Der Anruf kam um Viertel nach acht, als ich gerade die Rollläden in der Werkstatt hochzog. Draußen roch es nach nassem Asphalt, die Straßenbahn der Linie 11 quietschte an der Haltestelle vor dem alten Backsteingebäude. Ich klemmte mir das Telefon zwischen Ohr und Schulter und wischte mir die Hände an einem Lappen ab.
„Ines? Hier ist Helene.“
Die Stimme meiner Schwiegermutter klang, als hätte sie Essig getrunken. Nicht einmal ein „Guten Morgen“. Nicht, dass ich das erwartet hätte.
„Ich weiß, dass du heute frei hast. Thomas fährt gleich los, um mir den Anhänger zu leihen. Die Möbel von Oma müssen bis zwölf aus der Wohnung. Du kommst doch auch, oder?“
Ich drehte den Schlüssel im Schloss der Werkstatttür. Das Neonlicht flackerte, summte, blieb an. Vor mir stand das halb zerlegte Rennrad von Herrn Kowalski, das seit Dienstag auf die neuen Schaltzüge wartete.
„Thomas hat heute einen Termin beim Steuerberater“, sagte ich. „Das weißt du.“
Ein kurzes Lachen auf der anderen Seite. Dieses Lachen, das ich in elf Ehejahren nur zu gut kennengelernt hatte. Es bedeutete: Du bist schwierig.
„Ach, der Termin. Wegen dieser lächerlichen Kleinigkeit. Mein Sohn kann das verschieben. Was ist wichtiger – ein bisschen Papierkram oder seine Mutter, die mit einer Wohnungsauflösung allein dasteht?“
Ich legte den Lappen auf die Werkbank und schaute aus dem Fenster. Gegenüber stand ein Lieferwagen mit Pulsnitzer Kennzeichen, der Fahrer trug zwei Kisten Milch in eine Bäckerei. Ganz normales Leben.
„Helene, ich bin in der Werkstatt. Ich habe das Fahrrad von Herrn Kowalski versprochen. Bis Mittwoch.“
„Dann kommst du eben am Nachmittag. Thomas sagt, du arbeitest nur noch halbtags. Was machst du überhaupt in dieser kleinen Bude, das ist doch kein richtiger Beruf.“
Ich antwortete nicht sofort. Draußen fing es an zu regnen, große Tropfen klatschten auf das Blechdach über dem Hintereingang. Ich dachte an die zwölf Jahre, die ich in einem Büro in Dresden gesessen hatte. An den Schreibtisch mit der grauen Trennwand. An den Geruch von altem Kaffee aus dem Automaten im dritten Stock. An den Morgen, an dem ich meine Kündigung geschrieben hatte, während Thomas nebenan im Bett lag und sagte: „Mach, was dich glücklich macht. Aber mach mich nicht verantwortlich, wenn es schiefgeht.“
Jetzt reparierte ich Fahrräder in Leipzig-Plagwitz. Zwanzig Quadratmeter, eine alte Hebebühne, ein Regal voller Ersatzteile. Ich hatte das Gefühl, zum ersten Mal seit Jahren etwas zu Ende zu bringen, das ich selbst begonnen hatte.
„Ich muss los“, sagte ich.
„Warte. Thomas holt dich um neun ab. Er hat schon zugesagt.“
Damit legte sie auf.
Ich stand da, das Telefon in der Hand, und hörte dem Regen zu. Zugesagt. Natürlich hatte er das. Er sagte immer zu, wenn seine Mutter anrief. Und ich erfuhr es hinterher, so wie man hinterher erfährt, dass die Miete abgebucht wurde.
Thomas kam um halb zehn, nicht um neun. Er trug seine alte graue Regenjacke, die an den Ärmeln aufgeraut war. Sein Gesicht war müde. Er wirkte wie jemand, der schon seit Jahren auf der Flucht war und nicht mehr genau sagen konnte, wovor.
„Du musst nicht mit“, sagte er, als er in der Werkstatttür stand.
Ich drehte mich nicht um. Ich schob den neuen Bowdenzug durch die Hülle und zog den Inbus fester.
„Ich weiß.“
Er blieb stehen. Hinter ihm fiel das Licht aus dem Hof auf die Werkbank.
„Ich schaffe das allein. Ihre Möbel, der Anhänger, alles. Du kannst hierbleiben. Wir sehen uns heut Abend.“
Seine Stimme war weich. Das war das Schlimme an Thomas: Er konnte so weich sprechen, dass man fast vergaß, was er tat. Fast.
Ich zog den Zug auf Spannung und schnitt das überstehende Stück ab. Das Messer machte ein kleines, trockenes Geräusch.
„Wie oft hast du zugesagt, bevor sie bei mir angerufen hat?“
Er antwortete nicht. Ich hörte nur den Regen. Dann das leise Schleifen seiner Sohlen auf der Türschwelle.
„Ich ruf dich an, wenn ich auf dem Rückweg bin.“
Ich hob nicht den Kopf. Die Tür fiel zu. Der Regen klatschte weiter auf das Dach.
In den nächsten Wochen wurde es still zwischen uns. Nicht die Stille von zwei Menschen, die sich ausgeruht haben. Sondern die von zwei Konten, auf denen nichts mehr eingeht. Ich arbeitete vormittags in der Werkstatt, nachmittags fuhr ich zu Kunden. Thomas fuhr zu seiner Mutter. Zu seiner Schwester. Zu irgendeinem Handwerker, der am Haus in Delitzsch etwas richten musste. Er wurde dünn, die Haut unter seinen Augen färbte sich gräulich. Aber er sagte nichts. Und ich fragte nicht mehr.
Den Kontoauszug fand ich an einem Dienstag.
Ich war früher zurück, gegen zwei. In der Küche lag Post auf dem Tisch. Briefe von der Bank, ein Prospekt vom Möbelhaus, ein Zettel von der Hausverwaltung wegen der Heizungswartung. Ich sortierte die Umschläge, als mein Daumen an einem hängen blieb. Er war offen. Nur die Ecke, als hätte jemand zu schnell hineingeschaut und ihn dann zurückgelegt.
Ich zog das Blatt heraus. Es war die Kreditkartenabrechnung von Thomas. Neun Buchungen. Drei Baumärkte. Ein Möbelhändler in Eilenburg. Zwei Tankstellen. Eine Autowerkstatt in Delitzsch. Gesamtbetrag: 7.840 Euro.
Ich setzte mich auf den Küchenstuhl. Draußen im Hof schrie jemand nach einem Kind. Das Papier knisterte unter meinen Fingern.
7.840 Euro.
Ich dachte an die vier Wochen, in denen wir uns kaum gesehen hatten. An die Abende, an denen ich allein gegessen hatte. An die Male, wenn ich in der Werkstatt stand und die Zahlen im Kopf wälzte – laufende Kosten, Miete, Versicherung, die neuen Reifen für den kleinen Werkstattwagen –, während Thomas bei seiner Mutter die Terrasse neu verlegte.
Ich hatte keine gemeinsame Kreditkarte gewollt. Thomas hatte sie beantragt, kurz bevor ich den Job in Dresden aufgab. „Für Notfälle“, hatte er gesagt. Damals hatte ich genickt, weil ich müde war und weil er mich unter der Kellertreppe auf den Mund küsste, als wäre alles in Ordnung.
Jetzt hielt ich die Abrechnung in der Hand. 7.840 Euro für Notfälle, die alle einen weiblichen Vornamen trugen: Helene. Und Janet, seine Schwester.
Ich legte das Blatt auf den Tisch zurück. Dann öffnete ich das Onlinebanking auf meinem Laptop.
Das Gemeinschaftskonto zeigte einen Kontostand von 1.204,11 Euro. Am selben Morgen waren 12.000 Euro abgeflossen. Überwiesen auf ein Konto mit dem Namen Helene Weigert. Verwendungszweck: Darlehen.
Ich wählte seine Nummer. Es klingelte viermal, fünfmal. Dann seine Stimme, heiser, als hätte er geschlafen oder zugesehen, wie das Handy klingelt.
„Ich bin gerade in der Werkstatt“, log er. Ein Wagen fuhr vorbei. Ich hörte es deutlich.
„Wann hattest du vor, mir zu sagen, dass du zwölftausend Euro an deine Mutter überwiesen hast?“
Es raschelte. Ein Stuhl schob sich über Fliesen. Dann die Stimme seiner Mutter im Hintergrund: „Wer ist das? Sag, du fährst später noch mal los.“
„Ich wollte es dir heute Abend erklären“, sagte Thomas.
„Dann erklär es jetzt.“
Er atmete aus. Ich hörte, wie er aufstand und irgendwohin ging, fort von den Stimmen. Eine Tür fiel ins Schloss.
„Das Haus in Delitzsch hat neue Fenster gebraucht. Und die Heizung. Letzten Winter ist die Leitung geplatzt, du erinnerst dich?“
„Ich erinnere mich an deine Mutter, die gesagt hat, sie wohnt gern kühl.“
„Ines.“ Seine Stimme wurde dünn. „Sie ist fast siebzig. Janet ist mit der Miete im Rückstand. Der Kleine braucht Sachen für die Schule. Ich konnte nicht nein sagen.“
„Du hättest erst mit mir sprechen müssen.“
„Wozu? Du hättest nein gesagt.“
Da war er, der Satz, der elf Jahre zusammenfaltete wie eine alte Zeitung. Du hättest nein gesagt. Und deshalb hatte er es nicht gesagt. Deshalb hatte er es einfach getan.
Ich schloss die Augen, öffnete sie wieder. Im Hof fuhr ein Lieferwagen rückwärts an die Rampe. Das Piepsen war so grell, dass ich einen Moment nichts anderes hörte.
„Komm nach Hause“, sagte ich. „Heute Abend. Wir müssen reden.“
„Ich will nicht streiten.“
„Ich auch nicht. Aber wir reden. Um acht.“
Ich legte auf, bevor er etwas erwidern konnte.
Um acht kam er nicht. Um halb elf schrieb er: Bin noch in Delitzsch, der Handwerker bringt morgen die restlichen Dichtungen. Bleib hier. Fahr nicht allein ins Bett.
Ich las die Nachricht dreimal. Dann machte ich das Licht aus und legte mich in das Bett, in dem ich seit Wochen allein lag.
Am nächsten Morgen fuhr ich in die Werkstatt, schloss auf, öffnete die Tür zum Hof und ließ die kalte Luft herein. Es hatte aufgehört zu regnen. Die Straßenbahnen fuhren wieder im Sieben-Minuten-Takt, und irgendwo über den Dächern von Plagwitz stieg Rauch aus einem Schornstein.
Ich rief die Rechtsanwältin an, die mir einmal nach einem Streit mit der Hausverwaltung geholfen hatte. Sie hieß Frau Dr. Lorenz und sprach so leise, dass man sich automatisch nach vorn beugte.
„Worum geht es?“, fragte sie.
„Ich muss wissen, wie ich mein Geld zurückbekomme. Und was mit einem Bankkonto passiert, über das mein Mann ohne mein Wissen verfügt hat.“
Sie schwieg einen Moment. Dann nannte sie mir einen Termin am Donnerstag um neun. Ich schrieb ihn auf die Rückseite einer alten Rechnung und steckte sie in die Brusttasche meiner Arbeitsjacke.
Am Donnerstag saß ich in ihrer Kanzlei in der Innenstadt. Auf dem Schreibtisch stand ein schwarzer Tee, den ich nicht anrührte. Frau Dr. Lorenz blätterte in den Unterlagen, die ich mitgebracht hatte. Kreditkartenabrechnung. Kontoauszug. Überweisung. Meine Steuerbescheide aus zwei Jahren.
„Die Überweisung ist dokumentiert“, sagte sie. „Das Problem ist, dass es sich um ein Gemeinschaftskonto handelt. Juristisch gesehen haben Sie beide verfügt, auch wenn Sie es nicht wussten. Aber die Kreditkarte läuft nur auf seinen Namen. Daraus ergibt sich eine private Haftung.“
Ich nickte. Die Worte fühlten sich an wie Schrauben, die man in eine Wand dreht. Ein bisschen trocken, ein bisschen endgültig.
„Was ist, wenn ich mich trennen will?“
Sie hob kurz die Augenbrauen, ohne mich anzusehen. Sie blätterte weiter.
„Dann sollten wir als Erstes eine Gütertrennung beantragen. Und eine Vermögensaufstellung machen. Welche Werte gibt es? Immobilien? Fahrzeuge?“
„Die Werkstatt ist gemietet. Gehört uns nicht. Das Auto läuft auf meinen Namen. Die Wohnung auch – Drei-Raum-Mietwohnung in Plagwitz. Gemeinsames Konto. Er hat noch das alte Sparbuch von seiner Großmutter.“
„Wie viel liegt darauf?“
„Nichts. Das hat er vor drei Jahren aufgelöst. Für die Reparatur des Dachs seiner Mutter.“
Frau Dr. Lorenz sah mich an. Es war ein ruhiger, abwägender Blick. Dann schrieb sie etwas auf einen gelben Notizzettel.
„Besorgen Sie mir die Kontoauszüge der letzten zwölf Monate. Und beantragen Sie eine Kontovollmacht zur Einzelverfügung. Dann sperre ich das Konto für weitere Abbuchungen.“
Ich stand auf, bedankte mich und ging hinaus auf die Straße. Draußen roch es nach belegten Brötchen und Abgasen. Ich setzte mich auf eine Bank gegenüber vom Amtsgericht und sah einem Hund zu, der geduldig auf seinen Besitzer wartete. Er legte den Kopf schief, als ich mich setzte. Als ob er wüsste, dass ich keinen Plan hatte. Aber ich hatte einen Plan. Er war nur nicht schön.
Thomas kam an dem Abend nach Hause. Ich hörte ihn im Hausflur, bevor er aufschloss. Zwei Türen weiter lief ein Fernseher. Jemand sang in einer Castingshow. Ich stand in der Küche und strich eine Brotdose mit Butter aus, die ich nicht mehr brauchte.
Er stellte eine Sporttasche neben die Tür. Er trug noch die alte Regenjacke. Seine Wangen waren rau, als hätte er sich zwei Tage nicht rasiert.
„Ich will nicht diskutieren“, sagte er leise. „Ich weiß, dass ich Mist gebaut habe. Ich bring das in Ordnung.“
Ich legte das Messer auf das Brett. Das Butterpapier knisterte.
„Wie?“
„Ich nehme einen Kredit auf. Zahle das zurück. Wir fangen noch mal an.“
„Mit welchem Geld? Du hast siebentausendfünfhundert Euro auf der Karte und zwölftausend vom Konto. Dein Gehalt geht an die Miete. Wovon willst du einen Kredit abzahlen?“
Er rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht. Ein Geräusch, als würde er etwas wegwischen, das nicht da war.
„Ich konnte sie nicht hängen lassen. Sie hat an der Heizung gespart, damit Janet den Kleinen zum Zahnarzt bringen kann. Das Haus ist alles, was sie hat. Und wenn das zusammenbricht, dann kommt sie zu uns.“
Da stand er. Mein Mann. Der Retter der Familie. Nur dass ich in seiner Rechnung die Frau war, die am Ende die offenen Konten schulterte.
„Dann verstehst du nicht, was hier passiert“, sagte ich.
„Was passiert denn? Du redest mit einer Anwältin, als wäre ich dein Feind. Ich bin dein Mann!“
Er wurde laut. Aber der Ton war dünn, wie ein Blech, auf das man tritt. Ich trat einen Schritt zurück an das Küchenfenster und schaute in den Hof.
„Du hast über zwölftausend Euro entschieden, als wärst du allein. Du hast deiner Mutter Geld überwiesen, ohne mir ein Wort zu sagen. Und jetzt sagst du, ich rede mit einer Anwältin, als wärst du mein Feind?“
„Ich wollte es dir sagen. Ich hatte nur nie den richtigen Moment.“
„Elf Jahre, Thomas. Du hattest elf Jahre.“
Da passierte etwas mit seinem Gesicht. Es sackte in sich zusammen, wie Papier, das nass wird. Er setzte sich auf den Küchenstuhl und legte die Arme auf den Tisch.
„Ich weiß.“ Seine Stimme war kaum noch da. „Ich weiß, dass es so nicht weitergeht. Aber ich kann sie nicht fallen lassen. Sie hat mich großgezogen, als Papa weg war. Sie hat zwei Jobs gemacht. Sie hat mir nie das Gefühl gegeben, dass ihr etwas fehlt. Und jetzt … jetzt braucht sie mich. Und ich kann nicht zurücktasten.“
Er schwieg. Draußen quietschte eine Straßenbahn. Ich dachte an den Abend vor elf Jahren, als wir am Karl-Heine-Kanal gestanden und über die Zukunft geredet hatten. Thomas hatte gesagt: „Ich will kein Leben, in dem man dauernd nur funktioniert.“ Ich hatte ihn dafür geliebt. Dass er nicht funktionieren wollte. Dass er etwas anderes suchte.
Jetzt funktionierte er nur noch für seine Mutter.
Ich ging zum Schrank und holte einen Briefumschlag. Darin lag eine Kopie der Überweisung und eine Aufstellung, die ich in der Kanzlei bekommen hatte. Ich legte beides auf den Tisch.
„Morgen früh beantrage ich die Kontosperre für das Gemeinschaftskonto. Wenn du Geld brauchst, kannst du es dir von deiner Mutter leihen. Die hat ja jetzt meinen Anteil.“
Er sah mich an. Zum ersten Mal, seit er durch die Tür gekommen war. Da war kein Zorn in seinen Augen. Nur etwas, das ich nicht benennen wollte.
„Willst du, dass ich gehe?“
„Ich will, dass du verstehst, dass ich nicht mehr mitzahle.“
Er stand sehr langsam auf. Ich hörte seine Knie knacken, dieses kleine Geräusch, das ich in all den Jahren jedes Mal gehört hatte, wenn er aus der Hocke aufstand.
„Wo soll ich hin?“
„Zu deiner Mutter. Nach Delitzsch. Oder zu Janet. Du hast in den letzten Wochen sowieso dort gelebt.“
Er öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Dann griff er nach der Sporttasche und ging zur Tür.
„Ich bring das mit dem Kredit in Ordnung“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Du musst nicht alles allein tragen.“
Ich antwortete nicht. Die Tür fiel ins Schloss. Ich hörte seine Schritte auf der Treppe. Dann die Haustür unten. Dann nichts mehr.
Am nächsten Morgen stand ich früh auf, duschte, zog mich an und fuhr in die Werkstatt. Ich schob das Rad von Herrn Kowalski von der Bühne, pumpte die Reifen auf, ölte die Kette. Draußen läutete die Glocke der kleinen Kirche an der Ecke. Ein Mädchen fuhr auf einem Tretroller vorbei, den linken Ärmel ihrer Jacke hatte sie nicht richtig zugeknöpft.
Ich arbeitete bis mittags. Dann schloss ich den Laden ab und fuhr mit dem Rad zur Bankfiliale am Lindenauer Markt. Die Angestellte am Schalter hieß Frau Berger. Ich kannte sie vom Sehen. Sie trug eine Brille mit rotem Gestell und hatte immer einen Stift hinter dem Ohr.
Ich legte den Brief der Anwältin auf den Tresen.
„Ich möchte eine Einzelverfügung für das Gemeinschaftskonto beantragen. Und die Karte meines Mannes sperren lassen, soweit es geht.“
Frau Berger las den Brief, schob die Brille zurecht und tippte etwas in den Computer.
„Die Kreditkarte läuft nicht über das Gemeinschaftskonto“, sagte sie. „Die läuft auf seinen Namen. Die kann ich nicht sperren. Aber das Girokonto kann ich auf Einzelverfügung umstellen. Möchten Sie das?“
Ich dachte an den Briefkasten in unserem Hausflur. An die gelben Umschläge der Bank, die ich in den letzten Monaten nicht geöffnet hatte, weil ich dachte, wir hätten Zeit.
„Ja.“
Die Angestellte nickte und tippte weiter. Ich hörte das Summen des Druckers. Ein Formular schob sich heraus.
„Unterschreiben Sie hier.“
Ich setzte meinen Namen darunter. Draußen hob ein Bus an der Haltestelle an und fuhr davon. Durch die Scheibe sah ich, wie ein alter Mann mit Rollator vorbeiging. Er hatte eine Mütze tief ins Gesicht gezogen. Es war erst Ende September, aber der Himmel über der Stadt war grau und schwer.
Als ich nach Hause kam, wusste ich, dass Thomas noch nicht wieder da gewesen war. Die Küche roch nach dem Brot, das ich am Abend vorher nicht gegessen hatte. Auf dem Tisch lag noch das Butterpapier. Ich räumte es weg, spülte das Messer, trocknete das Brett. Dann setzte ich mich auf das Sofa und erledigte etwas, das ich lange hinausgeschoben hatte: Ich rief meine Mutter an.
Sie lebte in Görlitz, in einer kleinen Wohnung mit Blick auf die Neiße. Wir hatten seit Monaten nur Nachrichten geschickt. Einmal hatte sie geschrieben: „Ich will dir nicht reinreden. Aber wann warst du das letzte Mal richtig froh?“ Ich hatte nicht geantwortet.
Jetzt meldete sie sich nach dem dritten Klingeln.
„Ines?“
„Ich wollte dich etwas fragen. Du hast mir mal gesagt, wenn es schlimm wird, soll ich kommen. Meinst du, das gilt noch?“
Ich hörte, wie sie aufstand. Ein Stuhl schob sich über Linoleum. Im Hintergrund rauschte Wasser.
„Warte. Ich stell den Herd aus. Die Kartoffeln kochen über.“
Dann kam sie zurück.
„Du kannst jederzeit kommen. Bring deine Sachen. Bring alles, was du brauchst. Und wenn es nur für ein paar Tage ist.“
Ich saß da, den Hörer am Ohr, und sah auf die dunkle Fassade gegenüber. Jemand hatte im dritten Stock eine Lichterkette ans Fenster gehängt. Sie blinkte unregelmäßig, ein Kontakt wackelte.
„Danke“, sagte ich.
„Weißt du, was ich glaube?“, sagte meine Mutter leise. „Du bist nicht die Erste, die ihren Mann an seine Mutter verliert. Aber du gehörst zu den wenigen, die sich wehren.“
Ich legte auf. Dann ging ich ins Schlafzimmer und holte den Koffer vom Schrank. Ich packte meine Arbeitskleidung ein. Die Unterlagen. Die kleine Schachtel mit den Fotos von uns beiden, die ich in den letzten Jahren nicht mehr angesehen hatte. Ich ließ die Schachtel zugeklappt. Ich wollte nicht mehr zurückblättern.
Am Samstagmorgen stand Thomas plötzlich vor der Tür. Er hatte sich rasiert. Er trug ein sauberes Hemd. In der Hand hielt er einen Briefumschlag.
„Ich habe den Kredit beantragt“, sagte er. „Die Bank will eine Bürgschaft. Meine Mutter kann nicht bürgen, ihre Rente reicht nicht. Du müsstest unterschreiben. Dann ist das Konto wieder gedeckt und alles bleibt, wie es war.“
Ich sah auf den Umschlag. Er war schon geöffnet. Der Stempel einer Bank in Leipzig. Ein Kreditvertrag.
„Du willst, dass ich bürge“, wiederholte ich leise. „Damit du deiner Mutter das Geld zurückzahlen kannst, das du mir gestohlen hast.“
Er zuckte mit den Schultern. Ein kleines, hilfloses Heben der Arme, als trüge er unsichtbare Säcke.
„Ich weiß nicht, wie ich es sonst schaffen soll. Ich verdiene zu wenig. Aber wenn du unterschreibst, bekomme ich einen Zinssatz, mit dem ich das schaffe. Dann ist alles in zwei Jahren bezahlt. Und wir können neu anfangen.“
Ich musste an die Zahlen denken, die Frau Dr. Lorenz mir genannt hatte. An die Aufstellung auf dem Küchentisch. An die zwölftausend Euro, die jetzt auf dem Konto fehlten, von dem ich am Donnerstag die Einzelverfügung beantragt hatte.
„Du verstehst wirklich nicht, was hier passiert ist“, sagte ich.
„Doch“, sagte er. „Ich verstehe, dass ich dich enttäuscht habe. Aber ich kann das wieder gutmachen. Wenn du mir hilfst.“
Ich nahm den Umschlag und legte ihn auf den kleinen Schrank im Flur. Daneben lag noch die Post von gestern. Ein Werbeprospekt für Laminatböden.
„Ich unterschreibe nicht. Wenn du einen Kredit willst, musst du ihn allein nehmen. Oder mit deiner Mutter. Aber nicht mit mir.“
Er starrte auf den Umschlag, als hätte ich ihn angezündet.
„Warum nicht? Du hast doch früher immer gesagt, wir müssen zusammenhalten. Was ist aus dem ‚Wir‘ geworden?“
Ich dachte an das Foto in der Schachtel. Ich dachte an den Abend am Kanal. An den Geruch von Popcorn im Kino. An die vielen kleinen Dinge, die ich in den letzten Jahren immer weiter nach hinten geschoben hatte, bis sie nur noch wie ein ferner Geruch in der Luft lagen.
„Das ‚Wir‘ war ein gemeinsames Konto, auf das wir beide eingezahlt haben. Das ‚Wir‘ war eine Wohnung, in der wir beide entschieden haben. Das ‚Wir‘ war die Abmachung, dass große Ausgaben nur zusammen getroffen werden. Du hast daraus ein ‚Ich‘ gemacht. Und deine Mutter hat applaudiert.“
Er setzte sich auf den Hocker neben der Tür. Zum ersten Mal wirkte er nicht wie der Mann, der immer noch irgendwohin musste. Er wirkte wie jemand, der an einer Raststätte sitzt und nicht mehr weiß, ob er weiterfahren soll.
„Janet hat mir gestern gesagt, ich soll dich endlich in Ruhe lassen. Sie meint, ich hätte uns kaputt gemacht.“
„Janet ist schlauer, als du denkst.“
„Ich weiß nicht, wie ich es ohne dich schaffen soll.“
„Du hast es schon längst geschafft“, sagte ich. „Nur eben ohne mich. Mit deiner Mutter. Mit ihrer Baustelle. Mit ihrem Haus. Du hast dir dein Leben gebaut. Es ist bloß nie angekommen, dass ich nicht mehr darin vorkomme.“
Er senkte den Kopf. Die Haare fielen ihm in die Stirn. Er sah aus wie der Mann, mit dem ich einmal geglaubt hatte, alt zu werden.
Ich ging ins Schlafzimmer und holte den Rest meiner Sachen. Den Koffer hatte ich schon gepackt. Jetzt kamen noch die Schuhe dazu. Der Regenschirm. Das Ladegerät.
Als ich zurückkam, hatte Thomas den Briefumschlag genommen und drehte ihn in den Händen.
„Was soll ich jetzt machen?“, fragte er.
„Unterschreiben. Oder nicht. Aber ohne mich.“
Ich zog meine Jacke an und griff nach dem Koffer. Dann ging ich zur Tür.
„Ich fahre zu meiner Mutter. Eure Sachen hole ich nächste Woche. Die Werkstatt bleibt, wo sie ist. Die Miete läuft auf meinen Namen. Da kommt keiner rein.“ Ich öffnete die Tür.
Er stand auf, als wollte er etwas sagen. Vielleicht wollte er mich aufhalten. Vielleicht fiel ihm ein, was er noch hätte tun können. Es kam nichts.
Ich ging die Treppe hinunter. Der Koffer schlug bei jeder Stufe gegen mein Bein. Im Hausflur roch es nach Bohnerwachs und dem feuchten Herbst von draußen. Ich drückte die Tür auf und trat auf die Straße. Die Bahn der Linie 11 kam gerade um die Ecke. Ich rannte nicht. Ich ging einfach weiter, den Koffer hinter mir her, und stieg ein.
Am Sonntag rief Helene an.
Ich war in Görlitz, saß in der kleinen Küche meiner Mutter und schälte Kartoffeln. Meine Mutter war kurz in den Garten gegangen, um Äpfel zu holen. Mein Handy lag neben dem Herd und summte.
Ihre Stimme war schrill und dünn zugleich, wie ein Draht, den man zu fest spannt.
„Was ist in dich gefahren? Thomas sitzt seit gestern bei mir und starrt auf seinen alten Laptop. Er sagt, du hast ihn verlassen. Er sagt, du willst das Konto sperren lassen. Stimmt das?“
Ich legte das Messer beiseite. Eine Kartoffelschale war auf den Boden gefallen, ich hob sie auf und warf sie in den Eimer.
„Das Konto ist bereits gesperrt. Ich habe die Einzelverfügung. Und ja, ich bin gegangen.“
„Wo bist du? In dieser Dreckswerkstatt? Du wirst doch wohl nicht bei deiner Mutter sein?“
„Doch. Ich bin bei meiner Mutter.“
„Dann komm sofort zurück! Du kannst doch nicht einfach abhauen. Thomas braucht dich. Und du hast ein Zimmer in eurer Wohnung. Ihr habt einen Mietvertrag. Du kannst nicht einfach deine Sachen packen und alles hinschmeißen.“
Ich legte das Messer ins Wasser. Das kühle Wasser lief über meine Hand.
„Helene, ich habe dir nichts mehr zu sagen. Sag Thomas, er soll mir die Bestätigung schicken, dass er den Kreditvertrag zurückgezogen hat. Dann rede ich mit ihm über die Auflösung der Wohnung. Alles andere macht meine Anwältin.“
„Deine Anwältin?! Habt ihr nicht alle noch gleich!! Das ist doch keine Sache für ein Gericht! Das ist eine Ehe! Man redet miteinander, man verträgt sich wieder. Mein Gott, du bist so kalt. Thomas hat für dich gesorgt. Er hat dir die Werkstatt gelassen, obwohl er dachte, es ist eine doofe Idee. Und jetzt willst du ihn anzeigen?“
Ich hörte im Hintergrund eine Männerstimme. Sehr leise, sehr müde. Thomas. Er sagte: „Leg auf, Mama. Bitte.“
„Nein! Sie muss das hören. Was hast du bloß aus mir gemacht, Ines? Ich wollte immer nur eine Familie. Dass wir zusammenhalten. Dass wir uns helfen. Und du … du willst alles kontrollieren. Jeden Cent. Jeden Handgriff. Du redest über eine Bank, als wärst du da zu Hause. Er ist dein Mann. Du kannst ihn nicht einfach wegwerfen, nur weil er mal einen Fehler gemacht hat.“
Ich hielt das Handy auf Armlänge, als wäre es etwas, das man nicht zu nah an sich heranlassen durfte. Dann legte ich es auf den Tisch, wartete, bis ihre Stimme ein Geräusch wurde, das ich nicht mehr verstehen wollte.
Ich nahm das Messer und schnitt die Kartoffel in Scheiben. Messer, Brett, Wasser, Salz. Ich hatte diese Handgriffe so oft gemacht. Sie gehörten mir.
Als meine Mutter zurückkam, stand sie in der Tür, einen Korb mit Äpfeln in der Hand. Sie sah das Handy auf dem Tisch, das noch summte. Sie zog die Augenbrauen hoch.
„Willst du nicht drangehen?“
„Nein. Es ist nur Helene. Sie will, dass ich zurückkomme und für Thomas den Kredit unterschreibe.“
Meine Mutter stellte den Korb auf die Anrichte. Ein Apfel kullerte heraus und rollte über den Tisch. Ich hielt ihn mit der flachen Hand auf.
„Und? Was hast du ihr gesagt?“
„Dass ich bei meiner Mutter bin. Dass das Konto gesperrt ist. Dass sie Thomas ausrichten soll, er möge den Kredit zurückziehen.“
Meine Mutter setzte sich mir gegenüber. Sie faltete die Hände auf dem Tisch, als wollte sie ein Gebet beginnen. Stattdessen sagte sie:
„Ich bin stolz auf dich. Ich hätte das nicht gekonnt.“
„Ich weiß nicht, ob ich es kann“, sagte ich.
„Du hast es schon getan. Der Rest ist Papierkram.“
Dann schälte sie eine weitere Kartoffel. Der Abend dämmerte vor dem Fenster. Irgendwo auf der polnischen Seite bellte ein Hund. Wir saßen da, schälten zu viele Kartoffeln für zwei Frauen, aber es war gut so.
Thomas schickte am Montagmorgen eine Sprachnachricht.
Sie war kurz. Ich hörte die Ansage vom Leipziger Hauptbahnhof im Hintergrund. Er sagte: „Ich habe den Kredit widerrufen. Ich fahre nach Delitzsch. Ich melde mich, wenn ich etwas weiß.“ Dann ein Rauschen. Dann nichts.
Ich stand in der Küche meiner Mutter und trank Tee aus einer Tasse mit einem Sprung. Meine Mutter war früh aufgestanden, um zum Bäcker zu gehen. Sie hatte einen Zettel neben den Tee gelegt: „Bin um zehn zurück. Es gibt frische Schrippen im Schrank.“
Die Werkstatt blieb drei Tage zu. Ich rief jeden Kunden an, sagte, es gäbe einen familiären Notfall. Die meisten verstanden es. Einer fragte: „Bleiben Sie in Leipzig? Meine Tochter braucht ihr Rad bis Samstag.“ Ich sagte: „Bis Samstag sind Sie das Rad los, Herr Neumann. Aber ich muss die Speichen erst bestellen.“ Er fluchte leise. Ich wusste, er würde warten.
Am Mittwoch fuhr ich mit dem Zug nach Leipzig, um in der Werkstatt nach dem Rechten zu sehen. Der Himmel über dem Hauptbahnhof war grau. Die Luft roch nach Regen. Ich schloss die Werkstatt auf. Drinnen war es kühl. Das Rad von Herrn Kowalski stand noch da, wo ich es gelassen hatte. Jemand hatte einen Zettel unter der Tür durchgeschoben: „Brauche deine Hilfe. Melde dich. T.“ Ich zerknüllte ihn und warf ihn in den Abfall.
Ich blieb den ganzen Tag. Ich sortierte Speichen, zählte das Lager, schrieb Rechnungen. Um halb sechs klingelte mein Handy.
Es war Janet.
„Ines? Ich bin’s. Ich wollte dir nur sagen: Ich war am Samstag dabei, als Mama dich angerufen hat. Das war nicht okay. Ich wollte das nicht. Ich hoffe, du weißt, dass ich das nicht wollte.“
Ihre Stimme klang, als hätte sie geweint. Das passte nicht zu der Janet, die ich kannte: der Frau, die immer wusste, wo es den billigsten Sprit gab und welcher Handwerker am schnellsten kam. Die Janet, die beim Familienfest den Kartoffelsalat servierte und dabei sagte: „Thomas, Ines’ Schüssel ist leer. Hol ihr noch was.“
„Du hast nie etwas gesagt, Janet. Nicht als er deiner Mutter den ersten Tausender gegeben hat. Nicht als er den Kredit beantragt hat. Du hast geschwiegen, und das war bequem genug.“
„Ich weiß.“ Ein Rauschen in der Leitung. Vielleicht fuhr sie mit dem Auto. „Ich wollte es. Aber du kennst Mama. Wenn man etwas sagt, das ihr nicht passt, ist man wochenlang die Böse. Und ich … ich bin müde. Der Kleine ist oft krank. Ich wollte einfach nur Ruhe.“
Ich dachte an die vielen Male, wenn Janet mich angerufen hatte, weil sie nicht wusste, wie der Beamer im Kinderzimmer funktionierte. Oder weil sie eine zweite Meinung zu einer Rechnung wollte. Sie hatte mich nie nach meinem Leben gefragt.
„Ich bin auch müde, Janet. Tschüss.“
Ich legte auf.
Am Freitag kam ein Brief von Frau Dr. Lorenz.
„Sehr geehrte Frau Herbst, anbei die Bestätigung der Kontovollmacht. Das Konto ist Ihr alleiniges Verfügungsgebiet. Für die güterrechtliche Auseinandersetzung benötige ich noch die Einkommensbescheide Ihres Mannes. Bitte fordern Sie diese über Ihren Arbeitgeber an. Für die Rückforderung der 12.000 Euro lege ich Ihnen einen Vergleichsvorschlag bei. Melden Sie sich, wenn Sie ihn annehmen möchten.“
Ich las den Brief auf dem Balkon meiner Mutter. Der Wind zerrte an den Blättern des Apfelbaums. Ein blauer Eimer stand im Gras. Meine Mutter hatte die Äpfel darin gesammelt.
Ich dachte: 12.000 Euro. Das war keine Summe, um die man sich prügelt. Das war die Summe, mit der ich zweieinhalb Jahre lang die Miete für die Werkstatt hätte zahlen können. Das war der Preis für einen Mann, der nie gelernt hatte, Nein zu sagen.
Ich setzte mich auf die kleine Bank, zog die Beine an und schrieb eine Antwort an Frau Dr. Lorenz. Ich schrieb sie auf dem Handy, mit kalten Fingern:
„Ich nehme den Vergleich an. Bitte fordern Sie die 12.000 Euro von Thomas Herbst zurück. Frist: 30. Oktober. Und bitte schicken Sie ihm die Unterlagen zur Unterschrift an seine neue Adresse in Delitzsch. Ich werde nicht mit ihm in Verhandlung treten.“
Ich schickte sie ab. Dann legte ich das Handy umgedreht auf die Bank und sah den Wolken zu. Sie zogen von Polen herüber, dick und grau. Es würde bald regnen.
Zehn Tage später tauchte Helene in Görlitz auf.
Ich hatte nicht geglaubt, dass sie das tun würde. Sie war noch nie bei meiner Mutter. Kein einziges Mal in elf Ehejahren. Aber jetzt klingelte es an der Wohnungstür, während ich in der Küche stand und einen Zopf backte.
Meine Mutter öffnete. Sie war ruhig, als sie zurückkam.
„Da ist jemand für dich. Eine Frau mit einem roten Wagen. Sie steht unten vor der Tür und weint.“
Ich wusch mir die Hände, trocknete sie ab und ging die Treppe hinunter. Als ich die Haustür öffnete, stand Helene da. Sie trug einen zu dünnen Mantel für Oktober. Ihr Gesicht war verheult, die Lippen blass.
„Ich wollte dich nicht bedrängen. Aber ich weiß nicht mehr weiter. Thomas ist in Delitzsch untergekommen, doch er isst kaum noch. Er redet nicht. Er sitzt nur da und blättert in den alten Fotos. Er trinkt nicht, er raucht nicht. Er funktioniert nicht mehr. Und die Bank hat ihm jetzt einen Brief geschickt. Er soll zahlen. Binnen zwei Wochen. Er hat nichts. Nicht mal für die Miete bei mir. Was soll er tun?“
Ich lehnte mich an den Türrahmen. Ein Nachbar fuhr auf einem alten Damenrad vorbei, der Dynamo summte.
„Er soll zu seiner Bank gehen. Oder zu einem Anwalt. Oder zu einer Schuldnerberatung. Was er tun soll, frage ich mich schon lange. Aber ich bin nicht mehr seine Buchhalterin.“
Helenes Gesicht verzerrte sich. Sie trat einen Schritt vor.
„Du willst ihn also wirklich ins offene Messer laufen lassen. Für zwölftausend Euro. Für eine Summe, die du in einem Jahr wieder drin hast. Das ist dein Mann gewesen, Ines. Er hat dich geliebt. Er hat dich auf Händen getragen. Und du willst ihn fallen lassen, weil er seiner Mutter geholfen hat?“
Da war er, der Satz, der alles zusammenfasste. Weil er seiner Mutter geholfen hat. Nicht: weil er mich bestohlen hat. Nicht: weil er heimlich unser Konto geplündert hat. Nicht: weil er einen Kredit aufnehmen wollte, den ich unterschreiben sollte, um seine Schulden zu decken.
„Ich habe ihm elf Jahre geholfen, Helene. Ich habe mit ihm Ihre Fenster bezahlt. Ihre Heizung. Ihre Wohnungsauflösung. Die Autoreparatur von Janet. Den Schulanfang des Kleinen. Ich habe geschwiegen, als er jeden Sonntag nach Delitzsch fuhr, statt mit mir zu leben. Und weißt du, was ich dafür bekommen habe? Einen Mann, der lügt, wenn er mein Konto leert. Und eine Schwiegermutter, die sagt, ich soll ‚nicht so rechnen‘.“
Helene zitterte. Aber nicht vor Kälte. Ich sah, wie sie die Hände zu Fäusten ballte.
„Du bist hart. Das warst du schon immer. Schon bei der Hochzeit hast du nur auf die Kosten geschaut. Mein Sohn hätte eine andere haben können. Eine, die nicht so zäh ist.“
„Dann soll er sich eine andere suchen. Aber meine zwölftausend nehme ich mit. Das ist der Preis für deine Hilfe, Helene. Und den bezahlst du jetzt. Nicht er.“
Da blitzte etwas in ihren Augen auf, das ich nicht einordnen konnte. Es war nicht Reue. Es war vielleicht die Erkenntnis, dass ich es ernst meinte.
„Ich habe kein Geld. Ich kann dir die zwölftausend nicht geben. Du weißt, dass ich nur eine kleine Rente habe.“
„Dann verkaufst du etwas. Oder du gibst Thomas das Geld aus dem Sparbuch, das er für dich aufgelöst hat. Oder du nimmst einen Kredit auf. Dein Name steht schließlich nicht auf meiner Inkassoliste. Aber auf dem Brief der Bank, den du mitgebracht hast, steht er: Helene Weigert. Also rede nicht nur von seiner Schuld. Es ist deine. Und jetzt geh. Ich habe zu tun.“
Ich schloss die Tür. Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich ging die Treppe hinauf, ohne mich umzusehen. Meine Mutter stand in der Küche und knetete den Teig weiter, als wäre nichts geschehen.
„Hat sie dich eingeschüchtert?“, fragte sie, ohne aufzusehen.
„Sie hat geweint.“
„Das kann sie gut. Aber du hast den Schlüssel zurückverlangt. Das zählt.“
Wir backten den Zopf. Er ging auf, wurde goldbraun. Der Duft zog durch die Wohnung, und ich dachte: So wird das also sein. Brot backen, während draußen eine Frau steht, die glaubt, ich hätte ihr den Sohn weggenommen. Dabei war es andersherum.
Ende Oktober kam der Bescheid des Amtsgerichts.
Ich saß in der Werkstatt, trank Kaffee aus einem Pappbecher und las die Verfügungen. Die Kontosperre war bestätigt. Der Mietvertrag der Wohnung in Plagwitz lief auf meinen Namen und konnte nicht auf Thomas übertragen werden, solange er nicht unterschrieb. Für die Rückzahlung der 12.000 Euro war ein Mahnbescheid zugestellt worden. Falls Thomas nicht fristgerecht widersprach, galt die Forderung als anerkannt.
Ich legte das Schreiben auf die Werkbank. Dann griff ich zum Werkzeug und zog einen Reifen von der Felge. Das Gummi quietschte. Der Geruch von Talkum stieg mir in die Nase.
Es klopfte.
Ich richtete mich auf. In der Tür stand Thomas. Er wirkte älter. Seine Jacke war an der Schulter aufgerissen, als wäre er irgendwo hängen geblieben. Er hielt einen Apfel in der Hand, als wüsste er nicht, wohin damit.
„Darf ich reinkommen?“
Ich wischte mir die Hände an der Arbeitshose ab. Der Kaffee wurde kalt.
„Fünf Minuten.“
Er kam zögernd herein, stellte den Apfel auf ein Regal, als dürfe er nichts berühren. Dann setzte er sich auf einen wackeligen Hocker, den ich längst hätte flicken sollen.
„Ich habe den Bescheid bekommen. Ich soll bis zum Fünfzehnten zahlen. Wenn ich nicht zahle, geht es zur Vollstreckung. Sie pfänden mein Gehalt. Dann kann ich nicht mal mehr die Miete bei Mama bezahlen.“
Ich schwieg. Draußen ratterte eine Straßenbahn. Durch das Fenster sah ich, wie ein Junge auf einem Wackelbrett über die Straße kurvte. Fast stürzte er. Er lachte.
„Ich wollte dich fragen … ob du mir noch eine Chance gibst. Ich meine, nicht als Mann. Nur als … ich will nicht unter der Brücke enden. Ich will das bezahlen. Aber ich schaffe es nicht in zwei Wochen. Kannst du die Frist verlängern? Nur um einen Monat? Ich zahle alles zurück. Ich such mir einen zweiten Job. Ich mach alles, was du willst.“
Ich setzte mich auf den Stuhl am Fenster. Der alte Holzstuhl knackte. Ich dachte an die Nacht, in der ich ihn verlassen hatte. An die Sprachnachricht vom Hauptbahnhof. An den Zettel unter der Werkstatttür.
„Das Geld ist nicht das Problem, Thomas. Das Problem ist, dass du immer noch glaubst, ich sei deine Rettung. Ich bin nicht deine Rettung. Ich war elf Jahre lang deine stille Buchhalterin. Jetzt bin ich deine Gläubigerin. Wenn du zahlst, ist die Sache durch. Wenn nicht, vollstreckt das Amtsgericht. Das habe ich mir nicht ausgedacht. Das ist das Gesetz.“
„Aber du könntest es stoppen. Du hast die Vollmacht. Du könntest sagen, du verzichtest auf das Geld. Dann hört das auf. Dann kann ich wieder atmen.“
Ich sah ihn an. Er meinte es ernst. Er sah wirklich nicht, was daran zynisch war. Er bat mich, auf mein Geld zu verzichten, damit sein Leben weiterging. Er bat mich, die Gläubigerin zu stoppen, weil sie ihm den Schlaf raubte. Er bat mich, wieder die zu werden, die er kannte: die Frau, die sich kümmerte, während er sich um seine Mutter kümmerte.
„Ich verzichte nicht“, sagte ich ruhig. „Ich habe die Kontosperre beantragt, damit du nicht noch mehr abhebst. Ich habe die Forderung geltend gemacht, weil du sie nie freiwillig zurückgezahlt hättest. Und ich werde sie nicht stoppen, weil du traurig bist. Das ist vorbei, Thomas. Das ist die Konsequenz. Nicht von mir. Von deiner Entscheidung.“
Er senkte den Kopf. Der Apfel auf dem Regal daneben wurde dunkler an der Kante, wo er den Tisch berührt hatte.
„Ich habe nie einen anderen Menschen so geliebt wie dich“, sagte er leise. „Ich hätte dir alles gegeben. Aber du wolltest es nie.“
„Du hättest mir alles gegeben, außer das Einzige, was ich wollte: Ehrlichkeit. Ohne deine Mutter. Ohne dieses ständige ‚Ich mach das schon, du musst dir keine Sorgen machen‘, während die Konten bluten. Du hast mir nie gesagt, wie schlimm es steht. Du hast mich zu deiner Komplizin gemacht, ohne mein Wissen. Das ist keine Liebe. Das ist Vertuschung.“
Da stand er auf. Langsam, als trüge er eine unsichtbare Last. Er nahm den Apfel vom Regal und hielt ihn fest.
„Ich zahle. Ich finde einen Weg. Und dann … dann will ich, dass du mir nie wieder eine Frist setzt. Dann will ich, dass du mich endlich in Ruhe lässt.“
Ich wusste, das war sein letzter Versuch, mich zu provozieren. Er wollte, dass ich ihn anschrie. Dass ich ihn zurückschlug. Dass ich bewies, wie böse ich war. Damit er eine Geschichte hatte, in der ich die Täterin war.
Ich stand nicht auf. Ich griff nach dem Reifen, den ich aufgezogen hatte, und strich mit dem Daumen über die Ventilkappe.
„Geh nach Hause, Thomas. Oder zu deiner Mutter. Aber komm nicht mehr her, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Du kennst den Weg zur Bank.“
Er sah mich noch einen Moment an. Dann drehte er sich um und ging. Die Tür fiel nicht richtig zu. Ich hörte, wie er draußen stand, vielleicht um zu sehen, ob ich ihm nachliefe. Dann kamen die Schritte. Dann nichts.
Ich blieb sitzen, bis die Kälte in die Werkstatt kroch. Dann zog ich die Tür zu, drehte den Schlüssel um und fuhr mit dem Rad zur Bahn.
Im Januar kam eine Karte von Janet.
Sie war an die Werkstatt adressiert. Auf der Vorderseite ein Foto vom Völkerschlachtdenkmal im Schnee. Auf der Rückseite stand in Kinderschrift:
„Danke für die Karte.“
Darunter in Janets Handschrift: „Der Kleine hat sie zum Geburtstag bekommen. Er hat sie im Bett aufbewahrt. Ich dachte, du willst das wissen. Wir sind zurück nach Markkleeberg gezogen. Thomas wohnt noch bei Mama. Ich glaube, er schläft wieder mehr. Mehr kann ich nicht sagen. Ich hoffe, du bist gut in Görlitz. J.“
Ich las die Karte zwischen zwei Reparaturen. Draußen schneite es. Die Flocken schmolzen auf der Fensterbank der Werkstatt. Ich hatte Janet nie eine Karte geschickt. Aber der Junge hatte eine bekommen. Irgendwann im Dezember musste meine Mutter sie eingeworfen haben. Sie hatte nicht gefragt. Sie machte solche Dinge manchmal.
Ich steckte die Karte in das Rechnungsregal, zwischen die Lieferscheine. Nicht weil sie wichtig war. Sondern weil ich nicht wollte, dass sie herumlag. Sie hätte mich an Dinge erinnert, die ich nicht mehr anfassen wollte.
Im Februar kam die Zahlung.
Zuerst sah ich sie im Onlinebanking: Ein Eingang von 4.000 Euro. Verwendungszweck: „Ratenzahlung Thomas Herbst“. Drei Tage später noch einmal 2.500. Dann wieder. Bis Ende März waren 12.000 Euro vollständig zurückgezahlt.
Ich rief Frau Dr. Lorenz an und fragte, woher das Geld kam. Sie zögerte einen Moment.
„Ihre Schwiegermutter hat einen Kredit aufgenommen. Sie hat ein Darlehen von einer Bank in Delitzsch bekommen. Daraus wurden die Raten beglichen. Offenbar hat sie dafür etwas eingesetzt. Die Auskunft ist nicht ganz sauber, aber rechtlich ist die Summe beglichen. Möchten Sie, dass ich nachfrage?“
Ich saß vor dem Computer in der Werkstatt. Draußen tropfte der Schnee von den Dächern. Die Sonne schien zum ersten Mal seit Wochen.
„Nein. Hauptsache, es ist bezahlt. Damit schließen wir die Sache ab.“
Ich legte auf. Dann stand ich auf und wusch mir die Hände, obwohl sie sauber waren. Ich rieb sie lange an dem Handtuch, das nach Werkstatt roch, nach Öl und Gummi. Dann atmete ich aus.
Es war vorbei.
Nicht, weil ich verziehen hatte. Sondern weil das Konto auf null stand. Weil die Werkstatt lief. Weil ich in Görlitz bei meiner Mutter wohnte und jeden Morgen die Tür zur Küche öffnete, bevor der Tee kalt war. Weil ich wieder Rad fuhr, ohne auf die Uhr zu sehen. Weil ich abends am Tisch saß und nicht mehr auf ein Handy wartete.
Einmal sah ich Thomas in Leipzig.
Ich war auf dem Weg zum Großmarkt, um neue Sattel zu holen. Es regnete. Er stand an der Haltestelle vor dem Konsum. Er trug eine neue Jacke. Sie passte ihm nicht richtig an den Schultern. Neben ihm stand seine Mutter. Sie hielt einen Schirm, der sich im Wind bog. Thomas stieg in die Bahn. Helene blieb zurück. Der Schirm klappte nach oben, und für einen Moment sah sie sehr alt aus.
Ich fuhr weiter. Ich klingelte, als ein Auto zu dicht auffuhr. Der Fahrer zeigte mir den Mittelfinger. Ich hob die Hand, als hätte ich nicht verstanden. Der Regen lief mir in den Kragen. Ich war froh, dass ich nicht mehr in dieser Wohnung in Plagwitz saß und auf einen Mann wartete, der nicht kam.
In der Werkstatt legte ich die neuen Sattel ins Regal. Dann setzte ich mich an den kleinen Tisch neben der Tür und schrieb eine E-Mail an Frau Dr. Lorenz:
„Ich bestätige den vollständigen Eingang der 12.000 Euro. Die Forderung ist beglichen. Ich habe keine weiteren Ansprüche aus dem ehelichen Verkehr. Wenn Sie einen sauberen Abschluss brauchen, schicken Sie mir das Formular zur Erledigung.“
Ich schickte sie ab. Dann schaltete ich den Laptop aus und ging vor die Werkstatt. Der Regen hatte nachgelassen. Über den Dächern von Plagwitz riss der Himmel auf. Ein kleines Stück Blau schob sich zwischen die Wolken.
Ich weiß, dass Leute sagen, so eine Geschichte habe kein gutes Ende. Aber ich stand da, die Hände in den Taschen, und fühlte etwas, das ich lange nicht gefühlt hatte: Ich musste nicht mehr verhandeln. Nicht mehr überschlagen. Nicht mehr retten.
Diese Rechnung war bezahlt.
*Postskriptum: Ein Jahr später, beim Umzug in eine kleinere Werkstatt, fand ich in einer Kiste mit alten Buchhaltungsordnern einen Umschlag, der an Thomas adressiert war. Er steckte zwischen den Mietverträgen von 2016. Darin lag ein handschriftlicher Zettel von Helene: „Wenn du dich scheiden lässt, überschreibe ich dir das Haus in Delitzsch. Aber nur, wenn du das Konto behältst. Du weißt, warum.“ Der Zettel war datiert auf den März 2015 – sechs Monate vor der ersten großen Baumaßnahme am Haus. Ich habe ihn in den Schredder gelegt, ohne Thomas anzurufen.*
