Die Erbin, die es nicht sein wollte

Der Notartermin in Bamberg war auf neun Uhr morgens angesetzt, aber Rainer Hartmann stand bereits um halb acht vor dem Haus in der Langen Straße. Er trat von einem Fuß auf den anderen, obwohl es Anfang März nicht mehr besonders kalt war. Die Tür öffnete erst um Punkt neun, und als der Notar die drei Verwandten in sein Büro bat, roch es nach Bohnerwachs und kaltem Kaffee.

Rainer Hartmann, zweiundfünfzig Jahre alt, Inhaber einer kleinen Kfz-Werkstatt im Industriegebiet, setzte sich breitbeinig auf den Stuhl und legte seine Autoschlüssel auf den Tisch. Neben ihm saß seine Cousine Gisela Bender, siebenundvierzig, Sachbearbeiterin im Landratsamt, die mit ihrem Mann und zwei Kindern in einer engen Dreizimmerwohnung in der Gartenstadt lebte. Und am Fenster stand Jonas, neunundzwanzig, Elektriker bei einer Baustellenfirma, der seit einem halben Jahr in einem Wohnwagen am Campingplatz schlief, weil seine Ex-Freundin ihm die gemeinsame Wohnung in Bamberg-Ost gekündigt hatte.

Der Notar, ein älterer Herr mit Brille und schmalen Lippen, klappte die Akte auf.

„Ich, Helene Elisabeth Hartmann, verfüge bei klarem Verstand über meinen letzten Willen. Mein gesamtes Vermögen, das heißt mein Wohnhaus mit Grundstück in der Biegenhofstraße, geht an diejenige Person aus meiner Verwandtschaft, die meine Enkelin Luisa Hartmann findet und sie in dieses Haus bringt. Sollte dies innerhalb eines Jahres niemandem gelingen, fällt das Anwesen der Stadt Bamberg zu, die dort eine Stadtteilbibliothek einrichten soll. Zum Testamentsvollstrecker bestimme ich Jonas Hartmann.“

Er legte das Schriftstück ab und schob die Brille nach oben.

Rainer lachte auf.

„Das ist ein Witz, oder? Wir haben die Alte zehn Jahre lang versorgt. Ich bin jeden zweiten Sonntag rausgefahren, um die Heizung zu checken. Und jetzt kriegt das Haus irgendeine Luisa, die wir noch nie gesehen haben?“

Jonas sagte von Fenster her: „Du hast die Heizung gecheckt, weil die Ölrechnung sonst auf dich zurückgefallen wäre.“

Rainer fuhr herum. „Halt du dich da raus. Du hast die alte Dame doch nur besucht, wenn du Kohldampf hattest und auf ein warmes Essen gewartet hast.“

Der Notar sah die drei über den Rand seiner Lesebrille an. „Wenn niemand Fragen zur Rechtslage hat, schließe ich die Eröffnung ab. Die Frist läuft ab heute. Ein Jahr. Danach entscheidet die Stadt.“

Gisela presste ihre Handtasche gegen die Brust. „Und wenn wir sie nicht finden? Dann bekommen wir gar nichts?“

„Dann bekommt die Stadt alles“, sagte der Notar. „Das war der ausdrückliche Wunsch der Erblasserin.“

Rainer schnaufte durch die Nase. „Das werden wir ja sehen.“

Bevor der Notar antworten konnte, war Rainer schon aus dem Zimmer.

Rainer Hartmann war ein Mann, der an Lösungen glaubte, wenn sie schnell und teuer waren. Noch am selben Nachmittag rief er einen Privatdetektiv aus Nürnberg an, einen ehemaligen Kriminalbeamten, der für zweihundertfünfzig Euro pro Stunde alles fand, was in Datenbanken stand. Eine Woche später hatte der Mann geliefert: Luisa Hartmann, geboren 2001. Nach dem Tod ihrer Mutter 2005 war sie in einer Jugendhilfeeinrichtung im Landkreis Forchheim untergebracht worden. Mit sechzehn zog sie in eine betreute Wohngruppe in der Stadt. Dann brach die Spur ab. Die letzte bekannte Adresse war eine heruntergekommene Einzimmerwohnung in der Pödeldorfer Straße, wo sie vor Jahren gemeldet war.

Rainer notierte sich die Adresse mit Kugelschreiber auf dem Rand eines Tankbelegs.

Er stellte sich schon vor, wie er das Haus in der Biegenhofstraße verkaufen würde. Das Grundstück lag direkt am Ufer der Regnitz, zwischen der alten Stadtmauer und dem Fischereihafen. Ein Makler hatte ihm einmal beiläufig gesagt, so etwas sei heute kaum noch zu bekommen. Man könnte ein kleines Hotel daraus machen. Oder drei Reihenhäuser. Luisa war für ihn eine Formalität: finden, vorführen, unterschreiben lassen. Fertig.

Gisela fuhr am selben Wochenende zur Jugendhilfeeinrichtung nach Forchheim. Sie hatte sich den Termin über das Landratsamt besorgt, was nicht schwer war, da sie dort arbeitete. Die Leiterin, eine müde Frau in einem karierten Sakko, führte sie in einen Besprechungsraum, in dem ein alter Röhrenfernseher stand. Auf dem Tisch lag eine dünne Akte.

„Sind Sie die Tante?“, fragte die Leiterin.

„Ich bin eine entfernte Cousine des Vaters“, sagte Gisela. „Das ist alles sehr kompliziert.“

Die Leiterin schlug die Akte auf. „Acht Jahre hat niemand nach ihr gefragt. Jetzt kommen innerhalb von einer Woche zwei Anfragen. Und gestern war schon ein Privatdetektiv hier.“

Gisela spürte, wie sich ihre Finger um die Handtasche legten. Sie sagte nichts.

In der Akte stand nicht viel. Geburtsanzeige, Sterbeurkunde der Mutter, Vermerk in der Rubrik „Vater“: unbekannt. Auf der letzten Seite klebte ein Foto. Ein dünnes Mädchen mit einem viel zu großen Schulranzen, das ernst in die Kamera schaute. Darunter stand mit Bleistift: „Nach der neunten Klasse Übernahme in die Jugendberufshilfe. Der Verbleib ist nicht dokumentiert.“

Gisela starrte auf das Foto. Sie versuchte, in dem ernsten Gesicht etwas Bekanntes zu sehen, irgendetwas von der Familie Hartmann. Aber da war nichts. Nur ein Kind, das nie jemand abgeholt hatte.

„Wissen Sie, wo sie jetzt lebt?“, fragte sie.

„Nein“, sagte die Leiterin. „Nach dem Auszug gab es keinen Kontakt mehr. Einmal haben wir eine Weihnachtskarte geschickt. Sie kam mit dem Vermerk ‚unbekannt verzogen‘ zurück.“

Auf der Rückfahrt nach Bamberg fuhr Gisela rechts ran, unter eine Kastanie am Ortsausgang von Hirschaid. Sie blieb zehn Minuten im Auto sitzen, ohne den Motor auszumachen. Sie dachte an das Haus in der Biegenhofstraße. An den Garten hinter dem Haus, die Wiese bis zur Regnitz, die zwei alten Apfelbäume. Ihre Kinder würden dort endlich Platz haben, ein eigenes Zimmer, einen Weg zur Schule, der nicht an der vierspurigen Berliner Straße entlangführte. Aber Luisa hatte nie einen Platz gehabt. Nicht in diesem Haus. Nicht in dieser Familie.

Und gleichzeitig dachte sie: Wenn das Jahr verstreicht, bekommt die Stadt alles. Dann hat niemand etwas. Vielleicht war es besser, die Suche nicht zu intensiv zu betreiben. Einfach abwarten. Nichts tun. Die Frist verstreichen lassen. Die Stadt würde das Haus in eine Bibliothek oder ein Archiv verwandeln. Und sie würde weiter in der Dreizimmerwohnung leben, wie immer.

Sie wischte die Idee weg, als wäre es eine Spinne auf dem Armaturenbrett. Aber sie blieb da. Den ganzen Heimweg über saß sie still neben ihr auf dem Beifahrersitz.

Jonas hatte keine Wohnung, kein Geld für Detektive und keine Zeit für Amtstermine. Er arbeitete sechs Tage die Woche auf Montage, meistens in den neuen Wohnblocks hinter der Autobahn A73, und kam abends zurück in einen Wohnwagen, in dem der Strom nur lief, wenn der Campingplatzbetreiber die Sicherung nicht rausgedreht hatte. Also tat er das Einzige, wozu er in der Lage war: Er fuhr an einem Mittwochabend mit dem Fahrrad zur Biegenhofstraße.

Das Haus stand dunkel da. Die Fensterläden waren geschlossen. Im Vorgarten lag noch das graue Laub von November. Neben der Eingangstür stand eine verrostete Gießkanne.

Jonas wusste, dass Helene einen Ersatzschlüssel unter dem Blumenkasten neben der Kellertreppe aufbewahrte. Sie hatte es ihm gezeigt, als er sechzehn war und sie ihm beibrachte, wie man die Ölheizung entlüftet. Er ging um das Haus herum, hob den Blumenkasten an, und da lag der Schlüssel, in einem kleinen Gefrierbeutel, festgeklebt mit Panzertape an der Mauer.

Er schloss auf.

Im Flur roch es nach getrockneten Kräutern und kaltem Ofenrauch. Auf der Kommode stand eine Schale mit Walnüssen, die niemand geknackt hatte. In der Küche hing ein Abreißkalender an der Wand, offen auf dem Tag, an dem sie gestorben war. Der Kühlschrank war leer bis auf ein Glas Senf und eine angebrochene Packung Butter im Gefrierfach.

Im Wohnzimmer, auf dem Couchtisch, lag ein Stapel Alter Ansichtskarten. Die oberste zeigte die Bamberg-Sicht vom Michelsberg, gelaufen 1982. Jonas ging weiter ins Schlafzimmer. Und dort, im untersten Fach des Wäscheschranks, fand er die Briefe.

Es waren über hundert Stück. Manche in Umschlägen, manche nur gefaltetes Papier. Alle adressiert an Luisa. Keiner frankiert. Keiner abgeschickt. In der obersten Schublade lag ein Notizbuch mit einem silbernen Kugelschreiber, der klemmte.

Der erste Brief war datiert auf September 2010.

„Liebe Luisa, heute hat es geregnet und ich habe an dich gedacht, weil du als kleines Kind immer in Pfützen gesprungen bist. Nachts höre ich die Schiffe auf der Regnitz. Wenn du jemals zurückkommst, steht dein Zimmer noch leer. Es ist nicht viel, aber es ist deins. Ich habe nicht genug für dich gekämpft. Ich bin zu alt geworden. Vergib mir, wenn du kannst. Deine Oma Helene.“

Jonas saß auf dem Rand des Bettes, umgeben von Briefen, und las einen nach dem anderen. Draußen zog ein Polizeiauto mit Blaulicht über die Biegenhofstraße. Der Kühlschrank summte. Der Mann im Wohnwagen am Campingplatz, der seit drei Monaten bei Aldi die Angebote nach dem Pfandbon berechnete, hielt plötzlich ein fremdes Leben in den Händen.

Zwei Wochen später fand Rainers Detektiv die aktuelle Adresse. Luisa Hartmann arbeitete im Supermarkt Edeka in der Hallstadter Straße, an der Kasse fünf. Sie wohnte in einem heruntergekommenen Sechsparteienhaus hinter den Bahngleisen, Weidendamm 14, dritte Etage links. Rainer fuhr noch am selben Abend hin, weil er wusste, dass sie nach der Spätschicht gegen halb zehn zu Hause war.

Er klingelte dreimal. Die Tür wurde einen Spalt weit geöffnet.

„Was gibt’s?“

„Luisa Hartmann?“

„Wer will das wissen?“

„Ich heiße Rainer Hartmann. Ich bin der Cousin deiner Großmutter. Kann ich reinkommen?“

Sie öffnete die Tür ein Stück weiter. Im Flur brannte eine nackte Glühbirne. Es roch nach Weichspüler und Katzenfutter.

„Ist sie tot?“

„Ja. Seit dem 4. März. Das Haus steht leer.“

Luisa lehnte sich an den Türrahmen. Sie trug Jogginghose und ein verwaschenes T-Shirt. Ihre Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden, das Gesicht schmal, die Augen grau.

„Und jetzt komme ich ins Spiel“, sagte sie.

Rainer trat in den Flur, ohne zu fragen. In der Küche stand ein Teller mit zwei Scheiben Brot, die Ränder trocken. Auf dem Kühlschrank klebte ein Zettel: „Miete bis zum 3. überweisen“.

„Das Testament ist eine Sauerei“, sagte er. „Aber man kann es zu deinem Vorteil nutzen. Ich schlage dir ein Geschäft vor: Du kommst mit mir zu dem Haus, wir gehen kurz rein, ich zeige dich dem Notar. Danach bist du wieder frei und bekommst fünftausend Euro. Bar auf die Hand. Keine Fragen.“

Luisa sah ihn an. Sie lachte nicht, sie regte sich nicht auf. Sie nahm den Teller mit den Brotscheiben und stellte ihn in den Kühlschrank.

„Ich bin kein Postpaket, das man abgibt“, sagte sie. „Sie waren zwanzig Jahre nicht da. Jetzt soll ich durch ein fremdes Haus laufen, damit Sie an die Schlüssel kommen? Nein, danke.“

Rainer schlug mit der flachen Hand gegen den Türrahmen. „Überleg’s dir. So ein Angebot kriegst du nicht jeden Tag. Und das Haus ist nichts für Leute wie dich.“

„Soll die Stadt es eben kriegen“, sagte Luisa. „Ich brauche kein Haus voller toter Jahre.“

Rainer ging, ohne den Fahrstuhl zu benutzen. Im Treppenhaus trat er gegen eine leere Bierflasche, die über die Stufen schepperte.

Am nächsten Abend kam Gisela. Sie stand vor derselben Tür, in einem ordentlichen Mantel, und drückte die Klingel nur halb durch. Luisa öffnete.

„Ich bin Gisela“, sagte sie. „Keine Sorge, ich will nichts von dir. Ich wollte einfach nur mit dir reden.“

Sie setzten sich an den Küchentisch. Luisa machte Tee. Der Wasserkocher zischte, der Klapptisch wackelte, auf dem Fensterbrett standen drei verwelkte Basilikumtöpfe.

„Ich war in dem Heim in Forchheim“, sagte Gisela. „Ich habe deine Akte gesehen. Es ist mir unangenehm, dass ich das gemacht habe. Ich wollte dich nicht ausspionieren. Ich wollte nur verstehen, warum Oma Helene das getan hat.“

„Und? Haben Sie es verstanden?“

Gisela blickte in ihren Tee. „Sie hat acht Jahre lang keinen einzigen Brief geschrieben. Wir auch nicht. Wir alle nicht. Und jetzt stehe ich hier, weil ich die Wohnung satt habe. Weil meine Kinder ein Zimmer teilen. Weil ich das Haus am Fluss will. Das ist alles.“

„Sie sind wenigstens ehrlich“, sagte Luisa. „Der andere hat mir Geld geboten, als wäre ich ein Fundstück.“

„Rainer?“

Luisa nickte. „Fünftausend. Bar. Damit er das Haus kriegt. Aber ich will nicht Teil davon sein. Ich habe mein Leben lang davon geträumt, dass irgendwann jemand auftaucht und sagt: ‚Luisa, wir haben dich gesucht. Wir wollen dich kennenlernen.‘ Stattdessen kommen Leute, die ein Grundstück am Fluss haben wollen, und ich bin nur die Bedingung im Testament.“

Gisela stellte die Tasse ab. „Ich höre dir zu, Luisa. Das ist alles, was ich im Moment kann.“

„Dann gehen Sie nach Hause“, sagte Luisa. „Überlegen Sie, ob Sie wirklich bereit sind, sich mit mir an einen Tisch zu setzen, wenn es nichts zu erben gibt.“

Gisela stand auf. An der Tür drehte sie sich noch einmal um.

„Es tut mir leid. Für alles. Auch wenn das jetzt zu spät kommt.“

Sie drückte die Türklinke herunter, ohne Luisa die Hand zu geben, und ging die drei Stockwerke nach unten. Auf halber Treppe blieb sie stehen, weil sie dachte, sie hätte oben eine Tür ins Schloss fallen hören. Aber es war nur der Luftzug.

Jonas meldete sich nicht an. Er klingelte an einem Freitagabend um sieben, mit einem Fahrradhelm in der einen und einer Plastiktüte in der anderen Hand. Luisa öffnete die Tür, das Haar noch nass vom Duschen, in der Wohnung lief ein alter Kassettenrekorder, den sie schnell ausmachte.

„Noch so ein Verwandter?“, fragte sie.

„Jonas Hartmann“, sagte er. „Cousin zweiten Grades. Oder dritten. Ich habe nie kapiert, was das genau bedeutet. Ich will nicht ins Haus. Ich will die Briefe abgeben.“

Er hielt ihr die Plastiktüte hin. Darin lag ein dickes Bündel Papier, mit einem alten Nylonband zusammengebunden.

„Was ist das?“

„Briefe. Über hundert Stück. Von Helene. An dich. Sie hat sie nie abgeschickt. Ich habe sie im Wäscheschrank gefunden, unter einem Haufen alter Bettdecken. Sie hat zwanzig Jahre lang geschrieben, ohne eine einzige Zeile loszuschicken. Die jüngste ist von zwei Wochen vor ihrem Tod.“

Luisa nahm die Tüte. Sie hielt sie mit beiden Händen fest, als könnte das Papier sich auflösen.

„Warum bringen Sie mir die?“

„Warum ich? Weil ich der Testamentsvollstrecker bin. Rainer oder Gisela hätten sie dir wahrscheinlich nie gegeben. Aber ich habe sie gelesen. Und danach konnte ich nicht mehr tun, als wäre nichts gewesen. Ich wollte, dass du weißt, dass sie dich nicht vergessen hat. Dass sie gewartet hat. Ihr halbes Leben lang hat sie geschwiegen, aber in dem Schrank hat sie geredet.“

Luisa schüttelte langsam den Kopf. „Ich war fünf Jahre alt, als sie mich nicht genommen hat. Ich habe sie gehasst. Ich habe mir immer gesagt: Sie wollte mich nicht. Punkt. Und jetzt kommen Sie und erzählen mir was von Briefen. Von warten. Von ein Zimmer, das leer steht. Was soll ich damit?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Jonas. „Ich bin Elektriker. Ich repariere Sicherungen. Aber ich weiß, wann ein Kabel nicht mehr isoliert ist. Und die Sache da, zwischen dir und ihr, die funktioniert nicht. Weil niemand sie je angefasst hat. Vielleicht sind die Briefe ein Anfang. Vielleicht auch nicht. Aber du sollst wenigstens wissen, dass es sie gibt.“

Luisa trat von der Tür zurück. Sie ging in die Küche, ließ sich auf einen Hocker fallen und zog das Band von der Tüte. Der erste Brief fiel heraus. Sie faltete ihn auseinander.

„Liebe Luisa, es ist März und die Weiden am Fluss werden gelb. Ich habe deinen Bettbezug gewaschen, obwohl du nie darin geschlafen hast. Wenn du kommst, ist er frisch. Wenn du nicht kommst, ist er trotzdem frisch. Ich lebe so, dass immer jemand kommen könnte. Deine Oma Helene.“

Sie legte den Brief auf den Tisch. Dann den zweiten. Den dritten. Als sie nach einer halben Stunde aufblickte, saß Jonas noch da, den Fahrradhelm auf den Knien, und hatte kein Wort mehr gesagt.

„Ich war vor fünf Jahren in Bamberg“, sagte sie leise. „Ich stand vor dem Haus in der Biegenhofstraße. Ich hatte einen Blumenstrauß vom Wochenmarkt, eine Handvoll Narzissen. Ich habe sie vor die Tür gelegt, weil ich nicht klingeln konnte. Ich dachte, ich bin für sie eine Fremde. Ich wusste nicht mal, ob sie noch lebt.“

„Sie hat die Narzissen nie erwähnt“, sagte Jonas. „Aber im Wohnzimmer stand eine Vase. Immer Wasser drin. Auch jetzt noch. Nur die Blumen fehlten. Vielleicht hat sie sie jeden Morgen frisch hingestellt. Für dich.“

Luisa griff nach dem nächsten Brief. Ihre Hand zitterte.

„Wenn ich jetzt mitkomme zu dem Haus — ist das dann ein Deal? Findet der Notar, dass Sie mich gefunden haben, und Sie kriegen das Erbe?“

„Ja“, sagte Jonas. „Das ist die Bedingung. Ich bringe dich ins Haus. Dann gehört es mir. Das steht im Testament. Ich will es nicht verschweigen. Ich will das Haus. Ich wohne im Wohnwagen auf einem Campingplatz und friere im Januar. Aber ich habe nicht gewusst, dass in dem Schrank diese Briefe liegen. Das wusste ich nicht. Und jetzt kann ich nicht mehr einfach sagen: komm mit, unterschreib, ich krieg das Haus. Ohne dich fragen zu müssen, was du willst.“

Luisa sah ihn an. „Was will ich? Ich will das Haus meiner Oma sehen. Einmal. Vielleicht weint es dann in mir nicht mehr so.“

Sie fuhren mit dem Bus zur Biegenhofstraße, weil Jonas das Fahrrad nicht benutzen wollte und Luisa kein Auto hatte. Es war neun Uhr abends, die Straßenlaternen spiegelten sich in der Regnitz. Jonas schloss das Haus auf, diesmal mit dem Schlüssel, den er aus der Tüte im Blumenkasten genommen hatte. Er knipste das Licht im Flur an.

Luisa blieb auf der Schwelle stehen.

Der Geruch von kalter Holzasche und getrocknetem Flieder. Die Kommode mit den Walnüssen. Der Abreißkalender, der auf dem 4. März stehengeblieben war. Und an der Wand im Flur: ein Foto von Helene, aufgenommen an ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag, mit einem Kind auf dem Arm, das nicht Luisa war.

Luisa ging durch die Räume wie durch einen fremden Film. Sie blieb vor jedem Foto stehen. Im Wohnzimmer neben der Tür hing ein gerahmtes Bild von ihr selbst, als Kleinkind, kopiert aus dem Heim? Nein, es war ein anderes. Luisa erkannte sich daran, dass sie einen blauen Plastikball in der Hand hielt.

„Das hat die Leiterin aus Forchheim geschickt“, sagte Jonas. „Vor Jahren. Deine Oma hat es einrahmen lassen und an die Wand gehängt, damit du sie siehst, wenn du jemals durch diese Tür gehst.“

Luisa setzte sich auf das Sofa, auf dem seit Wochen niemand gesessen hatte. Sie legte die Briefe neben sich auf das Polster. Dann zog sie die Beine hoch und schlang die Arme um die Knie.

Jonas stand am Fenster. Draußen fuhr ein Lastkahn die Regnitz hinunter, sein Motor dröhnte gegen die alte Stadtmauer. Das Wohnzimmerlicht fiel auf die Briefe.

„Ich glaube, ich kann nicht hier sein, ohne zu weinen“, sagte sie.

„Dann wein“, sagte Jonas.

Sie tat es nicht. Stattdessen stand sie auf, ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank und fand das leere Senfglas. Sie stellte es in den Müll. Dann wusch sie ihre Hände am Spülbecken, obwohl das Wasser kalt war, weil die Pumpe nicht lief.

„Du bist der Einzige, der nicht versucht hat, mich zu benutzen“, sagte sie, das Gesicht zum Fenster. „Rainer wollte einen Kaufvertrag. Gisela wollte ein Absolutionsgespräch. Du hast mir Briefe gebracht und einen leeren Kühlschrank. Warum?“

„Weil ich weiß, wie es ist, keine Adresse zu haben. Kein Licht im Fenster, wenn man nach Hause kommt. Ich wähle deine Nummer nicht, weil ich keine habe. Ich habe dich gesucht, ohne zu wissen, was ich sagen soll, wenn ich dich finde. Jetzt sage ich es eben, wie es ist: Ich will nicht allein in dieses Haus ziehen. Und du sollst nicht in der Neunzig-Quadratmeter-Wohnung hinter den Bahngleisen bleiben. Vielleicht können wir beide hier leben. Zusammen. Nicht als Paar. Einfach als zwei Menschen, die eine Adresse brauchen. Und es ist ein großes Haus. Mit einer Vase im Wohnzimmer, die auf Blumen wartet.“

Luisa drehte sich um. „Und Rainer? Und Gisela? Was ist mit denen?“

„Gisela hat zwei Kinder und eine enge Wohnung. Rainer hat drei Werkstätten und null Kinder. Was soll ich sagen? Das Gesetz gibt mir das Haus erst, wenn du zustimmst. Ich bringe dich zum Notar. Du sagst, ja, ich war in dem Haus. Dann gehört es mir. Dann entscheide ich. Und ich entscheide so: Gisela kriegt den größeren Teil, sie und ihre Familie. Wir beide nehmen die Einliegerwohnung im Anbau. Rainer kriegt nichts. Das ist nicht Rache. Es ist einfach gerecht.“

„Und wenn ich nicht will?“

„Dann fahre ich dich zurück. Und ich lege die Briefe wieder in den Schrank. Und du gehst in deine Wohnung, in der die Miete überfällig ist. Und ich auf den Campingplatz, wo die Sicherung morgen wieder rausfliegt. Und die Stadt kriegt das Haus. Und alle sind wieder da, wo sie angefangen haben. Nur trauriger.“

Luisa holte Luft. „Ich will nicht, dass du die Briefe wieder in den Schrank legst.“

„Gut. Dann nicht.“

Am nächsten Morgen rief Jonas den Notar an. Er sagte, er habe Luisa Hartmann gefunden. Er habe sie ins Haus in der Biegenhofstraße gebracht. Sie sei bereit, eine Erklärung zu unterschreiben. Der Notar setzte einen Termin an. Es klang alles sehr einfach am Telefon. Aber vor dem Termin stand Luisa eine Stunde lang im Bad des Hauses und bürstete ihr Haar, immer wieder, als ob es helfen würde.

Die Erklärung wurde aufgesetzt. Luisa unterschrieb. Der Notar stempelte. Rainer stand auf, öffnete den Mund, setzte sich wieder. Gisela weinte nicht. Sie sah nur zu Boden.

Als der Notar verkündete, dass das Haus an Jonas Hartmann gehe, sagte Rainer: „Ich klage.“

„Das können Sie tun“, sagte der Notar. „Aber Sie haben keine Aussicht auf Erfolg. Sie haben die Auflage des Testaments nicht erfüllt. Sie haben die Erbin nicht gefunden. Sie haben sie unter Druck gesetzt. Das ist protokolliert.“

Da verließ Rainer das Büro. Auf dem Weg nach draußen warf er eine Vase aus der Fensternische? Nein, in Bamberg stand da ein Aschenbecher aus Keramik. Den nahm er nicht. Er knallte nur die Tür, dass die Gläser auf dem Schreibtisch klirrten.

Jonas blieb sitzen. „Ich werde nicht allein dort wohnen“, sagte er zu Gisela. „Du und deine Kinder, ihr zieht in das große Haus. Ich und Luisa gehen in den Anbau. Die Miete dafür ist, dass ihr den Garten pflegt und die Heizung im Winter nicht ausgehen lasst. Luisa will in der Küche einen neuen Herd. Und ich will, dass im Wohnzimmer die Vase nicht leer steht. Das musst du mit Luisa besprechen. Sie wohnt jetzt auch hier.“

Gisela sah ihn an. Dann Luisa.

„Das ist kein Witz?“

„Kein Witz“, sagte Luisa. „Ich will das Haus nicht. Aber ich will auch nicht, dass es eine Bibliothek wird, in der niemand weint. Und ich will nicht mehr allein in der Weidendamm-Wohnung sitzen. Also ja. Zieht ein. Lasst die Kinder die Äpfel im Garten aufsammeln. Ich nehme den Anbau. Ich will nur die Briefe. Und die Vase. Die Vase ist meine.“

Ein Jahr später, im März, kam ein Paket im Haus in der Biegenhofstraße an. Absender: Nachlassgericht Bamberg. Inhalt: ein kleines, flaches Kästchen, das in einem Kellerfach vergessen worden war, hinter der Ölheizung verkeilt. Darin lag ein Schlüssel. Und ein Zettel in Helenes Handschrift, datiert auf den 2. März, zwei Tage vor ihrem Tod.

„Liebe Luisa, falls du das hier liest: Ich habe dir damals nicht das Tor geöffnet. Aber ich habe jeden Abend gekocht, als ob du essen kämst. Den Schlüssel habe ich für dich gemacht, als du geboren wurdest. Er gehörte immer dir. Nicht dem Haus. Nur dir. Dass du ihn trägst, ist die einzige Erbschaft, mit der ich ruhig schlafen kann. Deine Oma Helene.“

Luisa nahm den Schlüssel aus dem Kästchen. Er war klein, aus Messing, mit einem blauen Plastikanhänger, auf dem ein halb verwitterter Marienkäfer klebte. Sie hielt ihn unter das Licht der Küchenlampe. Draußen brummte der Lastkahn. Im Wohnzimmer füllte Gisela die Vase mit Wasser. Die Kinder tobten die Treppe hinunter. Jonas stand in der Tür der Einliegerwohnung und schaute zu, wie Luisa den Schlüssel an ihr Schlüsselbund fädelte. Zwischen den Schlüssel zur Weidendamm-Wohnung, den sie längst abgegeben hatte, und dem neuen, den Jonas ihr für die Haustür gemacht hatte.

Sie trug den alten Schlüssel den ganzen Tag bei sich. Abends legte sie ihn auf den Nachttisch, neben die Briefe, die sie inzwischen alle sortiert hatte. Nicht nach Datum. Nach den Jahreszeiten, von denen Helene geschrieben hatte. Märzbriefe zu Märzbriefen. Briefe vom Fluss zu Briefen vom Fluss. Briefe vom Warten zu Briefen vom Warten.

Sie schloss die Augen nicht sofort. Sie hörte, wie im großen Haus Gisela ihre Kinder ins Bett brachte. Sie hörte, wie Jonas draußen die Fahrradkette ölte. Und sie hörte die Regnitz, die unter der alten Mauer hindurchzog, ruhig und unaufhaltsam, als hätte sie nie einen anderen Weg gewollt.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: