Die letzte Portion Apfelkuchen

Ich arbeite seit sechs Jahren als Koch im „Zum alten Kastanienhof“ in Leipzig. Die Küche ist klein, die Fliesen sind gesprungen, und die Straßenbahnlinie 11 rumpelt jede Viertelstunde am Fenster vorbei. Das Lokal gehört Magdalena Keller. Alle nennen sie Magda. Sie hat den Laden von ihrer Oma Gertrud übernommen, die ihn nach der Wende geführt hat. Magda blieb dabei, obwohl die Sparkasse Leipzig uns längst den Hahn zugedreht hatte: sieben Monatsmieten Rückstand, die Kühlzelle sprang nur noch jedes zweite Mal an, und auf dem Gehweg vor dem Eingang lehnte ein Schild: „Mittagstisch ab 7,90 Euro“. Das Schild hatte Magda mit eigener Hand gemalt, weil sie kein Geld für eine Leuchtreklame hatte.

An diesem Abend goss es, dass man die Hand vor Augen kaum sah. Der Geruch von nassem Laub und Diesel zog unter der Tür durch. Ich stand an der Passierstange und schälte Kartoffeln, weil unser Lehrling krank war. Da schlug die Klingel an der Eingangstür so hart an, dass ich dachte, der Sturm hätte das alte Holz aus dem Rahmen gerissen.

Ein Junge, vielleicht acht Jahre alt, stand im Türrahmen. Das dunkle Haar klebte ihm am Kopf, die Jacke troff, und in den Armen trug er eine völlig durchweichte Papiertüte. Er zitterte, dass seine Zähne klapperten.

Magda war vor mir im Gastraum. Sie kam mit einem Geschirrtuch über der Schulter und packte den Jungen an der Schulter.

— Mein Gott, Kind, bist du verloren?

Der Junge antwortete nicht. Er drückte die Tüte fester an sich.

Magda führte ihn zu einem Tisch neben dem gerahmten Foto ihrer Oma Gertrud. Dann trug sie ihm unser letztes Stück Hähnchen auf, den Rest Kartoffelpüree, Brot vom Morgen und das letzte Stück Apfelkuchen. Ich rief durch die Durchreiche:

— Magda, wir können nicht jeden durchfüttern. Wir haben nicht mal genug für die zwei Stammgäste morgen.

— Jens, es ist ein Kind. Willst du, dass er uns verhungern lässt?

Das war typisch Magda. Sie hätte ihre letzte Jacke verschenkt, wenn jemand gefroren hätte.

Der Junge aß, bis seine Hände aufhörten zu zittern. Er sagte, er heiße Lukas. Er habe seine Nanny beim Einkaufszentrum verloren, weil er einer kleinen grauen Katze in den Regen gefolgt war. Ich hörte nur halb hin, weil ich den Topf schrubben musste. Aber dann fiel ein Name, bei dem ich das Messer weglegte.

— Und wie ist dein Nachname, Lukas? fragte Magda.

— Werner. Lukas Werner.

Werner. Der Name haute mich um. Wernert Transporte, die Spedition mit den zweihundert LKW. Der Chef, Andreas Werner, war der Mann, der in Leipzig das Sagen hatte. Wenn du im Viertel einen Mietvertrag verlieren wolltest, musstest du dich nur mit ihm anlegen.

Noch bevor ich Magda warnen konnte, fuhren draußen drei schwarze Limousinen vor. Der Regen prasselte auf die Dächer, die Scheinwerfer warfen lange helle Streifen in den Gastraum. Ein Mann stieg aus dem ersten Wagen. Er war groß, trug einen dunklen Mantel und bewegte sich so ruhig, als könne ihm niemand etwas anhaben. Er schob die Tür auf, und der kleine Lukas rannte zu ihm.

Der Mann sah den leeren Teller, dann mich, dann Magda. Seine Stimme klang tief.

— Sie haben meinen Sohn gefüttert.

Magda zuckte die Achseln.

— Er war nass und hungrig. Das hier ist ein Restaurant.

Wernert zog den Jungen an sich.

— Wussten Sie, wer er ist?

— Erst, als er seinen Nachnamen sagte. Aber er ist trotzdem acht.

Der Mann setzte sich neben seinen Sohn. Lukas reichte ihm die nasse Papiertüte. Wernert zog den Inhalt heraus: mehrere Briefe in Plastikfolie, ein altes Foto und einen kleinen Messingschlüssel. Ich sah das Foto. Eine junge Frau mit weißer Schürze neben einem kleinen Jungen. Die Frau erkannte ich sofort — es war Oma Gertrud, jung, vor dem Lokal.

Magda trat näher.

— Das ist meine Großmutter. Warum haben Sie ein Bild von ihr?

Wernert legte das Foto flach auf den Tisch. Seine Finger blieben auf der Kante liegen.

— Weil Ihre Großmutter mich vor 30 Jahren gefunden hat. Ich war so alt wie Lukas. Sie hat mich gefüttert und meine Mutter vor meinem Vater versteckt. Mein Vater war damals … kein guter Mensch. Ohne Gertrud wäre ich heute nicht mehr.

Ich lehnte an der Durchreiche. Das Messer lag noch in der Spüle.

Magda schwieg. Sie strich mit dem Daumen über das Foto, dann legte sie es hin.

— Ich freue mich, dass es Ihnen gut geht, Herr Werner. Mehr nicht.

Wernert lehnte sich zurück.

— Ihre Oma hat mir nie eine Chance gegeben, mich zu bedanken. Ich möchte das nachholen. Wie hoch sind die Schulden?

Magda hob den Kopf.

— Das geht Sie nichts an.

— Doch. Ich will das regeln.

— Sie schulden mir nichts. Meine Oma hat Ihnen geholfen. Nicht ich.

Er beugte sich vor.

— Ich habe Ihr Lokal beobachtet. Sieben Monatsmieten, die Kühlzelle defekt, die Bank droht mit Pfändung. 84 000 Euro. Ich kann das heute überweisen.

Ich dachte, jetzt wäre alles vorbei. 84 000 Euro. Doch Magda lachte nicht, sie jubelte nicht. Sie ging in den kleinen Büroraum neben der Küche und kam mit einer blauen Aktenmappe zurück. Sie legte sie auf den Tisch, machte den Knopf auf.

— Hier ist der Vertrag.

— Was für ein Vertrag?

— Sie bekommen 30 Prozent des Lokals. Für 84 000 Euro. Keine Schenkung, keine Almosen. Sie zahlen den Betrag als Einlage — als stiller Teilhaber. Laufzeit: zehn Jahre. Danach können Sie Ihre Anteile zurückgeben oder behalten. Aber Sie haben kein Recht, sich in die Küche oder die Karte einzumischen.

Wernert überflog die Seiten. Dann zog er einen Füller aus der Innentasche. Er unterschrieb jede Seite. Zweimal. Dann schob er die Mappe zurück.

— Rufen Sie Ihre Bank an. Das Geld geht in zehn Minuten ein.

Magda nahm ihr Telefon, tippte die Nummer der Sparkasse Leipzig ein. Ich hörte sie sagen:

— Hier ist Magdalena Keller. Der Betrag von 84 000 Euro wird in Kürze auf das Geschäftskonto eingehen. Bitte heben Sie die Pfändung auf.

Dann legte sie auf. Sie sah auf das Display. Ich beugte mich vor. Da stand: Eingang 84 000,00 EUR.

Der Mann stand auf, zog seinen Mantel glatt.

— Ich werde einmal im Monat einen Bericht über die Zahlen haben wollen.

— Bekommen Sie. Jeden fünften Werktag.

Er nahm Lukas an der Hand. An der Tür drehte er sich noch einmal um.

— Die Nanny, die Lukas verloren hat, wurde gefunden. Sie hatte einen Schwächeanfall, aber es geht ihr gut.

Magda sagte:

— Gut. Dann einkaufen Sie nächste Woche nicht im Einkaufszentrum. Der Junge läuft immer hinter Katzen her.

Wernert verzog den Mundwinkel. Es war fast wie ein Lachen, aber nicht ganz. Dann trat er in den Regen hinaus. Die drei Limousinen fuhren davon.

Ich stand da, die Hände noch feucht vom Spülwasser. Magda drückte die blaue Mappe an die Brust. Sie zitterte. Aber es war kein Schütteln vor Kälte. Sie atmete tief durch und sagte:

— Morgen kaufen wir einen neuen Kühlschrank. Und Mehl. Und der Lehrling bekommt eine richtige Stelle.

Dann griff sie zum Telefon und wählte die Nummer des Bäckers. Ich hörte sie sagen:

— Für Sonntag brauchen wir zwanzig Kilo Apfel. Wir backen Kuchen.

Mehr nicht. Der Laden lief weiter.

Ein halbes Jahr später räumte ich den Keller auf. Hinter einem kaputten Regal fand ich eine alte Blechdose, auf der noch die Reste eines Weihnachtsmotivs waren. Ich machte sie auf. Innen lag ein vergilbter Brief. Er war von einer Frau namens Helene Werner, der Mutter von Andreas. Sie schrieb: „Liebe Gertrud, ich habe damals einen silbernen Löffel aus deiner Küche genommen, um für Andreas Medizin zu kaufen. Ich schäme mich bis heute. Verzeih mir. Ich hoffe, du verstehst, warum ich es getan habe.“

Datum: 1994. Darunter stand in Gertruds Handschrift: „Nicht weggeschmissen. Für später.“

Ich habe den Brief Magda gegeben. Sie las ihn, faltete ihn zusammen und legte ihn in die Schublade neben der Kasse. Dann bestellte sie sechs neue silberne Löffel. Nicht für uns. Für das Pfandhaus. Damit die nächste Mutter nicht stehlen muss.

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Uniad
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