Die Frau, die mit sieben Kindern reinkam und mit acht wieder rausfuhr

Die Frau, die schwanger mit Siebenlingen kam und mit acht Kindern wieder rausfuhr

Ich bin Hebamme. Seit dreiundzwanzig Jahren hole ich Kinder auf die Welt, aber an diese eine Nacht im Bremer St.-Joseph-Stift denke ich bis heute, wenn die Spätschicht ruhig wird und irgendwo ein Monitor gleichmäßig piept.

Es war der 12. Dezember, kurz vor Mitternacht, und auf der Frühchenstation brannte schon die Weihnachtsbeleuchtung. Meine Kollegin Martha hatte eine Thermoskanne Glühwein unter die Anmeldung geschmuggelt, alkoholfrei natürlich, und wir machten gerade einen Witz darüber, dass alle Frauen des Viertels synchron zu den „Feuerzangenbowle“-Wiederholungen die Beine übereinanderschlagen.

Dann kam der Anruf aus dem Kreißsaal.

„Kori, wir brauchen jede Hand. Die Siebenlinge kommen.“

„Die *was*?“

„Na, die Berger-Zwillinge. Aus den Weser-Kurier-Nachrichten. Komm sofort.“

Ich hängte auf und rannte.

Als ich den Kreißsaal betrat, war die Luft bereits elektrisch. Zwanzig Leute in Grün. Vier Inkubatoren standen an der Wand aufgereiht wie kleine Raumschiffe, drei weitere wurden gerade hereingeschoben, die Neonröhren summten, und irgendwo piepte ein Pulsoxymeter, als hätte es Schlagzeilen gelesen.

Die Frau auf dem Tisch hieß Anna Berger. Blass, das Haar am Ansatz nass, die Lippen trocken. Ihr Mann Paul stand daneben und hielt ihre Hand so verkrampft, dass seine Knöchel weiß waren. Anna war vielleicht achtundzwanzig, und die Angst stand ihr mitten im Gesicht, aber sie riss sich zusammen.

Der Chefarzt, Doktor Brennecke, warf mir einen kurzen Blick zu. „Sie übernehmen Nummer fünf und sechs. Bereit?“

Ich zog die Handschuhe fest und trat an den kleinen Tisch mit den zwei leeren Wärmebetten.

Dann ging es los.

Der erste Schrei kam um 0:12. Ein Junge. Laut, wütend, mit geballten Fäusten, als wollte er sich beim Universum über die Kälte beschweren. Ich legte ihn kurz in das nächste Bettchen und hörte hinter mir schon den zweiten Schrei. Mädchen. Dann der dritte. Vierter. Fünfter. Die Nummern flogen durch den Raum wie Kommandos – „Drei stabil!“ – „Vier abgesaugt!“ – und ich spürte, wie mein Puls sich im Takt der kleinen Lungen hob und senkte, die da draußen in der Welt Luft holten, eine nach der anderen.

Sechs. Und dann sieben.

Beim siebten Schrei atmete der ganze Saal aus. Ich hörte, wie jemand leise sagte: „Sieben. Geschafft.“ Der Chef wischte sich mit dem Unterarm über die Stirn und ließ die Schultern sinken, und sogar der Anästhesist, ein Mann, der normalerweise so viel Emotion zeigt wie eine Straßenlaterne, verzog kurz die Mundwinkel.

Paul Berger beugte sich über Annas Gesicht und sagte etwas, das ich nicht verstand, aber es klang nach Erleichterung. Anna weinte lautlos, ihre Lippen bewegten sich, sie zählte mit, siebenmal, und ich sah, wie ihr Körper endlich locker ließ.

Und dann sagte Doktor Brennecke: „Warten Sie.“

Nicht laut. Aber mit einer Stimmfärbung, die ich in dreiundzwanzig Jahren nie gehört hatte. Nicht Alarm, nicht Routine. Eher Irritation. Wie wenn eine Tür plötzlich aufgeht, wo keine Tür sein sollte.

„Noch mal schallen. Hier.“ Er zeigte auf den Bildschirm, und die Oberärztin für Neonatologie trat näher, während eine zweite Schwester den Schallkopf neu ansetzte. Im Raum wurde es so still, dass ich das Surren der Klimaanlage hörte und von draußen die S-Bahn, die an der Weser entlangfuhr.

Anna richtete sich ein Stück auf. „Was ist?“

Keiner antwortete zuerst.

Dann zeigte die Neonatologin auf ein winziges Flackern am Rand des Bildes. „Da ist noch ein Herzschlag. Er lag die ganze Zeit genau hinter dem Rücken von Nummer sechs, Kopf an Kopf, deckungsgleich – die beiden Herztöne haben sich gegenseitig überlagert, wir haben sie als einen gelesen.“

„Das ist ein Kind. Ein achtes Kind“, sagte Brennecke. „Und es bewegt sich gerade.“

Anna starrte ihn an. „Acht?“

„Ja. Bei sieben Kindern in diesem Fruchtwasservolumen können sich zwei so exakt decken, dass man sie beim Schall nicht auseinanderhält. Das ist selten. Sehr selten.“

Paul stand noch immer an der gleichen Stelle, aber er war jetzt grau im Gesicht, die Farbe von nassem Putz.

„Und jetzt?“, fragte Anna.

„Jetzt holen wir Nummer acht. Und zwar sofort. Die Wehen haben schon eingesetzt, die Versorgung könnte kritisch sein. Sind Sie bereit?“

Sie nickte. Ein einziges Mal. Dann schloss sie die Augen und sagte leise, kaum hörbar im Trubel: *„Komm, du auch. Komm.“*

Der achte Schrei war anders.

Nicht durchdringend, nicht empört, nicht die geballte kleine Faust gegen die Welt. Eher ein dünner, hoher Laut, fast fragend. *Ist da noch Platz für mich?*

Ich sah, wie die Neonatologin das winzige Bündel übernahm – ein Mädchen, nicht einmal achtzehnhundert Gramm, mit feinen blauen Äderchen an den Schläfen und einer Hand, die sich um den Daumen der Schwester schloss, als hätte sie sich seit Stunden genau darauf vorbereitet.

Paul Berger stand jetzt neben dem Wärmebett und starrte auf dieses winzige Ding, das eigentlich gar nicht hätte da sein sollen. Sein Mund stand offen, und er sagte nichts, aber seine Hand lag plötzlich an der Scheibe von Inkubator Nummer acht, als müsste er fühlen, dass sie echt war.

„Alle acht stabil“, sagte Brennecke schließlich, und seine Stimme klang jetzt heiser. „Alle acht am Leben.“

Jemand im Saal klatschte einmal in die Hände, kurz und trocken, als hätte Werder Bremen gerade in der Nachspielzeit getroffen. Und dann lachte eine Schwester, die seit der dritten Geburt geheult hatte, laut auf und hielt sich die Schürze vors Gesicht.

Ich stand an meinem Platz zwischen den Inkubatoren fünf und sechs und stellte fest, dass mir die Knie weich wurden. Nicht weil die Arbeit so schwer gewesen war – so eine Geburt ist Handwerk, das sitzt –, sondern wegen dieser kleinen Hand, die nach dem Daumen gegriffen hatte. Wegen dieser Acht, die einfach auftaucht, wenn sieben schon alles war, worauf die Welt sich vorbereitet hatte.

In den nächsten Tagen kam ich noch zweimal auf die Station, um nach den Bergers zu sehen. Anna saß meistens vor den Inkubatoren, in einem viel zu großen Bademantel, den Paul ihr von zu Hause mitgebracht hatte, und trank kalten Pfefferminztee aus einer Thermotasse mit aufgeklebten Glitzersternen. Ihre Acht hießen inzwischen: der Schreihals, der Schläfer, die Zapplerin, der Ernste, die Lauscherin, der kleine Buddha, die Lacherin – und die Nummer acht. Die bekam als Letzte einen Namen, weil Anna sagte, sie müsse erst herausfinden, wer diese Kleine eigentlich sei.

Nach elf Tagen kam ich mit dem Nachtdienst dran und fand Anna allein im Stillzimmer. Draußen fiel Schnee, die Straßenlaterne an der Friedrich-Karl-Straße warf gelbe Rechtecke auf den Boden, und Anna wiegte das winzige Mädchen im Arm.

„Sie hat die ganze Nacht nicht geschrien“, sagte sie leise. „Jede Schwester hat extra nachgesehen, ob noch alles in Ordnung ist. Dann hat sie mich zweimal angeblinzelt, und ich wusste: Die hat uns getestet. Die wollte sehen, ob wir auch dann noch an sie denken, wenn sie leise ist.“

Sie strich mit dem kleinen Finger über die Stirn des Babys. „Wir nennen sie Liv.“

Ich habe die Bergers drei Jahre später noch einmal getroffen. Zufällig, auf dem Weihnachtsmarkt an der Schlachte. Eine Frau rief meinen Namen, und als ich mich umdrehte, sah ich Anna, ein bisschen runder im Gesicht, mit einem Dreiergespann von buggyähnlichen Gefährten, in denen vier Kinder saßen, während die anderen vier an Pauls Händen und Beinen hingen wie Kletten.

„Das ist Liv“, sagte Anna und zeigte auf ein blondes Mädchen mit einem hellblauen Schal, das auf Pauls Schultern ritt und an seinem Ohr zog. „Unsere Stille. Unsere Achte. Sie redet jetzt mehr als die anderen sieben zusammen.“

Paul sah zu mir rüber und grinste. „Hätten wir damals gewusst, dass sie der Boss wird, hätten wir uns vielleicht früher Sorgen gemacht. Oder weniger. Je nachdem.“

Ich kaufte mir einen Punsch und sah den zehn Bergers nach, wie sie sich zum Karussell durchschoben. Liv zog an Pauls Ohr und rief: „Papa, das Karussell wartet nicht ewig!“, und warf mir dabei einen kurzen, abschätzenden Blick zu – so schauen kleine Mädchen, die bereits wissen, dass sie die Lage im Griff haben. Dann zerrte sie ihn am Ärmel weiter, bis die ganze Familie zwischen den Lichtern und dem Duft von gebrannten Mandeln verschwand.

Fast fünf Jahre nach der Geburt kam ein Brief im Kreißsaal an, handgeschrieben, auf elfenbeinfarbenem Papier, ohne Unterschrift, mit dem Poststempel eines Bremer Postamts. Nur ein Satz, mit blauem Kugelschreiber:

*Danke, dass Sie nach Nummer acht gesucht haben.*

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