem Kindheitstraum.
— Weißt du, als Junge hab ich immer den Vögeln nachgeschaut und wollte fliegen lernen.
Er lächelte in sich hinein.
— Hab mir oft vorgestellt, wie ich mich in die Luft schwinge, zwischen den Wolken fliege und versuche, mit der Hand die Sonne zu berühren. Dann bin ich erwachsen geworden, und der Traum blieb ein Traum. So unerreichbar wie die Sterne am Nachthimmel. Und jetzt, komisch, will ich wieder fliegen.
Werner blickte hoch und betrachtete das Flimmern der Sterne über den Fördertürmen. Bruno legte sich neben ihn, den Kopf an seinen Beinen, und schaute ebenfalls nach oben. Es war ihm ruhig zumute, so ruhig wie lange nicht mehr.
Drei Stunden vor Sonnenaufgang begann Bruno laut zu heulen. So viel Schmerz lag in diesem Laut. So viel Trauer.
Als am Morgen die Bauarbeiter kamen und Werner begrüßen wollten, atmete er nicht mehr.
Man begrub ihn drei Tage später auf dem Friedhof an der Bergmannsstraße. Beim Hinausgehen warf Rosemarie einen zornigen Blick auf sein Foto und sagte leise: „Hab's ja gewusst, dass man sich auf dich nie verlassen konnte."
Zur Totenfeier am neunten Tag kam niemand aus der Familie an sein frisches Grab. Kein Kranz, keine Blume von nahen Verwandten. Nur ein einfaches Holzkreuz, ein Foto in Plastikhülle und der treue Hund, der die ganze Zeit neben dem Erdhügel lag und seinen Posten kein einziges Mal verließ. Nicht mal der Tod konnte die beiden trennen. Denn seinem Herrn wäre Bruno überallhin gefolgt: ans Ende der Welt, sogar in den Tod.
Später entfernte er sich für kurze Zeit, kam aber immer zurück, manchmal mit einem Stück Brot im Maul, manchmal mit einem Knochen von irgendwoher.
Am vierzigsten Tag kam eine Frau mit dunklem Kopftuch zum Grab. Bruno hob den Kopf, sah sie an und wedelte freudig mit dem Schwanz. Er erkannte sie. Sie legte zwei rote Nelken auf den Grabhügel und begann zu weinen.
— Ich hab's dir doch gesagt, Werner, du hättest nicht arbeiten dürfen. Du hast nie auf mich gehört. Ruhe sanft.
Dann setzte sie sich neben Bruno in die Hocke, streichelte ihn lange und konnte die Tränen nicht zurückhalten. „Ich hätte ihn zu mir holen sollen", machte sie sich Vorwürfe. Aber damals konnte sie es nicht. Wollte keine Familie zerstören — obwohl es wohl nie eine richtige Familie gewesen war. Nur Menschen, die nahmen: die Frau, die Söhne, die ihn in all den Jahren kein einziges Mal unterstützt hatten.
Sabine Kowalski öffnete an diesem Nachmittag ihre kleine Aktentasche, die sie extra mitgebracht hatte, und holte den Hundeleinen-Karabiner heraus, den sie am Vortag im Zoofachgeschäft an der Ringstraße gekauft hatte. Sie befestigte ihn am Halsband.
— Komm, Bruno. Ab jetzt wohnst du bei mir.
Der Hund stand auf und folgte ihr, ohne zu zögern. Nach ein paar Schritten drehte sich Sabine noch einmal um, wischte sich über die Augen und sagte leise:
— Wir kommen wieder, Werner. Das versprech ich dir.
Von diesem Tag an gehörte auf Sabines kleinem Balkon im vierten Stock, zwischen Geranientöpfen und einer alten Bierbank, ein zweiter Napf zum Inventar. Jeden Sonntagvormittag, wenn die Glocken von St. Barbara über die Dächer schallten, machten sich die beiden auf den Weg zur Bergmannsstraße — mit frischen Nelken, manchmal auch nur mit einer einzigen, wenn das Portemonnaie knapp war. Bruno legte sich dann auf den Kies vor dem Holzkreuz, genau wie früher, und Sabine erzählte Werner, was es Neues gab: dass sie beim Amtsgericht eine kleine Erbschaft ihrer Tante geregelt hatte, dreitausendzweihundert Euro, mit denen sie zwei Jahre später endlich die Behandlung bezahlen ließ, die sie sich selbst nie geleistet hatte — eine neue Hüfte, ordentlich, ohne Wartezeit, weil sie es sich wert war. Rosemarie sah man auf dem Friedhof nie wieder.
