Zweiundzwanzig Jahre lang habe ich die Buchhaltung seiner Firma geführt, ohne einen einzigen Cent dafür zu sehen. „So macht man das eben in der Familie", sagte Klaus immer, wenn ich das Thema Gehalt überhaupt nur anschnitt. Als er mich für eine Jüngere verließ, behielt er die Firma – und mir blieben die Schulden.
Es war ein Dienstagabend im Februar, als er es mir erzählte. Wir saßen in der Küche unseres Reihenhauses in Bielefeld, der Fernseher lief noch im Wohnzimmer, irgendeine Quizshow, deren Jingle ich seitdem nicht mehr ertrage. Klaus hatte gerade die Spülmaschine ausgeräumt, stellte die Teller in den Schrank, einen nach dem anderen, und sagte dabei, beiläufig wie eine Wetteransage: „Renate, ich habe mich entschieden. Ich ziehe Ende des Monats aus."
Ich war zweiundfünfzig. Sechsundzwanzig Jahre verheiratet. Unsere Tochter Lena studierte in Münster, unser Sohn Tobias hatte gerade seine Ausbildung als Elektriker abgeschlossen und war aus dem Haus. Und ich hatte zweiundzwanzig Jahre lang für Klaus' Firma gearbeitet – ohne Arbeitsvertrag, ohne Lohnabrechnung, ohne einen einzigen Tag Rentenversicherung.
Die Firma, ein Betrieb für Trockenbau und Innenausbau, hatte Klaus gegründet, als Tobias noch im Laufstall stand. Ich erinnere mich genau: Ich saß am Küchentisch, hochschwanger mit Lena, und trug die ersten Rechnungen in ein kariertes Schulheft ein, weil wir uns damals noch keine Buchhaltungssoftware leisten konnten. Aus dem Heft wurde später eine Excel-Tabelle, aus der Excel-Tabelle ein richtiges Buchhaltungsprogramm. Am Ende verwaltete ich alles: die Lohnabrechnungen für vierzehn Mitarbeiter, die Umsatzsteuervoranmeldungen, die Jahresbilanzen, die Kommunikation mit dem Steuerberater.
Einmal, es muss so acht Jahre her sein, fragte ich vorsichtig, ob ich nicht offiziell angestellt werden könnte. Klaus reagierte gereizt. „Das ist doch unsere Firma. Was meins ist, ist deins. Wozu der ganze Papierkram?" Und ich glaubte ihm. Weil es bequemer war. Weil ich keinen Streit wollte. Weil man sich nach so vielen gemeinsamen Jahren irgendwann nicht mehr als Angestellte sieht, sondern einfach als Teil von etwas.
Er ging zu Sandra, einer Kundin, für die seine Firma das Badezimmer saniert hatte. Sie war neununddreißig, fuhr einen Audi Q3, den ihr Vater ihr geschenkt hatte, und bekam obendrein noch einen Ehemann samt florierender Firma dazu. Groll trage ich ihr gegenüber nicht, jedenfalls nicht mehr. In den ersten Wochen schon, als ich nachts wach lag und den Kamillentee literweise trank, weil ich vom Hausarzt keine stärkeren Beruhigungsmittel wollte. Mit der Zeit begriff ich: Sandra war nur der Anlass. Klaus wäre so oder so gegangen. Er brauchte jemanden, der zu ihm aufsah, und irgendwann hatte ich damit aufgehört.
Das eigentliche Problem war rechtlich: Die Firma lief ausschließlich auf seinen Namen. Ich existierte in diesem Unternehmen wie ein Geist – ich machte alles, stand aber nirgends. Als ich zur Anwältin ging, nickte sie mit einer Müdigkeit, die sie sich offenbar in Dutzenden ähnlicher Gespräche zugelegt hatte. „Im Zugewinnausgleich können Sie theoretisch einen Anteil am Firmenwert geltend machen, aber das zieht sich", erklärte sie mir. „Und der Kredit, den Sie gemeinsam für die Lagerhalle aufgenommen haben – der läuft auf beide Namen."
Der Kredit. Fünfundsiebzigtausend Euro, größtenteils für den Ausbau des Materiallagers. Die Halle behielt Klaus. Der Kredit dagegen blieb auf beide Namen eingetragen. Und da Klaus die Raten plötzlich nicht mehr pünktlich zahlte, landeten sie nach und nach ganz bei mir.
Ich stand an einem Punkt, an dem man entweder untergeht oder schwimmen lernt. Keine Anstellung. Keine Rentenpunkte. Auf dem Papier war ich niemand: zweiundzwanzig Jahre Erfahrung in der Buchführung, und kein einziges Dokument, das das belegte. Lena machte in Münster weiter Druck mit ihrem Studium, Tobias half mit ein paar hundert Euro im Monat, mehr ging bei seiner Ausbildungsvergütung nicht. Drei Monate arbeitete ich als Kassiererin in einem Baumarkt in Bielefeld-Mitte – ausgerechnet dort, wo Handwerker wie Klaus ihre Fliesen und ihren Gipskarton kauften. Abends kam ich zurück in die Zweizimmerwohnung, die mir das Gericht vorübergehend zugesprochen hatte, und setzte mich an den Küchentisch. Denselben Tischtyp, an dem ich vor zweiundzwanzig Jahren die ersten Rechnungen ins Schulheft eingetragen hatte, nur eben ein anderer, kleinerer.
Es war meine Nachbarin Ingrid, die es zuerst laut aussprach, an einem Samstagmorgen im Treppenhaus, während unten der Postbote klingelte. „Renate, du kennst dich mit Buchhaltung besser aus als die halbe Steuerberaterbranche hier in der Stadt. Warum machst du dich nicht selbstständig?" Ich lachte erst. Aber Ingrid meinte es ernst. Sie zeigte mir, welche Weiterbildung ich brauchte, um die Zulassung als Buchhaltungshelferin nach § 6 Nr. 4 StBerG zu bekommen, und half mir, eine über die Agentur für Arbeit geförderte Umschulung zu finden. Ein halbes Jahr lang lernte ich abends das, was ich zwanzig Jahre lang praktisch gemacht hatte – nur bekam ich jetzt Zertifikate dafür.
Am schwersten war der Tag, an dem ich zur Sparkasse musste, um einen Kredit für die Büroausstattung zu beantragen. Vor der Tür der Filiale blieb ich stehen, mir wurde flau im Magen. Der letzte Kredit, den ich unterschrieben hatte, hing mir noch wie ein Klotz am Bein. Aber ich ging rein. Sie gaben mir nicht viel, aber genug für einen Schreibtisch, einen Computer, einen Drucker und drei Monate Miete.
Das Büro fand ich in der Herforder Straße, unweit vom Jahnplatz. Zweiundzwanzig Quadratmeter, Erdgeschoss eines Altbaus aus den Fünfzigern, mit knarrenden Dielen und einem Heizkörper, der ständig gluckerte. Die Vermieterin, eine Dame um die siebzig mit einem Dackel namens Fritzchen, der jedes Mal an meiner Aktentasche schnüffelte, senkte die Miete, kaum dass sie meine Geschichte gehört hatte. Ich hatte nicht danach gefragt. Es war ihre eigene Idee, und dieser kleine Vertrauensbeweis gab mir für ein paar Tage das Gefühl, dass Menschen im Grunde doch in Ordnung sind.
Die Herforder Straße liegt zwei Straßen von Klaus' Büro entfernt. Er erfuhr es zufällig, wahrscheinlich von einem der Handwerker. Er rief mich an, zum ersten Mal seit Monaten. Seine Stimme klang, als hätte er etwas Verdorbenes geschluckt. „Man hat mir erzählt, du machst dich selbstständig als Buchhalterin. In der Herforder Straße?" – „Ja", antwortete ich ruhig, während ich mit dem Finger über die Tischkante fuhr. „Das sind zwei Straßen von dir." – „Ich weiß." Dann Stille, eine dichte, in der ich förmlich hören konnte, wie er nach einem Argument suchte, mit dem er mich davon abbringen könnte. Er fand keins. „Na dann, viel Erfolg", sagte er schließlich und legte auf.
Letzten Donnerstag unterschrieb ich den Mietvertrag beim Notar. Die Notarin reichte mir den Kugelschreiber, und ich dachte daran, dass ich das letzte Mal etwas so Bedeutendes unterschrieben hatte, als wir gemeinsam diesen verfluchten Kredit für die Lagerhalle aufgenommen hatten. Damals hatte ich für einen anderen unterschrieben. Diesmal war es für mich.
Lena kam übers Wochenende aus Münster und half mir, die Wandfarbe auszusuchen. Wir entschieden uns für ein warmes Salbeigrün. Tobias schickte mir ein Foto von dem Schild, das er online bestellt hatte: weißer Grund, marineblaue Schrift – „Renate Brandt, Buchhaltungsbüro". Ich saß danach eine ganze Weile vor dem Handy und heulte, während unten auf der Straße ein Hund bellte und irgendwo ein Fenster zuschlug.
Angst habe ich trotzdem, jeden Tag. Angst, dass keine Mandanten kommen. Dass ich es nicht allein schaffe. Dass der Sparkassenkredit und die Restschuld aus der Ehe mich einholen, bevor ich richtig Fuß gefasst habe. Aber eines weiß ich mit Sicherheit: Zweiundzwanzig Jahre lang habe ich eine Firma am Laufen gehalten, die Gewinn abwarf. Nur eingesackt hat den jemand anderes.
Die Eröffnung war für den ersten März geplant, mitten in der Woche vor Rosenmontag – die halbe Stadt schon im Karnevalsfieber, Konfetti auf dem Gehweg vor dem Bäcker nebenan. Genau an diesem Morgen, als ich das Schild an die Fassade schraubte, kam Klaus vorbei, zu Fuß, den Blazer über dem Arm, offenbar auf dem Weg zu einem Kundentermin. Er blieb stehen, zwei, drei Meter vor mir, und sah zu, wie Tobias mir die Leiter hielt.
„Sieht gut aus", sagte er schließlich.
„Danke", sagte ich, ohne von der Schraube aufzuschauen.
Er wollte noch etwas sagen, ich sah es an der Art, wie sich seine Hand um den Blazer schloss. Aber es kam nichts. Ich stieg von der Leiter, wischte mir die Hände an der Jeans ab und ging an ihm vorbei ins Büro, um den Kaffee für Ingrid zu holen, die zur Einweihung vorbeikommen wollte. Die Tür fiel hinter mir zu, mit diesem trockenen Klacken, das neue Türen eben machen.
Zwei Wochen später kam meine erste Mandantin: eine junge Frau mit einem kleinen Catering-Betrieb, die genug hatte von der Steuerkanzlei ihres Vaters. Ich stellte den Beratervertrag auf denselben Namen aus, den auf dem Schild draußen – meinen. Am Abend rief ich beim Amtsgericht an und ließ mir eine schriftliche Bestätigung schicken, dass die Zwangsvollstreckung wegen der restlichen Kreditrate ab sofort über mein eigenes Geschäftskonto lief, getrennt und dokumentiert, kein Cent mehr unkontrolliert von meinem privaten Konto. Den Ordner mit allen Unterlagen – Mietvertrag, Gewerbeanmeldung, Kreditbescheid der Sparkasse, den ersten unterschriebenen Beratervertrag – stellte ich ins Regal direkt neben den Schreibtisch, gut sichtbar, griffbereit.
Klaus geht diese zwei Straßen jeden Morgen zur Arbeit. An meinem Schild vorbei. Jeden Tag.
