Ich dachte immer, nach zwanzig Jahren kennt man einen Menschen. Man weiß, wie er seinen Kaffee trinkt, wie er im Schlaf atmet, was er sagt, wenn er lügt. Und dann steht er in der Küche, stützt sich mit den Fingerknöcheln auf die Arbeitsplatte und sagt: Entweder verkaufst du Omas Wohnung, oder ich reiche die Scheidung ein.
Daniel. Mein Mann. Zwanzig Jahre, eine Tochter, ein gemeinsames Konto, das seit Jahren hauptsächlich von mir gefüttert wird. Er stand da in seinem grauen Pullover, den er immer trug, wenn er etwas durchsetzen wollte, und redete von Familie. Von gemeinsamen Zielen. Von seiner Zukunft. Die Wohnung in Leipzig, die mir meine Großmutter hinterlassen hatte, passte da nicht hinein.
Ich schälte Äpfel. Der Septemberwind drückte welke Blätter gegen die Fensterscheibe, auf dem Balkon stand die Kiste mit den letzten Tomaten, die niemand mehr abgeholt hatte. Der Teig für den Apfelkuchen war schon angerührt, das Mehl lag noch auf dem Tisch. Eine ganz normale Küche in einer Plattenbausiedlung in Leipzig-Grünau. Und in dieser Küche fiel zwanzig Jahre zusammen wie ein Kartenhaus.
„Die Waschanlage braucht dringend Kapital", sagte Daniel. „Sechzigtausend Euro. Dann kann ich die Nachbarhalle übernehmen und einen Reifenservice aufmachen. Das ist unsere Chance, begreifst du das endlich?"
Ich legte das Messer weg. Meine Hände waren ruhig. Vielleicht lag es daran, dass ich diesen Moment schon seit Monaten kommen sah. Seit dem Tag, an dem die Beerdigung meiner Großmutter vorbei war, hatte Daniel immer wieder nach der Wohnung gefragt. Was sie wert sei. Wie lange die Papiere dauern. Was man mit dem Geld machen könnte.
„Deine Chance", sagte ich. „Nicht unsere."
Er fuhr herum. „Was soll das heißen?"
Ich wischte die Hände an der Schürze ab, die noch von meiner Großmutter stammte. Blümchenmuster, ein paar Fäden am Saum, die Farbe fast vollständig herausgewaschen. Sie hatte sie getragen, als sie mich als Kind auf dem Schoß gehalten und Kirschkuchen gebacken hatte.
„Die Waschanlage läuft seit zwei Jahren nicht", sagte ich. „Du bezahlst die Leute von geliehenem Geld. Deine Schulden wachsen jeden Monat. Und jetzt soll ich Omas Wohnung als Sicherheit hergeben, damit du das Ganze noch einmal wiederholen kannst?"
„Zum dritten Mal", sagte Daniel und schlug mit der flachen Hand auf die Fensterbank. „Du wirst mir ewig vorhalten, dass es schiefgegangen ist. Aber diesmal ist es anders. Ich habe Kunden. Ich habe einen Plan. Ich brauche nur ein bisschen Anschub."
Ein bisschen Anschub. Vor dreieinhalb Jahren war es die Kryptowährung, vor anderthalb Jahren das Coffee-Bike am Bahnhof. Jedes Mal waren es meine Ersparnisse, die verschwanden. Und jedes Mal war es die Welt, die sich gegen ihn verschworen hatte.
Ich habe die Apfelstücke in die Schüssel geschoben. „Die Wohnung meiner Großmutter bleibt, wo sie ist."
Er kam näher, so nah, dass ich sein Aftershave riechen konnte. „Wenn die Familie für dich nicht zählt…"
„Hör auf damit", sagte ich.
„Ich meine es ernst." Seine Stimme wurde leise, fast sanft. „Wenn du die Papiere nicht unterschreibst, lasse ich mich scheiden. Dann kannst du allein sehen, wie du zurechtkommst."
Ich hörte, wie der Nachbar nebenan den Fernseher einschaltete. Die Tagesschau. Die Mietzahlung für die Waschanlage war seit September fällig, das Grundstück gehörte einer Leipziger Immobilienfirma. Daniel hatte die Kündigung schon bekommen, das wusste ich.
„Dann lass dich scheiden", sagte ich.
Er stand regungslos da, als hätte ich ihn geschlagen. Dann drehte er sich um, riss seine Jacke vom Haken und knallte die Tür so heftig zu, dass im Flur das Bild von Kira schief hing.
Ich blieb noch eine Weile in der Küche stehen und sah auf den Teig. Dann schob ich den Kuchen in den Ofen.
In der Stille der Wohnung summte etwas. Der Ofen, der sich aufheizte. In meiner Handtasche vibrierte das Telefon. Ich wollte nicht schauen. Ich wusste, dass Daniel in die Stadt gefahren war, zu einem Anwalt oder in eine Kneipe, je nach Laune.
Am nächsten Morgen beim Frühstück knallte er ein Formular auf den Tisch. „Bürgschaftsvertrag. Du unterschreibst, die Bank gibt mir das Darlehen. Die Wohnung bleibt dein Eigentum. Alles ganz sauber und legal."
Ich trank einen Schluck Kaffee und schaute auf das Papier. „Hast du den Entwurf gelesen?"
„Selbstverständlich."
„Dann hast du auch gelesen, dass die Bank die Zwangsversteigerung einleiten kann, wenn du mit zwei Raten in Verzug bist."
„Es wird keinen Verzug geben."
„Wie willst du die Raten bezahlen, Daniel? Die Waschanlage wirft im Monat gerade mal genug ab, um die Stromrechnung zu zahlen."
Er stand auf, ging zum Fenster, kam zurück. Ein eingesperrtes Muster. Draußen fuhren die ersten Busse der Linie 65 vorbei.
„Wenn du die Wohnung nicht verkaufen willst, dann gib mir wenigstens die Möglichkeit zu wachsen", sagte er. „Das ist doch wohl das Mindeste, was man für die Familie tun kann."
Ich schob den Kaffee von mir. Ein Gedanke, den ich lange in mir getragen hatte, wurde auf einmal ganz klar: Es würde nie aufhören. Er würde nie verstehen. Er würde immer wieder mit neuen Plänen, neuen Ideen, neuen Forderungen kommen. Und jedes Mal würde ich diejenige sein, die bezahlt.
„Nein", sagte ich.
Er starrte auf das unberührte Formular. Dann sagte er beinahe beiläufig: „Dann gehe ich morgen zum Anwalt und leite die Trennung ein."
„Gut", sagte ich. „Aber ich war zuerst da."
Daniel hob den Kopf. „Was?"
Ich stand auf, ging ins Wohnzimmer, öffnete die Schublade des Sekretärs, in dem meine Großmutter jahrzehntelang ihre Brille, ihre Taschenbücher und die Fotos von meiner Mutter aufbewahrt hatte. Es war ein kleines, dunkles Möbelstück mit handgeschnitzten Intarsien. Sie hatte es 1973 auf dem Flohmarkt in der Innenstadt gekauft.
Ich nahm einen Umschlag heraus und legte ihn vor Daniel auf den Tisch. Er öffnete ihn, las, schüttelte den Kopf. „Was ist das?"
„Das ist eine einstweilige Verfügung", sagte ich. „Ich habe die Wohnung meiner Großmutter bereits letzte Woche auf Kira überschrieben."
Er lachte auf. „Ohne mich zu fragen?"
„Es war nicht nötig. Die Wohnung ist mein persönliches Eigentum. Ich brauchte deine Zustimmung nicht."
Sie war Erbe meiner Großmutter, nicht gemeinsames Vermögen. Das hatte mir die Anwältin in Leipzig bestätigt. Ein kurzer Termin in der Kanzlei am Markt, eine Unterschrift, eine Gebühr. Die Eigentumsübertragung war in der Grundbuchakte eingetragen.
Daniel kniff die Augen zusammen. „Du hast sie der Tochter gegeben. Sie ist neunzehn. Was will sie mit einer Wohnung?"
„Sie will vielleicht einfach einen Ort, an dem sie in Ruhe leben kann. Einen Ort, den niemand beleihen kann."
Sein Gesicht veränderte sich. Die Überheblichkeit kippte in etwas anderes. Er presste die Lippen zusammen, bis sie weiß wurden.
„Du ruinierst uns", zischte er.
„Ich habe nichts ruiniert. Du hast das selbst getan. Vor zwei Jahren, als du die Ersparnisse genommen hast. Vor drei Jahren, als du unser Auto als Sicherheit gegeben hast. Jetzt wolltest du die Wohnung meiner Großmutter nehmen."
Ich griff nach der Schürze, die über der Stuhllehne hing, und faltete sie sorgfältig zusammen. Die Blumen sahen aus wie von einem anderen Leben.
„Du bist eine herzlose Frau", sagte Daniel.
„Vielleicht", sagte ich. „Aber ich habe eine Tochter, die im Studentenwohnheim schläft, und eine Wohnung, die ihr gehört. Das ist alles, was ich besitze. Und das lasse ich mir nicht nehmen."
Er stand noch einen Moment wie angegossen. Dann nahm er den Bürgschaftsvertrag und zerriss ihn in kleine, gleichmäßige Streifen. Er warf sie in den Mülleimer, als ob das Zerrissene mir etwas bedeuten würde.
Die Trennung zog sich über Wochen. Er fand eine kleine Wohnung in Leipzig-Reudnitz, zwei Zimmer, unmöbliert. Ein paar Bilder nahm er mit. Das Regal ließ er stehen, weil es zu viel Arbeit gewesen wäre, die Dübel aus der Wand zu ziehen.
Einmal schickte er eine Nachricht: „Ich hoffe, du bist glücklich. Du hast alles zerstört." Ich antwortete nicht. Was hätte ich sagen sollen? Ich hatte nur einen Stift in der Hand gehalten und eine Unterschrift geleistet. Die Wohnung war nicht zerstört. Sie gehörte jetzt Kira.
Im Frühjahr hörte ich, dass die Waschanlage geschlossen war. Ein ehemaliger Angestellter von Daniel rief mich an, weil er noch Lohn forderte. Ich sagte ihm, dass ich damit nichts zu tun hätte. Daniel habe die Firma geführt, Daniel habe die Verträge unterschrieben. Meine Adresse sei nicht mehr seine.
Dann kam der Brief vom Amtsgericht. Daniel hatte die Scheidung eingereicht. Als Scheidungsgrund gab er an, die Ehe sei gescheitert, weil die Partnerin sich geweigert habe, das gemeinsame Vermögen zum Wohl der Familie einzusetzen.
Ich stand in der Küche, den Brief in der Hand, während draußen die Straßenbahn klingelte. Ich legte ihn zu den anderen Unterlagen in den Sekretär meiner Großmutter. Daneben lag die Kopie des Grundbuchauszugs. Kiras Name, in ordentlicher Schrift.
Am Tag der Anhörung trug ich einen dunkelblauen Wollmantel, den ich seit vier Jahren besaß. Ich hatte ihn bei einem Ausverkauf in der Karstadt-Filiale gekauft, lange bevor die Filiale schloss. Daniel trug den grauen Pullover. Er hatte in den letzten Monaten abgenommen, das sah man am Kragen.
Nach dem Termin gingen wir schweigend die Treppe hinunter. Unten vor dem Gerichtsgebäude blieb er stehen und zündete sich eine Zigarette an. Der Wind trieb den Rauch über den leeren Platz.
„Es ist noch nicht vorbei", sagte er. „Ich habe meinen Anwalt beauftragt, die Zuwendung an Kira anzufechten."
Ich knöpfte meinen Mantel zu. „Versuch es."
Ich wusste, dass die Anfechtung aussichtslos war. Die Übertragung war abgeschlossen, die Fristen waren eingehalten, die Anwältin hatte jeden Schritt geprüft. Die Wohnung gehörte Kira, und es gab nichts, was Daniel dagegen hätte tun können.
„Du hast mich nie verstanden", sagte er.
„Doch, Daniel", sagte ich. „Genau das ist das Problem."
Er nahm einen tiefen Zug und warf die Zigarette auf den Boden. „Ich wollte uns etwas aufbauen."
Ich schaute auf die Kippe, die noch rauchte. Dann trat ich sie mit der Schuhspitze aus.
„Und ich wollte, dass unsere Tochter ein Zuhause hat", sagte ich.
Ich ging die Straße hinunter zur Bushaltestelle. Der Fahrer der Linie 89 kannte mich bereits, er nickte kurz. Ich setzte mich auf einen Fensterplatz und sah hinaus auf die Stadt. Vorbei an den alten Fassaden, an den Litfaßsäulen mit den Plakaten, an den Menschen, die ihren Mittagseinkauf nach Hause trugen.
Zuhause zog ich die Schuhe aus, hängte den Mantel an den Haken und trat in die Küche. Der Kuchen von jenem Abend war längst aufgegessen. Aber ich erinnerte mich an den Geschmack von Äpfeln und Zimt, an die Wärme des Ofens, an das Gefühl, dass etwas zu Ende gegangen war, ohne dass ich es betrauern musste.
Ich setzte mich an den Tisch und schrieb Kira eine Nachricht: „Die Wohnung ist jetzt offiziell auf dich eingetragen. Du kannst jederzeit die Schlüssel bei mir abholen."
Dann legte ich das Telefon weg und schaltete den Wasserkocher ein. Der Herbst war noch nicht vorbei, und ich wollte einen Tee.
