Der Brief auf dem Küchentisch
Als der Vater die Diagnose bekam, war Nele fünfzehn. Leberzirrhose im fortgeschrittenen Stadium, sagte der Arzt in der Uniklinik Freiburg, und ihre Mutter hielt sich am Türrahmen fest, als würde der Boden kippen. Nele hörte nur das Wort „fortgeschritten" und wusste, dass ihr Vater sterben würde, bevor sie volljährig war.
Ihre Familie war keine, die man aus dem Fernsehen kannte. Ihr Vater, Matthias Brenner, hatte ein mittelständisches Bauunternehmen in Freiburg aufgebaut, drei Generationen, sein Name stand auf jedem zweiten Baustellenschild im Breisgau. In der Stadt kannte man ihn. Man kannte auch seine Tochter — die vom Brenner, hieß es beim Bäcker, wenn sie morgens Brötchen holte. Dieser Satz verfolgte sie schon, seit sie zwölf war.
Sie fing an zu trinken, im Frühjahr nach der Diagnose. Erst Wodka aus der Flasche einer Mitschülerin, hinter dem Möbelhaus an der Hammerschmiedstraße, wo sie sich abends trafen, weil da niemand hinschaute. Dann kam mehr dazu. Sie aß tagelang nichts und würgte dann alles wieder heraus, was sie in sich hineingezwungen hatte, mit einer Systematik, die ihr selbst Angst machte. An manchen Abenden schnitt sie sich die Innenseite des Unterarms auf, nicht tief, aber regelmäßig, wie eine Buchführung über einen Schmerz, den sie sonst niemandem zeigen konnte.
Ihre Eltern hatten immer versucht, sie aus der Öffentlichkeit herauszuhalten — kein Foto in der Badischen Zeitung, keine Homestory, Nele sollte ein normales Kind sein können, mit Fahrradreifen, die platt gingen, und Mathenachhilfe am Mittwochnachmittag. Aber normal war vorbei, spätestens als die Schulleiterin anrief und von blutigen Handtüchern in der Turnhallentoilette sprach.
Es war ein Dienstag im Oktober, kurz nach halb acht morgens, als ihr Vater sie an den Küchentisch bat. Draußen fuhr der Müllwagen die Straße hoch, dieses metallische Quietschen der Bremsen, das Nele ihr Leben lang mit diesem Morgen verbinden würde. Auf dem Tisch lag ein Din-A4-Blatt, handschriftlich, mit Tintenklecksen an zwei Stellen, wo er offenbar abgesetzt und neu angefangen hatte.
Er las ihr den Brief vor. Sie erinnert sich heute an kaum einen Satz daraus — nur an den letzten. Dass es ihm unendlich leidtue, was jetzt kommen müsse. Dass er sie liebe, mehr als sie je verstehen würde, solange sie nicht selbst Kinder hätte.
Er faltete das Blatt zusammen und sah sie an. „Es tut mir so leid, dass wir das tun müssen."
Eine halbe Stunde später standen zwei Männer im Flur, die sie nicht kannte, ruhig, professionell, mit einer Tasche, in der ihre gepackten Sachen bereits lagen — ihre Mutter hatte sie am Vorabend zusammengestellt, während Nele schlief. Sie schrie, sie trat gegen die Wohnzimmertür, ihre Mutter stand mit dem Rücken zur Spüle und weinte lautlos, ohne sich zu bewegen. Der Hund der Nachbarn bellte draußen, als würde er spüren, dass etwas Falsches passierte.
Nele wurde in ein Wildnistherapieprogramm im US-Bundesstaat Utah gebracht — Deutschland hatte damals kaum vergleichbare Angebote für Jugendliche in ihrer Situation, und ihre Eltern hatten sich, verzweifelt und beraten von einem Therapeuten aus Zürich, dafür entschieden. 91 Tage lebte sie ohne Dusche, ohne Handy, ohne Wände. Sie lernte, mit Feuerstein und Birkenrinde Feuer zu machen, Wasser abzukochen, eine Trage aus Ästen zu bauen. Danach kam sie in eine therapeutische Wohnschule, ebenfalls in den USA, wo sie über ein Jahr blieb.
In dieser Zeit verschlechterte sich der Zustand ihres Vaters dramatisch. Sie durfte nicht nach Hause. Ihr letztes Gespräch mit ihm fand am Telefon statt, an einem Sonntag im Januar, zwei Tage vor seinem Tod. Er hatte an dem Tag Geburtstag, sechzig wurde er. Sie sagten sich „ich hab dich lieb", beide wussten, ohne es auszusprechen, dass es das letzte Mal sein könnte.
Sie hatte recht.
Zur Beerdigung durfte sie fliegen, begleitet von einer Betreuerin der Einrichtung. Sie stand am Grab auf dem Friedhof am Grün in Freiburg, in einem geliehenen schwarzen Mantel, und dachte an nichts anderes als daran, dass sie ihm nicht mehr die Hand hatte halten können.
Die Jahre danach waren zäh. Rückfälle, Therapiestunden, ein Umzug nach Berlin mit zweiundzwanzig, weil Freiburg zu klein war für eine Frau, die überall die Tochter von Brenner-Bau blieb. Sie fing an zu malen, verkaufte ihre ersten Bilder über Instagram, entwarf später eine kleine Modekollektion unter dem Label NAEL. Vor einem Jahr veröffentlichte sie, komplett in Eigenregie, ihr erstes Album mit elf Songs, die sie selbst geschrieben, produziert und eingesungen hatte. Das Cover malte sie selbst — eine Frau, die aus einem Baumstamm heraustritt.
Im selben Jahr erzählte sie öffentlich, dass bei ihr Autismus diagnostiziert worden war. Zum ersten Mal, sagte sie in einem Interview, habe sie sich selbst richtig verstanden.
Als jemand ihre Musik mit dem Erbe ihres Vaters verglich, schrieb sie unter den Beitrag: „Ich versuche nicht, seinen Platz einzunehmen. Ich versuche nur, meinen eigenen Frieden zu finden."
Heute lebt Nele in Berlin-Kreuzberg, in einer Altbauwohnung mit Kohleofen, den sie nie benutzt, weil sie Angst vor offenem Feuer hat — eine Angst, die sie in Utah gelernt hat zu kontrollieren, aber nie ganz verloren. Sie spricht offen über die Zwangseinweisung, über den Schmerz, den diese neunzig Tage in ihr hinterlassen haben, über die Wut, die sie manchmal noch auf ihre Mutter verspürt. Und gleichzeitig sagt sie, dass sie versteht, warum die Eltern damals keinen anderen Ausweg mehr sahen.
Vor drei Wochen saß sie ihrer Mutter gegenüber, am selben Küchentisch in Freiburg, an dem einst der Brief gelegen hatte. Ihre Mutter hatte ihr die Verfügung über den Nachlass-Anteil am Bauunternehmen übertragen wollen, 340.000 Euro, die seit neun Jahren auf einem Treuhandkonto lagen, für den Tag, an dem Nele „stabil genug" sein würde, wie es im Testament hieß.
Nele hatte den Ordner mit den Kontoauszügen mitgebracht, dazu einen Vertrag, den ihr Anwalt aufgesetzt hatte. Sie legte ihn auf den Tisch, genau an die Stelle, wo damals das gefaltete Blatt gelegen hatte.
„Ich will das Geld nicht auf meinem Konto", sagte sie. „Ich will, dass es an die Björn-Steiger-Stiftung geht, für die Jugendkrisenhilfe hier in der Region. Damit kein Kind hier mehr nach Utah geschickt werden muss, weil es in Deutschland nichts Vergleichbares gibt."
Ihre Mutter wollte etwas sagen, den Mund öffnen, wieder schließen. Nele schob den Vertrag über den Tisch, zusammen mit einem Kugelschreiber, den sie extra aus ihrer Jackentasche gezogen hatte — den gleichen dunkelblauen Pelikan-Füller, mit dem ihr Vater damals unterschrieben hatte, was in dieser Familie unterschrieben werden musste.
„Unterschreib einfach", sagte sie. „Für ihn. Und für mich."
Ihre Mutter unterschrieb. Draußen fuhr wieder ein Müllwagen die Straße hoch, dasselbe metallische Quietschen wie damals — nur dass Nele diesmal nicht zusammenzuckte, sondern den Vertrag zusammenfaltete und in ihre Tasche steckte, bevor sie beide schweigend die kalt gewordenen Kaffeetassen in die Spüle stellten.
