Die Glastüren der alten Ufervilla standen weit offen. Das Bodenseewasser glitzerte in der Abendsonne, draußen auf dem Steg klimperte ein Harfenist gegen den Wind an. Leonie atmete tief durch. Ihr cremefarbenes Seidenkleid raschelte bei jedem Schritt über den weißen Läufer, der zwischen den Stuhlreihen ausgerollt war. Fünfzig Gäste, alle lächelten ihr entgegen. Vorne, unter dem mit Rosen umrankten Bogen, wartete Viktor. Hochgewachsen, maßgeschneiderter Anthrazit-Anzug, das dunkelblonde Haar perfekt zurückgekämmt. Rechtsanwalt für Baurecht, bald Teilhaber der Kanzlei. Der Mann, mit dem sie ihr Leben verbringen wollte.
Der Standesbeamte hob an: „Liebe Leonie, lieber Viktor, wir sind heute hier zusammengekommen…“
Leonie hörte kaum hin. Sie sah Viktor in die Augen. Blaugrau, ruhig, vertraut. Er zwinkerte ihr zu. In drei Wochen sollte die neue Penthouse-Wohnung in Konstanz bezugsfertig sein. Alles lief genau nach dem Plan.
Ein dumpfer Knall ließ sie zusammenzucken. Die Tür zur Terrasse war gegen einen Stuhl geschlagen. Die Harfe verstummte.
Ein kleiner Junge stand im Durchgang. Dürr, höchstens neun, zehn Jahre alt. Seine Jeans waren durchnässt, die dunklen Locken klebten ihm an der Stirn. Er hielt eine zerkratzte Blechdose vor sich, als wäre sie ein Schild. Seine Brust hob und senkte sich, er musste gerannt sein.
„Heirate ihn nicht!“, rief er mit einer Stimme, die viel zu brüchig für sein Alter war.
Ein Raunen ging durch die Reihen. Köpfe drehten sich. Viktors Mutter, ganz in fliederfarbenem Leinen, hob empört das Kinn. Viktor wirbelte herum.
„Was soll das?“, zischte er. Seine Kiefermuskeln spannten sich. „Wer hat den reingelassen? Holen Sie hier jemanden vom Sicherheitsdienst!“
Doch der Junge rannte bereits den Gang entlang. Seine nassen Turnschuhe quietschten auf dem Parkett. Er stoppte keine drei Schritte vor Leonie. Seine Augen waren dunkelbraun, flehend, und so schrecklich ernst, dass ihr ein Schauer über die Arme lief.
Er schob den verrosteten Deckel der Dose zur Seite und drehte sie um. Etwas schimmerndes, filigranes glitt in seine schmutzige Handfläche. Ein Anhänger. Eine halbe Sonne aus Gold, mit winzigen Strahlen, die an einem Ende abbrachen. Da, wo die andere Hälfte angeschweißt gewesen sein musste, war das Metall verbogen und schwarz angelaufen. Wie von großer Hitze.
Leonies Finger wurden taub. Sie kannte diesen Anhänger. Er hatte ihrer besten Freundin Mara gehört. Mara trug ihn an einer dünnen Kette, immer. „Ein halbes Leben“ hatte sie ihn genannt. Die andere Hälfte trug Leonie selbst an ihrem Armreif. Ein Versprechen aus Studientagen: Solange wir beide unsere Hälften haben, kann uns nichts trennen.
„Woher hast du das?“, flüsterte Leonie. Ihr Strauß, weiße Ranunkeln und Schleierkraut, glitt ihr aus den Fingern und landete mit einem dumpfen Laut auf dem Parkett.
Der Junge sah nicht sie an, sondern Viktor. Durchdringend. Anklagend.
„Meine Mutter hat gesagt, wenn er es bis zum Altar schafft“, sagte der Junge, und seine Stimme war jetzt seltsam tonlos, „muss jemand die Wahrheit aussprechen. Darüber, wer die Tür in jener Nacht abgeschlossen hat.“
Viktor erbleichte. Seine Hand zuckte vor, als wollte er dem Jungen die Dose entreißen. „Das ist lächerlich! Leonie, das ist der Sohn dieser verstorbenen Putzfrau von Maras Firma. Die Frau war völlig verwirrt am Ende. Das Kind wiederholt doch nur, was man ihm eingeredet hat!“
Leonie sah den Jungen an. „Deine Mutter ist Karina?“
Der Junge nickte. Sein Kinn zitterte, aber er senkte den Blick nicht. Karina, die still war, sich immer ein wenig zu viel für die Probleme anderer interessierte und die man eines Morgens leblos in ihrer kleinen Dachgeschosswohnung in Friedrichshafen gefunden hatte. Die Obduktion ergab ein Herzversagen. Stress, hatte es geheißen. Erschöpfung. Der Brand in Maras Architekturbüro vor anderthalb Jahren, bei dem Mara ums Leben gekommen war, hatte der Frau offenbar den Rest gegeben. So hatte Viktor es ihr erklärt, als Leonie von Karinas Tod erfuhr.
„Meine Mutter hatte kein Herzversagen.“ Die Stimme des Jungen brach, aber er kämpfte sie zurück. „Sie hatte Angst. Vor ihm.“ Er zeigte mit dem Finger auf Viktor. „Seit Monaten war sie fertig. Weil sie wusste, dass er es war. Und ich hab gesehen, wie er unsere Wohnungstür von außen zuhält, in der Nacht bevor… bevor sie starb. Mit so einem Keil. Er dachte, ich schlafe im Kinderzimmer. Aber ich war wach. Ich hab durch den Spion gesehen. Und als er weg war, hab ich den Keil gefunden. Unter der Fußmatte hat er ihn versteckt. Sie hätte nicht rauskommen können, wenn sie gewollt hätte. Verstehen Sie?“
Ein Aufschrei von Viktors Mutter. Ein Stuhl kippte um. Jemand rief nach einem Arzt. Viktor wich einen Schritt zurück, als hätte ihm jemand einen unsichtbaren Schlag versetzt.
„Das glaubst du mir nicht“, sagte er und sah Leonie an. Seine Fassade bröckelte, unter der Maske der Empörung lauerte nackte Panik. „Das sind Hirngespinste. Hörst du? Nichts davon ist wahr!“
Aber Leonie sah nur das schwarz angelaufene Gold in ihrer Handfläche. Sie dachte an den Brand. Sie hatte die finale Untersuchung nie verstehen wollen, nie hinterfragt. Zu ihrem eigenen Seelenfrieden. „Elektrischer Defekt in der Serveranlage, die Tür klemmte“, hatte damals im Untersuchungsbericht gestanden. Mara eingeschlossen im hinteren Bürotrakt, das Treppenhaus bereits voller Rauch. Keine Chance. Viktor hatte sie nach der Beerdigung kennengelernt. Zufällig, wie es schien. Er hatte ihr aus der tiefen Trauer geholfen. Er war so verständnisvoll gewesen. Seine Kanzlei hatte sogar Maras Hinterbliebenenfonds verwaltet.
Leonie blickte auf. Sie sah den Mann vor sich, den sie zu lieben glaubte. Sie sah seinen teuren Anzug, seine Rolex, seine perfekt manikürten Fingernägel. Und sie sah, was sie all die Jahre nicht hatte sehen wollen: die Berechnung hinter seinen Augen.
„Ich werde die Ermittlungen zu dem Brand und zu Karinas Tod neu aufrollen lassen“, sagte sie. Es war kein Zischen, kein Flüstern, sondern ein klares, festes Statement. „Sofort. Mit einem anderen Gutachter. Und bis dahin gehst du mir aus den Augen, Viktor, und erhebst keinen Finger mehr gegen irgendjemanden, hörst du mich? Sonst rufe ich persönlich die Polizei an, und zwar hier und jetzt!“
Sie wusste nicht, woher ihr diese plötzliche, eiserne Ruhe kam. Vielleicht war es Mara. Vielleicht war es Karina. Vielleicht war es das kleine, schmutzige Gesicht dieses mutigen Jungen, der für seine tote Mutter eingetreten war, als niemand sonst es tat.
Viktor öffnete den Mund, um etwas zu sagen, ein letztes, hasserfülltes Wort. Aber dann sah er in die Gesichter der Gäste. In die geweiteten, entsetzten Augen seiner Chefs, seiner Geschäftspartner, seines Golfclubs. Ein paar Männer standen bereits auf, ihre Jacken über dem Arm. Die Party war vorbei. Sein ganzes Kartenhaus fiel in sich zusammen, Ziegel um Ziegel. Er stolperte, drehte sich um und stürmte durch die Terrassentür hinaus in den Abend. Seine Schritte hallten auf dem Holzsteg, dann verschluckte ihn die Dunkelheit zwischen den Bäumen.
Der Harfenist zögerte, setzte dann zaghaft wieder ein, brach aber sofort ab. Nur das leise Plätschern des Wassers gegen die Pfähle war noch zu hören.
Leonie kniete sich hin. Direkt auf ihr Brautkleid, mitten auf den weißen Läufer. Sie nahm die kleine, dreckstarrende Hand des Jungen vorsichtig in ihre. „Wie heißt du?“
„Mika“, murmelte er und sah sie aus verweinten, trotzigen Augen an. „Mika Reimann. Meine Mama war Karina Reimann. Sie sagt immer, dass niemand auf Putzfrauen hört. Aber ich dachte, vielleicht hört heute jemand auf mich.“
„Ich höre zu, Mika“, sagte Leonie. Sie drückte den goldenen Anhänger fest in ihre Handfläche, fühlte die kalte, verbrannte Kante an ihrer Haut und stand langsam auf. „Und ich werde dafür sorgen, dass noch ganz viele andere Leute zuhören. Du wirst nicht mehr alleine sein. Komm, wir suchen erstmal was Warmes zu trinken für dich und rufen einen sehr guten Mann an, den ich von der Kripo kenne.“
Sie warf einen letzten Blick auf ihren Brautstrauß aus Ranunkeln und Schleierkraut, der verlassen auf dem Parkett lag. Dann legte sie dem Jungen eine Hand auf die Schulter und führte ihn aus dem Saal. Ohne ein einziges Mal zurückzublicken. Draußen, über dem See, zeigte sich ein letzter Streifen Abendrot, und eine einsame Möwe stieg kreischend in den violetten Himmel.
