# Ich heiße Hannelore Bergmann, arbeite als Gemeindeschwester in Görlitz

Zweiundzwanzig Jahre in demselben Bezirk. Ich fahre zu meinen Patienten mit einem alten Opel Astra, in dem immer ein Karton Mullbinden liegt und zwei Paar Ersatzhandschuhe, weil die ersten sich grundsätzlich irgendwo verkramen. Im September wird es schon kühl, im Treppenhaus des Blocks an der Berliner Straße riecht es nach feuchtem Putz und nach jemandem, der im zweiten Stock um zehn Uhr morgens Zwiebeln anbrät. Genau dort, in dieser Straße, habe ich Elke kennengelernt.

Ich sah sie zum ersten Mal im Mai, vor zwei Jahren. Sie ging am Straßenrand entlang, Richtung Ortsausgang, zog eine alte Matratze hinter sich her, die mit einer Wäscheleine zusammengebunden war, und neben ihr trippelte ein kleines Mädchen, meine spätere Patientin für die Impftermine, Sophie, damals gerade drei Jahre alt. Ich hatte einen Hausbesuch bei einer Nachbarin und bremste ab, fragte, ob ich sie mitnehmen solle. Elke schüttelte den Kopf. Sie meinte, es ginge schon, es sei nicht weit, obwohl es bis zu ihrem Häuschen gut zwei Kilometer waren und die Matratze wohl genauso viel wog wie sie selbst.

Die ganze Geschichte kannte ich damals nicht. Ich erfuhr sie mit der Zeit, stückweise, so wie man das in einer Kleinstadt eben erfährt — von einer Patientin, von der Apothekerin, von jemandem an der Bushaltestelle.

Elke Brandt war Anfang dreißig und hatte früher die Buchhaltung bei der Spedition von Torsten Kessler geführt, dem größten Transportunternehmer im Landkreis. Vier Jahre bevor ich sie kennenlernte, waren von den Firmenkonten etwa hunderttausend Euro verschwunden. Der alte Kessler, Torstens Vater, hatte sie öffentlich der Veruntreuung bezichtigt. Nie fand sich ein Beweis, dass sie die Überweisungen veranlasst hatte — kein Protokoll, kein Konto auf ihren Namen im Ausland —, aber die Kesslers hatten Anwälte und Beziehungen zum Finanzamt, und sie hatte damals ein Baby und sonst nichts. Die Firma feuerte sie von einem Tag auf den anderen. In der Stadt wollte ihr niemand mehr auch nur die Kasse im Kiosk anvertrauen. Sie putzte, nähte Schürzen für den Kindergarten, wischte die Treppen im Wechsel mit einer anderen Frau aus dem Block.

Und dann, in derselben Straße, an einem Dienstag Ende August, hielt vor ihrem Häuschen ein schwarzer BMW. Ich sah ihn, weil ich gerade von einem Patienten drei Hausnummern weiter kam. Ein Mann im Anzug stieg aus, wie ihn in Görlitz niemand kannte — vielleicht auf einer Hochzeit im Parkhotel, aber nicht in dieser Straße mit dem Matsch nach dem Regen. Es war Marcel Kessler. Der Sohn des alten Torsten. Er war damals Ende dreißig, war aus Berlin zurückgekehrt, wo er eine eigene Immobilienfirma führte und, wie man sagte, mit Neubausiedlungen im Speckgürtel ein Vermögen gemacht hatte.

Er stand zehn Minuten am Gartentor, bevor er sich entschied. Ich sah es vom Treppenhausfenster aus, weil ich gerade die Patientenkarte ins Heft eintrug — das Internet im Block war mal wieder ausgefallen. Schließlich ging er hinein.

Elke öffnete die Tür mit demselben Geschirrtuch in der Hand, mit dem sie den Tisch abwischte, wenn ich kam, um ihrer Nachbarin Spritzen zu geben. Das Tuch fiel ihr auf die Türschwelle.

Ich hörte nicht, was sie sagten, ich war zu weit weg. Aber ich hörte, wie die Tür zuschlug. So heftig, dass ein Stück Putz über dem Türrahmen abfiel, der ohnehin schon seit zwei Jahren bröckelte.

Später, als ich bereits ihre Schwester war — denn ich fuhr inzwischen zu Sophies Vorsorgeuntersuchungen, später zu den Impfungen — erzählte mir Elke selbst, was an jenem Tag an der Tür geschehen war. Dass Marcel nach Sophies Alter gefragt hatte. Dass sie ihm gesagt hatte, er solle von der Treppe verschwinden.

Einmal fragte ich, wie nebenbei, während ich Sophies Fieber maß, warum das Mädchen so grüne Augen habe, wo Elkes doch braun waren. Elke betrachtete ihre Tochter eine Weile und sagte nur, das habe sie vom Großvater. Ich hakte nicht nach. Nicht meine Angelegenheit, dachte ich damals.

Marcel kam drei Tage später wieder. Diesmal ging er nicht gleich.

Von der Apothekerin erfuhr ich, dass er in der Stadt Erkundigungen über die Sache von vor vier Jahren eingeholt hatte. Dass er zur Buchprüferin gegangen war, die damals das Audit bei Kessler gemacht hatte, einer Frau, inzwischen im Ruhestand, wohnhaft bei Bautzen. Dass er zwei Stunden bei ihr gesessen hatte. Niemand wusste, worüber sie gesprochen hatten, bis das begann, was in der Stadt später "die Sache Brandt nach Jahren" genannt wurde.

Einen Monat später kam ich zu Elke zum Hausbesuch und traf dort einen Mann mit Aktenkoffer an, nicht Marcel, sondern einen Anwalt aus Dresden. Auf dem Tisch lagen Papiere — Kopien von Kontoauszügen, etwas, das wie ein IT-Gutachten aussah. Elkes Augen waren gerötet, aber sie weinte nicht, sie unterschrieb nur, Blatt für Blatt, mit jenem ausdruckslosen Gesicht, das ich schon von so vielen Besuchen kannte.

Der Anwalt erklärte mir später, als ich ging, weil er auf ein Taxi wartete und ich noch fünf Minuten bis zum nächsten Termin hatte — dass der IT-Sachverständige in alten Server-Backups eine Spur gefunden hatte, die vor vier Jahren niemand überprüft hatte: Die Überweisungen waren von einem Computer aus getätigt worden, der auf das Konto von Torsten Kessler selbst registriert war, nicht auf Elkes. Dass der alte Kessler das von Anfang an gewusst und die Buchhalterin beschuldigt hatte, weil sie allein war, ohne Geld für eine Verteidigung, während der Sohn damals in Berlin saß und keine Ahnung hatte.

Der Fall ging neu an die Staatsanwaltschaft. Kessler senior zahlte eine Geldstrafe und Schadenersatz, hunderttausend Euro plus Zinsen für vier Jahre, etwa fünfzehntausend Euro mehr. Ich sah später, wie der Postbote Elke eine Benachrichtigung von der Bank brachte, gerade als ich bei einem Kontrolltermin wegen Sophies Erkältung dort war.

Zuletzt war ich letzte Woche bei ihnen, im September, wegen einer Routineimpfung. Das Haus sah anders aus — neues Dach, keine Plane mehr an der Wand, in der Einfahrt stand ein gebrauchter, aber ordentlicher Dacia Duster. Elke öffnete mir die Tür in der Kittelschürze, weil sie gerade Frühstück machte, und bat mich herein wie immer, mit demselben Geschirrtuch über der Schulter.

Auf dem Küchentisch lag eine Mappe mit dem Logo eines Notars aus Görlitz — ich sah den Namen auf dem Rücken, als ich meine Tasche mit dem medizinischen Material abstellte. Elke bemerkte, dass ich hinschaute, und sagte knapp, während sie Sophies Blutdruck über den Daumen peilte, weil das Mädchen gerade um den Tisch herumturnte: dass sie das Firmenkonto, das man ihr damals zusammen mit dem guten Namen genommen hatte, auf ihren eigenen Namen habe umschreiben lassen, und dass sie ab dem neuen Jahr ein Buchhaltungsbüro eröffne, zwei Zimmer über dem Lebensmittelladen am Marktplatz, den Mietvertrag für fünf Jahre habe sie schon unterschrieben.

Sie fragte mich nicht, was ich davon hielt. Musste sie auch nicht. Ich trug Sophies Gewicht, Größe und den nächsten Termin in drei Monaten in die Karte ein und ging, denn vor dem Mittagessen warteten noch zwei Patienten auf mich, und der Opel stand schon seit dem Morgen in der Sonne vor dem Block und heizte sich auf.

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