Die streunende Katze, die das Schweigen meines Neffen durchbrach

Der Regen prasselte auf das Dach der Haltestelle an der Frankfurter Allee. Anna hielt Gabriel, sechs Jahre alt, an der Hand und wartete auf die Straßenbahn, die nicht kommen wollte. Sie kamen gerade aus der kinderpsychiatrischen Praxis. Der x-te Nachmittag, an dem man ihr sagte, es brauche Zeit, jedes Kind habe sein eigenes Tempo.

„Machen Sie die Übungen ruhig zu Hause weiter", hatte die Ärztin gemurmelt und die Akte in die Schublade geschoben. „Manchmal lösen sich solche Blockaden von selbst."

Von selbst. Gabriel hatte kein Wort mehr gesagt, seit er drei war. Seit seine Eltern auf der Autobahn bei Hannover verunglückt waren, auf dem Rückweg von einer Hochzeit, und er auf dem Rücksitz saß, ohne einen Kratzer. Zuerst hatte er wenigstens geweint. Jetzt nicht mal das mehr.

Anna beugte sich vor, um seinen Schal zurechtzuziehen. Der Junge blickte auf einen unbestimmten Punkt jenseits der Straße, als wäre hinter den Häusern etwas, das nur er sehen konnte.

„Im Horoskop stand, heute ändert sich alles", sagte eine Stimme hinter ihnen.

Es war Frau Wachtel, die Nachbarin aus dem vierten Stock, mit Einkaufstüten vom Markt am Boxhagener Platz. Anna drehte sich nur kurz um. Frau Wachtel führte alles auf das Horoskop zurück. Die kaputte Waschmaschine, den durchgefallenen Enkel, die Tomatenpreise.

„Genau", antwortete Anna, nur um nichts weiter sagen zu müssen.

Gabriel hatte sich auf die Bank gesetzt. Er zog ein kleines Holzpferd aus der Tasche. Das Einzige, worum er in drei Jahren gebeten hatte, mit dem Finger auf die Scheibe eines Trödelladens in der Simon-Dach-Straße gezeigt. Anna hatte es ihm gekauft, ohne ein Wort, und seitdem reiste das Pferd immer mit ihm.

In diesem Moment kam vom Rand der Haltestelle ein Laut. Kein Miauen. Eher ein Krächzen, eine schlecht gestellte Frage.

Anna senkte den Blick. Da war eine Katze. Grau und orange, ein Stück fehlte am linken Ohr, die Augen von einem Gelb, das für diesen Novembernachmittag zu grell wirkte. Sie war klatschnass und musterte Anna mit einer Miene, die nichts Gutes verhieß.

„Verschwinde", sagte Anna und schob die Tasche mit den Befunden zur Seite.

Die Katze rührte sich nicht. Sie stieß den Laut noch einmal aus, hartnäckiger. Dann richtete sie sich auf Gabriel aus.

Und Anna sah etwas, das sie seit Monaten nicht gesehen hatte. Ihr Neffe schaute die Katze an. Nicht hindurch. Nicht darüber hinweg. Er schaute sie an. Seine Finger waren auf dem Holzpferd erstarrt.

Die Katze machte einen Schritt zur Bank. Dann noch einen.

„Fass sie nicht an, Gabriel", sagte Anna, aber die Stimme kam zu leise heraus.

Der Junge streckte die Hand aus. Vorsichtig, die Handfläche geöffnet. Die Katze beschnupperte sie und rieb den Kopf daran. Anna stand wie erstarrt. Die Straßenbahnlinie M10 tauchte am Ende der Allee auf, die nassen Schienen glänzten.

„Komm", sagte sie. „Unsere Bahn."

Gabriel stand nicht auf. Er blieb mit ausgestreckter Hand zur Katze hin, und Anna sah, wie sich sein Kiefer anspannte. Er hielt stand. Kein Trotz. Eine Entscheidung.

Die Katze miaute erneut. Als würde sie ihn herausfordern.

Anna nahm ihren Schal ab, breitete ihn aus. Sie bückte sich. Die Katze ließ sich widerstandslos hochheben.

„Steig ein", sagte sie nur.

Frau Wachtel begegnete ihnen im Hausflur. Sie stellte die Tüten ab und riss die Augen auf, als sie das sich bewegende Bündel sah.

„Anna, bist du übergeschnappt. Die ist voller Flöhe. Du hast schon genug Sorgen."

„Ich behalte sie eine Nacht. Dann bring ich sie zum Tierheim Berlin."

Frau Wachtel schüttelte den Kopf und stieg in den Aufzug. Anna spürte, wie Gabriel ihre Hand fester drückte. Nicht mal er selbst glaubte daran.

Zu Hause ließ sich die Katze widerstandslos in der Wanne waschen. Sie war furchtbar mager, die Rippen zeichneten sich ab wie die Tasten eines Akkordeons, und sie musterte Anna mit beleidigter Miene. Anna schöpfte lauwarmes Wasser mit einer Tasse und überlegte währenddessen, wie sie das Tier nennen sollte.

„Argo", sagte eine kleine Stimme.

Anna wirbelte herum. Gabriel saß auf dem Wannenrand. Er sah die Katze an, die sich gerade gleichgültig eine Pfote leckte. Der Wasserhahn tropfte. Anna wusste nicht, ob sie richtig gehört hatte.

„Was hast du gesagt?"

Gabriel zeigte auf die Katze. „Argo."

Anna setzte sich auf den Boden. Ihre Beine trugen sie nicht mehr. Sie hatte gerade zwei Worte gehört, zwei klare Laute, zwei Entscheidungen ihres Neffen. Nach dreiunddreißig Monaten Nichts.

„Argo", wiederholte sie, und die Katze hörte auf, sich zu putzen, und richtete den Kopf zu ihr.

Am nächsten Morgen fand Anna die Katze in Gabriels Bett. Sie hatte es nicht übers Herz gebracht, ihn zu wecken. Argo lag an der Seite des Jungen ausgestreckt, den Kopf auf seinem Arm. Gabriels Atem ging tief. Zum ersten Mal seit Monaten hatte er nicht schon um fünf Uhr morgens die Augen offen.

Die Tage begannen, sich zu verändern. Argo folgte Gabriel überallhin. Ging der Junge von der Küche in den Flur, stand die Katze auf und folgte ihm. Setzte sich Gabriel auf den Teppich, um Bilderbücher mit Tieren anzuschauen, rollte sich Argo neben ihm zusammen und schloss die Augen.

Frau Wachtel, die noch gedroht hatte, das Ordnungsamt anzurufen, kam nach einer Woche mit einer Tüte Katzenfutter herunter.

„Hab's bei Rewe gekauft. War im Angebot. Sag ihm bloß nicht, dass mir das Freude macht", sagte sie und drückte Anna die Tüte in die Hand.

Gabriel hörte es. Er kam aus dem Zimmer, nahm die Tüte, und sah die Nachbarin direkt an.

„Danke", sagte er.

Frau Wachtel blieb mit erhobener Hand stehen. Dann zog sie ihre Steppjacke an und ging murmelnd hinaus, so ein artiges Kind habe sie noch nie erlebt.

Es war keine Artigkeit. Es war etwas, das Anna nicht erklären konnte.

Dr. Brenner, der Kinderpsychiater, ging zweimal durchs Zimmer, als Anna ihm von der Katze erzählte.

„Eine Katze", sagte er, als bliebe ihm das Wort zwischen den Zähnen stecken.

„Eine streunende Katze. Wir haben sie an der Straßenbahnhaltestelle mitgenommen. Und mein Neffe hat zwei Wörter gesagt."

„Er hat zwei Wörter gesagt."

„Ja. Argo. Danke. Und noch andere."

Der Arzt setzte sich. Nahm die Akte, öffnete sie, schloss sie wieder. Anna hatte ihn jahrelang dasselbe tun sehen. Aber diesmal war da ein Unterschied. Er sagte nicht „wir arbeiten weiter daran".

„Sie wissen, wie das funktioniert", sagte er. „Emotionale Blockaden können nachgeben, wenn eine neue Bindung entsteht. Die Katze fordert nichts. Sie urteilt nicht. Sie ist einfach da. Vermutlich spürt der Junge, dass er sie beschützen muss, und das hat ihm den nötigen Anstoß gegeben."

„Es ist nicht nur Beschützen", sagte Anna.

Dr. Brenner sah sie über den Rand seiner Brille an. „Was noch?"

„Ja. Gabriel spricht mit ihr. Und Argo antwortet."

Sie erzählte dem Arzt nicht, was sie nachts beobachtete. Gabriel, auf dem Bett sitzend, die Katze vor sich, die Lippen lautlos bewegend. Der Junge erzählte ihr vom Holzpferd, von der Lehrerin, vom Papa. Argo hörte zu, der Schwanz reglos. Und wenn Gabriel weinte, leckte die Katze ihm über die Finger.

Am Abend des fünfzehnten November stand Anna in der Küche. Draußen hatte der Nebel die Häuser verschluckt. Sie hatte gerade das Nudelwasser aufgesetzt. Im Radio lief ein altes Lied von Nena.

Aus einem Zimmer kam ein dumpfer Schlag. Dann noch einer. Anna drehte den Herd ab und lief in den Flur.

„Gabriel?"

Der Junge stand vor der Wohnungstür. Rotes Gesicht, die Hände fest um das Holzpferd geklammert. Er zitterte, die Augen auf die Tür gerichtet.

„Was ist passiert?"

Gabriel öffnete den Mund. Die Laute blieben irgendwo stecken. Er versuchte es noch einmal. Nichts.

„Argo ist draußen", sagte Anna, und in diesem Moment sah sie die angelehnte Tür. Ein Streifen Dunkelheit und die kalte Luft vom Treppenhaus.

Die Katze war verschwunden.

Anna nahm eine Taschenlampe, die Schlüssel, das Handy. „Bleib hier. Ich suche sie."

Gabriel griff nach ihrem Ärmel. Mit aller Kraft, die er hatte. Schüttelte den Kopf.

„Komm mit", sagte Anna.

Das Treppenhaus war leer. Es roch nach Feuchtigkeit und angebrannter Suppe aus dem zweiten Stock. Anna rief nach der Katze. Gabriel lief hinter ihr her, das Holzpferd in der Tasche.

Sie stiegen acht Etagen hinunter. Im Hof herrschte eine schwere, drückende Ruhe. Die Mülltonnen, ein Fahrrad an der Wand, Annas Atem, der sichtbar aus ihrem Mund stieg.

„Argo!", rief sie noch einmal.

Nichts.

Sie sah Gabriel an. Der Junge weinte nicht. Er stand reglos. Die Finger um den Ärmel ihres Mantels verkrampft.

„Sie ist nicht unten. Wir gehen wieder rauf. Vielleicht ist sie im Keller."

Sie stiegen die Treppen wieder hoch. Der Aufzug war seit dem Sommer kaputt. Im zweiten Stock öffnete sich Frau Wachtels Tür einen Spalt.

„Ich hab ein Miauen gehört, hinten in der Abstellkammer", sagte die Nachbarin leise, ohne ganz herauszukommen. „Aber ich bin nicht nachschauen gegangen. Ich hab Angst vor Mäusen."

Anna drückte die Tür der Abstellkammer auf. Es roch nach Mottenkugeln und alten Besen. Die Taschenlampe beleuchtete einen Berg aus gestapelten Möbeln: Stühle, ein Nachttisch, einen kaputten Ventilator. Ganz hinten, zwischen einem Stapel Zeitschriften und einer rostigen Gießkanne, zwei gelbe Augen.

„Argo."

Die Katze hatte sich hinter eine Holzkiste gezwängt. Sie rührte sich nicht. Sie hatte sich dort verkrochen und wusste jetzt nicht mehr, wie sie herauskommen sollte.

Gabriel beugte sich vor. Legte das Holzpferd auf den Boden. Streckte eine Hand aus.

Und da sah Anna ihn etwas tun, das sie nie vergessen würde. Ihr Neffe kauerte sich hin, legte die Handfläche auf den Boden und sagte:

„Komm. Es ist nichts. Ich bin hier. Ich such dich schon seit zehn Minuten."

Kein Wort, keine Bitte. Ein ganzer Satz. Im Halbdunkel der Abstellkammer, während die Katze ihn hinter der Kiste hervor musterte.

Anna biss sich auf die Innenseite der Wange. Sie wollte nicht vor ihm weinen.

Argo machte einen unsicheren Schritt. Dann noch einen. Kam aus der Ecke hervor. Gabriel nahm sie hoch, und die Katze vergrub sich in seinem Pullover. Der Junge stand auf.

„Sie hat Angst im Dunkeln", sagte er. „Wir haben die Tür offen gelassen, und sie hat sich erschreckt."

Anna setzte sich auf eine Stufe. Der Beton war kalt. Die Taschenlampe beleuchtete ihre Knie.

„Woher weißt du das?", fragte sie.

Gabriel sah sie an. Die Katze schnurrte so laut, dass man es im Treppenhaus hörte.

„Sie hat's mir gesagt."

In dieser Nacht schlief Anna nicht. Sie saß auf dem Sofa, das Handy in der Hand, eine Tasse Kamillentee, die sie nicht trank. Immer wieder stand sie auf und ging nach Gabriels Zimmer schauen. Der Junge schlief. Argo lag an seiner Seite, die Pfote auf seiner Brust.

Es war nicht möglich. Und doch war es geschehen. Der Junge hatte gesprochen. Die Katze war zurückgekommen. Alles hatte mit einer nassen Katze unter einem Wartehäuschen begonnen, und jetzt sagte ihr Neffe ganze Sätze in einer Abstellkammer.

Um drei Uhr morgens öffnete Anna eine Schublade. Sie holte einen gelben Umschlag heraus. Darin die Versicherungsunterlagen, das Gerichtsurteil, die Sterbeurkunde ihrer Schwester und ihres Schwagers. Sie war Gabriels Tante, seit zwei Jahren seine Vormundin, und in diesem Umschlag steckte alles, was aus dieser einen Nacht auf der Autobahn bei Hannover übriggeblieben war. Der Umschlag war zwei Jahre lang verschlossen geblieben. Sie legte ihn zurück.

Dann nahm sie die Mappe mit Dr. Brenners Übungen. Blätterte sie durch. Zeichnungen, Arbeitsblätter, Kopien. Auf jeder Seite der Stempel der Praxis. Sie klappte sie zu und stellte sie ganz hinten ins Regal.

Dann nahm sie das Handy und schrieb Frau Wachtel eine Nachricht:

„Morgen bring ich Argo zum Tierarzt wegen dem Chip. Wenn Sie mitkommen wollen, ich klingle um acht."

Die Antwort kam nach einer Minute:

„Ich komm mit. Aber Sie geben einen Kaffee aus."

Am nächsten Morgen roch das Wartezimmer der Tierarztpraxis in der Warschauer Straße nach Desinfektionsmittel und Trockenfutter. Frau Wachtel hielt die Transportbox auf den Knien und unterhielt sich mit einer Frau, die ein nervöses Kaninchen dabeihatte. Gabriel saß neben Anna, sein Holzpferd in der Hand.

Als der Tierarzt „Argo" aufrief, stand Gabriel als Erster auf. Er legte das Pferd auf den Stuhl.

„Ich trag sie", sagte er zum Arzt.

Der Tierarzt sah ihn an. Dann sah er Anna an. Sie nickte einmal, knapp.

„Gut", sagte er. „Leg sie vorsichtig auf den Tisch."

Gabriel öffnete die Box. Argo kam heraus und setzte sich. Kein Kratzer, kein Fauchen. Sie musterte den Tierarzt, als sei sie schon hundertmal untersucht worden.

Der Arzt hörte sie ab, kontrollierte die Zähne, das verletzte Ohr.

„Eine Streunerin, oder?", fragte er.

„War sie", sagte Gabriel.

Der Tierarzt lächelte kurz. „Gut. Dann gehört sie jetzt dir?"

„Ja", sagte der Junge. „Sie ist meine."

Anna beobachtete die beiden von hinten. Frau Wachtel stand in einer Ecke und tat so, als läse sie eine zwei Jahre alte Illustrierte.

„Für die Eigentumsübertragung brauche ich noch ein Formular", sagte der Tierarzt. „Name und Anschrift des Halters."

Anna nahm den Stift. Das Formular lag auf dem Schreibtisch, neben einem Stifthalter mit dem Logo eines Flohmittelherstellers. Sie füllte es aus. Gabriel Rinaldi. Sechs Jahre. Warschauer Straße 52.

Sie gab das Blatt zurück. Der Tierarzt scannte es ein und archivierte es.

„Der Chip dauert dreißig Sekunden. Dann geht sie mit dir nach Hause", sagte er zu Gabriel. „Alles ordentlich, wie es sein soll."

Während der Chip gesetzt wurde, zuckte Argo nicht mit der Wimper. Gabriel hielt ihre Vorderpfote fest, die Augenbrauen zusammengezogen.

Frau Wachtel trat zu Anna.

„Weißt du, jetzt ist alles anders", sagte sie. Es war keine Frage.

Anna sah auf das Formular. Der Name ihres Neffen in der Mitte. Der Stempel der Praxis. Das Datum.

„Das weiß ich seit gestern Abend", antwortete sie.

Sie verließen die Praxis. Die Luft war kalt und klar. Gabriel trug die Box mit beiden Händen. Argo schaute drinnen durchs Gitter, ihre gelben Augen wachsam.

„Klapp den Kragen hoch", sagte Anna. „Es geht ein scharfer Ostwind."

Gabriel blieb stehen. Er sah zur Box hinunter. „Ostwind. Wie der Hengst im Film. Den, den wir letzte Woche geguckt haben."

„Genau der", sagte Anna.

Gabriel dachte kurz nach, den Kragen noch in der Hand. „Argo ist kein Pferd."

„Nein, ist sie nicht."

„Aber sie rennt auch, wenn sie will." Er zog den Kragen hoch und ging weiter, die Box fest an sich gedrückt. Anna sah, wie er sich zur Gitteröffnung hinunterbeugte und etwas hineinmurmelte. Sie hörte die Worte nicht. Sie musste sie auch nicht hören.

An diesem Abend kochte Anna Nudeln mit Tomatensoße. Gabriel nahm seinen Teller und trug ihn ins Wohnzimmer, auf den niedrigen Tisch. Er stellte den Teller auf den Boden, neben Argos Napf, und setzte sich auf den Teppich.

„So essen wir zusammen", sagte er.

Anna schimpfte nicht. Sie nahm ihren Teller und setzte sich zu ihnen.

Das Licht aus der Küche fiel durch den Flur und teilte den Raum in zwei Hälften. Die Katze fraß mit gesenktem Kopf. Der Junge sah sie an und wiederholte immer wieder:

„Keine Eile. Es ist noch genug da."

Um halb elf schlief Gabriel auf dem Sofa ein. Anna trug ihn hoch. Er war schwer. Sie brachte ihn ins Zimmer und legte ihn ins Bett. Bevor sie hinausging, beugte sie sich hinunter und strich ihm über die Haare.

„Gute Nacht", sagte sie leise.

„Gute Nacht", antwortete er, halb im Schlaf.

Anna ließ die Tür einen Spalt offen. Im Flur fand sie Argo sitzend, die sie ansah.

„Du auch", sagte sie. „Gute Nacht."

Die Katze stand auf, ging zur Zimmertür, stieß sie mit dem Kopf auf und verschwand darin.

Anna blieb im Flur stehen. Sie sah, wie sich der Türspalt kurz bewegte. Dann hörte sie das weiche Geräusch der Pfoten auf der Bettdecke, ein Rascheln, ein Seufzen.

Sie ging zurück in die Küche. Öffnete die Mappe von Dr. Brenner, die sie ins Regal gestellt hatte. Auf der ersten Seite stand handschriftlich, in ihrer eigenen Schrift: „Sprachförderungsübungen. Beginn im Oktober."

Sie nahm die Mappe und legte sie in den Papierkorb.

Auf dem Weg zurück blieb sie vor Gabriels Zimmer stehen. Durch den Spalt sah sie den Umriss der beiden im Dunkeln, hörte ein leises Murmeln, das kein Wort war und doch eines. Sie schob die Tür lautlos ein wenig weiter zu, bis nur noch ein schmaler Streifen Licht auf den Flurboden fiel.

Dann ging sie in ihr eigenes Zimmer, legte sich hin und machte das Licht aus.

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