DIE NEUE GESCHÄFTSFÜHRERIN DEMÜTIGTE MICH EINE GANZE WOCHE LANG – BIS SIE ERFUHR, DASS MIR DAS GESAMTE GEBÄUDE GEHÖRT

Manche Menschen glauben, Erfolg erkenne man am Titel auf der Visitenkarte.

Andere glauben, Respekt müsse man sich nur gegenüber Vorgesetzten leisten.

Und dann gibt es diejenigen, die erst viel zu spät verstehen, dass der wahre Charakter eines Menschen sichtbar wird, wenn niemand zusieht.

Ich heiße Elisabeth.

Ich bin achtundfünfzig Jahre alt und Eigentümerin eines Bürogebäudes in München.

Wenn Menschen das erfahren, stellen sie sich meist eine Frau vor, die in Designerkleidung durch marmorne Eingangshallen läuft und ständig von Assistenten umgeben ist.

Die Wahrheit sieht anders aus.

Ich gehe jeden Tag selbst durch das Haus.

Ich spreche mit Hausmeistern, Reinigungskräften, Sicherheitsmitarbeitern und Mietern.

Ich kontrolliere Reparaturen, überprüfe Rechnungen und kümmere mich um Dinge, die viele Eigentümer nie zu Gesicht bekommen.

Deshalb trage ich manchmal Werkzeug, manchmal Aktenordner und manchmal Kartons durch die Flure.

Genau deshalb hielt mich die neue Geschäftsführerin eines unserer Mieterunternehmen für alles Mögliche – nur nicht für die Eigentümerin.

Ihr Name war Sandra.

Anfang vierzig.

Perfekt gekleidet.

Selbstbewusst.

Erfolgreich.

Und überzeugt davon, Menschen innerhalb weniger Sekunden beurteilen zu können.

Unser erstes Treffen fand im Aufzug statt.

Ich trug eine Kiste mit neuen Leuchtmitteln für einen Korridor.

Sandra stand bereits vor dem Aufzug und tippte hektisch auf ihrem Smartphone.

— Können Sie endlich den Knopf drücken? fragte sie genervt.

— Das habe ich bereits getan.

— Dann offenbar nicht richtig.

Kein „Guten Morgen“.

Kein Lächeln.

Keine Höflichkeit.

Als sich die Türen öffneten, drängte sie sich zuerst hinein.

— Welches Stockwerk?

— Das sechste.

— Reinigung?

— Nein.

— Ach so. Sah jedenfalls danach aus.

Ich antwortete nicht.

In meinem Alter lernt man, dass Schweigen manchmal mehr Würde besitzt als jede Diskussion.

Doch die Begegnungen hörten nicht auf.

Jeden Morgen gab es neue Bemerkungen.

Wenn ich mit Handwerkern sprach, fragte sie, ob ich die Arbeiten überhaupt verstehen würde.

Wenn ich Unterlagen trug, fragte sie spöttisch, ob ich wüsste, was darin steht.

Wenn sie mich mit Mietern reden sah, schien sie sich darüber zu ärgern, dass „Servicepersonal“ offenbar zu viel Freiheit hatte.

Anfangs nahm ich es nicht persönlich.

Doch nach einigen Tagen fiel mir etwas auf.

Sandra behandelte nicht nur mich so.

Sie behandelte fast jeden so.

Besonders diejenigen, die in ihren Augen unter ihr standen.

Die Empfangsmitarbeiterin wurde vor anderen kritisiert.

Der Hausmeister wurde wegen Kleinigkeiten angefahren.

Selbst ihre eigenen Angestellten wirkten nervös, sobald sie auftauchte.

Mehrmals erhielt ich Beschwerden.

Nicht offiziell.

Sondern leise.

Zwischen Tür und Angel.

Menschen, die erschöpft wirkten.

Menschen, die Angst hatten, Fehler zu machen.

Menschen, die ihren Arbeitsplatz eigentlich mochten, aber ihre Vorgesetzte fürchteten.

Eines Tages rief mich der Sicherheitsdienst an.

— Frau Weber, ich wollte Sie nur informieren.

— Was gibt es?

— Frau Sandra hat verlangt, dass wir Sie registrieren und nur noch mit Sondergenehmigung ins Gebäude lassen.

Ich musste lachen.

— Und warum?

— Sie sagte, Sie würden sich ohne erkennbaren Grund im Haus bewegen.

— Verstehe.

— Es tut mir leid.

— Dafür können Sie nichts.

Natürlich hätte ich die Situation sofort beenden können.

Ein Satz hätte genügt.

„Ich bin die Eigentümerin.“

Aber genau darum ging es nicht.

Denn jemand, der nur deshalb freundlich wird, weil er plötzlich Macht oder Einfluss erkennt, hat die eigentliche Lektion nicht verstanden.

Der entscheidende Moment kam am Freitag.

Ich trug Musterplatten für die geplante Neugestaltung des Eingangsbereichs.

Als sich die Aufzugstür öffnete, stand Sandra mit zwei Mitarbeiterinnen darin.

— Nicht schon wieder Sie, sagte sie laut.

Die beiden Frauen schauten verlegen zu Boden.

— Haben Sie ein Problem damit?

— Ehrlich gesagt ja.

— Warum?

— Dieses Gebäude wirkt inzwischen wie eine Baustelle. Überall Leute mit Kisten, Werkzeugen und Material.

— Gebäude funktionieren nun einmal nicht von allein.

— Seriöse Unternehmen möchten so etwas nicht ständig sehen.

Ich sah sie einige Sekunden an.

Dann sagte ich ruhig:

— Seriöse Unternehmen erkennen den Wert aller Menschen, die ihre Arbeit machen.

Ihre Miene verhärtete sich.

Doch sie antwortete nicht.

Am darauffolgenden Montag fand die vierteljährliche Mieterversammlung statt.

Alle Geschäftsführer und Verantwortlichen der Unternehmen waren eingeladen.

Sandra erschien wie immer selbstsicher.

Sie setzte sich in die erste Reihe und unterhielt sich mit anderen Führungskräften.

Ich betrat den Raum einige Minuten später.

Sie bemerkte mich kaum.

Die Sitzung begann.

Der Verwaltungsleiter eröffnete die Veranstaltung.

Nach einigen organisatorischen Punkten sagte er:

— Bevor wir fortfahren, möchte ich der Eigentümerin des Gebäudes danken, die die umfangreichen Modernisierungen ermöglicht hat.

Sandra hörte nur halb zu.

Dann fiel mein Name.

— Frau Elisabeth Weber, möchten Sie ein paar Worte sagen?

Ich stand auf.

Und plötzlich wurde es vollkommen still.

Ich werde niemals den Ausdruck in ihrem Gesicht vergessen.

Zuerst Verwirrung.

Dann Unglauben.

Dann blankes Entsetzen.

Es war, als hätte jemand den Boden unter ihren Füßen weggezogen.

Ich trat nach vorne.

— Guten Morgen zusammen.

Niemand sagte etwas.

Sandra wurde blass.

Ich sprach über Renovierungsmaßnahmen, Sicherheitskonzepte und zukünftige Investitionen.

Dann machte ich eine kurze Pause.

— In den vergangenen Wochen wurde ich an etwas erinnert, das oft vergessen wird.

Alle hörten aufmerksam zu.

— Ein Gebäude lebt nicht von Glasfassaden oder Besprechungsräumen.

Es lebt von Menschen.

Von den Reinigungskräften, die morgens als Erste kommen.

Von den Technikern, die Probleme lösen.

Von den Empfangsmitarbeitern, die Besucher begrüßen.

Von den Sicherheitskräften, die nachts bleiben, wenn alle anderen längst zu Hause sind.

Ich blickte kurz in Sandras Richtung.

— Und der wahre Wert eines Menschen zeigt sich nicht darin, wie er mit seinem Chef spricht.

Sondern darin, wie er diejenigen behandelt, von denen er nichts erwartet.

Die Botschaft war angekommen.

Mehr musste ich nicht sagen.

Nach der Sitzung kam Sandra auf mich zu.

Zum ersten Mal wirkte sie nicht wie eine mächtige Geschäftsführerin.

Sondern wie ein Mensch, der mit sich selbst konfrontiert wurde.

— Darf ich mit Ihnen sprechen?

Wir gingen in einen kleinen Besprechungsraum.

Einige Sekunden lang schwieg sie.

Dann sagte sie leise:

— Es tut mir leid.

— Wofür genau?

Sie schluckte.

— Ich habe Sie falsch beurteilt.

— Das ist nicht der schlimmste Teil.

Sie sah überrascht auf.

— Nicht?

— Nein.

Der schlimmste Teil ist, dass Sie glaubten, so mit mir sprechen zu dürfen, solange Sie dachten, ich sei eine Reinigungskraft oder eine Mitarbeiterin des technischen Dienstes.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Denn plötzlich verstand sie.

Es ging nie darum, dass sie die Eigentümerin nicht erkannt hatte.

Es ging darum, dass sie andere Menschen für weniger wert gehalten hatte.

Lange saß sie schweigend da.

Dann erzählte sie von ihrem Karriereweg.

Von Konkurrenz.

Von Druck.

Von der ständigen Angst, Schwäche zu zeigen.

Sie hatte Härte mit Stärke verwechselt.

Kontrolle mit Führung.

Angst mit Respekt.

Zum ersten Mal hörte sie sich selbst dabei zu.

Und zum ersten Mal schien sie zu erkennen, wie viel Schaden sie angerichtet hatte.

In den folgenden Monaten veränderte sich etwas.

Langsam.

Aber sichtbar.

Sie entschuldigte sich bei Mitarbeitern.

Sie begann zuzuhören.

Sie lernte die Namen der Menschen kennen, die sie zuvor kaum wahrgenommen hatte.

Der Hausmeister bekam plötzlich ein freundliches „Guten Morgen“.

Die Empfangsmitarbeiterin ein ehrliches „Danke“.

Die Atmosphäre in ihrem Unternehmen wurde spürbar besser.

Menschen, die kündigen wollten, blieben.

Teams arbeiteten wieder miteinander statt gegeneinander.

Eines Morgens trafen wir uns erneut am Aufzug.

Ich trug wie üblich einen Karton.

Sandra hielt die Tür auf.

— Nach Ihnen.

Ich lächelte.

— Danke.

Wir stiegen gemeinsam ein.

— Welches Stockwerk? fragte sie.

— Ganz egal.

Sie schüttelte den Kopf und lächelte.

— Nein.

Heute kenne ich die richtige Antwort.

— Und die wäre?

Sie sah mich an.

— Wir fahren alle in dieselbe Richtung.

Als sich die Türen schlossen, betrachtete ich die Spiegelung im Metall.

Eine Geschäftsführerin.

Ein Hausmeister.

Eine Empfangsmitarbeiterin.

Ein Sicherheitsmann.

Eine Eigentümerin.

Unterschiedliche Berufe.

Unterschiedliche Lebenswege.

Unterschiedliche Geschichten.

Und doch denselben Wert.

Denn wahre Größe erkennt man nicht daran, wie viele Menschen unter einem stehen.

Sondern daran, wie man mit ihnen umgeht, wenn man glaubt, sie könnten einem nichts nützen.

Und genau deshalb werden manche Menschen bewundert.

Während andere erst lernen müssen, was Respekt wirklich bedeutet.

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Uniad
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