Ich hörte die Mädchen, bevor ich sie sah. Ihre Stimmen prallten von der Klinkerwand im Flur zurück, hoch, gleichzeitig, wie drei aufgescheuchte Möwen über der Elbe. Es war Donnerstag, kurz vor sieben, und ich saß in der Küche in Blankenese. Auf dem Tisch lag die halb offene Morgenpost, daneben ein Brötchen mit Pflaumenmus. Durch das offene Fenster zog der Geruch von nassem Rasen und Hafensalz.
Elena, das Kindermädchen, stellte einen Korb mit nassen Badelatschen neben die Tür. Sie trug noch ihre Regenjacke. „Frau Bode, ich muss Ihnen etwas erzählen.“ Ihre Stimme war so leise, dass ich den Wasserkocher ausstellte.
„Im Park an der Wasserorgel“, sagte sie. „Da war ein Mann mit dem gleichen Motiv wie bei Ihnen. Ein kaputter Kompass. Auf dem Unterarm.“
Ich setzte die Tasse ab. Der Kaffee schwappte über den Rand, mitten auf die Titelseite des Hamburger Abendblatts, und fraß sich in das Papier. Acht Jahre. Ich hatte acht Jahre lang gewusst, dass dieser Morgen kommen konnte.
Marlene, Jule und Sophie saßen im Nebenraum. Sie malten mit Wachsmalern. Durch die Verbindungstür hörte ich, wie Jule sagte: „Der Mann hatte Sägespäne unter den Nägeln.“
Ich gab dem Kindermädchen den Nachmittag frei. Dann ging ich ins Schlafzimmer und schob die ärmellose Bluse von der linken Schulter. Das Tattoo sah noch so aus wie damals in Berlin: ein Kompass, dessen Nadel fehlte und dessen Gehäuse einen Riss hatte. Ein Mann in einer Bar in Moabit hatte es mir mit seiner Maschine gestochen, während ich auf einem Barhocker saß und meinen Mädchennamen „Kati“ auf einen Bierdeckel schrieb.
Der Mann von damals hieß Nils. Mehr wusste ich nicht. Er hatte mich am Morgen schlafen lassen, ich war vor dem ersten S-Bahn-Lärm verschwunden. Nur der Kompass war geblieben.
Fünf Tage später lag ein brauner Umschlag auf meinem Schreibtisch in der HafenCity. Kein Absender. Empfangsdatum von der Sekretärin: heute, 9:42. Darin ein Stück Pappe, mit Bleistift gezeichnet: derselbe Kompass. Darunter stand: „Der Norden existiert noch.“
Ich drückte viermal auf die Taste der Sprechanlage, bis die Verbindung stand. „Lassen Sie ihn hoch.“
Nils Kessler betrat mein Büro in einer grauen Arbeitshose und einem Hemd, das nach Holzleim roch. An seinem Daumen klebte ein Pflaster, unter den Nägeln steckte heller Schleifstaub. Auf dem Unterarm trug er das gleiche Motiv wie ich. Er war breiter geworden am Hals, die Haare kürzer. Sonst hatte er sich kaum verändert.
Er legte keine Mappe auf den Tisch, keine Forderung. Er setzte sich mir gegenüber. Zwischen uns stand nur mein Laptop, ein vertrockneter Bogenhanf mit braunen Spitzen und die Frage, die ich nicht beantwortet hatte.
„Du heißt also nicht Kati“, sagte er.
„Katharina Bode.“
„Und die Töchter?“
„Sie heißen Marlene, Jule und Sophie. Sie sind acht.“
Er griff nach der Armlehne, nicht nach dem Tisch. Seine Finger bohrten sich in das Leder. Dann fragte er, warum. Ich erzählte ihm von meinem Vater, der kurz nach der Berliner Messe seinen zweiten Schlaganfall gehabt hatte. Von der Firma, die kurz vor der Übernahme stand. Von den Aufsichtsräten, den Banken, den Klatschportalen. „Drei Babys, kein Vater, keine Erklärung. Das wäre nicht mein Leben gewesen.“
„Es war aber meins“, sagte er.
„Du hattest keine Adresse, keine Telefonnummer, nur einen falschen Namen.“
„Du hast mir den Namen aber nicht gegeben. Du hast mich aus deiner Geschichte gestrichen.“
Ich griff nach dem Wasserglas. Meine Finger waren klamm. „Ich hatte Angst. Und mit jedem Jahr wurde es schwerer, das zuzugeben.“
Nils stand auf, ging zum Fenster. Draußen hoben die Containerbrücken am Burchardkai gelbe Kästen in die Luft. Ein Kranführer ließ einen Stahlhaken über das Schiff pendeln. „Ich verlange kein Geld“, sagte er. „Ich verlange nicht mal, dass du mir die Schuhe küsst. Ich will die Mädchen kennenlernen.“
Am nächsten Tag kam er nach Blankenese. Ich hatte das Haus nicht aufgeräumt. Die Mädchen saßen in Rothenbaum-Hoodies am großen Esstisch, daneben ein Regal voller Spiele, die sie nie benutzten. Als ich die Terrassentür aufschob, rannte draußen der Nachbarshund Bolero am Maschendraht entlang.
Nils brachte eine Holzkiste mit. Darin lagen drei kleine Boote aus Kiefernholz, an jedem Bug ein anderer Buchstabe: M, J, S. Er hatte sie in einer Nacht gebaut, sagte er. Marlene, Jule und Sophie standen im Türrahmen. Sie trugen die gleichen blauen Gummistiefel, aber Marlene hatte ein Haargummi mit einem Plastik-Seepferdchen dran.
„Bist du der Mann aus dem Park?“, fragte Jule.
„Ja.“
„Warum hast du den gleichen Kompass wie Mama?“
„Weil wir uns vor langer Zeit begegnet sind.“ Nils zog den Ärmel hoch. „Der Kompass ist kaputt, weil ich damals nicht wusste, wohin. Aber manchmal führt einen auch so eine Missweisung an die richtige Stelle.“
Marlene nahm das Boot mit dem M, drückte es an ihre Brust. „Und warum warst du nicht bei unserer Einschulung?“
Ich wollte antworten. Der Satz kam nicht. Meine Hand lag an der Türzarge, die Finger in das helle Holz gedrückt.
„Weil ich euch erst gesucht habe“, sagte Nils. „Ich wusste nicht, dass es euch gibt.“
Das war gelogen. Nicht von ihm. Von mir. Ich hatte es gewusst. Acht Jahre lang.
Am Abend, als die Mädchen schliefen, rief ich Notar Dr. Petersen an. Ich sagte: „Ich brauche die Vaterschaftsanerkennung. Für alle drei.“
„Frau Bode, Sie sind sicher?“
„Nein. Aber ich tue es.“
Am Dienstag fuhr ich nach Barmbek. Der Hof hinter der Kanalstraße roch nach frischem Regen und benziniger Kreissäge. Durch ein offenes Fenster drang die Durchsage der S1 Richtung Wedel. Ein rostiges Damenfahrrad lehnte an der Hauswand, der Kettenschutz war mit einem Kabelbinder repariert.
Ich fand Nils in der Werkstatt. Er hobelte gerade eine Eichenplatte, die Ohrenschützer hatte er sich in den Nacken geschoben. Ich legte die blaue Mappe neben die Hobelspäne.
„Drei beglaubigte Abschriften“, sagte ich. „Auf Seite vier wirst du als Vater eingetragen. Marlene, Jule, Sophie. Geburtsurkunde, Sorgerecht, Umgang. Das Jugendamt hat für morgen um neun Uhr dreißig einen Termin. Außerdem habe ich bei der Haspa ein Konto eingerichtet. 1.200 Euro im Monat, ab dem Ersten. Das ist nicht der Grund, warum ich gekommen bin. Der Grund steht auf Seite vier.“
Nils stellte den Hobel ab. Er wischte sich die Hände an der Schürze ab, bevor er die Mappe berührte. „Und was bekommst du dafür?“
„Nichts. Meine Töchter bekommen einen Vater. Und du bekommst acht Jahre, die ich dir nicht zurückgeben kann.“
Er klappte die Mappe auf. Ich sah, wie seine Lippen die Namen der Mädchen nachformten. Durch die offene Tür lief der Nachbar mit einem verbeulten Einkaufswagen vorbei und rief irgendetwas wegen der Post. Nils hörte nicht hin.
Ich schob ihm einen Stift über die Werkbank. „Es fehlt nur noch deine Unterschrift.“
Er nahm den Stift. An der Wand hinter ihm hing ein kleines Schild, mit dem Messer gekerbt: „Der Norden existiert noch.“ Ich hatte es nicht gesehen.
Ich drehte mich um und ging zum Tor. Auf halbem Weg blieb ich stehen, aber ich kehrte nicht um. Hinter mir hörte ich, wie der Stift über Papier fuhr. Das Tor fiel hinter mir ins Schloss. Auf der anderen Straßenseite hing Marlenes Regenhut an der Garderobe, und die Lampe im Hausflur flackerte dreimal, bevor sie ausging.
