Katrin hörte den Timer aus der Küche, als Mareike die Gabel in den Krautsalat stach.
„Schmeckt wie Seife“, sagte Mareike und verzog das Gesicht. „Und bitter. Wo hast du das Zeug gekauft? Im Netto an der Ecke?“
Katrin stand neben dem Stuhl, über dem Unterarm hing ein Geschirrtuch. Auf dem Tischtuch neben ihrem Platz war schon ein gelber Fettfleck, weil Mareike das Salatblatt über dem Teller abgetropft hatte. Auf dem Tisch stand das Porzellan, das Katrin von ihrer Mutter geerbt hatte. Drei Stunden hatte sie am Vortag eingekauft, vier Stunden stand sie heute in der Küche. Heiligabend. Und ihr dritter Hochzeitstag.
Heidrun saß am Kopfende, an Jens’ Platz. Sie hatte sich dort hingesetzt, kaum dass sie durch die Tür war, als wäre das gar keine Frage.
„Mareike ist empfindlich gegen Chemie“, sagte Heidrun. „Sie verträgt keinen Ersatzstoff. Ihr Magen ist schwach.“
Jens saß seitlich und pulte mit der Gabel die Rotkohlreste auseinander.
„Mama, der Salat ist okay“, murmelte er.
„Iss nur, mein Junge. Dein Magen hat sich ja in drei Jahren an alles gewöhnt.“ Heidrun goss sich Weißwein nach, ohne zu fragen. „An Fabrikfraß.“
Katrin ging zurück in die Küche. Der Ofen summte noch. Sie zog das Blech heraus: Die Gans war tiefgolden, die Haut mit Honig glasiert. Äpfel und Zwiebeln schmorten im Bratensatz, Rosmarin hing in der Luft. Sie hob die Gans auf eine große Platte und trug sie ins Zimmer.
„Ah, der Braten“, sagte Mareike. „Mal sehen, ob das wenigstens essbar ist.“
Katrin stellte die Platte in die Tischmitte. Heidrun kniff die Augen zusammen.
„Die Flügel sind ja fast schwarz. Die ist trocken wie Pappe.“
Mareike piekste mit der Gabel in die Brust. „Echt, die ist zäh. Hast du das Rezept bei Chefkoch gefunden? Mann muss Gänse in den Bratschlauch packen.“
Jens schnitt ein Stück ab, kaute. „Die Gans ist okay. Etwas trocken, aber geht. Katrin, gibst du mir Ketchup?“
Katrin sah ihn an. „Ketchup zu Gans mit Honigkruste?“
„Na ja, sie kratzt im Hals.“
Das war der Punkt. Genauer gesagt war es eine Mauer.
Katrin sah über den Tisch. Sie sah die Platte, den Lachs, den Krautsalat, die Soße. Sie sah Heidrun, die im Mund mit dem Zahnstocher stocherte und dabei den Lachs beäugte. Mareike verzog die Lippen. Jens griff nach einer Ketchupflasche, die gar nicht existierte.
„Nein“, sagte Katrin.
„Was nein? Kein Ketchup? Dann gib Mayonnaise.“
„Du wirst das nicht essen.“
Katrin nahm die Platte mit der Gans und hob sie an.
„Stell das hin! Ich will wenigstens einen Apfel!“
„Die Äpfel sind auch zäh. Du brichst dir die Zähne.“
Katrin trug die Platte in die Küche, stellte sie auf die Arbeitsplatte, kam zurück. Sie nahm die Schüssel mit dem Krautsalat.
„Katrin, spinnst du?“, rief Heidrun.
„Ich schütze euren empfindlichen Magen“, sagte Katrin. „Ersatzstoffe sind nichts für euch.“
Sie brachte auch die Schüssel weg. Dann holte sie den Teller mit dem Lachs.
Jens stand auf. „Was machst du? Stell das Essen zurück!“
„Essen?“, Katrin blieb mit dem Teller in der Hand stehen. „Vor einer Minute war das noch gefärbter, saurer, trockener Abfall. Warum wollt ihr euch an Heiligabend damit quälen?“
„Wir sind Gäste!“, kreischte Mareike. „Du bist ja verrückt!“
Katrin trat zu Mareike, nahm ihr den Teller mit dem halb gegessenen Forellenfilet weg. Mareike drückte sich in die Lehne.
„Gäste sagen danke und essen, was auf den Tisch kommt. Oder sie essen still und gehen. Ihr seid gekommen, um an mir rumzunörgeln. Das funktioniert nicht.“
Katrin griff nach Heidruns Teller. Heidrun versuchte, ihn zu packen, aber Katrin zog ihn weg. Eine Gabel fiel klirrend auf den Boden.
„Du unverschämtes Ding“, fauchte Heidrun.
„Geht einfach.“
Jens stand mitten im Zimmer. „Katrin, stell das sofort zurück. Das sind meine Mutter und meine Schwester.“
„Deine Mutter und deine Schwester können in den Schnellimbiss an der Ecke gehen. Ich zahle ihnen eine Portion. Von dem Geld, das Mareike mir noch schuldet.“
Mareike sprang auf. „Ich schulde dir gar nichts! Mein Bruder hat gesagt, das war geschenkt!“
Katrin sah Jens an. „Geschenkt? Aus meinem Geld?“
Jens schluckte. „Sie hatte es halt schwer. Ich wollte es dir noch sagen.“
„Du wolltest es mir also nachträglich sagen, während ich längst bezahlt habe.“ Katrin stellte den Teller ab. „Dann wird es jetzt richtig schwer.“
Sie ging in den Flur, machte den Schrank auf, holte Heidruns Mantel heraus und warf ihn auf einen leeren Stuhl. Danach flog Mareikes Daunenjacke hinterher.
„Raus.“
Heidrun stand auf, zupfte ihre Goldkette zurecht. „Das wirst du bereuen. Jens bleibt nicht bei dir. Stimmt’s, mein Junge?“
Jens schaute auf den Boden. „Katrin, du übertreibst. Entschuldige dich bei Mama. Wir decken den Tisch neu, und alles ist gut.“
„Alles ist gut?“ Katrin trat zu ihm. Er roch nach dem billigen Rasierwasser, das seine Mutter ihm zu Weihnachten geschenkt hatte.
„Wessen Wohnung ist das, Jens?“
„Was hat die Wohnung damit zu tun? Wir sind eine Familie!“
„Die Wohnung gehörte mir schon vor der Ehe. Sie läuft auf meinen Namen. Du bist hier nur gemeldet.“
„Willst du mir das jetzt vorwerfen? Ich habe die Wände tapeziert!“ Seine Stimme kippte. „Ich habe die Regale angebaut!“
„Die Tapeten waren im Sonderangebot, Jens. Dreiundzwanzig Euro die Rolle.“ Katrin machte einen Schritt zurück. „Nimm deine Jacke selbst, oder soll ich die auch rauswerfen?“
Jens’ Gesicht lief rot. „Ich gehe jetzt mit meiner Familie. Und solange du nicht auf Knien angekrochen kommst, komme ich nicht wieder.“
„Abgemacht. Schlüssel auf die Kommode.“
„Was?“
„Schlüssel auf die Kommode. Deine Sachen holst du morgen, wenn ich arbeite. Ich stelle die Kartons in den Hausflur.“
Heidrun riss den Mantel an sich. „Komm, Jens! Soll sie doch an ihrer Gans ersticken. Wir finden dir eine richtige Frau, keine mit so einem Charakter.“
Sie zogen sich an. Jens warf den Schlüsselbund auf die Spiegelkommode. Das war ein einziger heller Klirrton.
„Du zerstörst wegen einem Stück Fleisch die Familie“, sagte er an der Tür.
„Ich befreie die Wohnung von Schmarotzern“, sagte Katrin.
Die Tür fiel ins Schloss. Katrin drehte den Schlüssel zweimal um und legte die Kette vor. Im Flur roch es nach fremdem Parfüm. Sie lehnte die Stirn an die kalte Tür. Atmete. Dann ging sie in die Küche.
Sie füllte den Wasserkocher. Sie holte einen Teller aus Porzellan, legte ein Stück Gans darauf, dazu Krautsalat und eine Scheibe Brot. Sie setzte sich an den leeren Tisch. Das Wachs des Adventskranzes tropfte auf das weiße Tischtuch. Draußen fuhr eine Bahn der Linie 11 über die Karli, das Fenster klirrte im Takt.
Sie biss in die Gans. Das Fleisch war butterweich, der Saft vermischte sich mit Honig und Apfel. Um sie herum standen leere Stühle.
Auf dem Tisch vibrierte ihr Handy. Auf dem Display stand: „Mama Heidrun“. Dann kam eine Nachricht von Jens: „Schick mir 120 Euro fürs Hotel. Bei Mareike auf dem Boden schlafe ich nicht.“
Katrin kaute den Bissen zu Ende. Sie tippte auf die DKB-App. Unter „Überweisen“ wählte sie ihr eigenes Tagesgeld-Konto. Sie gab 14.280 Euro ein. Die Push-TAN kam, sie bestätigte. Die Überweisung war in wenigen Sekunden gebucht.
Dann tippte sie auf Jens’ Chatverlauf und schrieb: „Hotel zahlst du wie deine Schwester ihr iPhone: von deinem eigenen Konto.“ Danach blockierte sie die Nummer von Heidrun. Und die von Jens.
Sie legte das Handy mit dem Display nach unten neben den Teller. Draußen im Treppenhaus summte ein Handy. Einmal. Noch einmal. Jens war noch nicht weit gekommen. Dann blieb es leise.
Auf dem Fensterbrett lag noch das Päckchen Räucherkerzen, das niemand angezündet hatte. Sie biss noch einmal ab.
