Die Kette am Kühlschrank

Der Metallbügel knirschte über die Emailleschicht, als Ralf daran rüttelte, dass die Türen klapperten wie ein Blechdach im Sturm. Seine Finger waren zu dick für das Vorhängeschloss, also zerrte er einfach weiter, bis ihm die Schläfe pulsierte. Das schwarze Schloss mit dem dreistelligen Zahlencode wippte jedes Mal gegen die weiße Tür, als wollte es sich über ihn lustig machen.

„Was soll der Scheiß, Jule? Ich will essen!“ Er trat gegen die Kühlschrankkante und ließ die Kette los.

Julia lehnte am Türrahmen der kleinen Leipziger Altbauwohnung. Sie hatte die Hände in den Taschen ihrer Strickjacke vergraben. Draußen zog der Oktobernebel an der Fensterbank vorbei, und im Hinterhof bellte Nachbars Dackel, weil jemand die Mülltonne zu laut schloss. Sie hatte den ganzen Nachmittag gebraucht, um das Schloss zu montieren. Hatte das alte Fahrradschloss vom Drahtesel ihres Vaters genommen, weil es das einzige war, was durch den Griff passte.

„Ich hab dich was gefragt!“ Ralf richtete sich auf. Sein Hemd klebte ihm am Rücken, dabei hatte er keine zehn Minuten gegen das Ding gekämpft.

„Und ich hab dir gestern Abend geantwortet.“ Ihre Stimme klang flach. Nicht laut. Nicht wütend. Genau das machte ihn fertig. „Sobald auf dem Tagesgeldkonto wieder die Summe steht, die dort Montagmorgen noch lag, sag ich dir den Code.“

Ralf öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Er setzte sich auf den wackligen IKEA-Hocker, der bei jeder Bewegung leise ächzte. „Du hast ins Online-Banking geschaut.“

„Ich hab eine Überweisung gesehen. Sechzehntausend Euro. Weg. An Gisela. Ohne dass du auch nur einmal mit mir geredet hast.“

„Es war ein Notfall.“

Julia trat ans Fenster. Der Dackel draußen hatte aufgehört zu bellen, jetzt war nur noch das dumpfe Tuckern der Linie 9 zu hören, die unten über den Wilhelm-Leuschner-Platz zog. Sie presste die Lippen aufeinander, bis sie eine kleine weiße Linie bildeten.

„Ein Notfall. Deine Mutter hat ein undichtes Dach an der Laube. Und dafür nimmst du das Geld, das wir vier Jahre lang für die Anzahlung auf eine größere Wohnung gespart haben?“

„Sie braucht ein neues Dach, Jule. Der Winter kommt, die Balken gammeln. Was soll ich machen? Sie hat niemanden außer mir.“

„Sie hat eine Terrasse mit Markise bekommen. Das war vor vier Jahren. Und davor einen neuen Zaun. Und letztes Jahr eine Terrassenüberdachung. Deine Mutter sammelt Lauben wie andere Leute Briefmarken.“

Ralf schlug mit der Faust auf den Tisch. Ein Kaffeelöffel fiel runter und klirrte auf dem uralten Dielenboden. „Ich bring auch Geld nach Hause! Ich hab genauso geschuftet! Ich darf über mein eigenes Konto verfügen!“

Julia drehte sich zu ihm um. Sie musterte ihn, wie man einen Handwerker mustert, der ein falsches Rohr verlegt hat. Ruhig. Abwartend. „Dann verfüg auch über dein eigenes Essen. Die Sachen da drin hab ich bezahlt. Und ich hab entschieden, dass sie zu sind.“

Sie ging ins Wohnzimmer, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Am nächsten Morgen erwachte sie von einem lauten Knall im Flur. Ralf hatte die Tür des Küchenschranks zugeworfen, dass es durch die halbe Wohnung hallte. Als Julia in die Küche kam, stand er im Sport-Shirt da, die Haare standen ihm in alle Richtungen, und auf der Arbeitsplatte lag eine leere Nudelpackung.

„Wo ist der Kaffee?“ Seine Stimme war noch rau vom Schlaf.

„Im Schrank.“

„Und warum geht der nicht auf?“

Julia deutete auf die Schranktür. Das Spiralschloss, das sie am Vorabend noch montiert hatte, schimmerte im trüben Morgenlicht. Ein zweites Fahrradschloss. Für den Kaffee. Für die Nudeln. Für alles, was man als Mann Mitte vierzig braucht, bevor man zur Arbeit geht.

„Bist du irre?“ Ralf riss an der Tür. „Ich muss ins Werk! Ich hab keinen einzigen Kaffee im Magen!“

„Da ist Haferflocken auf dem Tisch. Mit Leitungswasser geht’s zur Not.“

Er starrte die durchsichtige Tüte an, als läge da ein totes Tier. Dann griff er danach, zerdrückte sie in der Faust und ließ sie in den Mülleimer fallen. „Weißt du, was das ist? Das ist Erpressung!“

Julia zog den Gürtel ihres Morgenmantels fester. „Erpressung wäre es, wenn du nicht wüsstest, wie du an dein Essen kommst. Aber du weißt es. Überweis das Geld zurück, und der Kaffee fließt wieder.“

„Gisela hat den Handwerkern schon den Vorschuss gegeben! Soll ich denen hinterherlaufen und betteln?“

„Das ist dein Thema. Du hast das Geld genommen. Du kümmerst dich drum, dass es wieder da ist.“

Ralf schnappte sich seine Jacke vom Haken und knallte die Wohnungstür hinter sich zu, dass es im Flur schepperte. Julia blieb noch einen Moment in der Küche stehen, dann nahm sie die Haferflocken aus dem Mülleimer. Sie warf sie nicht weg. Die Kinder brauchten was für die Schule.

Am Abend kam Ralf mit einem Plastikbeutel nach Hause. Oben drauf lagen drei Packungen Billig-Nudeln und eine Packung Aufschnitt vom Discounter. Er hielt den Beutel in die Höhe, als wäre er ein Pokal.

„Hab ich von Mario geliehen. Bis zum Gehalt. Dachtest wohl, ich krepier?“

Julia saß am Wohnzimmertisch und kontrollierte die Mathehefte des Jüngeren. Sie schaute kurz auf. „Lass es dir schmecken. Aber trink nicht zu viel von dem Zeug, dein Magen macht sonst schlapp.“

Er verschwand in der Küche. Sie hörte das Rascheln der Plastiktüte, das Klappen der Mikrowellentür. Dann klingelte sein Handy. Ein schriller Klingelton, den er viel zu laut eingestellt hatte.

„Mama ruft an“, rief er in den Flur. „Ich stell auf Lautsprecher, dann hörst du endlich, worum es ging. Das mit dem Dach war ernst!“

Julia schob den Stuhl zurück und trat in die Küchentür. Ralf hielt das Handy in der ausgestreckten Hand, als wolle er eine Gerichtsverhandlung eröffnen. Er tippte auf den grünen Hörer.

„Ja, Mama. Julia ist auch da.“

„Ach, mein Junge!“ Die Stimme der Schwiegermutter quäkte aus dem Lautsprecher. „Ich wollt dir was erzählen. Die Handwerker sind gekommen. So nette Leute, ganz fix.“

„Na also.“ Ralf warf Julia einen Blick zu, der sagen sollte: Siehst du, es ist echt.

„Habt ihr das Dach denn schon abgedeckt?“, fragte Ralf.

„Ach, das Dach!“ Gisela lachte. „Das Dach kann noch warten. Die haben gesagt, mit Teerpappe hält das zwei, drei Jahre. Ich hab mir was Schöneres überlegt. Für das Geld bau ich jetzt eine Veranda! Mit Glasdach, weißt du, so richtig elegant. Da kann ich im Sommer sitzen und den Vögeln zuhören.“

Ralf lief die Röte aus dem Gesicht, als hätte jemand einen Stöpsel gezogen. Er starrte auf das Handy, dann auf Julia, dann wieder auf das Handy.

„Eine Veranda“, wiederholte er tonlos.

„Ja! Und die Enkel können draußen Pfannkuchen essen, wenn sie zu Besuch kommen. Das wird so gemütlich!“

Julia drehte sich um und ging zurück ins Wohnzimmer. Sie setzte sich wieder an den Tisch, nahm den Rotstift in die Hand und machte einen Haken an die Aufgabe, die der Kleine trotz des ganzen Lärms richtig gelöst hatte.

Hinter ihr war es still geworden.

Zwei Stunden später ging die Wohnzimmertür auf. Ralf stand im Rahmen. Er hatte die Jacke an, obwohl er gar nicht rausging. In der Hand hielt er seinen Geldbeutel. „Ich fahr morgen früh zu meiner Mutter und hol das Geld zurück“, sagte er.

Julia antwortete nicht sofort. Sie klappte das Matheheft zu, legte den Rotstift daneben und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Dann bringst du es zur Bank und lässt es zurückbuchen. Und dann sehen wir weiter.“

„Und dann sagst du mir den Code?“

„Dann rede ich mit dir über den Code. Mehr nicht.“

Er wirkte, als wolle er etwas entgegnen, aber er schluckte es runter. Vielleicht war ihm das Ganze selbst so unangenehm, dass ihm die Worte fehlten. Er hob die Hand, ließ sie wieder sinken. „Ich bin morgen Nachmittag zurück. Hoffentlich ohne Veranda.“

Am nächsten Abend kam Ralf tatsächlich mit dem Geld zurück. Er warf den Kontoauszug auf den Küchentisch, direkt neben die Kette am Kühlschrank. „Einundvierzigtausendsechshundert. Alles drauf. Jetzt sag mir den Code.“

Julia nahm den Auszug, las die Zahl. Sie sah ihn an. „Fünfhundert Dreiundzwanzig.“

„Fünfhundertdreiundzwanzig? Mehr nicht?“

„Mein Hochzeitstag. Aber nicht in der Reihenfolge.“

Ralf starrte sie an, dann lachte er kurz auf. Es war kein gutes Lachen. „Du hast das Datum im Code. Du bist so sentimental.“

Julia zuckte mit den Schultern. „Du hattest zwei Tage Zeit. Du hättest ja draufkommen können.“

Er drehte die Rollen, bis das Schloss aufschnappte. Die Kette fiel mit einem Rasseln auf den Boden. Er riss die Kühlschranktür auf, holte sich den Rest der Wurst heraus und biss direkt von der Packung ab. Als er kaute, funkelte ihn von der Seite an. „Bist du jetzt zufrieden?“

„Noch nicht“, sagte Julia. Sie griff in die Tasche ihrer Jeans und zog einen Schlüsselbund hervor. Ein einzelner, silberner Schlüssel leuchtete im Licht der Küchenlampe. „Der passt nicht mehr zur Wohnungstür.“

Ralf hörte auf zu kauen. „Was heißt das?“

„Ich hab einen neuen Schließzylinder einbauen lassen. Heute Vormittag. Dein Schlüssel ist ab morgen wertlos.“

Er schluckte die Wurst hinunter, die ihm im Hals stecken blieb. „Willst du mich rausschmeißen?“

„Ich will, dass du verstehst, wie das ist, wenn jemand einfach über dein Leben entscheidet, ohne zu fragen.“ Julia legte den Schlüssel auf den Tisch. „Du hast das Geld zurückgebracht. Das war deine Entscheidung. Ich hab den Schlüssel ausgetauscht. Das war meine. Jetzt sind wir quitt.“

Ralf stand reglos da, die Wurstpackung in der Hand. Draußen fuhr die Linie 9 vorbei, das Quietschen der Bremsen drang durch das geschlossene Fenster. Im Hinterhof bellte der Dackel wieder. Aber hier in der Küche war es still.

„Und was soll ich jetzt tun?“, fragte er und hörte plötzlich selbst, wie hilflos das klang.

Julia nahm den Kontoauszug, faltete ihn einmal in der Mitte und steckte ihn in die Tasche ihres Pullovers. „Das musst du selber wissen. Ich hab dir alles gesagt, was ich zu sagen habe. Der Rest liegt bei dir. Und deiner Mutter. Die Veranda ist ja noch nicht fertig.“

Ralf sah auf seine Hände. Sie hielten die Packung so fest, dass die Nähte zu platzen drohten. Dann stellte er sie auf den Tisch. „Ich schlaf heute bei Mario“, murmelte er.

„Ich weiß. Gute Nacht.“

Er nahm seine Jacke, griff nach der Türklinke, zögerte noch einen Moment. Aber er drehte sich nicht um. Als die Wohnungstür zufiel, atmete Julia tief durch und schob den Riegel von innen vor.

——

Drei MONATE später stand Ralf wieder vor der Tür. Diesmal mit einem Blumenstrauß vom Supermarkt. Er klingelte zweimal, dann stellte er die Blumen einfach neben die Fußmatte und ging wieder. Julia hat sie nicht reingeholt. Der Strauß blieb eine Woche liegen, bis der Nachbar von oben beim Putzen fragte, wem die verwelkten Rosen gehörten. Julia zuckte nur mit den Schultern.

Ein halbes Jahr später rief Gisela an. Nicht bei Julia, sondern bei Ralfs alter Handynummer, die immer noch in ihrem Telefonbuch stand. Julia hatte die SIM-Karte in einer Schublade gefunden und aus Neugier eingelegt. „Ich wollte nur sagen, dass der Winter doch ein bisschen kalt ist in der Veranda“, sagte die alte Frau. „Vielleicht hätte ich doch das Dach zuerst machen sollen.“ Julia legte auf, ohne sich zu melden. Danach lehnte sie sich in den Stuhl, blickte aus dem Fenster in den Hof und hörte zu, wie der Dackel einen vorbeifahrenden Roller anbellte.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: