Ich bin Hausmeister in der Wohnanlage an der Uhlandstraße in Rostock, seit einundzwanzig Jahren. Man sieht viel, wenn man für die Mülltonnen, die Heizung und die Kellerabteile zuständig ist. Man hört noch mehr. Frau Brenner wohnte im Erdgeschoss, Block C, seit ich denken kann. Eine stille Frau, die jeden Morgen um sieben mit ihrem Dackel raus ist, Regen oder nicht. Ihre Enkelin Lina kannte ich als Kind mit Zahnlücke, die auf dem Hof mit Kreide gemalt hat.
Die Geschichte der beiden kannte hier jeder im Haus, auch wenn keiner offen darüber sprach. Linas Eltern waren bei einem Unfall auf der A19 ums Leben gekommen, da war das Mädchen fünf. Frau Brenner hat sie großgezogen, ganz allein, von der Rente und ein bisschen Näharbeit nebenbei. Ich hab ihr manchmal die Einkaufstüten hochgetragen, vier Stockwerke, Fahrstuhl kaputt seit der Sanierung 2016.
Vor sieben Jahren ist dann etwas passiert, wovon die ganze Anlage geredet hat. Linas Onkel, Frau Brenners Sohn Kai, hatte sie mit zum Kajakfahren an die Müritz genommen, ein Wochenendausflug, wie er das öfter gemacht hat. Sonntagabend kam er allein zurück. Er sagte, Lina sei aus dem Kajak gerutscht, die Strömung habe sie mitgerissen, er habe sie nicht mehr finden können. Die Wasserschutzpolizei hat tagelang gesucht. Nichts. Kein Kind, keine Leiche, nur die verlassene Rettungsweste, die man am Ufer gefunden hat.
Frau Brenner hat danach aufgehört, mit dem Dackel spazieren zu gehen. Wochenlang. Ich hab ihr die Post reingebracht, weil sie die Tür kaum aufgemacht hat. Der Weihnachtsbaum stand bei ihr das Jahr danach gar nicht erst im Fenster.
Was ich damals nicht wusste, und was keiner im Haus wusste: Kai hat in seiner eigenen Garage, zwei Straßen weiter in der Doberaner Straße, etwas versteckt gehalten. Ich kam da öfter vorbei, weil ich ihm ab und zu beim Rasenmäher-Reparieren geholfen hab, Nachbarschaftsdienst sozusagen. Die Garage war immer vollgestellt, Werkzeug, alte Reifen, ein Karton mit Weihnachtsschmuck. Hinter dem Regal, wo die alte Rettungsweste von damals hing, verstaubt, nie wieder benutzt, hat er ein Paket versteckt gehabt. Das hab ich erst später erfahren, von Frau Brenner selbst, an einem Dienstagvormittag im Treppenhaus, als sie noch ganz außer Atem war vom Rauflaufen.
Sie hatte die Garage ausgemistet, weil Kai für ein paar Tage verreist war und sie ihm, wie sie sagte, "mal Ordnung machen" wollte. Hinter der Weste, in einer Plastiktüte vom Netto, fand sie Postkarten. Aus Freiburg, aus Lyon, eine sogar aus Porto. Ein altes Klapphandy, aufgeladen, mit gespeicherten Nummern. Und ein Foto, ausgedruckt auf normalem Fotopapier, von einem Mädchen, das nicht mehr elf war, sondern achtzehn, lächelnd vor einer Haustür, die keiner von uns kannte.
Frau Brenner hat mir erzählt, sie hätte drei Minuten nur dagestanden mit der Tüte in der Hand, bevor sie überhaupt begriffen hat, was sie da sieht. Dann hat sie die 110 gewählt, direkt aus der Garage, mit zitternden Fingern auf dem alten Klapphandy, weil ihr eigenes zu Hause auf dem Küchentisch lag.
Was danach kam, hab ich stückweise mitbekommen, teils von der Polizei, die im Hof geparkt hat, teils von Frau Brenner selbst. Lina hatte sich all die Jahre bei ihrer Tante Colette versteckt gehalten, einer Schwester des verstorbenen Vaters, mit der die Familie seit einem alten Streit kein Wort mehr gewechselt hatte. Das Mädchen war damals, mit elf, aus dem Kajak gesprungen, absichtlich, um zu dieser Tante zu fliehen, weil sie bei der Großmutter, so hat sie es der Polizei später erklärt, erstickt hat vor lauter Kummer und Kontrolle nach dem Tod der Eltern. Kai hatte versucht, sie zurückzuhalten, sie aber entkommen lassen, und dann aus Panik geschwiegen. Sieben Jahre lang hat er ihr heimlich Geld geschickt, Postkarten getauscht, während seine eigene Mutter am Küchentisch saß und eine leere Stelle im Kalender jedes Jahr am 14. August mit einer Kerze markiert hat.
Ich war dabei, als der Streifenwagen kam, um Kai zur Vernehmung mitzunehmen. Er hat nicht widersprochen, ist einfach eingestiegen, den Blick auf die Fußmatte gerichtet. Frau Brenner stand im Türrahmen ihrer Wohnung, die Postkarten noch in der Hand, und hat nur einen Satz gesagt, den ich nie vergessen werde: "Ich will sie nur hier haben. Sonst nichts." Keine Anzeige gegen die Tante, kein Geschrei. Nur die Forderung, dass Kai seine Nichte nach Hause holt.
Es hat eine Woche gedauert. Eine Woche, in der Frau Brenner jeden Morgen trotzdem mit dem Dackel raus ist, pünktlich um sieben, als würde die Routine sie zusammenhalten. Ich hab sie nicht gefragt, wie es ihr geht. Manche Dinge fragt man nicht.
Dann, an einem Donnerstag Ende August, stand ein junges Mädchen vor dem Hauseingang, groß, mit kurzen Haaren, einen fadenscheinigen Plüschhasen unter dem Arm, den ich noch aus Linas Kindertagen kannte, sie hatte ihn immer über die Schulter geworfen beim Spielen im Hof. Ich hab gerade die Mülltonnen rausgestellt und die beiden gesehen, Großmutter und Enkelin, mitten auf dem Gehweg, keiner hat sich bewegt, bis Lina die Tüte mit dem Hasen fallen ließ.
Was danach kam, hab ich nicht mehr aus der Nähe gesehen. Ich hatte Feierabend, meine Schicht war vorbei, und man drängt sich nicht in sowas rein. Aber am nächsten Morgen lag auf meinem Hausmeisterbüro-Tisch, den ich im Erdgeschoss habe, ein Zettel von Frau Brenner: Sie kündige den Kellerraum von Kai, den er seit Jahren mitbenutzt hatte, und bitte mich, das Schloss noch diese Woche auszutauschen. Eine schlichte Handlung, nichts Dramatisches. Aber ich hab verstanden, was sie damit sagen wollte, ohne dass sie ein Wort mehr verloren hat.
Ich hab das neue Schloss am Freitag eingebaut, ein einfaches Zylinderschloss von der Baumarktfiliale an der Warnowallee, neun Euro fünfzig. Kai stand am Nachmittag davor, hat an der Tür gerüttelt, dann mich gefragt, ob ich den neuen Schlüssel hätte. Ich hab ihm gesagt, das müsse er mit seiner Mutter klären. Er ist ohne ein weiteres Wort gegangen.
Lina wohnt jetzt wieder eine Etage über mir, im dritten Stock bei ihrer Großmutter, studiert seit dem Wintersemester an der Uni Rostock. Manchmal seh ich sie mit dem Dackel raus, morgens, den Plüschhasen hat sie irgendwann auf die Fensterbank gestellt, wo er heute noch steht, ich seh ihn jedes Mal, wenn ich am Haus vorbeigehe, um den Rasen zu mähen.
