Zehn Jahre, mindestens

Sandra schob die Kaffeetasse beiseite und starrte die Frau an, die gerade den Aufenthaltsraum des Tierheims Lüneburg betreten hatte. Draußen nieselte es, dieser feine, hartnäckige Nieselregen, der einem in die Knochen kriecht, und die Frau hatte die Kapuze ihrer abgewetzten Regenjacke noch nicht einmal abgestreift. Wasser tropfte von ihr auf den abgetretenen Linoleumboden.

„Entschuldigung, was genau suchen Sie?“, fragte Sandra und hoffte, sich verhört zu haben.

„Einen richtig alten Hund“, wiederholte die Frau und wischte sich mit dem Ärmel über das nasse Gesicht. „Den ältesten, den Sie dahaben. Zehn, zwölf Jahre. Vielleicht älter. Je älter, desto besser.“

Sandra warf einen kurzen Blick zu ihrem Kollegen Tim, der gerade den Wassernapf im Eck füllte. Er zuckte kaum merklich mit den Schultern. Komische Anfragen gab es hier öfter. Einmal hatte ein junger Typ mit Rastalocken verlangt: „Einen Hund, der aussieht, als hätte er schon einiges gesehen. Für meinen Instagram-Kanal.“ Aber das hier? Das war neu.

Die Frau stand einfach da, die Hände in den Taschen ihrer ausgewaschenen Jeans, und wartete. Kein Lächeln, kein nervöses Fingerspiel. Kein Rechtfertigen. Um die sechzig vielleicht, schätzte Sandra, das graumelierte Haar zu einem strengen Knoten gebunden, aus dem sich ein paar Strähnen gelöst hatten. Die Augen ruhig, klar, von einem verwaschenen Blau. Arbeitergesicht. Sandra kannte diesen Typ aus der Notaufnahme, wo sie vorher gearbeitet hatte. Leute, die nicht lamentierten. Die kamen und wussten genau, was zu tun war.

„Setzen Sie sich doch kurz“, sagte Sandra und deutete auf den wackligen Stuhl neben dem Spind. „Ich hol mal eben die Leiterin.“

Sie fand Frau Gerlach im Behandlungszimmer. Die Tierheimleiterin, eine drahtige Frau mit raspelkurzem grauem Haar und einer Brille, die ihr ständig von der Nase rutschte, war damit beschäftigt, einem jammernden Kater mit Ohrmilben die Tropfen zu verabreichen.

„Da ist eine Frau vorn. Sie will den ältesten Hund, den wir haben. Sagt, je älter, umso besser.“

Frau Gerlachs Hand mit der Pipette hielt inne. Der Kater fauchte leise. Sie drehte sich langsam um und setzte die Brille ab.

„Tatsächlich?“, murmelte sie und ihre Mundwinkel zuckten auf eine Weise, die Sandra nicht ganz deuten konnte. „Dann lass sie mal reinkommen. Und mach uns einen frischen Tee, ja?“

Fünf Minuten später saßen sie sich gegenüber. Der Tee dampfte unberührt vor der Besucherin.

„Mein Name ist Johanna“, sagte Frau Gerlach. „Und Sie sind?“

„Lehmann. Hannelore Lehmann. Hanni, sagen die meisten.“ Die Stimme war fest und ein bisschen rau, als wäre sie Erkältungen nicht gewohnt.

„Also, Frau Lehmann. Sie suchen einen alten Hund. Dürfen wir fragen, warum? Wissen Sie, alte Tiere… das ist eine Menge Arbeit. Manchmal teure Arbeit. Spezielles Futter, regelmäßig zum Tierarzt, Medikamente morgens und abends. Arthrose, Nierenprobleme, Herz. Das kann einen ganz schön fordern. Und das Herz ebenso, wenn man weiß, dass einem vielleicht nicht mehr viel Zeit bleibt miteinander.“

Hannelore Lehmann nickte nur. Sie sah sich nicht um, nestelte nicht an ihrer Tasche. Sie hielt den Blick einfach ruhig auf Johanna gerichtet.

„Ich weiß“, sagte sie schlicht.

„Hatten Sie denn schon einmal einen Hund?“

„Ich habe drei.“ Eine kurze Pause. „Zurzeit.“

Sandra, die in der Tür stand, machte einen unwillkürlichen Schritt in den Raum. Drei Hunde? Die Frau sah nicht aus, als hätte sie Geld zu verschenken.

„Erzählen Sie“, forderte Frau Gerlach sie auf und lehnte sich zurück.

Hannelore holte tief Luft. Kein Seufzer. Eher so, als würde sie sich sammeln, um eine vertraute Liste aufzusagen.

„Der Älteste ist Artos. Dreizehn. Ein Collie-Schäferhund-Mix. Ich hab ihn aus einem Tierheim in Celle geholt, vor drei Jahren. Er war völlig abgemagert und hatte eine unbehandelte Schilddrüsenunterfunktion. Die haben gesagt, er wäre unvermittelbar. Dann ist da Frieda, zehn. Eine Golden-Retriever-Dame aus einer Sicherstellung in Hamburg. Schwere Hüftdysplasie, dauernd Schmerzen, keiner wollte sie. Und seit letztem Frühjahr der Kleine, Herr Schröder. Ein elf Jahre alter Dackel, blind, der bei seiner alten Besitzerin im Bett geschlafen hat, bis sie gestorben ist. Die Erben haben ihn einfach in einer Bananenkiste vor dem Tor abgestellt, morgens um halb sechs. Tim hat ihn gefunden, stimmt’s, Tim?“

Sandra nickte nur stumm. Sie erinnerte sich. Ein kalter, nebliger Morgen. Die leise Wimmern aus dem Karton.

Frau Gerlach nahm ihre Brille komplett ab und legte sie auf den Tisch. Ihre Stimme wurde leise und eindringlich.

„Das ist… das ist ein ganz schöner Altersruhesitz bei Ihnen, Frau Lehmann. Ich verstehe nur ehrlich gesagt nicht ganz… warum? Warum holen Sie sich diesen Kummer ins Haus? Diese Sorge? Und auch diese Kosten? Warum nicht einfach einmal einen gesunden, jungen Hund? Einen, bei dem man nicht jeden Tag damit rechnet, dass es das letzte Mal sein könnte, dass er einem die Hand leckt?“

Hannelore Lehmann sah sie lange an. In ihren Augen lag keine Spur von Selbstmitleid, keine von Bitterkeit. Nur diese unermessliche, fast unheimliche Ruhe.

„Weil sie dann nicht allein sterben müssen“, sagte sie.

Es war so still im Raum, dass Sandra das feine Ticken der alten Bahnhofsuhr von der Wand hören konnte. Und von draußen, aus den Zwingern, das einsame, klagende Bellen eines Hundes.

Frau Gerlach stand abrupt auf. Ihr Stuhl quietschte über den Boden.

„Kommen Sie mit. Ich glaube, wir haben genau den Richtigen für Sie. Passt wie die Faust aufs Auge, wie man bei uns sagt. Wurde erst letzte Woche gebracht. Hat keinen mehr, der ihn will. Gar keinen mehr auf der ganzen Welt.“

Der Weg zu den hinteren Zwingern war matschig und voller Pfützen. Sandra und Tim folgten mit ein paar Schritten Abstand. Frau Gerlach ging zielstrebig voran, vorbei an den jungen, bellenden Hunden, die aufgeregt an den Gittern hochsprangen und mit ihren Ruten gegen die Metallstäbe schlugen.

Ganz hinten, im letzten Zwinger, lag er. Ein großer, völlig durchweichter Karton diente als Unterlage, obwohl die Hälfte davon nass war. Der Hund lag zusammengerollt in der hintersten Ecke, den Kopf auf die Pfoten gelegt. Sein Fell, vielleicht einmal schwarz gewesen, war an Schnauze und Lefzen komplett ergraut. Ein alter, massiger Rottweiler-Mischling mit trüben, traurigen Augen und Ohren, die wie zerfranste Lappen herunterhingen.

„Das ist Oskar“, sagte Frau Gerlach leise. „Elf. Seine Besitzerin ist Demenz-bedingt in ein Pflegeheim gekommen. Der Sohn hieß, er wäre allergisch. Komplette Notlüge natürlich, aber was will man machen. Oskar hat bei der Abgabe niemanden mehr erkannt. Er starrt die Wand an, seit er hier ist. Frisst kaum. Tierarzt sagt, ohne die Dame fehlt ihm einfach jeder Lebenswille. Er trauert sich im wahrsten Sinne zu Tode. Normale Interessenten? Er nicht. Ein alter, schwarzer, dicker Hund, der keinem in die Augen sieht? Den nimmt keiner. Der wird hier sterben, in diesem Zwinger, auf dem Zement. In ein paar Monaten. Und er wird bis zuletzt auf ihre Stimme gewartet haben, die nie mehr kommt.“

Hannelore Lehmann sagte keinen Ton. Sie ging langsam auf das Gitter zu, ließ sich vorsichtig in die Hocke nieder, ohne die klamme, nasse Kälte des Bodens zu beachten.

„Oskar“, sagte sie. Kein hohes, aufmunterndes Hündchen-Stimmchen. Sondern ganz normal, ruhig, tief. Als würde sie einen Nachbarn auf der Straße grüßen.

Der Rottweiler-Mix rührte sich nicht. Nur sein gesundes Ohr, das linke, zuckte kurz.

Hannelore öffnete ihre Umhängetasche und holte ein in Butterbrotpapier gewickeltes Päckchen heraus. Sie wickelte es auf. Kleine Stücke Wiener Würstchen. Sie hielt ihm ein Stück hin, einfach zwischen Daumen und Zeigefinger, durch die Gitterstäbe hindurch.

Oskar hob den Kopf. Langsam, zentimeterweise. Er starrte die Hand an. Dann die Frau. Dann wieder die Hand. Er stand mühsam auf, die alten Knochen knackten hörbar, und schlurfte die drei Schritte nach vorn. Er schnüffelte nicht einmal. Er nahm das Wurststückchen mit einer unglaublichen Sanftheit von ihren Fingern, wie ein Pferd, das einen Zuckerwürfel nimmt.

Und dann drückte er seine breite, graue, faltige Stirn mit einem einzigen, tiefen Seufzer fest gegen die kalten Gitterstäbe, genau an die Stelle von Hannelores Fingern.

Sie schob ihren Daumen durch das Gitter und strich ihm sacht über den Knochen über seinem Auge. Einmal. Zweimal. Einmal lang und fest über die ganze Länge seiner Schnauze, vom Stopp bis zur Nase.

„Den nehm ich“, sagte sie. Ein Satz wie ein Beschluss.

Das ganze Prozedere dauerte eine Stunde. Impfpass, Übergabeprotokoll, Leine. Tim und Sandra arbeiteten schweigend, nur das Rascheln von Papier war zu hören. Als Sandra das Formular für die Schutzgebühr übern Tisch schob, legte Hannelore Lehmann zwei Fünfzig-Euro-Scheine und einen Zwanziger passend daneben. Abgezählt, ohne zu zögern. Aus einem abgegriffenen, alten Portemonnaie mit Druckknopf. Den Pflicht-Euro für den Mikrochip separat in einer kleinen Plastiktüte.

Am Ausgang wartete Oskar bereits, ein neues, weiches Lederhalsband um den dicken Hals. Er trug es mit einer Art stillem Stolz. Hannelore hatte es aus ihrer Tasche gezaubert. „Das war für Artos, aber der hat jetzt ein besseres. Oskar steht es, finden Sie nicht? Der grüne Farbton bringt seine Augen raus.“ Sandra musste schlucken, als sie die alten, ruhigen Augen des Hundes ansah, die jetzt, im grauen Licht des Nieselregens von draußen, tatsächlich einen Hauch von warmem Bernstein zeigten.

Frau Lehmann zog eine neue, stabile Leine aus der Tasche und klinkte sie ein. Dann sah sie Tim und Sandra an, die nebeneinander im Türrahmen standen.

„Und?“, fragte Sandra zögernd. Sie musste es wissen. „Ist es das wert? Ich meine… Sie wissen doch, wie es ausgeht. In ein, zwei Jahren. All diese Mühe, und dann… das Loch. Tut das nicht einfach nur höllisch weh?“

Hannelore Lehmann richtete sich auf. Sie sah Sandra direkt an, und dieses Mal war da das winzige Zucken eines Lächelns um ihre Lippen. Sie bückte sich zu Oskar hinunter, der sich sofort schwer an ihr Bein lehnte, als wäre er schon immer da gewesen. Sie kraulte ihn hinter dem einzigen Ohr, das er noch spitzte.

„Wissen Sie, was Herr Schröder macht? Jeden Morgen. Er ist blind, völlig blind. Findet den Weg vom Körbchen zu seinem Wassernapf nur, weil ich das Parkett nicht verrücke. Aber jeden Morgen, wenn der Wecker klingelt, stupst er meine Hand an, die aus dem Bett hängt. Weil er checken will, ob ich noch atme. Er passt auf mich auf, verstehen Sie? Es geht nie nur in eine Richtung. Es geht immer um uns beide. Und wenn er eines Morgens nicht mehr stupst… ja, dann tut es weh. Aber zwischen jetzt und diesem Morgen liegen noch tausend Morgen, an denen ich ihm sagen kann, dass er der beste blinde Dackel der Welt ist und dass seine Pfoten niemals mehr kalt werden müssen. Also, was meinen Sie? Ist es das wert?“

Sandra brachte kein Wort heraus. Sie nickte nur, die Lippen fest aufeinandergepresst, Tränen in den Augen.

Hannelore Lehmann nickte kurz, als wäre die Sache damit klar. Dann wandte sie sich um. Ein sanfter Zug an der Leine, ein leises „So, Oskar, dann komm mal, der Metronom nach Soltau wartet nicht“, und die beiden gingen los. Die Frau mit dem geraden Rücken, und der alte, müde Hund, der plötzlich seinen Schwanz ein kleines bisschen höher trug als noch vor einer halben Stunde. Sie gingen über den asphaltierten Hof, wichen synchron einer großen Pfütze aus und bogen dann auf die Straße Richtung Bahnhof ab.

Tim räusperte sich und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn, obwohl da nichts war.

„Ich geh dann mal sauber machen“, murmelte er und verschwand.

Sechs Wochen später war ein ganz normaler, stressiger Dienstagnachmittag. Eine Familie stand im Weg, deren quengelnde Tochter partout einen Husky-Welpen haben wollte („mit blauen Augen, Mami, die mit den blauen Augen!“), und im Quarantänebereich hustete ein zugelaufener Kater die halbe Tapete voll. Frau Gerlach war am Ende ihrer Kräfte und versuchte gerade, ihren dritten Kaffee zu trinken, als ihr Handy summte. Keine Nummer, nur ein Vorschaubild.

Sie öffnete die Nachricht und hielt mitten in der Bewegung inne. Der Kaffee blieb ungetrunken.

Es war ein Foto. Oskar. Der große, massige Rottweiler-Mischling lag ausgestreckt auf einem dicken, weinroten Plaid vor einem Kamin. Seine Beine waren von sich gestreckt, der Bauch rund und offenbar satt. Seine Schnauze – die so graue, traurige Schnauze – war an die Hüfte eines kleinen, blind aussehenden Dackels geschmiegt. Er schlief. Sein Gesicht war völlig entspannt.

Darunter stand, im Stil einer kurzen SMS getippt:

„Oskar hat die ersten drei Tage nur vor der Tür gesessen und auf Schritte gehofft, die nicht kamen. Am vierten Abend ist er zu uns aufs Sofa gekommen. Er und Herr Schröder haben eine Art heimliche Koalition gebildet, sie teilen sich die Decke. Artos hat ihn zum Chef erklärt und Frieda putzt ihm ständig die Ohren, was er mit großer Geduld erträgt. Er frisst wieder. Heute Morgen hat er zum ersten Mal mit dem Schwanz gewedelt, weil es Rührei gab. Ich dachte, Sie sollten das sehen. Vielen Dank. H. Lehmann“

Frau Gerlach starrte auf das Bild, diesen Teil einer heilen Welt, den es vorher nicht gab. Sie las die Worte einmal, zweimal, spürte ein Kribbeln in der Nase. Sie musste an den nassen Karton denken, an den starren Blick, an die völlige Hoffnungslosigkeit, die in diesem Zwinger gehangen hatte.

Sie schob ihren Kaffee endgültig beiseite, und ohne lange zu überlegen, öffnete sie die große, ramponierte Mappe auf ihrem Schreibtisch. Die „Aktuelle Belegung“. Ganz hinten, auf der letzten Seite, gab es eine handschriftliche Liste, betitelt mit „Langzeitinsassen / schwer vermittelbar“. Sie fuhr mit dem Finger die Namen entlang, bis sie bei einem hängen blieb.

Felix. 14 Jahre, Terrier-Mix. Fundtier aus dem Wald bei Bispingen. Unterernährt, vereiterte Zähne. Verfilzt bis auf die Haut. Hat seit drei Jahren keinen einzigen Besuch von einem Interessenten bekommen. Versteckt sich unter seiner Decke, wenn fremde Schritte kommen. Frisst nicht, solange jemand im Raum ist.

Sie tippte eine Antwort, kurz und ohne zu zögern.

„Liebe Frau Lehmann, das freut mich mehr, als ich sagen kann. Oskar sieht großartig aus. Wenn Sie jemals wieder Platz und Herz haben sollten… hier sitzt Felix. 14 Jahre alt. Ein Terrier. Wurde nie von jemandem gewollt. Er wartet bis jetzt. Und er hat noch nie ein Rührei bekommen. Herzlichst, J. Gerlach, Tierheim Lüneburg“

Sie legte das Handy neben die Tastatur und atmete tief durch. Der Lärm von draußen, das Bellen, das Kindergeschrei, das Klappern der Näpfe, schien einen Sekundenbruchteil lang stillzustehen.

Keine fünf Minuten später vibrierte das Handy. Die Antwort war so kurz, dass sie auf den ersten Blick aussah wie ein schlechter Witz. Aber Frau Gerlach kannte diese Frau jetzt. Und sie lächelte, als sie es las, während draußen der Regen gegen die Fensterscheibe prasselte.

„Bin Samstag da. Macht Felix Rührei bitte mit oder ohne Schnittlauch? H.L.“

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