Ich kam zwei Tage früher aus der Kur zurück. Wegen einer kurzfristigen Umstellung wurden einige Gäste eher entlassen, und ehrlich gesagt freute ich mich nur darauf, wieder in meine Wohnung zu kommen. Eine Tasse Tee, meine Pflanzen am Fenster und endlich wieder Ruhe – mehr wollte ich gar nicht.
Als ich die Wohnungstür aufschloss, hörte ich ein vertrautes Lachen.
Ich blieb wie angewurzelt stehen.
Dieses Lachen kannte ich.
Es gehörte meiner Schwiegertochter Sabine.
„Thomas, beschwer dich später nicht wieder, dass ich so laut lache“, sagte sie fröhlich. „Deine Mutter kommt doch erst am Sonntag zurück. Bis dahin ist alles geregelt.“
„Sie wird ein bisschen schimpfen und sich dann beruhigen“, antwortete mein Sohn gelassen. „Das Geld haben wir schon bekommen. Es wäre doch Unsinn, das kleine Zimmer leer stehen zu lassen.“
Dann meldete sich eine fremde Frauenstimme.
„Sind Sie wirklich sicher, dass die Eigentümerin einverstanden ist? Ich möchte niemandem zur Last fallen.“
„Natürlich“, erwiderte Sabine ohne zu zögern. „Frau Schneider weiß Bescheid. Sie ist nur gerade in der Kur.“
Ich stand noch immer im Flur, den Koffer neben mir, den Wohnungsschlüssel in der Hand.
Mit dreiundsechzig Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich mich in meiner eigenen Wohnung einmal wie ein unerwünschter Gast fühlen würde.
Ich stellte den Koffer leise ab, zog die Schuhe aus und ging in Richtung Küche.
Die Tür stand halb offen.
Auf meinem Esstisch lagen fremde Einkaufstaschen, mein Ersatzschlüsselbund und ein Blatt Papier mit der Überschrift „Mietvereinbarung“.
Aus meiner Lieblingstasse mit den blauen Kornblumen trank ausgerechnet Sabine.
„Guten Tag“, sagte ich ruhig.
Drei Gesichter drehten sich gleichzeitig zu mir.
Thomas sprang so hastig auf, dass sein Stuhl nach hinten rutschte.
„Mama? Was… was machst du hier? Du solltest doch erst übermorgen zurückkommen!“
„Eigentlich schon“, antwortete ich. „Aber offenbar sollte ich lieber früher erfahren, was in meiner Abwesenheit mit meiner Wohnung passiert.“
Die fremde Frau erhob sich sofort.
„Entschuldigen Sie bitte“, sagte sie verlegen. „Ich heiße Karin. Ihr Sohn hat mir das kleine Zimmer für einen Monat vermietet. Er hat gesagt, Sie hätten bereits zugestimmt.“
Ich sah meinen Sohn an.
Er wich meinem Blick aus.
„Thomas“, sagte ich ruhig. „Sag du es selbst.“
Er seufzte.
„Mama, mach daraus bitte kein Drama. Das Zimmer steht doch fast immer leer.“
„Leer?“
„Da sind nur deine Sachen.“
„Meine Bücher. Meine Nähmaschine. Die Fotoalben deines Vaters. Erinnerungen aus einem ganzen Leben.“
Sabine mischte sich ein.
„Wir haben alles ordentlich in Kartons gepackt.“
Ich spürte, wie mir kalt wurde.
„Ihr wart also in meinem Zimmer und habt meine Sachen ohne meine Erlaubnis angefasst?“
Niemand antwortete.
Karin blickte betreten zu Boden.
„Ich habe eintausend Euro Anzahlung bezahlt“, sagte sie leise. „Ich habe mehrmals gefragt, ob wirklich alles abgesprochen ist.“
„Und was hat man Ihnen geantwortet?“
„Dass Sie als Eigentümerin einverstanden sind.“
Ich nickte langsam.
Nicht sie war schuld.
Sie war ebenso getäuscht worden wie ich.
„Wo ist das Geld?“, fragte ich.
Thomas legte automatisch die Hand auf einen Umschlag.
„Einen Teil haben wir schon ausgegeben.“
„Wofür?“
„Für Möbel fürs Kinderzimmer… und ein paar Renovierungssachen.“
„Mit Geld, das ihr eingenommen habt, indem ihr mein Zimmer ohne meine Zustimmung vermietet habt.“
Sabine verschränkte die Arme.
„Wir haben das doch für die Familie getan.“
„Familie bedeutet nicht, über den Kopf der eigenen Mutter hinweg zu entscheiden.“
Thomas verlor die Geduld.
„Die Wohnung gehört später sowieso mir!“
Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen.
Ich sah ihn lange an.
„Nein“, sagte ich schließlich. „Vielleicht eines Tages. Aber heute gehört diese Wohnung mir. Und solange ich selbst mit meinem Schlüssel diese Tür öffne, entscheidet niemand außer mir, wer hier wohnt.“
Ich nahm das Blatt Papier vom Tisch.
Es war ein vorbereiteter Mietvertrag.
Oben stand mein vollständiger Name als Eigentümerin.
Darunter der Satz:
„Die Eigentümerin erklärt sich mit der Vermietung des Zimmers einverstanden.“
Unter diesem Satz befand sich eine leere Zeile.
Für meine Unterschrift.
Ich hielt das Blatt hoch.
„Wann wolltet ihr mich das unterschreiben lassen? Nachdem ihr bereits das Geld kassiert habt? Oder habt ihr gehofft, dass meine Unterschrift am Ende gar nicht mehr nötig sein würde?“
Keiner antwortete.
In diesem Augenblick begriff ich, was mich am meisten verletzte.
Nicht das Geld.
Nicht das Zimmer.
Sondern die Tatsache, dass mein eigener Sohn aufgehört hatte, mein Zuhause als mein Zuhause zu sehen.
Für ihn war es bereits ein zukünftiges Erbe – obwohl ich noch lebte und selbst den Schlüssel in der Hand hielt.
