Karin Böhmer stand am Herd in ihrer Zweizimmerwohnung in Duisburg-Meiderich und hörte den Wecker aus dem Nebenzimmer klingeln, obwohl es erst kurz nach fünf war. Sie kannte diesen Trick inzwischen. Jonas stellte sich den Wecker eine Stunde zu früh, seit er zwölf war, weil er dann noch Zeit hatte, unten am Kiosk die Zeitung für sie zu holen, bevor die Schule anfing. Heute war er neunzehn. Heute war kein Schultag mehr.
Sie hörte, wie die Zimmertür aufging, und noch bevor sie sich umdrehte, stand er schon in der Küche, im weißen Hemd, das er sich am Vorabend selbst gebügelt hatte, weil sie mit ihren Händen das Bügeleisen nicht mehr so gut halten konnte.
„Oma, bist du wach?"
„Um Gottes willen, Junge, du kommst noch zu spät. Heute ist dein erster Tag an der Uni, und du stehst hier rum wie ein Ölgötze."
„Ich fahre nicht ohne dich."
Karin ließ den Löffel im Kaffeetopf liegen. Der Geruch von Nescafé und angebranntem Toast hing in der Küche, und aus der Wohnung über ihnen dröhnte schon wieder der Fernseher des alten Herrn Dudek, der jeden Morgen um fünf die Verkehrsnachrichten laut aufdrehte, als müsste die ganze Straße wissen, dass auf der A59 ein Stau war.
„Was soll ich denn an deiner Uni, Jonas? Da laufen doch nur junge Leute rum."
„Genau das, was du vor zwölf Jahren am Schultor gesucht hast."
Sie sagte nichts mehr. Sie wusste genau, wovon er sprach.
Jonas war sieben, als seine Eltern nach Norditalien gingen, um in einer Fabrik bei Verona zu arbeiten. Es sollte nur für ein paar Monate sein, dann für ein Jahr, dann für noch eins. Irgendwann sprach niemand mehr darüber, wann sie zurückkämen. Karin, seine Großmutter mütterlicherseits, hatte einfach übernommen, ohne dass es je ein Gespräch darüber gegeben hätte. Sie weckte ihn morgens. Sie schmierte ihm die Stullen mit Leberwurst, weil er alles andere stehen ließ. Sie wartete nachmittags am Schultor, egal ob es regnete oder die Straßenbahn Verspätung hatte. Sie saß nächtelang neben seinem Bett, wenn er Fieber hatte, mit einem feuchten Tuch auf der Stirn, das sie alle zwanzig Minuten neu auswrang.
Am ersten Schultag hatte er die ganze Strecke geweint.
„Oma, ich will nicht."
„Warum denn nicht, mein Junge?"
„Ich kenn da niemanden."
Sie hatte seine Hand genommen. „Dann halt ich dich bis zum Tor fest."
Und so war es all die Jahre geblieben. Jeden September, wenn die Schule wieder anfing, zog Karin ihren guten Mantel an, den dunkelroten mit den Knöpfen aus Perlmutt, und brachte ihn bis vors Gebäude. Als er klein war, ließ er ihre Hand nicht los. Später, als Teenager, lief er ein paar Schritte vor ihr.
„Oma, ich kann auch alleine gehen."
„Ich weiß, mein Junge."
Trotzdem kam sie mit. Nicht weil er den Weg nicht gekannt hätte. Sondern weil das ihre Freude gewesen war — ihn durchs Tor gehen zu sehen.
Die Jahre vergingen. Jonas war kein Musterschüler, kein Überflieger, über den die Lehrer sprachen. Aber er war fleißig. Und wenn er etwas nicht verstand, sagte Karin immer denselben Satz:
„Versuch's noch mal, Junge. Man verliert nicht, wenn man was nicht kann. Man verliert erst, wenn man aufhört, es zu versuchen."
Sie selbst hatte nur die Hauptschule geschafft, in einem Dorf in der Eifel, wo die Mädchen nach der achten Klasse in die Fabrik geschickt wurden. Bei den Matheaufgaben konnte sie ihm oft gar nicht helfen. Aber sie blieb sitzen.
„Von eurer Algebra hab ich keine Ahnung. Aber ich sitz hier, bis du fertig bist."
Und sie saß.
Als Jonas in der zwölften Klasse war und ihr erzählte, dass er studieren wollte, wurde sie einen Moment lang still, die Hände im Schoß gefaltet.
„Was ist, Oma?"
„Nichts."
„Sag schon."
Sie wischte sich mit dem Zipfel ihrer Schürze über die Augen. „Ich hab nur gedacht — ich hatte nie das Glück, viel zu lernen. Und jetzt wirst du Student."
Als der Zulassungsbescheid kam und Jonas das Wort „Zugelassen" auf dem Bildschirm sah, rief er nicht als Erstes seine Eltern in Verona an.
„OMA!"
Karin kam erschrocken aus der Küche, ein Geschirrtuch noch in der Hand.
„Um Himmels willen, was ist passiert?"
Er nahm sie in die Arme, hob sie fast vom Boden. „Du hast einen Studenten großgezogen!"
Da fing sie an zu weinen. „Du hast gelernt, Junge. Nicht ich."
„Ich hab gelernt. Aber du hast dafür gesorgt, dass ich überhaupt lernen konnte."
Und nun war der erste Tag da. Karin zog ihren schwarzen Rock an, dazu die weinrote Strickjacke, die sie sonst nur zu Beerdigungen und zur Kommunion trug, und band sich das gute Kopftuch um. Als sie aus dem Schlafzimmer kam, wartete Jonas im weißen Hemd auf sie, den Rucksack schon geschultert.
Sie musterte ihn von oben bis unten. „Was für ein Mann aus meinem Jungen geworden ist."
Er streckte ihr den Arm entgegen. „Gehen wir?"
„Jonas, ich komm wirklich mit?"
„Ja."
„Aber da sind doch nur junge Leute."
„Na und?"
„Vielleicht lacht einer, dass du mit der Oma ankommst."
Er blieb kurz stehen, sah sie an. „Oma, wenn jemand lacht, weil ich mit der Frau komme, die mich großgezogen hat — dann liegt das Problem nicht bei mir."
Sie senkte den Blick. „Jetzt bring mich noch zum Heulen, und mir verrutscht das Kopftuch."
Sie fuhren mit der Straßenbahn Linie 903 bis zur Haltestelle Duisburg Hauptbahnhof und stiegen dort in den Bus zur Universität um. Als sie ankamen, war der Vorplatz voller Menschen. Studenten, Eltern, Gruppen, die sich gegenseitig fotografierten. Karin verlangsamte ihren Schritt.
„Gut, mein Junge. Geh du. Ich warte hier."
Jonas hakte sich fester bei ihr ein. „Nein."
„Wie, nein?"
„In der ersten Klasse hast du mich bis zum Tor gebracht." Er zeigte auf den Haupteingang. „Heute gehen wir zusammen bis dahin."
Sie gingen langsam los, sie mit kleinen Schritten, er ohne Eile. Auf halbem Weg kam ein Kommilitone auf sie zu.
„Hey, Jonas! Wer ist die Dame?"
Jonas zögerte keine Sekunde. „Meine Oma." Dann lächelte er. „Sie ist der Grund, warum ich hier bin."
Karin senkte den Kopf, versuchte, ihre Tränen zu verbergen, indem sie in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch kramte, das sie eigentlich gar nicht brauchte.
An der Eingangstür drehte sich Jonas zu ihr um. „Weißt du noch, was du früher immer gesagt hast?"
„Was denn?"
„Dass ich irgendwann nicht mehr an der Hand geführt werden muss."
Sie lachte auf. „Na siehste. Jetzt ist es so weit."
Er drückte sie an sich. „Doch, Oma. Nur halte jetzt ich dich."
Sie fing an zu weinen, richtig, mit den Schultern, die zitterten. „Bleib ein anständiger Mensch, Jonas. Was auch immer aus dir wird, vergiss das nicht."
„Werd ich nicht."
„Und lern was Ordentliches."
„Mach ich."
„Und iss was. Du vergisst doch immer zu essen, wenn du was im Kopf hast."
Er lachte. „Das wird sich auch an der Uni nicht ändern."
Bevor sie hineingingen, machten sie ein Foto. Er im weißen Hemd, den Rucksack auf dem Rücken. Sie klein neben ihm, das Kopftuch unters Kinn gebunden, die Hand um seinen Arm geschlossen.
Dieses Foto sollte er später mehr hüten als jedes Zeugnis, das er je bekommen würde.
Drei Jahre später, an einem Novembernachmittag, saß Karin am Küchentisch, als das Telefon klingelte. Es war ihre Tochter, Jonas' Mutter, aus Verona. Der Vater war krank geworden, ein Bandscheibenvorfall, monatelang arbeitsunfähig, und das Geld, das aus Italien kam, blieb aus. Gleichzeitig stand bei Karin die Nachzahlung für die Heizung an, dreihundertzwanzig Euro, die sie nicht hatte. Sie legte auf und saß lange da, die Hände um die kalte Kaffeetasse gelegt, und sagte Jonas nichts.
Er merkte es trotzdem. Er merkte es, weil sie am Monatsende plötzlich das Licht im Flur nicht mehr anließ und weil sie beim Metzger nur noch die Aufschnittreste kaufte, die billiger waren. Er fragte sie direkt, an einem Sonntagabend, während sie Kartoffeln schälte und er neben ihr am Tisch saß.
„Oma, was ist mit dem Geld los?"
Sie schälte weiter. „Nichts, mein Junge. Iss deine Suppe."
„Oma."
Sie legte das Messer hin. Dann erzählte sie ihm alles — die Heizkostennachzahlung, den Vater in Verona, die Mutter, die am Telefon geweint hatte.
Jonas stand am nächsten Morgen um sieben bei der Sparkasse am Sonnenwall, bevor er zur Vorlesung musste. Er hatte in den letzten zwei Jahren neben dem Studium in einem Callcenter gearbeitet und dabei ein kleines Konto angespart, für seinen ersten eigenen Laptop, das war der Plan gewesen. Er hob alles ab, einhundertachtzig Euro, und legte den Rest, den die Bank ihm als Dispokredit einräumte, dazu. Am Nachmittag stand er mit einem Umschlag vor Karin, die gerade den Tisch abwischte.
„Was ist das?"
„Für die Heizung. Und für Mama und Papa."
„Jonas, das ist dein Geld für den Laptop."
„Der Laptop kann warten. Die Heizung nicht."
Sie wollte protestieren, aber er hatte den Umschlag schon auf den Tisch gelegt und war in die Küche gegangen, um ihr Tee zu machen, ohne noch etwas zu sagen. Sie saß da, den Umschlag in der Hand, und wusste, dass genau das der Moment war, auf den zwölf Jahre lang alles hinausgelaufen war — nicht das Zeugnis, nicht die Zulassung, sondern dieser Umschlag mit dem Geld, das eigentlich für einen Laptop gedacht war.
Sie strich mit dem Daumen über die Kante des Umschlags, faltete ihn einmal zusammen und legte ihn zurück auf den Tisch.
„Das nehm ich nicht, Junge."
„Doch, das nimmst du."
„Jonas—"
„Oma." Er stand jetzt in der Küchentür, das Teekännchen in der Hand. „Du hast mir zwölf Jahre lang jeden Morgen die Stullen geschmiert. Lass mich jetzt einmal was für dich tun, ohne dass du dagegen ankämpfst."
Sie nahm den Umschlag schließlich, faltete ihn in ihre Schürzentasche und sagte nichts mehr dazu. Am nächsten Tag ging sie zur Sparkasse, beglich die Nachzahlung und rief ihre Tochter in Verona an, um ihr zu sagen, dass es hier keine Sorgen mehr gebe.
Am Abend, als Jonas von der Uni nach Hause kam, stand auf dem Küchentisch ein Teller mit Königsberger Klopsen, seinem Lieblingsessen, das sie sonst nur zu seinem Geburtstag machte. Er blieb in der Tür stehen und sah sie an, wie sie am Herd stand, das Kopftuch schon abgenommen, die grauen Haare offen.
„Was ist der Anlass?"
„Kein Anlass." Sie stellte ihm den Teller hin. „Ich wollte nur mal was für dich kochen, ohne dass du mich fragst, warum."
Er setzte sich, aß, und sie saß ihm gegenüber, die Hände um ihre eigene Teetasse gelegt, und sah ihm einfach zu — so, wie sie ihm all die Jahre beim Hausaufgabenmachen zugesehen hatte, ohne ein Wort zu verstehen, aber ohne aufzustehen, bis er fertig war.
