Der Anruf kam an einem Dienstagvormittag, während ich in der Kantine der Klinik meinen Kaffee kalt werden ließ. Notar Brenner, die Stimme trocken wie Aktenpapier: Ich solle zur Testamentseröffnung meines Vaters kommen, Freitag, elf Uhr, Kanzlei am Kollwitzplatz. Mein Vater, Dieter Fassbender, war drei Wochen zuvor gestorben, an einem Herzinfarkt, in seiner Wohnung in Lichtenberg, mitten beim Rasieren, so hatte es der Nachbar gefunden. Ich, Jana Fassbender, zweiunddreißig, Krankenschwester auf der Kardiologie im Vivantes Klinikum Friedrichshain, war seine einzige Tochter. Meine Mutter hatte er vor achtzehn Jahren verloren, an Krebs, und seitdem hatte er allein gelebt, in derselben Zweizimmerwohnung, mit demselben Trabant-Poster über dem Sofa, das er nie abgehängt hatte, obwohl er den Wagen längst verkauft hatte.
Ich rechnete mit nichts Besonderem. Ein Sparbuch vielleicht, ein paar tausend Euro, die Wohnung war ohnehin nur gemietet gewesen. Als ich am Freitag im Besprechungsraum saß, roch es nach Druckerpapier und dem Pfefferminztee, den die Sekretärin servierte, und Brenner blätterte umständlich in seiner Mappe, bevor er zu lesen begann.
„Gemäß dem letzten Willen Ihres Vaters geht das Haus –"
Ich lächelte, in Erwartung, dass er die Lichtenberger Wohnung meinte, obwohl die ja gar nicht ihm gehört hatte.
„– in Rangsdorf, Fontanestraße 14, an seine Tochter Jana Fassbender über."
„Rangsdorf?" Ich beugte mich vor. „Da war ich noch nie. Mein Vater hat nie ein Haus in Rangsdorf gehabt."
Brenner sah über den Rand seiner Brille. „Es handelt sich nicht um den Hauptwohnsitz Ihres Vaters. Es ist eine weitere Immobilie, die auf seinen Namen eingetragen war. Seit siebzehn Jahren."
Er schob mir eine Mappe hin. Grundbuchauszug, eine Adresse am Rand des Rangsdorfer Sees, die ich nie gehört hatte. Siebzehn Jahre. Das war, kurz nachdem meine Mutter gestorben war. Ich starrte auf das Papier, als könnte es sich noch ändern, wenn ich nur lange genug hinsah.
„Wer wohnt dort?", fragte ich.
„Das kann ich Ihnen nicht sagen", sagte Brenner. „Die Nebenkosten wurden all die Jahre pünktlich von einem Konto Ihres Vaters abgebucht. Mehr weiß ich nicht."
Ich fuhr am Sonntag hin, mit dem Auto meiner besten Freundin Steffi, weil meiner in der Werkstatt stand. Vierzig Minuten südlich von Berlin, vorbei an Kiefernwäldern, die nach Harz und feuchter Erde rochen, dann ein schmaler Weg, der vom See wegführte, gesäumt von hohen Birken. Das Haus lag am Ende, halb versteckt, ein Klinkerbau mit grünen Fensterläden, wie aus den siebziger Jahren. Aber verlassen wirkte es nicht. Der Rasen war frisch gemäht, in einer Vase auf der Veranda standen Dahlien, noch nicht welk. Jemand kümmerte sich um dieses Haus. Seit siebzehn Jahren, vielleicht.
Mir wurde flau. Ich stieg aus, ließ die Autotür nur angelehnt, ging über den Kiesweg und beugte mich zu einem der vorderen Fenster, um hineinzusehen. Drinnen ein Wohnzimmer mit altmodischer Schrankwand, ein Foto auf dem Sims – zu klein, um Details zu erkennen. Ich hatte kaum die Hand an die Scheibe gelegt, da flog die Haustür auf.
Eine Frau stand im Rahmen, vielleicht sechzig, graue Haare zu einem Knoten gebunden, eine Küchenschürze noch umgebunden. Hinter ihr, im Flur, ein Junge, vielleicht sechzehn, der neugierig den Kopf streckte.
„Wer sind Sie?", fragte die Frau, die Stimme scharf, aber nicht unfreundlich, eher wie jemand, der sich seit Jahren auf diesen Moment vorbereitet und ihn trotzdem gefürchtet hatte.
„Jana Fassbender." Meine Kehle war trocken. „Meine – mein Vater war Dieter Fassbender. Dieses Haus gehört jetzt mir. Laut Testament."
Die Frau wurde blass, hielt sich am Türrahmen fest. „Dieter ist tot?"
„Vor drei Wochen." Ich sah an ihr vorbei zu dem Jungen. „Wer sind Sie?"
Sie schwieg lange. Aus der Küche drang der Geruch von angebranntem Toast, irgendwo tickte laut eine Wanduhr, die dringend eine neue Batterie brauchte. Dann sagte sie: „Ich heiße Renate Kowalski. Und das", sie legte die Hand auf die Schulter des Jungen, „ist Milan. Ihr Halbbruder."
Ich hörte das Wort, aber es ergab keinen Sinn, wie ein Satz in einer fremden Sprache, den man nur teilweise übersetzen kann. „Das ist nicht möglich", sagte ich. „Mein Vater hatte keine – er war nach dem Tod meiner Mutter allein."
„War er nicht", sagte Renate leise. „Er hat mich kurz nach ihrem Tod kennengelernt. Bei der Volkshochschule, Spanischkurs. Wir haben uns ineinander verliebt, aber er wollte nie – " Sie brach ab, wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. „Er wollte Sie nicht verletzen. Er hat gesagt, es würde Ihre Trauer um Ihre Mutter noch schlimmer machen, wenn er so schnell wieder jemanden hätte. Also hat er zwei Leben geführt. Die Wohnung in Lichtenberg mit Ihnen. Und hier, an den Wochenenden, mit uns."
Ich setzte mich unaufgefordert auf die oberste Stufe der Veranda, weil meine Beine plötzlich nicht mehr trugen. Milan kam näher, blieb aber auf Abstand, die Hände tief in den Jackentaschen. Er hatte die gleichen buschigen Augenbrauen wie mein Vater. Genau die gleichen.
„Wie alt bist du?", fragte ich ihn.
„Sechzehn", sagte er, die Stimme belegt.
Sechzehn. Also war er geboren worden, als ich sechzehn selbst war und noch bei meinem Vater in Lichtenberg wohnte, ahnungslos, während er jedes zweite Wochenende „auf Montage" gewesen sein wollte, wie er immer gesagt hatte. Ich erinnerte mich plötzlich an den Geruch von Kiefernnadeln, den er manchmal mitgebracht hatte, an den Sonnenbrand im Nacken im August, den er mit „Baustelle ohne Dach" erklärt hatte.
„Er hat euch nie erwähnt", sagte ich, mehr zu mir selbst.
„Er hat auch dich uns gegenüber kaum erwähnt", sagte Renate, nicht anklagend, eher müde. „Wir wussten von deiner Existenz. Er hat uns gesagt, du seist seine Tochter aus erster Ehe, dass es kompliziert sei, dass er es dir irgendwann sagen würde. Irgendwann ist nie gekommen."
Milan setzte sich neben mich, ohne zu fragen, ein gutes Stück entfernt, aber nah genug, dass ich seine Anspannung spüren konnte. „Er hat mir Angeln beigebracht", sagte er, als müsste er etwas beisteuern, um die Stille zu füllen. „Da drüben, am See. Jeden Sommer."
Ich hatte nie mit meinem Vater angeln gehen dürfen. Er hatte immer gesagt, dafür fehle ihm die Zeit.
Wir saßen dort, bis die Sonne hinter den Birken verschwand, und redeten – stockend, mit langen Pausen, in denen jede von uns versuchte, das Bild des Mannes, den sie zu kennen glaubte, neu zusammenzusetzen. Renate erzählte, wie sie das Haus zusammen gekauft hatten, aus ihren beiden Ersparnissen, aber nur auf seinen Namen eingetragen, „weil es einfacher war, steuerlich", hatte er gesagt. Sie hatte nie einen eigenen Anteil im Grundbuch. Siebzehn Jahre lang hatte sie ein Haus gepflegt, das rechtlich nie ihr gehörte.
Am Montag rief ich Notar Brenner an und ließ mir den kompletten Grundbuchauszug schicken, dazu die Kontoauszüge, die mein Vater für die Nebenkosten benutzt hatte. Ich brauchte drei Tage, um alles zu lesen, am Küchentisch meiner eigenen Wohnung in Friedrichshain, mit kalt gewordenem Kaffee und der Nachbarskatze, die durchs offene Fenster kam und sich auf die Unterlagen legte, als wollte sie mir sagen, ich solle eine Pause machen.
Rechtlich gehörte mir das Haus in Rangsdorf. Vollständig. Ich hätte es verkaufen können, für rund dreihundertfünfzigtausend Euro, laut Schätzung eines Maklers, den ich anrief, nur um die Zahl zu kennen. Ich hätte Renate und Milan innerhalb einer Frist zur Räumung auffordern können. Das Gesetz war eindeutig auf meiner Seite.
Ich fuhr stattdessen ein zweites Mal nach Rangsdorf, an einem Samstag im November, mit einer Mappe unter dem Arm. Renate öffnete, diesmal ohne Schürze, das Gesicht auf etwas vorbereitet, das sie fürchtete.
Ich legte die Mappe auf den Küchentisch. Darin: der unterschriebene Entwurf einer notariellen Schenkung, den ich mit einer Anwältin aus meiner eigenen Tasche hatte aufsetzen lassen, fünfhundertzwanzig Euro hatte mich das gekostet. Ich übertrug Renate die Hälfte des Grundstücks als Miteigentum, im Grundbuch eingetragen, unwiderruflich. Die andere Hälfte behielt ich, aber mit einem lebenslangen Wohnrecht für sie, notariell abgesichert.
„Ich will das Haus nicht verkaufen", sagte ich. „Und ich will nicht, dass du und Milan verlieren, was ihr siebzehn Jahre lang gepflegt habt, nur weil sein Name allein auf dem Papier stand." Ich schob ihr einen Kugelschreiber hin. „Aber ich will auch, dass klar ist: Das hier ist jetzt unser beider Eigentum. Auf dem Papier. Nicht mehr sein Geheimnis."
Renate weinte, während sie unterschrieb, nicht laut, nur die Schultern, die zuckten, während sie den Stift über die Zeile führte. Milan stand in der Tür, sagte nichts, kam aber später mit zwei Tassen Tee, die er wortlos vor uns abstellte, bevor er wieder verschwand, in sein Zimmer, wo ich später gedämpfte Musik hörte, dieselbe Band, die auch mein Vater immer im Radio gehört hatte.
Ich behielt mein Zimmer nicht in Lichtenberg – die Wohnung gab ich Ende des Jahres auf, das Trabant-Poster nahm ich mit, weil ich es nicht übers Herz brachte, es wegzuwerfen. Stattdessen fahre ich seither jeden zweiten Sonntag nach Rangsdorf, meistens mit einer Tüte Brötchen vom Bäcker an der Ecke, und Milan hat mir inzwischen tatsächlich das Angeln beigebracht, am selben Steg, an dem er es von unserem Vater gelernt hat.
Im Frühling, als wir den Schuppen hinterm Haus ausräumten, fand Renate eine alte Zigarrenkiste unter losen Dielenbrettern, verstaubt, mit einem Gummiband verschnürt. Darin: Fotos von mir als Kind, die ich nie gesehen hatte, Kopien, die mein Vater sich offenbar heimlich hatte machen lassen und all die Jahre hier versteckt hatte, weit weg von seinem zweiten Leben, aber trotzdem bei sich. Auf der Rückseite eines Bildes, mit Bleistift, kaum lesbar: „Meine Jana, sieben Jahre." Renate sagte, sie habe die Kiste nie geöffnet, weil sie geglaubt hatte, es seien alte Steuerunterlagen.
