Ich habe meinen Sohn immer für einen vernünftigen Menschen gehalten. Kein Überflieger, aber einer, bei dem man abends ruhig einschlafen konnte. Bis zu diesem Donnerstag.
Wir saßen in der Küche in unserer Wohnung in Nürnberg, es roch nach dem Eintopf vom Mittag, und draußen prasselte der Novemberregen gegen das Fensterbrett. Meine Frau Gisela stellte die Teller vom Abendbrot zusammen, als Erik plötzlich sein Handy mitten auf den Tisch legte und sagte: „Ich muss euch was sagen.“
Vielleicht hätte ich da schon misstrauisch werden sollen. Erik sagt sonst nie solche Sätze. Er sagt: „Ich geh mal tanken“ oder „Leg mir zwanzig Euro fürs Wochenende hin“. Aber nicht: „Ich muss euch was sagen.“
„Ich habe jemanden kennengelernt“, begann er und blickte auf seine Finger. „Sie heißt Janine. Wir wollen heiraten.“
Ich nahm einen Schluck Bier. Gut, dachte ich. Endlich. Er ist zweiundzwanzig, da darf man heiraten. Ich wollte gerade etwas von „jung gefreit, nie gereut“ sagen, da sprach Gisela schon aus, was ich dachte: „Das freut uns. Und wer ist Janine? Aus deinem Fußballverein?“
Erik schüttelte den Kopf. „Janine arbeitet im Copy-Shop in der Fürther Straße. Sie hat eine Tochter, Amelie, die ist sieben. Und Janine ist fünfunddreißig.“
Der Löffel in Giselas Hand blieb über der Suppenschüssel stehen. Ich rechnete nach. Fünfunddreißig minus zweiundzwanzig. Dreizehn Jahre. Dreizehn Jahre älter als unser Sohn. Ich hatte im Matheunterricht nie besonders aufgepasst, aber diese Rechnung brachte sogar ich noch zusammen.
„Du willst eine Frau heiraten, die deine Mutter sein könnte“, sagte ich. Es klang unfreundlicher, als ich beabsichtigt hatte. Aber ich bin niemand, der lange drumherumredet.
„Sie ist nicht meine Mutter. Sie ist meine Freundin. Seit acht Monaten.“ Erik hob den Kopf. „Und Amelie mag mich. Wir haben ihr letzte Woche ein Fahrrad gekauft. Ein blaues mit Klingel. Sie hat mich gefragt, ob ich ihr Papa sein will.“
Da hätte ich aufstehen und gehen sollen. Einfach sagen: „Das wird schon, mein Junge“, und mich vor den Fernseher setzen. Aber ich blieb sitzen und sagte den Satz, der mir bis heute nachhängt: „Acht Monate. Weiß der Vater von dem Kind überhaupt Bescheid, dass bald ein Fremder in der Wohnung wohnt?“
Erik schwieg. Er schob sich ein Stück Brot hin und her, das auf dem Tischtuch lag. Dann sagte er leise: „Der Vater ist kein Thema. Janine sagt, er ist abgehauen, als Amelie noch ein Baby war. Er zahlt nichts. Er meldet sich nicht. Amelie kennt ihn gar nicht.“
„Noch besser“, murmelte Gisela. Sie hatte ihr Essen gar nicht angerührt. Ihre Hand lag flach auf dem Tisch, als müsste sie sich festhalten. „Eine Frau mit Kind, das Vater sagt zu jedem, der ihr ein Fahrrad kauft. Und du, der kleine Erik aus Nürnberg, der noch im Kinderzimmer wohnt, willst den Ernährer spielen?“
Es war ein fieser Satz. Aber Gisela war an dem Abend nicht die Frau, mit der ich seit dreißig Jahren verheiratet bin. Sie war eine Mutter, die gerade zusah, wie ihr Einzelkind mit offenen Augen in einen Ozean watet, in dem es nicht schwimmen kann.
Ich versuchte, die Sache auf den Boden zu holen. „Gut, Erik. Wir reden wie erwachsene Menschen. Was verdient Janine?“
„Sie arbeitet Vollzeit im Copy-Shop. Zwölf Euro die Stunde.“
„Und du?“
„Achthundertachtzig in der Ausbildung zum Industriemechaniker. Aber ab Juli ist die Prüfung, dann krieg ich sofort mehr.“
Ich rechnete. Zwölf Euro mal hundertsechzig Stunden, grob geschätzt, dann blieben ihr um die vierzehnhundert netto. Erik mit seinen achthundertachtzig. Zusammen knapp über zweitausend. Damit sollte man keine Familie gründen, wenn die Miete für eine Dreizimmerwohnung in Nürnberg warm bei neunhundert liegt und ein Kind mehr isst als der beste Mann.
„Wo wollt ihr wohnen?“, fragte ich.
„Erstmal bei Janine. Sie hat eine Zweizimmerwohnung in Gostenhof. Amelie schläft im Wohnzimmer, und Janine sagt, wir können uns ein Bett ins Schlafzimmer dazustellen. Aber später, wenn ich ausgelernt habe…“
„Dazu ein Bett kaufen.“ Gisela lachte auf. Es war dieses kurze Lachen, das ich nur zweimal in dreißig Jahren gehört habe: damals, als ihre Mutter starb, und dann, als wir den Brief von der Bank bekamen, wegen der Raten für das Auto. Ich wusste sofort, dass jetzt etwas kommen würde, was ich lieber nicht hören wollte.
„Du bist zweiundzwanzig“, sagte sie, und ihre Stimme klang auf einmal ruhig. „Du hast keine abgeschlossene Ausbildung, keine Wohnung, kein Auto. Aber du willst eine Frau heiraten, die dich nicht mehr lieben wird, sondern brauchen. Sie braucht einen Vaterersatz für ihre Tochter, weil der echte das Weite gesucht hat. Und sie braucht Miete, Essen, Geld. Du bist ein netter Junge mit nichts in der Tasche. Was, glaubst du, passiert, wenn du die Prüfung nicht schaffst?“
Ich sah, wie Erik schluckte. Er nahm sein Handy vom Tisch, steckte es in die Hosentasche, zog es wieder heraus, legte es zurück. „Ihr kennt sie nicht einmal“, sagte er.
Erik stand dann auf und ging. Draußen fiel die Wohnungstür so leise ins Schloss, dass ich es kaum hörte. Gisela blieb sitzen, noch immer mit der flachen Hand auf dem Tisch. Ich stand auf, trug die Teller zum Spülbecken, ließ Wasser über unsere beiden unberührten Teller laufen. Ein Topf von gestern stand noch da. Der Eintopf war angebrannt, unten am Boden klebte eine schwarze Kruste.
Am nächsten Morgen fuhr ich wie jeden Freitag mit dem Bus zur Arbeit ins Lager. Ich bin seit neunzehn Jahren bei der Firma, ich weiß, wie ein Regal kippt, wenn man die falschen Kisten zuerst rauszieht. Bei Erik hatte ich nie gebraucht, das zu wissen.
Es klingelte an einem Dienstag.
Ich öffnete. Vor der Tür stand eine Frau. Mitte dreißig, dunkle Locken, eine Tasche aus Kunstleder über der Schulter. Sie sah aus wie jemand, der sich auf dem Weg zur Arbeit umgedreht hat, weil er etwas Wichtiges vergessen hat.
„Herr Wagner?“, fragte sie. Ich nickte. „Ich bin Janine. Die Freundin von Erik.“
Ich bat sie nicht herein. Sie trat trotzdem einen Schritt in den Hausflur, als hätte sie das Recht dazu. Der Zug nach Ansbach war gerade am Haus vorbei, ich hörte das Rattern über die Brücke am Dutzendteich. „Ich wollte mit Ihnen reden, weil Erik Ihnen nichts mehr erzählt. Weil Sie ihn vor die Wahl stellen, und das ohne uns einmal kennengelernt zu haben.“
Da stand sie. Einfach so. Ich roch ihr Parfüm, irgendwas Süßes, Vanille oder so. Gisela kam aus der Küche, stellte sich neben mich, verschränkte die Arme.
„Wir müssen dich nicht kennenlernen“, sagte sie. „Wir haben gerechnet. Er ist zweiundzwanzig. Er kann keine fremde Familie durchfüttern.“
Janine sah sie an. Nicht feindselig, eher wie man ein Schild im Supermarkt liest. Dann griff sie in ihre Tasche und zog zwei Papiere heraus. „Ich habe Schutzgebühren für Amelies Hort übernommen, ich zahle Strom und Miete allein, und ich verlange von niemandem, dass er meine Tochter durchfüttert. Aber das sind Sie, nicht wahr, Sie erwarten, dass Erik ein Haus baut, bevor er lieben darf?“
Sie legte die beiden Blätter auf das Schuhregal im Flur. Eins war ein Mietvertrag, das andere eine Bescheinigung vom Jugendamt. Ich weiß bis heute nicht, warum ich mich hingesetzt und gelesen habe. Vielleicht, weil jemand, der Rechnungen mitbringt, kein Betrüger ist. Vielleicht auch, weil mein Sohn nie von dieser Frau erzählte, und ich sie endlich doppelt so schnell hassen wollte, aber es ging nicht, weil sie nicht log.
Gisela nahm die Papiere gar nicht erst in die Hand. Sie starrte auf die Plastiktüte am Boden, in der ein gelbes Heft steckte, das Janine bei sich trug. Ich sah einen aufgemalten Smiley auf dem Umschlag. „Amelie hat Hausaufgabenheft bekommen“, sagte Janine. „Sie ist stolz.“ Ich konnte nicht anders, ich musste an unseren Erik denken, an sein Hausaufgabenheft in der fünften Klasse, jeden Tag unterschrieben, bis Gisela aufhörte, hineinzuschauen.
„Was willst du von uns?“, fragte Gisela.
„Gar nichts. Nur dass Sie aufhören, Erik schlecht zu behandeln, wenn er zu mir steht.“ Janine nahm die Blätter wieder an sich. „Er hat Angst, Sie zu verlieren. Er isst seit Wochen schlecht. Ich dachte, es interessiert Sie.“
Da ging die Tür hinter mir wieder zu. Ich hörte, wie eine Nachbarin zwei Stockwerke tiefer ihren Müll vor die Wohnungstür stellte. Es roch nach nassem Putzmittel aus dem Treppenhaus. Janine war schon weg.
Drei Tage danach rief Erik an. Er sagte nur: „Papa, wir haben einen Termin beim Standesamt.“ Am Telefon hörte ich seine Stimme, als stünde er vor einem Tor, das sich schloss.
Gisela nahm mir den Hörer aus der Hand. „Dann ladet uns ein. Wenn du erwachsen genug bist, eine Familie zu versorgen, dann erwachsen genug, uns die Frau einmal am Tisch zu zeigen.“
Ein Essen. Meine Frau hatte ein Essen vorgeschlagen, und ich wusste, das würde kein gutes Ende nehmen.
Es wurde ein Italiener in der Innenstadt. Erik hatte den Tisch reserviert, Donnerstag, halb acht. Gisela zog das schwarze Kleid an, das sie sonst nur zu Beerdigungen trägt. Ich sagte nichts dazu. Ich wusste, der Abend würde werden wie dieser eine Topf im Spülbecken, der die ganze Nacht einweicht und trotzdem schwarz bleibt.
Janine brachte Amelie mit. Das Kind trug ein rotes Kleid, die Haare waren mit zwei Spangen nach hinten geklemmt. Es war das erste Mal, dass ich sie sah. Sie setzte sich auf den Stuhl neben Erik, schwang die Beine hin und her, die Füße reichten nicht mal bis zum Boden.
„Ich will Pizza Margherita“, sagte Amelie, und ich dachte, das ist die Tochter einer Frau, die mein Sohn heiraten will. Sieben Jahre, Zahnlücke vorne, ein Kratzer am Knie. Sie sah aus wie ein gewöhnliches Kind.
Gisela bestellte sich einen Salat und ein Wasser. Erik bestellte für sich und Janine, als wäre das das Normalste von der Welt. Ich bestellte Bier. Der Kellner kam, brachte Brot, Oliven. Ich schob die Oliven zur Seite. Früher hatte ich sie immer gegessen. An dem Abend nicht auszuhalten, dieses kleine grüne Fruchtfleisch zwischen den Zähnen, dachte ich.
Das Gespräch verlief so, wie ein Auto bergab ohne Bremsen. Zuerst noch Wetter, dann Arbeit, dann die Frage, was denn nun aus Amelie würde, wenn die beiden arbeiteten, und ob ein siebenjähriges Mädchen in einer Zweizimmerwohnung mit zwei Erwachsenen, die sich ein Bett dazustellen wollten, ein eigenes Zimmer bräuchte.
„Das klären wir schon“, sagte Erik. „Janine und ich haben einen Plan.“
„Einen Plan.“ Gisela legte die Gabel neben den Salat. „Erzähl uns den Plan, Erik. Ich möchte ihn gern einmal schwarz auf weiß hören.“
Erik erzählte. Er wolle nach der Prüfung eine Stelle im IG-Metall-Betrieb annehmen, dreißig Stunden, Restzeit für Weiterbildung. Janine würde im Copy-Shop aufstocken, wenn möglich. Amelie käme nachmittags in den Hort. Die Rechnung, die er aufstellte, hätte bei einer Steuerberatung nichts verloren gehabt, aber ich merkte, er hatte sie sich nicht eben ausgedacht. Da war ein Notizbuch in seinem Rucksack, ich sah die Ecke rausgucken, blau und vollgeschrieben.
Gisela hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen. Sie trank ihr Wasser in kleinen Schlucken. Als Erik fertig war, sagte sie in die Stille hinein: „Und die zwanzigtausend Euro, die Oma dir zur Ausbildung geschenkt hat?“
Ich wusste sofort, dass das der Satz war, den ich hätte verhindern müssen. Erik wusste, dass seine Oma ihm das Geld 2020, ein Jahr vor ihrem Tod, auf ein Sparbuch gelegt hatte. Es war für die Zeit nach der Lehre gedacht, für Führerschein, Umzug, Kaution. Das Konto führte Gisela treuhänderisch, bis die Ausbildung abgeschlossen sei. So hatte Oma es bestimmt.
Janine sah Erik an. Er sah auf seine Hände. Dann sagte er, sehr leise: „Das Geld ist nicht angefasst worden, Mama. Du verwahrst es. Du weißt genau, ich komme da nicht ran.“
„Gut, dass du es selbst erwähnst“, sagte Gisela. Sie stellte ihr Glas ab. „Denn solange du mit dieser Frau zusammenbleibst, bekommst du keinen Cent davon. Auch nicht nach der Prüfung. Das verspreche ich dir. Und wenn du vor dem Standesamt heiratest, dann heiratest du ohne unsere Hilfe, ohne deine Familie, und ohne die zwanzigtausend, die deine Großmutter für deine Zukunft gespart hat. Dann siehst du zu, wie sich diese Frau und ihr Kind ohne dich ernähren, und ob sie dich noch braucht, wenn du nur noch achthundertachtzig im Monat heimbringst.“
Es wurde so still, dass ich den Kühlschrank aus der Küche des Restaurants summen hörte. Amelie hatte aufgehört zu essen. Sie hielt den letzten Rand ihrer Pizza in beiden Händen und schaute von Gisela zu Janine. Dann sagte sie zu meiner Frau: „Warum sind Sie so böse?“
Gisela zahlte. Sie legte zwei Scheine auf den Tisch, mehr als nötig, und stand auf. „Ich bin nicht böse. Ich sage nur, wie es ist.“ Dann nahm sie ihre Handtasche und ging in Richtung Toilette. Ich saß noch da, mit meinem dritten Bier, und schaute auf die zwanzig Euro, die ich selbst dazugelegt hatte, weil ich nicht wusste, was mit meinen Händen zu tun.
Draußen regnete es. Amelie hüpfte über die Pflastersteine, während Erik die Tür aufhielt. Janine wandte sich noch einmal um und sagte zu mir: „Ich wollte nie Ihr Geld. Aber dass Sie Erik erpressen, damit er uns verlässt, das werden Sie bereuen. Er ist kein Kind mehr, Herr Wagner. Sie können ihn nicht mehr bestrafen.“
Ich stand da im Regen und wusste, dass sie recht hatte. Nicht bei der Erpressung. Sondern bei der Strafe. Wir bestraften ihn für etwas, das noch nicht mal passiert war.
Gisela und ich fuhren schweigend nach Hause. An der Kreuzung am Plärrer sprang die Ampel auf Rot. Ich sah, wie Gisela ihre Fingernägel auf ihre Handtasche trommelte. Dieses Geräusch machte sie immer, wenn sie wusste, dass sie einen Fehler gemacht hatte.
Zu Hause drehte sie den Wasserhahn auf, ließ das Wasser laufen, starrte in den Abfluss. Ich stellte mich hinter sie. „Du hast das Falsche getan.“
Da hörte sie auf, die Hände unter das Wasser zu halten. „Ich weiß“, sagte sie. „Aber ich weiß nicht, wie man es richtig macht, wenn das eigene Kind gegen einen steht.“
Da saß ich, in meiner Küche, auf dem Stuhl, auf dem vor drei Wochen noch Erik gesessen hatte, sein Handy vor sich auf dem Tisch, und ich begriff: Nicht die Frau war unser Problem. Auch nicht das Alter, auch nicht das Kind. Sondern dass wir plötzlich zu den Leuten gehörten, die man belügen muss. Zu denen, die man verlässt.
Am nächsten Morgen rief ich bei der Sparkasse an. Ich verlangte einen Termin für eine Kontovollmacht. Ich zog meine Jacke an, nahm das Sparbuch aus der Kommode, da lag es seit Jahren in einer Mappe, blau, unangetastet. Ich schaute hinein. Zwanzigtausend.
Als Erik an dem Freitag vorbeikam, drückte ich ihm die Mappe in die Hand. „Das gehört dir. Nicht nach der Prüfung. Nicht, wenn du dich von Janine trennst. Jetzt. Deine Großmutter hat es dir gegeben, nicht uns. Ich war nicht der, der es einbehalten durfte.“
Er hielt die Mappe, ohne sie zu öffnen. „Papa…“
„Nein“, sagte ich. „Hör zu. Wir kommen zu deiner Hochzeit. Falls ihr uns noch dahaben wollt. Und wenn nicht, dann legst du die zwanzigtausend so an, dass Amelie einmal ein Zimmer hat. Nicht fünfzehn Jahre warten, bis ich kapier, dass sie eure Tochter ist, auch wenn sie nicht von dir ist. Sie hat dich Papa gefragt. Das entscheidet, nicht Blut. So ist das.“
Ich sah in seinen Augen etwas, das ich seit der Grundschule nicht mehr gesehen hatte. Nicht weil er anders schaute. Sondern weil ich ihm endlich einmal gern etwas gab.
Zwei Stunden später kam Gisela vom Frisör zurück. Sie sah die Mappe nicht mehr auf der Kommode. Sie fragte nicht. Sie setzte sich mir gegenüber an den Küchentisch und legte beide Hände flach auf die Tischplatte, so wie an dem Abend, als Erik es uns erzählt hatte. „Und wenn sie uns verlässt? Wenn sie Erik verlässt, sobald das Geld alle ist?“
„Dann hat unser Sohn etwas gelernt“, sagte ich. „Nicht über die Frauen. Über uns. Und das ist mehr wert, als zwanzigtausend auf einem Sparbuch, an dem er sich die Finger wund scheuert, wenn er dagegenklopft.“
Ich erzählte ihr nicht, dass ich am selben Vormittag eine Unterschrift unter die Kontovollmacht gesetzt hatte, bei der ich kaum meine eigenen Buchstaben wiedererkannte. Ich erzählte ihr auch nicht, dass der Mitarbeiter am Schalter gefragt hatte, ob ich sicher sei. Ich sagte nur: „Es ist das Geld des Jungen. Und nicht meins.“ Das war die Wahrheit, und sie war leise und teuer.
Vier Monate später stand ich in einem Anzug, der an den Schultern spannte, auf dem Standesamt Nürnberg. Gisela hielt meinen Arm. Amelie trug ein rotes Kleid, dasselbe wie damals im Restaurant. Sie warf Rosenblätter auf den Boden, bevor Erik und Janine aus der Tür traten. Die Blätter blieben an den nassen Stufen kleben, und ein kleines Mädchen bückte sich danach und steckte sich eins ins Haar. Es regnete nicht. Es blitzte sogar ein bisschen. Aber auf dem Boden war noch alles nass von der Nacht.
Beim Sekt vor dem Haus stand Janine neben mir. „Danke für die Vollmacht“, sagte sie. „Ich weiß, dass Sie das nicht für mich getan haben.“
„Nein“, sagte ich. „Für ihn. Und für das Mädchen mit dem blauen Fahrrad.“ Ich hob mein Glas. „Willkommen. In dieser Familie, die noch lernen muss, wie man jemanden liebt, der anders ist als man selbst.“
Da lachte sie, und es war kein Lachen von der Sorte, das ich schon gehört hatte. Es klang nach Erleichterung, wie das Geräusch, wenn eine Kiste, die auf der falschen Palette steht, endlich mit dem Gabelstapler angehoben und richtig abgesetzt wird.
Zu Hause an dem Abend setzte ich mich an den Küchentisch und öffnete eine Flasche Bier. Allein. Gisela war schon oben. Ich blätterte in meinem Notizbuch vom Lager, in dem ich sonst nur Bestellnummern notierte. Auf der letzten Seite schrieb ich eine Zahl. Zwanzig. Dann klappte ich es zu, trank das Bier aus und wusch das Glas ab, bevor ich zu meiner Frau ins Bett ging. Sie roch nach dem Shampoo vom Morgen und nach dem Sekt vom Nachmittag. Ich zog die Decke über uns beide und dachte an Amelie, die Rosenblätter in den Regen geworfen hatte, als wären es Konfetti. Als wären sie alle endlich angekommen.
