Ich arbeite seit sechzehn Jahren als Hausärztin in Rendsburg, in einer kleinen Praxis zwei Straßen von der Fußgängerzone entfernt. An diesem Donnerstag im September roch es nach Zimtschnecken aus der Bäckerei nebenan, und meine letzte Patientin vor der Mittagspause war eine Frau namens Ingrid Bahrmann, dreiundsiebzig Jahre alt, wegen eines erhöhten Blutdrucks.
Ich kannte Ingrid seit Jahren, aber an diesem Tag saß sie anders da. Sie hielt ihre Handtasche auf dem Schoß fest umklammert, mit beiden Händen, als könnte ihr jemand sie wegnehmen. Der Reißverschluss war halb offen, ein Stapel Fotos lugte heraus – alte, mit weißem Rand, wie man sie früher beim Fotoladen entwickeln ließ.
„Wie geht es Ihrem Sohn?", fragte ich, während ich die Manschette um ihren Arm legte. Ich wusste, dass ihr Sohn Torben vor drei Jahren die Kfz-Werkstatt ihres verstorbenen Mannes übernommen hatte, unten an der Kieler Straße.
Sie schwieg einen Moment zu lange. Dann sagte sie: „Er hat mir die Vollmacht für mein Konto weggenommen. Letzten Monat. Er sagt, ich soll mich nicht mehr um Geld kümmern, das sei zu anstrengend für mich."
Ich hörte auf, den Blutdruck aufzupumpen. „Und was heißt das für Sie im Alltag?"
„Es heißt, ich muss ihn fragen, wenn ich zum Friseur will. Es heißt, meine Rente von tausendeinhundertzwanzig Euro geht auf ein Konto, an das ich keinen Zugriff mehr habe." Sie sagte das ohne Zorn in der Stimme, eher wie jemand, der eine Diagnose vorliest, die ihn selbst betrifft.
Ich fragte, ob sie mit einem Anwalt gesprochen habe. Sie schüttelte den Kopf. „Er ist mein Sohn. Man geht doch nicht gegen sein eigenes Kind vor."
Die Werte waren an diesem Tag zu hoch, 168 zu 98. Ich verschrieb ihr ein neues Medikament und bat sie, in zwei Wochen wiederzukommen. Sie kam nicht. Auch nicht vier Wochen später. Erst im November rief mich ihre Nachbarin an, eine gewisse Frau Sillmann, die in derselben Straße wohnte und gelegentlich für mich Botengänge zu älteren Patienten machte, wenn ich es selbst nicht schaffte.
„Frau Doktor", sagte sie am Telefon, „ich glaube, Sie sollten mal nach Frau Bahrmann sehen. Sie hat seit drei Tagen die Rollläden unten nicht mehr hochgezogen."
Ich fuhr nach der letzten Sprechstunde selbst hin, mit meiner Tasche, obwohl das eigentlich nicht mehr meine Aufgabe war. Es regnete leicht, die Straße roch nach nassem Laub. Ingrid öffnete die Tür in ihrem Morgenmantel, um vier Uhr nachmittags. In der Wohnung stand die Heizung nicht an. Auf dem Küchentisch lag ein Kontoauszug, den sie sich offenbar mühsam von der Bank hatte aushändigen lassen. Torben hatte in den letzten sechs Wochen 4.300 Euro vom gemeinsamen Konto abgehoben – für, wie er es ihr erklärt hatte, „Ersatzteile und laufende Kosten der Werkstatt".
Ich setzte mich zu ihr an den Tisch. Sie hatte die Fotos aus der Handtasche jetzt vor sich ausgebreitet: Torben als Junge auf einem Fahrrad, Torben bei seiner Konfirmation, ihr Mann Klaus-Dieter vor der frisch eröffneten Werkstatt, 1987.
„Wissen Sie, was mich am meisten stört?", sagte sie. „Nicht das Geld. Dass er nicht mehr fragt, wie es mir geht, wenn er kommt. Er kommt nur noch, wenn er die Kontoauszüge braucht."
Ich sagte ihr, dass ich als Ärztin nichts an der Vollmacht ändern könne, aber dass es Stellen gebe, die genau für solche Fälle da seien – die Betreuungsbehörde, einen Fachanwalt für Erbrecht, den Sozialverband VdK, bei dem sie ohnehin Mitglied war. Ich schrieb ihr eine Nummer auf einen Zettel und legte ihn zwischen die Tabletten auf dem Tisch, wo sie ihn nicht übersehen konnte.
Drei Wochen vergingen. Dann rief mich Frau Sillmann wieder an, diesmal mit einer anderen Stimme. „Sie werden es nicht glauben. Frau Bahrmann war beim Anwalt. Ganz allein, mit dem Bus."
Ich sah Ingrid erst im Januar wieder, zur nächsten Kontrolle. Sie kam pünktlich, gut angezogen, mit einem Ordner unter dem Arm, den sie auf den Stuhl neben sich legte, nicht auf den Boden. Ich fragte, was passiert war.
„Ich habe die Vollmacht widerrufen", sagte sie. „Der Anwalt hat mir eine Vorsorgevollmacht aufgesetzt, an eine unabhängige Betreuerin, eine Frau vom VdK, die das beruflich macht. Mein Konto ist wieder auf meinen Namen allein. Und die Werkstatt – die gehörte sowieso schon Torben, das war nie mein Eigentum, das hat mein Mann ihm vererbt. Aber die 4.300 Euro habe ich zurückgefordert, mit einer Frist bis Ende Februar."
Ich fragte, ob Torben davon wisse.
„Er stand vor zwei Wochen vor meiner Tür. Habe ihm nicht aufgemacht. Er hat geklingelt, drei Mal. Dann ist er wieder gegangen." Sie sagte es ohne Triumph, mit derselben ruhigen Stimme wie im September, als sie mir von der Vollmacht erzählt hatte.
Ich maß ihren Blutdruck: 134 zu 84. Ich sagte ihr, dass die Werte gut aussähen. Sie nickte und packte den Ordner wieder in ihre Tasche, diesmal ohne ihn festzuhalten, mit einer Hand, beiläufig, wie man eine Einkaufstasche trägt.
Beim Hinausgehen blieb sie kurz an der Anmeldung stehen und fragte meine Sprechstundenhilfe, ob es in der Bäckerei nebenan noch die Zimtschnecken gebe, die ihr Mann früher jeden Samstag geholt hatte. Es gab sie noch. Sie kaufte sich eine, aß die Hälfte auf dem Weg zur Bushaltestelle, den Rest, sagte sie mir beim nächsten Termin, habe sie am Abend mit einer Tasse Tee gegessen. Allein, aber am eigenen Tisch, mit dem eigenen Geld bezahlt.
