Die Reparaturwerkstatt in der Mühlenstraße

Frieda Bachmann kannte jede Schraube in der Werkstatt, die ihr Vater vor achtunddreißig Jahren in Rottweil eröffnet hatte. Sie roch nach Motoröl und kaltem Metall, und wenn im Radio der Verkehrsfunk lief, wusste sie genau, welcher Kunde um wieviel Uhr kam. Ihr Schwiegersohn Matthias dagegen roch die Werkstatt nur, wenn er Geld brauchte.

Es war ein Dienstag im September, kurz vor sechzehn Uhr, als der Steuerberater anrief. Frieda stand mit fettigen Händen am Tresen, neben ihr brodelte die alte Kaffeemaschine, die seit Jahren zu laut zischte. „Frau Bachmann", sagte er, „ich habe hier Unterlagen, die mir nicht gefallen. Die Werkstatt läuft nicht mehr auf Ihren Namen."

Sie hielt das Telefon fest, als könnte es davonfliegen. „Wie bitte?"

„Vor vier Monaten wurde die Übertragung beim Notar unterschrieben. Ihr Name steht als frühere Inhaberin, neuer Eigentümer ist ein Matthias Vogel."

Draußen bremste jemand quietschend vor der Ampel an der Ecke Mühlenstraße, ein Hund bellte zweimal, dann war es wieder still. Frieda legte auf und setzte sich auf den alten Bürostuhl, dessen Lehne seit Jahren knarrte. Sie dachte an die Unterschrift, die sie im Mai unter ein Papierbündel gesetzt hatte, weil ihre Tochter Vanessa gesagt hatte: „Mama, das ist nur die Vollmacht für die Bank, damit ich dich vertreten kann, wenn du zur Kur fährst."

Sie war zur Kur gefahren. Drei Wochen Bad Wildbad, Fichtenluft, Wannenbäder gegen die Hüfte. Als sie zurückkam, hatte Matthias ihr einen Blumenstrauß auf den Küchentisch gestellt und gesagt, wie gut sie aussehe.

Frieda war zweiundsechzig. Seit dem Tod ihres Mannes vor sechs Jahren hatte sie die Werkstatt allein weitergeführt, mit Karl und Björn, den beiden Gesellen, die schon bei ihrem Vater gelernt hatten. Jeden Winter rechnete sie die Heizkosten selbst zusammen, damit am Ende des Monats noch etwas übrig blieb — für Vanessas Studium, das sie vor zwei Jahren mit dem Examen abgeschlossen hatte, und ein Jahr später für die Hochzeit mit Matthias. Vierhunderttausend Euro war die Werkstatt wert, hatte der Gutachter vor zwei Jahren geschätzt, als eine Bank wegen eines Kredits nachfragte. Vierhunderttausend Euro, sechs Jahre Arbeit ohne einen einzigen freien Sonntag im Sommer, jetzt auf dem Papier ein fremder Name.

Sie rief nicht sofort bei Vanessa an. Sie schloss die Werkstatt ab, obwohl es erst kurz nach fünf war, sagte Karl und Björn, sie sollten schon mal Feierabend machen, und fuhr mit ihrem alten Passat nach Hause. Sie kochte sich einen Tee, den sie nicht trank. Die Nachbarskatze saß wie jeden Abend auf der Fensterbank und miaute, bis Frieda ihr eine Untertasse Milch hinstellte. Erst danach setzte sie sich an den Küchentisch und rief den Notar an, dessen Nummer auf der Steuerberaterrechnung stand.

„Frau Bachmann, die Urkunde ist eindeutig. Sie haben unterschrieben, Ihre Unterschrift ist notariell beglaubigt."

„Ich habe eine Vollmacht unterschrieben. Für die Bank."

„Das war keine Vollmacht. Das war eine Schenkungsurkunde, Übertragung der Werkstatt samt Grundstück an Herrn Vogel." Er zögerte kurz. „Der Termin lief über eine Unterschriftensammlung bei Ihnen zu Hause, Herr Vogel hatte das organisiert, weil Sie kurz vor der Abreise standen. Ich selbst habe Sie nicht persönlich gesprochen."

Frieda legte den Hörer vorsichtig auf die Gabel, wie man etwas Zerbrechliches abstellt. Sie erinnerte sich jetzt genau: der Vormittag vor der Abfahrt nach Bad Wildbad, der Koffer schon halb gepackt, Matthias, der mit einer Mappe voller Formulare am Küchentisch saß und sagte, sie solle nur schnell hier und hier unterschreiben, die Bank brauche das noch vor ihrer Abreise. Sie hatte es nicht gelesen. Sie hatte dem Mann ihrer Tochter vertraut. Dann fuhr sie zu Vanessa.

Ihre Tochter wohnte zehn Minuten entfernt, ein Reihenhaus mit Garten, das Matthias vor einem Jahr gekauft hatte, angeblich mit einem Bankkredit. Als Frieda klingelte, öffnete Matthias, ein Bier in der Hand, der Fernseher lief im Hintergrund, irgendeine Quizsendung.

„Frieda! Komm rein, wir haben grad—"

„Wo ist Vanessa?"

Vanessa kam aus der Küche, ein Geschirrtuch über der Schulter. Sie sah ihre Mutter an, und irgendetwas in ihrem Gesicht kippte, noch bevor Frieda ein Wort gesagt hatte.

„Mama, was ist los?"

„Der Notar hat mir gerade erklärt, was ich im Mai unterschrieben habe."

Es wurde eng in dem Wohnzimmer. Matthias stellte das Bier ab, viel zu bedacht, als wollte er Zeit gewinnen. „Frieda, das war doch abgesprochen. Vanessa und ich, wir wollten die Werkstatt irgendwann sowieso übernehmen, das war nur—"

„Ich habe niemandem die Werkstatt versprochen." Ihre Stimme blieb ruhig, was sie selbst überraschte. „Und ich habe erst recht nicht unterschrieben, dass du sie auf deinen Namen bekommst, während ich in Bad Wildbad in der Wanne saß."

„Ich hab dir doch gesagt, das ist nur die Vollmacht für die Bank." Vanessa setzte sich auf die Couchlehne, als würden ihr die Beine nicht mehr tragen. Sie griff nach dem Geschirrtuch auf ihrer Schulter und knetete es zwischen den Fingern. „Weil Matthias mir das so gesagt hat. Ich hab das Papier nie gesehen, Mama, ich hab nur weitergegeben, was er mir erklärt hat—"

„Es ist eine Formsache! Wir sind eine Familie, was regt ihr euch so auf—"

„Eine Familie schmuggelt keine Schenkungsurkunde zwischen Bankpapiere." Frieda hatte die Handtasche noch über der Schulter, ihre Finger fanden den Reißverschluss der Innentasche, wo sie die Kopie des Steuerberaterschreibens verwahrte. Sie zog sie heraus und legte sie auf den Couchtisch, neben eine Fernbedienung und eine offene Chipstüte. „Ich fahre morgen früh zu meinem Anwalt."

„Du willst deine eigene Tochter verklagen?" Matthias' Stimme kippte in einen Ton, der zwischen Drohung und Selbstmitleid schwankte.

„Ich verklage dich. Vanessa hat weitergesagt, was du ihr aufgetragen hast. Genau wie ich ihr vertraut habe."

Vanessa ließ das Geschirrtuch auf ihren Schoß sinken und starrte auf das Papier auf dem Tisch, dann auf ihren Mann. Erst jetzt, das sah Frieda genau, begriff ihre Tochter, wessen Botin sie gewesen war.

Der Anwalt hieß Dr. Berger, sein Büro lag über einer Bäckerei in der Innenstadt, und es roch dort immer ein bisschen nach Zimtschnecken. Er hörte sich alles an, blätterte durch die Kopien, die Frieda mitgebracht hatte, und sagte schließlich: „Eine Schenkung, die durch Täuschung über den Inhalt der Urkunde zustande gekommen ist, kann angefochten werden. Wir stellen einen Antrag auf Rückübertragung wegen arglistiger Täuschung. Das dauert, aber die Beweislage ist gut — Sie waren nachweislich zur Kur angemeldet, die Unterschriften wurden bei Ihnen zu Hause gesammelt statt im Beisein des Notars erläutert, das reicht für den Anfang."

Es dauerte sieben Monate. Sieben Monate, in denen Matthias zweimal anrief und auflegte, sobald Frieda ranging. Sieben Monate, in denen Karl und Björn die Werkstatt am Laufen hielten, während Frieda zwischen Anwaltstermin und Werkbank pendelte. Sieben Monate, in denen Vanessa an einem Novemberabend allein vor der Werkstatt stand, im Regen, und durch die Scheibe schaute, bis Frieda die Tür aufschloss und sie hereinließ, ohne ein Wort, nur mit einer Tasse von dem bitteren Kaffee aus der alten Maschine.

Im April kam der Beschluss des Gerichts. Rückübertragung der Werkstatt samt Grundstück an Frieda Bachmann, Matthias Vogel zur Zahlung der Verfahrenskosten verurteilt.

Frieda fuhr an diesem Nachmittag selbst zum Notar, mit der Gerichtsentscheidung in einer Klarsichtfolie, die sie eigens dafür gekauft hatte. Sie ließ die Eintragung im Grundbuch ändern, sah zu, wie der Notar ihren Namen wieder in die Zeile für den Eigentümer schrieb, und unterschrieb dieses Mal jedes Blatt einzeln, Seite für Seite, und ließ sich von niemandem drängen.

Am selben Abend änderte sie das Schloss zur Werkstatt. Der neue Schlüssel lag kühl in ihrer Hand, als sie ihn zweimal umdrehte und die Tür prüfte. Matthias kam zwei Tage später vorbei, klopfte gegen das Rollgitter, das schon unten war, weil Frieda früher Feierabend gemacht hatte. Sie hörte ihn durch die Milchglasscheibe des Büros, sah seinen Schatten, wartete, bis er wieder ging.

Vanessa zog im Mai aus dem Reihenhaus aus, mit zwei Koffern und der Nachbarskatze, die inzwischen mehr Zeit bei Frieda verbrachte als zu Hause. Sie half seitdem freitagnachmittags im Büro der Werkstatt aus, sortierte Rechnungen, während draußen der Linienbus Richtung Bahnhof vorbeifuhr und die alte Kaffeemaschine wie immer zu laut zischte.

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