Ein Kinderlied aus Ostpreußen

Als unsere Tochter Mathilda sechs Wochen alt war, klingelte um halb acht abends das Telefon: Oma Ingeborg stand unten vor der Haustür in der Kastanienallee in Rostock, mit einem Koffer und einer Tüte Fischbrötchen vom Bahnhofskiosk, die sie extra für die Zugfahrt gekauft und dann doch nicht angerührt hatte. Sechs Stunden Regionalbahn von Stralsund aus, zweimal umsteigen, nur um ihre Urenkelin in den Arm zu nehmen.

Meine Schwiegermutter war dreiundachtzig. Klein, mit Händen, die vom Kartoffelschälen und vierzig Jahren Küchendienst in der Betriebskantine rau geworden waren, aber wenn sie ein Kind hochhob, tat sie es mit einer Sicherheit, die mir völlig fehlte. Sie roch nach Kernseife und nach dem Mottenpulver aus ihrem alten Wollmantel, und im Treppenhaus bellte wie immer der Dackel von Nummer vierzehn, als sie mit dem Koffer die Stufen hochkam.

Mathilda schrie an diesem Abend, wie sie noch nie geschrien hatte. Wir hatten sie gestillt, ihr die Spieluhr mit dem Schaf vorgespielt, sie im Halbdunkel durch die Wohnung getragen — nichts. Ihr Gesicht war schon dunkelrot angelaufen, mein Mann Jonas stand mit dem Handy in der Hand und wollte schon die Kinderärztin-Hotline anrufen. Draußen fuhr die letzte Straßenbahn quietschend um die Kurve, im Fernsehen lief noch tonlos die Tagesschau, die niemand ausgeschaltet hatte.

Da nahm Ingeborg das Kind einfach aus meinen Armen. Keine Frage, kein Zögern — nur diese Geste, die vierzig Jahre Erfahrung in sich trug. Sie setzte sich auf den Küchenstuhl neben dem alten Emailletopf, in dem noch der Rest vom Abendbrot stand, und begann zu wiegen. Vor, zurück, ein Rhythmus wie eine Standuhr. Und dann sang sie.

Es war kein Lied, das ich kannte. Ostpreußisch, sagte sie später, von ihrer eigenen Mutter, die 1945 aus Königsberg geflohen war und dieses eine Lied über die Flucht, über zwei Kriege und über ein ganzes Leben in einer fremden mecklenburgischen Kleinstadt hinweg mitgeschleppt hatte wie ein Erbstück. Die Stimme war brüchig, manchmal setzte sie einen Ton falsch an, aber unter dem Zittern lag eine Wärme, die man nicht lernen kann.

Mathildas Schreien wurde leiser. Erst stockend, dann in kleinen Wellen, bis es ganz verstummte und nur noch ihr Atem zu hören war, gleichmäßig wie das Ticken der Küchenuhr.

Jonas und ich sackten aufs Sofa — nur für einen Moment, dachten wir. Unser Großer, der vierjährige Elias, kam mit seinem Feuerwehrauto aus dem Kinderzimmer geschlichen, drückte sich zwischen uns und war innerhalb einer Minute weg, das Auto noch fest umklammert. Der Duft von Ingeborgs Lied, der Geruch von Kernseife, das schräge Nachmittagslicht, das durch die Gardinen fiel — irgendwann waren wir alle vier eingeschlafen, mitten am helllichten Tag, während unten der Dackel noch einmal kurz anschlug und dann auch Ruhe gab.

Ich habe diesen Nachmittag oft wieder vor mir gehabt in den Jahren danach, besonders in den Wochen, die kamen.

Ingeborg blieb noch zehn Tage bei uns. Sie erzählte mir in dieser Zeit mehr über ihre Mutter als in den zwölf Jahren davor zusammen — von der Flucht im Winter, von der Kantine, in der sie als junge Frau angefangen hatte, weil ihr Vater früh gestorben war und jemand Geld nach Hause bringen musste. Sie zeigte mir eine kleine Blechdose mit einem einzigen Foto darin, das Einzige, was ihre Mutter aus Königsberg mitgenommen hatte. Ich fragte sie, ob sie das Lied aufschreiben könne, aber sie winkte ab: "Das schreibt man nicht auf, Kindchen. Das gibt man weiter, so lange man kann."

Vier Jahre später, im Januar, bekam Ingeborg einen Schlaganfall. Sie überlebte, aber die rechte Seite blieb schwach, das Sprechen fiel ihr schwer, und aus dem Krankenhaus in Greifswald ging es direkt in ein Pflegeheim, weil Jonas' Bruder, der offiziell die Vollmacht hatte, entschieden hatte, dass eine häusliche Pflege "nicht zu organisieren" sei. Er wohnte in München, kam zweimal im Jahr vorbei und hatte trotzdem allein über ihre Rente und ihre kleine Eigentumswohnung in Stralsund verfügt, die er bereits mit einem Makler besichtigen ließ, noch bevor Ingeborg überhaupt aus der Reha entlassen war.

Als ich das erfuhr, saß ich mit Jonas am Küchentisch, demselben Tisch, an dem sie damals Mathilda in den Schlaf gesungen hatte. Ich holte die Kopie ihrer Vorsorgevollmacht heraus, die sie mir Jahre zuvor anvertraut hatte, weil sie, wie sie sagte, "dem Jungen aus München nicht so ganz traute". Darin stand: Bei gesundheitlichen und wohnlichen Entscheidungen sollte, wenn möglich, die Betroffene selbst befragt werden, solange sie ansprechbar ist.

Ich fuhr am nächsten Tag ins Pflegeheim nach Stralsund. Ingeborg saß im Rollstuhl am Fenster, die rechte Hand ruhte reglos in ihrem Schoß, aber ihre Augen waren wach. Ich hielt ihr die Blechdose mit dem Foto hin, die ich aus ihrer Wohnung mitgebracht hatte, und fragte sie ganz direkt: Willst du zurück in deine Wohnung, mit einer Pflegekraft, die zu dir kommt? Sie brauchte lange für die Antwort, ihre linke Hand zitterte, aber sie nickte deutlich und presste ein einziges Wort heraus: "Zuhause."

Das reichte. Ich rief noch am selben Nachmittag eine Anwältin für Betreuungsrecht an, die ich über die Verbraucherzentrale Mecklenburg-Vorpommern gefunden hatte. Wir stellten beim Amtsgericht Stralsund einen Antrag, die Vollmacht des Schwagers wegen erwiesener Interessenkonflikte zu widerrufen und stattdessen eine Betreuung einzurichten, bei der Ingeborgs eigener, im Gespräch klar geäußerter Wille den Ausschlag gab. Der Makler-Termin wurde abgesagt. Der Verkauf der Wohnung gestoppt, die 340.000 Euro, die auf ihrem Sparbuch für "den Notfall" lagen und die der Schwager bereits für eine Umschuldung seines eigenen Hauses vorgesehen hatte, wurden gerichtlich gesperrt.

Vier Monate später stand ich mit einem Ordner unter dem Arm vor der Tür der Wohnung in der Kastanienallee, zusammen mit einer ambulanten Pflegekraft, die dreimal täglich kommen würde. Der Schlüssel, den der Schwager sich hatte machen lassen, war ausgetauscht. Als er anrief, weil er von der Sperrung des Kontos erfahren hatte, nahm ich ab und sagte ihm nur, dass seine Mutter selbst entschieden hatte, wo und wie sie leben will, und dass diese Entscheidung ab jetzt nirgendwo anders getroffen wird als bei ihr.

Ingeborg zog im März wieder in ihre Wohnung ein. Sie kann inzwischen wieder ein paar Schritte am Rollator gehen. Neulich saß ich mit Mathilda, die jetzt fünf ist, bei ihr am Küchentisch, und Ingeborg hat mit ihrer noch immer etwas schleppenden Stimme versucht, ihr die erste Zeile von dem alten Lied beizubringen. Mathilda hat die Melodie beim dritten Versuch getroffen, nicht die Worte — die versteht ohnehin niemand mehr richtig, außer Ingeborg selbst. Aber die Melodie, die saß.

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